Chuck Klosterman
Ich bin immer noch ein Scheißfan.

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Chuck Klosterman

Steigen wir mit einem wunderbaren Zitat in die Rezension zu Chuck Klostermans „Fargo Rock City“ ein: „Die Kritiker verschwenden viel zu viel Zeit damit, Alben in ihrer Gesamtheit zu analysieren. Das liegt daran, dass die meisten Musikjournalisten ein Problem haben: Sie mögen Musik einfach zu sehr – oft bis zur kompletten Idiotie.“ Ist das nicht wunderschön? Und der Mann weiß wovon er redet, er ist selbst erfolgreicher Journalist und Publizist und dazu, was für „Fargo Rock City“ viel wichtiger ist, Metalfan vom Scheitel bis zu den Zehen. Genauer sagt: vor allem Fan des Glam Metal, wie er in den späten 70er und fast den kompletten 80er Jahren populär war. Das Buch steht damit in der Tradition ähnlicher halbbiographischer Genreveröffentlichungen, wie „Dorfpunks“ von Rocco Schamoni, Heinz Strunks „Fleisch ist mein Gemüse“ oder auch dem wunderbaren „Populärmusik aus Vittula“, die allesamt das Aufwachsen in ländlichen Gebieten und die Bekanntschaft mit harter Musik verbinden. Das Cover spricht da Bände.

Natürlich macht Klosterman den Fehler, den er den meisten Musikjournalisten vorwirft, auch in seinem eigenen Buch: er hält keinen Abstand zu der Sache, über die er schreibt. Das ist allerdings auch nicht notwendig, wenn man mit Herzblut und ein wenig Wehmut über seine Jugend in einem verschlafenen Kaff im Mittleren Westen der USA schreibt, die im Grunde nur durch Glam Metal lebenswert gewesen ist. Gut, das ist übertrieben, dennoch ist Klosterman aus seinen Jugendjahren scheinbar vor allem das Pentagram über seinem Kinderbett und die Platten von KISS, MÖTLEY CRÜE, VAN HALEN, POISON, RATT und einem guten Dutzend anderer Bands in Erinnerung geblieben, nach denen heute kein Hahn mehr kräht.

„Fargo Rock City“ ist ein von Selbstironie und Selbsterkenntnis durchtränktes Loblied und gleichzeitig ein Abgesang auf den Glam Metal, im Grunde den gesamten Heavy Metal, aber das voller Scharfsinn und Überblick. Mit dem Herzen eines Metallers und dem Hirn eines kritischen Journalisten analysiert Klosterman, quasi im Vorübergehen durch die Jahre zwischen 1983 und 1992, warum dieser Musikstil so erfolgreich werden konnte, warum vor allem männliche Jungfrauen im besten Mannesalter seine Anhänger waren, warum METALLICA hassens- und die CRÜE verehrenswert waren und warum der Grunge in Person Kurt Cobains dem Glam Metal 1991 den Garaus machte. Unterwegs erfährt man allerhand Wissens- und garantiert nicht Wissenswertes über so ziemlich jede bekannte und unbekannte Band des Genres, über das Alkoholproblem des Autors (offenbar wäre er gerne ein kleiner Bukowski?!) und darüber hinaus tausend Gedanken, die im Nachhinein sehr weise und wahr, beim Lesen aber zum Brüllen komisch sind. Über die 1997er-Reunionshow von BLACK SABBATH schreibt Klosterman sinngemäß: „was kann man schon von vier alten Säcken erwarten, die zwei Jahre lang nur Acid gefuttert und so getan haben, als würden sie den Teufel anbeten?“ Das ist genauso traurig wie richtig – und diese beiden Gefühle prägen im Grunde das gesamte Buch, über dessen Inhalt man nichts Konkreteres sagen möchte.

Zwar krankt „Fargo Rock City“ an den typischen Übersetzungsholzigkeiten, die sich vermutlich aber kaum vermeiden lassen, ist aber dennoch sehr lesbar und auch lesenswert. Wer den maximalen Spaß und das maximale Verständnis anstrebt, greift am besten zum amerikanischen Original, das schon 1999 erschienen ist. Ich habe das Buch mit häufigem Grinsen gelesen, auch wenn einige Passagen (vor allem die, in der Klosterman die Platten auflistet, die er gegen eine bestimme Summe US-Dollar nie mehr auflegen würde… todlangweilig, wenn man nicht einmal die Hälfte kennt!) mühsam durchzuhalten sind und ihre Längen haben.
Die wichtigste Erkenntnis und auch die, die mir am meisten Hoffnung gemacht hat, dass noch nicht der gesamte Heavy Metal tot ist, enthält folgende sensationelle Passage: „Beim Schreiben von Fargo Rock City riss ich dauernd Witze darüber, dass ich versuchen wollte, das Buch zu beenden, ehe das neue Guns-‚N-Roses-Album erschien. Es haut mich immer noch um, dass ich es tatsächlich geschafft habe. Während ich diesen Schlussteil schreibe (wir haben März 2002), sieht es so aus, als würde die Taschenbuchausgabe ‚Chinese Democracy‘ erneut schlagen. Außerdem möchte ich anmerken, dass ich bis heute die Hälfte des bisher unveröffentlichten GNR-Albums gehört habe und dass wenigstens ein Song, ‚The Blues‘, mindestens so gut ist wie alles, was Axl je herausgebracht hat. Ich bin immer noch ein Scheißfan.“

Das Buch ist beim Rockbuch-Verlag oder im Buchhandel erhältlich.

07.04.2007

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