
Herz aus Stein: Ohne Lametta gegen die Kälte
Special
Auf „Herz aus Stein“ kreist TANZWUT um eine Frage: Wie bleibt man menschlich, wenn die Welt genügend Gründe liefert, sich zu verhärten? Zugleich schafft die Band musikalisch mehr Raum und landet damit bei einer weiteren Frage: Welchen Wert hat handgemachte Musik in einer zunehmend technisierten Gegenwart? In dieser Podcastepisode spricht Teufel von TANZWUT über die neue Platte „Herz aus Stein“ und die Themen, die ihn dabei bewegt haben und verhandelt wurden.
Der Titel verweist auf Wilhelm Hauffs „Das kalte Herz“. Ein Mensch tauscht sein fühlendes Herz gegen Wohlstand und glaubt, damit leichter durchs Leben zu kommen. Teufel erkennt darin einen Gedanken, der bis in die Gegenwart reicht. Manchmal scheint es einfacher, weniger an sich heranzulassen. Doch fühlen, lachen, weinen, wütend sein – genau darin liegt für ihn die Menschlichkeit.
„Herz aus Stein“ greift damit Themen auf, die TANZWUT bereits auf „Achtung Mensch!“ beschäftigt haben. Die neue Platte verändert vor allem den musikalischen Zugriff.
Herz aus Stein: Erst der Song, dann das Lametta
Für die neuen Stücke zog sich die Band aufs Land zurück. Gitarre, Papier, Stift, ein paar Flöten und ein kleiner Dudelsack bildeten den Ausgangspunkt. Teufel nennt diesen Ansatz „ohne Lametta“. Das heißt: Ein Song musste zunächst in seiner einfachsten Form tragen. Im Zweifel am Lagerfeuer. Erst danach wuchsen die Arrangements.
Gerade bei TANZWUT fällt diese Reduktion auf. Seit Jahrzehnten prägt das Zusammenspiel von Dudelsäcken, Gitarren und Elektronik den Bandsound. Auf „Herz aus Stein“ erweitern Geige und Cello das Klangbild, ruhige Passagen bekommen mehr Raum, andere Stücke suchen die direkte Energie des Punk und gehen ordentlich nach vorn.
Beim Schreiben, Komponieren und Arrangieren ist mit den Jahren auch das Weglassen wichtiger geworden. Eine ausladende Dudelsackmelodie kann einem starken Riff seine Härte nehmen. Ein zusätzlicher Break kann den Druck des Songs kosten. Musikalische Erfahrung zeigt sich für Teufel deshalb auch in der Entscheidung, wann ein Instrument schweigt: „Es muss dem Song dienen.“
Der Dudelsack bleibt trotzdem zentral. Seine Tonlagen und technischen Grenzen greifen direkt in Melodien, Harmonien und Arrangements ein – so, wie es dem Song dienlich ist.
TANZWUT: Vom Spielmann zum Rock
Diese Verbindung reicht weit zurück. Teufels musikalische Wurzeln liegen in der Straßenmusik der DDR, in lauten Dudelsäcken, Trommeln und selbstgebauten Instrumenten. Nach der Wende trafen die Spielleute mit dieser Musik und ihren selbstgemachten Klamotten auf eine Mittelalterszene, die eine andere Seite, die akademischere Seite des Mittelalters mit Walter von der Vogelweide, Harfe und zehnstrophigen Gedichten darstellte. Die Welten standen Kopf.
Und so zog TANZWUT über die Mittelaltermärkte der Republik, später kamen E-Gitarren und elektronische Möglichkeiten hinzu. Im Berliner Prenzlauer Berg wurde ausprobiert, verworfen und neu zusammengesetzt. Ein ausgefeilter Karriereplan spielte dabei kaum eine Rolle. „Wir wollten einen geilen Song machen und entweder die Leute finden das kacke oder die finden das gut“, fasst Teufel die damalige Haltung zusammen.
Dieser Geist ist geblieben. TANZWUT kann heute zwischen Dudelsack, Ballade, Rock und Punk wechseln, weil Bewegung von Anfang an Teil ihrer musikalischen Geschichte war. Tradition bedeutet hier Weiterarbeit.
Und nun: „Die Sänger singen noch“
Genau deshalb gewinnt „Die Sänger singen noch“ besonderes Gewicht. Der Song beschäftigt sich mit künstlicher Intelligenz und der Möglichkeit, Stimmen, Songs und musikalische Identitäten technisch zu reproduzieren. Teufel bringt die Sorge auf eine einfache Frage: „Werden wir als Musiker abgeschafft?“
Neue Technik lehnt er dabei keineswegs grundsätzlich ab. Werkzeuge dürfen Arbeit erleichtern, Loops und digitale Hilfsmittel gehören längst zum Produktionsalltag. Entscheidend ist für ihn, wo der kreative Prozess stattfindet.
„Der Song, die Stimme, die Sprache, handgespielte Instrumente – das ist für mich das Wichtige“, sagt er.
Darin verbindet sich die KI-Frage mit dem Entstehungsprozess von „Herz aus Stein“. Musik entsteht für Teufel im Machen: eine Idee verfolgen, etwas ausprobieren, Instrumente zusammenbringen, verwerfen und neu beginnen.
Vielleicht liegt genau dort auch die Klammer dieser Platte. Zwischen gesellschaftlicher Verhärtung, Spielmannstradition und künstlicher Intelligenz geht es immer wieder um das, was Menschen selbst einbringen: Erfahrung, Handwerk, Gefühle und eine eigene Idee.
Ab Mitte Oktober 2026 geht TANZWUT auf Tour, da könnt ihr euch dann selbst ein Bild von „Die Sänger singen noch“ machen!
Galerie mit 22 Bildern: Tanzwut - Wacken Open Air 2023

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Diana Heinbucher
































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