Arctic Plateau
Interview mit Gianluca Divirgilio

Interview

Arctic Plateau

Während viele junge Bands es für nötig halten, möglichst frühzeitig (und möglichst viel) Demomaterial in die Welt zu katapultieren, gehört Gianluca Divirgilio eher zu den Einsiedlern, die ihre Musik wie guten Wein lieber etwas länger reifen lassen, bevor sie überhaupt etwas davon an die Öffentlichkeit lassen. Mit seinem Projekt ARCTIC PLATEAU hat er nun eine mehr als beeindruckende Platte vorgelegt, die bei jedem Liebhaber von Shoegaze, Post-Rock und Indie-Klängen für Gänsehaut sorgen wird. Gianluca stand mir sodann auch für einen kurzen Gedankenaustausch zur Verfügung.

Hallo Gianluca! Meinen Glückwunsch zum wirklich fantastischen Album, mit dem ich wahrlich nicht alleine stehe, immerhin habe ich noch nicht ein negatives Wort darüber lesen können. Hast du dieses überwältigende Feedback erwartet oder kommt das alles eher überraschend für dich?

Danke für das Kompliment! Über meine Myspace-Seite habe ich schon viel Lob für das Album empfangen, aber was momentan alles passiert, übertrifft meine Erwartungen um Längen, ich bin total begeistert.

Als last.fm-Nutzer habe ich gemerkt, dass ARCTIC PLATEAU noch nahezu unbekannt zu sein scheint. Is „On A Sad Sunny Day“ deine erste Veröffentlichung unter diesem Namen? Seit wann bist du musikalisch aktiv?

Das Album ist tatsächlich meine erste Veröffentlichung, vorher habe ich keine Möglichkeit gehabt, etwas offiziell rauszubringen. Meine Gedanke war immer: Wenn ich eines Tages mit meiner Musik an die Öffentlichkeit gehen will, dann muss das etwas Starkes, Überzeugendes sein, ich muss es wirklich wollen. Und genau das ist jetzt eingetreten, und ich bin froh darüber, wie sich die Dinge entwickeln. Ich habe meinem sechsten Sinn vertraut. Es ging mir nie darum, erfolgreich zu erscheinen, Erfolg im Leben bedeutet für mich in erster Linie, sich selbst zu verstehen. Ich mache schon seit langer Zeit Musik, habe aber nie das Bedürfnis verspürt, etwas davon zu veröffentlichen. Nun ist die Zeit gekommen.

Was verbindest du mit dem Namen „Arctic Plateau“, was für eine Idee steckt dahinter?

„Arctic Plateau“ ist für mich eine weite Landschaft. Ich bin fasziniert von den großen Gewässern, von den Meeren und ihrer Bedeutung, vom Unbewußten. Ich habe den Namen aber auch aus einem anderen Grund gewählt, einem sehr ironischen. Als ich in meinem kleinen Heimstudio Gitarre gespielt habe, war ich so auf die Musik konzentriert, regelrecht gefangen im Spiel. Es erschien mir wie die Freude, die man beim Liebesakt empfindet. Vor dem Orgasmus gibt es etwas, was man als Plateauphase bezeichnet, die Zeit bevor sich alle Gefühle entladen. Mein Gedanke dabei war nun, diesen Moment in der Musik festhalten, „einfrieren“ zu können, bis alles explodiert: ARCTIC PLATEAU.

In meinem Review habe ich die Platte zwischen Post-Rock und Shoegaze untergebracht, was einerseits schon ein Fingerzeig ist, aber dennoch viel Spielraum für Interpretation offenlässt. Wie würdest du deine Musik beschreiben?

Nun, ich höre mir ziemlich viel Musik an, deshalb ist ARCTIC PLATEAU vielleicht auch durch Post-Rock, Wave, Shoegaze usw. beeinflusst worden. Allerdings verschwende ich keinen Gedanken daran, wenn ich neue Songs schreibe. Ich möchte nicht einmal an die klassischen Klischees von Rock’n’Roll denken, weil ich meine Musik auch nicht für Rock in diesem Sinne halte. Die Leute die mich kennen, wissen, dass ich schon ein ziemlicher Rocker bin, aber glücklicherweise wollte ich auf dem Album weder etwas darstellen, noch irgendjemand etwas beweisen.
Ich bin einfach nur 36 Jahre alte, mache Musik, und ARCTIC PLATEAU ist meine ganz persönliche Sache.

…die du auch als One-Man-Projekt betreibst. Für die Aufnahmen hast du dir allerdings Session-Musiker ins Studio geholt – wie lief das ab, wer hat dich dabei unterstützt?

Als ich mit der Vorproduktion der Songs in meinem kleinen Heimstudio fertig war, wusste ich, dass ich gute und fähige Profimusiker brauchte. Ich habe bei Emerald Recordings angefragt und stieß dort auf Fabio Fraschini, ein großartiger Bassist, und Luigi Colasanti Antonelli, den Klangtechniker, desweiteren Cesare Petulicchio, ein talentierter Schlagzeuger.
Wir haben alle Gitarrenspuren neu aufgenommen, bei der ich meine verläßliche Riviera Combo und meine beiden Gitarren (’84er Japan Strato und ’97er Gibson LP DC Plus) verwendet habe. Dazu Avalon Pre, Api und Focusrite, zwei Neumann-Mikrofone für den Gesang. Die Gitarreneffekte sind das Ergebnis vieler Stunden des Experimentierens mit speziellen Programmen auf ganz bestimmten Effektracks. Ich wollte für diese Art der Musik keinen warmen Sound, sondern einen viel kälteren erreichen. Ich spiele nun mal keinen Blues, deshalb dieser Weg.

