Neurosis - An Undying Love For A Burning World

Review

NEUROSIS sind zurück. „An Undying Love For A Burning World“ wird selbiger ansatzlos entgegengeschrien. Ohne Social Media geht heute nichts? Du wirst vergessen, wenn du nicht ständig auf allen Kanälen nervst? NEUROSIS sind zu erwachsen für Unsinn. Ihr zwölftes Album nach einer Dekade Pause ist eines Morgens einfach da.

„An Undying Love For A Burning World“ ist aufregend

Konsequent setzt man Sänger und Gitarrist Scott Kelly nach massiver privater Verfehlung vor die Tür und es ist von außen nicht klar, ob die Band sich noch einmal erholt. Sie tut es. Aaron Turner von ISIS, ohnehin irgendwie Söhne der NEUROSIS, kommt hinzu und steht Steve von Till als Volltreffer ganz vorne zur Seite. Und während die Band eine(n) im Intro „We Are Torn Wide Open“ mehrstimmig anschreit, geht der Puls schlagartig durch die Decke: NEUROSIS aus Oakland sind wirklich zurück. Fuckin‘ NEUROSIS.

Die sind nicht nur auf Platte, sondern ab Mitte der Neunziger mit „Souls At Zero“ sowie „Enemy Of The Sun“ im breiten Rücken vor allem live eine Macht: Urschreitherapie ohne Sandalen und jede Pseudo-Pose, dafür aber als brennende akustische Post-Metal-Sludge-Offenbarung. Näher kann jemand ohne Sinn fürs Übersinnliche einer Katharsis (oder wie die heißt) auf legalem Wege nicht kommen – während man aufregenderweise bis zu den Knöcheln im eigenen Angstschweiß steht. Typen mit schwarz-weißer Schminke oder unheiligem Branding auf der Stirn? Ganz nett im Vergleich.

Und die neue Platte? Ist einmal mehr nicht ganz nett, sondern rechtfertigt die Aufregung zu jeder intensiven Sekunde. Werden NEUROSIS im Laufe ihres Bestehens meditativer, ihr Sound ausschweifender, aber dadurch nicht zwingend auf jeder Platte treffsicherer, so ist „An Undying Love For A Burning World“ ein von Anfang bis Ende glühender Hub musikalischer Lava. Er paart die Tiefe und Komplexität späterer Werke mit der nahezu archaischen Wucht der genannten früheren Brocken. Und erhebt seine Erzeuger einmal mehr über ihre Epigonen. Woran das liegt? NEUROSIS wären nicht gerne Verkünder der Apokalypse, die gleichzeitig Hoffnung verbreiten – sie sind es.

NEUROSIS setzen ein Statement

Das Konzept des Über-Musik-Schreibens kommt hier allerdings an seine Grenzen. Es ist ohnehin ein eher absurdes Unterfangen. Die emotionale Schlagkraft von NEUROSIS muss schlicht erfahren werden. Am besten über den Kopfhörer oder vor der Bühne, jedenfalls aber abseits des Alltags.

Die Alchimie der Band verbindet oftmals tribalartige Drums, erdrückend schwere Riffkaskaden, abgründige Melodien, archaisches Gebrüll, lauten Zorn und leise Zerbrechlichkeit. Direkt ins Nervensystem geht das Ganze schließlich durch gezielt verabreichte elektronisch-noisige Akupunktur-Nadelstiche. Exemplarisch brillant ist das neunminütige „Blind“, das alles Genannte verbindet und dessen letzte Minute sich, einmal gehört, nicht mehr aus dem eigenen elektrisierten Geist entfernen lässt. „First Red Rays“ direkt davor ist nicht weniger gefährlich. Und der Spannungsbogen in den knapp 17 Minuten des abschließenden „Last Light“ ist auch nicht ohne echte Hingabe zu erbauen. Und auszuhalten. Aber geskippt wird hier nichts – außer Oberflächlichkeit und Kleingeistigkeit.

Wobei: Dass NEUROSIS mit „An Undying Love For A Burning World“ auch ein Statement zum Zusammenleben setzen, ist offenkundig. Dass ihr Ansatz nicht (direkt) auf realpolitische Ereignisse verweist, das auch. Muss man das von der Band gelebte spirituelle Mensch-Natur-Ding verstehen oder teilen, um ergriffen zu sein? Nö.

Auf die brennende Welt! Auf das Leben!

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18.04.2026

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3 Kommentare zu Neurosis - An Undying Love For A Burning World

  1. Lake sagt:

    Ich bin hocherfreut, ob des plötzlichen Auftauchens von einem neuen Neurosis-Album, damit hab ich überhaupt nicht gerechnet. Überraschung gelungen! Um das zu bewerten, muss ich’s allerdings erst noch öfter hören, die ersten 3 Durchläufe gestern Abend haben mich aber schon mal sehr beeindruckt/mitgenommen/auf die Reise geschickt. Jetzt hätte ich noch Lust, die mal wieder live zu sehen, das letzte Mal ist doch schon sehr lange her….Dynamo 1996 (glaub‘ ich…). Wertung folgt noch.

  2. Lysolium 68 sagt:

    Das ist bislang mein meistgehörtes Album dies Jahr und das nicht ohne Grund.

    10/10
  3. Lake sagt:

    Soo ein tolles Stück Musik, da vergebe ich zum ersten Mal seit Mastodon’s Hush&Grim sehr gerne mal wieder die Höchstnote. Neurosis nehmen mich mit in die tiefsten Abgründe und die höchsten Höhen, gefesselt von ihrer Kunst und doch frei, weg zu schweben oder zu weg zu kriechen, egal. Und das Beste kommt fast 17 Minuten lang zum Schluss!

    10/10