„Die Zeit ist zu schade für Scheiße."

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„Die Zeit ist zu schade für Scheiße.“ Mit diesen Worten verabschiedet sich Ben, alias SEUCHE, alias ERNIE, alias MARSCHLAND, aus dieser Podcast-Episode und fasst dabei sein gesamtes künstlerisches Leben in einem Satz zusammen. In diesem Rockharz-Happen des „Metal Minds Unplugged“-Podcasts spricht er über Alkoholismus, Depressionen, das Scheitern als Kunstform und darüber, warum echte Selbstfürsorge manchmal mit einem Räucherstäbchen beginnt.

Wer ERNIE FLEETENKIEKER googelt, findet zunächst Krachmucker TV – seinen YouTube-Kanal, auf dem er über Metal redet, Platten bespricht und dabei kein Blatt vor den Mund nimmt. Wer tiefer gräbt, stößt auf FÄULNIS, eine Hamburger Band, die sich jeder Schublade verweigert und dennoch irgendwo zwischen Black Metal, Doom und Punk liegt. Und seit Kurzem gibt es MARSCHLAND: Akustikgitarre, klarer Gesang, „traurige Trinkerlieder“. Drei Projekte, drei Namen und dahinter ein einziger Mensch namens Ben, der im Gespräch so offen über sich spricht, dass man unwillkürlich denkt: So klingt echte Verletzlichkeit.

FLEETENKIEKER: Drecksammler im Schlick der eigenen Seele

Der Name FLEETENKIEKER ist kein Pseudonym im klassischen Sinne. Er ist Programm. Auf Hamburger Platt bezeichnete der Begriff einst das städtische Reinigungspersonal an den Fleeten der Hansestadt – später den Lumpensammler, der bei Ebbe im Schlick nach dem wühlte, was sich noch verwerten ließ. Ben hat acht Jahre in Flensburg und acht Jahre in Hamburg gelebt. Der Name passte. „Drecksammler. Gefiel mir, passte, fand ich“, sagt er lakonisch.

Das Pseudonym SEUCHE dagegen entstammt einer dunkleren Epoche. FÄULNIS – gegründet Anfang der 2000er Jahre aus dem Überbleibsel einer Misfits-Coverband – war kein kalkulierter Karriereschritt, sondern eine Eruption. Während die anderen Bandmitglieder auf Sofas saßen und Party machten, stellte sich Ben allein in den Proberaum und begann, das aufzunehmen, was später zur ersten Demo von FÄULNIS werden sollte. „Es musste was raus“, erinnert er sich. „Fünf, sechs Mal die Woche weggegangen, sehr viel Alkohol getrunken, immer irgendwo ans Limit gegangen, sehr viel Selbstzerstörung.“

Mehr als zwanzig Jahre später hat er das erste Demo als Re-Release herausgebracht und ist beim Reinhören selbst überrascht. „Trotz der ganzen Naivität und des Unvermögens, überhaupt Musik spielen zu können, ist da doch irgendwas hängen geblieben.“

„Was wirklich hilft, ist ’ne Therapie.“

Es wäre ein bequemes Narrativ: Der Künstler, der seine Dämonen durch Musik besiegt. Ben lässt diesen Mythos nicht gelten. Lange hat er sich eingeredet, dass er mit Fäulnis das Negative verarbeite und deshalb keine weitere Hilfe brauche. „Das war großer Quatsch. Was wirklich hilft, ist ’ne Therapie.“

Angefangen, abgebrochen, wieder angefangen. Erst seit rund zwei Jahren macht er es, wie er sagt, „ernsthafter“. Und die Erkenntnisse kamen mitunter in denkbar einfacher Form: Ein Therapeut sagte ihm einmal, er solle sich bei schlechten Momenten innerlich sagen: „Es ist jetzt okay. Es ist jetzt einfach okay, dass es dir scheiße geht.“ Ben stockt beim Erzählen. „Ich bin Mitte vierzig, und der haut einen Satz raus, und ich flenn wie ’n kleines Kind.“

Auch das Thema Alkoholismus spricht er ohne Umschweife an: „Ich bin Alkoholiker, da braucht man jetzt nicht so viel drumherum zu reden.“ Er trinkt auf dem Rockharz. Und er weiß, warum: weil die Menschenmasse, die Eindrücke – das alles ist schlicht zu viel und noch mehr. Die Dinge bleiben vielschichtig. „Mittlerweile kriege ich es einigermaßen hin, irgendwann aufzuhören. Manchmal passiert’s noch, dass es wieder im Elend endet.“ Es ist und bleibt ein Prozess, kein abgeschlossenes Kapitel.

Hochsensibel im Lärm der Welt

Reizüberflutung ist für Ben kein Modewort, sondern gelebte Realität. Festivals, Menschenmassen, Social Media – alles trägt zu einer kaum erträglichen Geräuschkulisse bei. Er nennt sich selbst einen „begnadeten Doomscroller“: „Solange, bis es mir einfach richtig dreckig geht, gehe ich durch Social Media und am besten noch Kommentarfunktion, dass einem noch schlechter geht.“

Dabei zeigt er Empathie für eine Generation, die er nicht sein möchte: Die Jungen, die mit TikTok aufgewachsen sind und nun mit dem permanenten Lärm umgehen müssen, den ältere Generationen erst verursacht und dann kritisiert haben. „Die Leute, die über die Leute lästern – die sind verantwortlich dafür, dass die Situation so ist, wie sie ist.“ Harte Worte. Und ehrliche.