Haben die Studiomusiker eigentlich Einfluß auf die Kompositionen oder die Art und Weise, wie sich das Album gestaltet? Welches Ergebnis hattest du vor den Aufnahmen im Sinn?

90% aller Stücke und ihre Texte stehen bereits fest, bevor ich das Studio betrete. Ist man erstmal im Studio, kann sich natürlich etwas ändern, aber das betrifft eher Details im Sound oder isolierte Parts. Das Komponieren geschieht dagegen bei mir zuhause, wenn ich allein bin. Nur so ist es ARCTIC PLATEAU, sonst wäre es etwas anderes.

Wenn man als Einzelgänger arbeitet, braucht man sich natürlich auch nicht mit Bandpolitik herumschlagen und genießt absolute, kreative Freiheit. Wie gehst du in der Regel ans Komponieren neuer Stücke heran, auf welchen Instrumenten entstehen sozusagen die ersten neuen Klänge?

Die Ideen entstehen oft aus einem Zusammenspiel von Gitarre und Bass, manchmal ist es aber auch ein isoliertes Riff oder eine Melodie, die ich in meinem Kopf habe. Eine echte Methode, nach der ich komponiere, gibt es nicht, aber manchmal gehe ich so vor, wie ich es in Verbindung mit Free Jazz vor vielen Jahren erlernt hab. Es ist eine visuelle Methode, die mir mit den verschiedenen Noten hilft, und bei der ich mich auf eine vertikale Ansicht der Klaviertasten fokussiere. Lässt sich nur schwer erklären, weil es für mich mittlerweile instinktiv geschieht.

Manche Musiker breiten ja gerne und offenherzig aus, wer oder was sie alles beeinflusst hat, andere wollen sich nicht auf bestimmte Inspirationsquellen festlegen. Wie ist das bei dir, gibt es bestimmte Klänge, Gedanken und Ereignisse, die sich in deiner Musik und deinem musikalischen Werdegang wiederfinden?

Für meine musikalische Entwicklung war es wichtig, dass ich mich mit anderen Musikern vergleichen konnte, hinzu kommt mein erwähnter sechster Sinn und meine Neugier. Die schönsten Erinnerungen meines Lebens verbinde ich mit Musik. Was man erlernt hat, muss man manchmal vergessen, wir müssen wissen, wie wir unser Leben neu gestalten können. Wenn man erwachsen ist, wird es sicherlich viel schwieriger, miteinander klar zu kommen. Viele Leute haben die Freude an den einfachen Dingen verloren, die Freude am Entdecken.
Meine wahre Inspiration und mein Erfolgsweg: Nichts als selbstverständlich betrachten, nichts als gegeben hinnehmen.

„On A Sad Sunny Day“ strahlt Melancholie aus, gleichzeitig aber auch Freude. Stücke wie „Iceberg Shoegaze“ haben eine Art natürliche Schönheit an sich, die wie ein Beben durch Mark und Bein geht, kaum in Worte zu fassen.
Könntest du uns einen kleinen Einblick in einige Songs des Albums geben?

Natürlich, auch wenn sich jeder seinen eigenen Reim darauf machen wird. „On A Sad Sunny Day“ ist ein Stück über Hoffnung. Dieses Lied erzählt über Leben und Tod, über einen bestimmten Moment in meinem Leben, in dem beides sehr wichtig für mich war.
„Eight Years Old“ erzählt von der ersten wirklich schweren Phase in meinem Leben, als die Familie, in der ich aufgewachsen war, sich veränderte. Das erschütterte mich, manchmal fühlte ich mich wie ein Soldat im Krieg und dachte nostalgisch an meine Kindheit zurück.
„Alive“ eröffnet das Album, es geht darum, dass man nie wirklich stirbt; „Lepanto“ ist die Liebe, die einen verlässt. Es bezieht sich nicht auf die historische Schlacht, sondern auf eine Metrostation in Rom, die „Lepanto“ heißt. „Ivory“ handelt von einem Traum, den ich hatte; „In Epica Memories“ bezieht sich auf alles, was physisch verschwunden ist und nur noch in der Luft existiert, jemand, der sämtliche Erinnerungen verloren hat. „Amethyst to #F“ ist ein Tribut an einen Engel, der mit oft in Träumen erschienen ist.

Das Coverbild passt meiner Ansicht nach perfekt zur Musik. Die leicht verwaschene, zerkratzte Fotografie weckt Kindheitserinnerungen, eine friedliche Szene einer längst vergangenen Zeit. Was sind deine Gedanken dazu?

Dieses Bild steht für die Vergangenheit von uns allen. Ich wollte nicht mich selbst abbilden sondern uns alle, also auch dich und alle anderen Zuhörer und Betrachter.

Ich war ehrlich gesagt ein bißchen erstaunt, dass so ein Album ausgerechnet auf Prophecy veröffentlicht wird. Klar, das Label steht für einen wirklich erlesenen Musikgeschmack und herausragende Künstler, aber diese Art von Musik ist auch für Prophecy ein Stückchen Neuland. Wie bist du mit ihnen in Kontakt getreten?

Ich habe eigentlich nur Promos, viele Promos, in die weite Welt geschickt, manche Labels haben mir dann geantwortet. Bei Prophecy hatte ich den Eindruck, dass sie mir ein durch und durch seriöses Angebot gemacht haben.

Wie steht es eigentlich mit Live-Aktivitäten, planst du etwas in der Richtung?

Ich habe noch nie mit ARCTIC PLATEAU vor anderen Menschen gespielt, aber ich arbeite darauf hin.

Na dann harren wir der Dinge, die da kommen. Ich wünsche dir jedenfalls alles Gute, und dass das Album viele Hörer findet!

Vielen Dank, ich hoffe darauf, schon bald in Deutschland auftreten zu können!

24.06.2009

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