Dass er in der Metal-Szene dennoch so viel Wärme erlebt – Fans, die sich bedanken, Gesichter, die leuchten – begreift er bis heute kaum. Sein innerer Monolog lautet noch immer: „Wie scheiße ich bin, wie unfähig, ich kann nix, ich bin nix.“ Das Positive zu akzeptieren sei, sagt er, sein eigentliches Lebenswerk. „Es ist so einfach, sich zu sagen, dass man scheiße ist. Aber einfach mal zu akzeptieren: Du hattest ’ne ausverkaufte Tour. Das ist wahnsinnig schwer.“

Vom Riff zum Buch, vom Buch zurück zur Gitarre

Als FÄULNIS zerbrach – nicht ohne seinen eigenen erheblichen Beitrag, wie er freimütig einräumt – begann Ben, Videos zu schneiden. Einfach so. KRACHMUCKER TV entstand aus dem Wunsch, auf niemanden mehr angewiesen zu sein. „Ich ging davon aus, dass das keine Sau interessiert.“ Es kam anders. Während der Pandemie streamte er, und viele Zuschauer schrieben ihm später, wie wichtig diese Konstante für sie gewesen sei.

Dann kam das Buch. Das Metal-Manifest. Über zweihundertfünfzig Seiten, mittlerweile in der fünften Auflage. Entstanden aus Texten, die er bereits auf der Bühne vorgetragen hatte, unter anderem bei Metal Slams. Die Lesetour danach – allein, ohne Band, ohne Netz – war für ihn einer der intensivsten Momente seines künstlerischen Lebens: emotionale Hochspannung auf der Bühne, danach kollabiert ins Hotel, todmüde und trotzdem unfähig zu schlafen. Adrenalin, erklärt er, das man nicht einfach abschalten kann. Auch das: ein Thema aus der Therapie.

Ein Freund las das Manuskript in der Rohfassung und rückte ihm schonungslos auf die Pelle: „Du haust hier echt klischeehaft Alkoholstorys raus.“ Ben strich seitenweise. Er hatte, ohne es zu merken, genau das Metal-Klischee übernommen, das er an anderen kritisiert: die Glorifizierung des Saufens. Die Erkenntnis war bitter. Aber wichtig.

MARSCHLAND ist schließlich der konsequenteste Schritt: Akustikgitarre, Gesang, kein Geschrei mehr. Nicht weil er sanfter geworden ist, sondern weil er in dreißig Jahren noch auf einer Bühne stehen will. „Mit Schreien wird das einfach nix.“ Das inhaltliche Fundament bleibt dasselbe: der Dreck im Kopf, der Alkohol, das armselige Stehenbleiben mit dem letzten Bier, wenn alle anderen schon heim sind. „Genau dieses Armselige wollte ich rüberbringen.“

Kritik und das Recht auf Machtlosigkeit

Über Kritik spricht Ben mit der Klarheit eines Menschen, der sich keine Illusionen mehr leistet. Bands, die behaupten, schlechte Reviews hätten sie nicht tangiert, lügen schlicht. Er selbst bekam vom Metal Hammer einen Verriss und musste anerkennen, dass die Kritikerin den Kern seiner Arbeit tatsächlich getroffen hatte. Das Armselige, das er zeigen wollte, hatte sie gesehen. Nur fand sie es schlecht.

Und Hasskommentare im Netz? Er geht sie imaginär durch, schlägt imaginär zurück und weiß, dass er in jedem Fall verliert, wenn er öffentlich reagiert. „Wer halbwegs mit sich selbst im Reinen ist, der sitzt ja nicht im Internet und schreibt Hasskommentare.“ Ein Satz, der gilt.

Am Ende des Gesprächs wird resümiert: „Drei Namen, eine Person und am Ende doch keine einfache Antwort darauf, wo die Maske aufhört und der Mensch anfängt“. Ben korrigiert hier sanft: „Es ist keine Maske“. Er verstellt sich nicht. SEUCHE war das Rohe. ERNIE ist der Analyst. MARSCHLAND ist die Stille danach. Und Ben, ja, Ben ist der Mensch, der morgens aufsteht, sich einen Kaffee macht, ein Räucherstäbchen anzündet und das schon mal als Selbstfürsorge gelten lässt.

„Die Zeit ist zu schade für Scheiße.“ Stimmt.

Wer ERNIE mal live erleben möchte, hat die Chance auf unserer metal.de-Geburtstags-Party. Da wird aus dem Metal-Manifest gelesen! Wir sehen uns genau da!

Rockharz Happen: Die Mini-Podcastreihe zum Rockharz Festival 2026

Episode 1: HAGGEFUGG

Episode 2: RAUHBEIN

Episode 3: SOULBOUND

Quelle: Interview Rockharz 2026
09.09.2026

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