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Interview

Wieviele Bands gibt es, die im 16. Jahr ihrer Existenz ihre beste Platte aufgenommen haben? Keine Ahnung, aber eine ist uns jedenfalls bekannt. Ambitioniert bis zum geht nicht mehr – "Lazarus Bird" ist vollgepackt mit Innovation und übergroßen Gesten. Es mag zur Regel gehören, Platten wie diese mit einer Reise zu vergleichen, oder besser einem Trip, aber im Falle von BURST ist eine solche Beschreibung einfach zutreffend. Das Album klingt kollektiver und zugleich ernster. Es führt den mit dem Vorgänger "Origo" eingeschlagenen Weg fort – und was Zählbares und Programmtisches angeht: Sie rechnen nie fest damit. Bassist Jesper Liveröd über Prozesse, Entwicklung, Freimütigkeit und Szenen.

BurstMit „Lazarus Bird“ haben BURST das schier Unmögliche vollbracht und „Prey On Life“ und „Origo“, ihr bislang reifstes Album, das 2006 von Kritik und Fans gleichermaßen in den Himmel gelobt wurde, noch übertroffen. Der unbedingte Wille, immer besser zu werden und sich stetig weiterzuentwickeln, führte die Schweden bis an die Grenzen kreativer Schöpfung.

Diese Alben bedeuten uns heute noch sehr viel, sind es doch wie Manifeste aus einer längst verstrichenen Zeit. Unsere Alben sind sehr akkurate Momentaufnahmen, die unsere Entwicklung als Band – in musikalischer wie auch thematischer Hinsicht – sehr schön widerspiegeln. Rückblickend sind alle Alben so, wie sie hätten sein sollen. Doch mit „Lazarus Bird“ ist es uns gelungen, unsere selber gehegten Erwartungen zu übertreffen, jeder in der Band ist zufrieden mit der Produktion, mit seiner individualen Performance auf der Platte. Die Produktion ist auf die Vibes und die Atmosphäre der einzelnen Songs hin abgestimmt worden, das ist etwas, was uns meiner Meinung nach auf den beiden Vorgängern nicht richtig gelungen ist. Es mag beknackt klingen, aber mit der Produktion steht und fällt ein Album in seiner Gesamtheit; da können die Songs auch noch so ausgereift sein – klingt das Schlagzeug differenziert genug? Vermitteln die Gitarren das intendierte Sentiment? Und so weiter. Das ist meistens Sache der Performance und der Produktion.

Eure neue Platte klingt wie aus einem Guss. Mit acht Stücken, die sich durchschnittlich siebeneinhalb Minuten Zeit lassen, findet ihr die perfekte Schnittmenge zwischen filigran-brachialem Metal der progressiven Sorte und episch aufgeladenen Klängen. Setzt ihr euch im vornhinein Erwartungen, wie das Alben zu klingen hat? Oder vertraut ihr auf den üblichen Lauf der Dinge?

Nun, wir reflektieren sehr häufig über unser Songwriting. Viele Songs – insbesondere im Metalbereich – sind für mein Verständnis zu stark besetzt, zu überladen, die Musik tritt hinter die technische Versiertheit zurück, wird erdrückt von den Massen an verschiedenen Elementen, die unter den Bau eines Songs mit Gewalt untergebracht werden müssen. Warum auch immer. Viele Bands scheinen mir zu vergessen, was es heißt, einen „Song“ zu schreiben, ein kohärentes Werk mit einem Anfang, einem Mittelteil und einem Schluss; die Zahnräder müssen ineinander greifen, um das musikalische Getriebe zum Laufen zu bringen. Unsere Songs sind länger und ausufernder geworden, sie stellen eine Herausforderung dar, sowohl für uns als Musiker als auch für die Hörer. Ein innerer Zusammenhalt, ein Konsens, ist da immens wichtig, um die Musik letztlich greifbar zu machen.

Bevor wir uns an das Songwriting für eine neue Platte wagen, setzen wir uns zunächst zusammen und tauschen uns über unsere Vorstellungen und Ziele aus, ohne dass sich daraus irgendetwas entwickelt. Am Anfang steht zunächst ein grundlegendes Riff oder auch eine nicht klar umrissene Idee, meistens entwickelt sich der Song dann ganz von alleine, er verselbständigt sich, wir verlieren komplett die Kontrolle über das, was wir tun, ungeachtet unserer Intentionen mit denen wir ans Werk gegangen sind. Es ist als ob uns der Song bei der Hand nehmen würde und uns den Weg geleitet.

Wir haben diesmal nur explizit darauf geachtet, dass wir einerseits unsere melodische Färbung beibehalten, uns aber andererseits an einer härteren, herausfordernden Marschrichtung orientieren. „Origo“ hat starke psychedelische und luftige Züge, und wir hatten schon früh das Gefühl, dass zu „Lazarus Bird“ ein härteres Antlitz passen würde; so dient uns „Lazarus Bird“ uns als Band vor allem als Ventil, über welches wir all den internen Kummer, der sich über die letzten Jahre angestaut hat, ablassen konnten. Teil einer fünfköpfigen Band zu sein, kann manchmal schon sehr nervenaufreibend sein. Eine Band stellte eine große Herausforderung dar: es geht darum, die personellen Beziehungen innerhalb der Band aufrecht zu erhalten; das ist nicht einfach, da wir uns alle zu den verschiedensten Seiten hin weiterentwickeln, nicht nur in musikalischer Hinsicht. Eine Band ist vermutlich eine der komplexesten sozialen Konvergenzen menschlicher Individuen, die man sich vorstellen kann und mag. Es war bis zum Schluss nicht klar, ob wir das Album fertig stellen würden – das letzte Jahr war alles andere als einfach, wir hatten Todesfälle, Psychosen und Nervenzusammenbrüche zu beklagen, die die Band aus dem Gleichgewicht gebracht und auf den Prüfstand gestellt haben. Die interne Kommunikation hat nur schlecht funktioniert und wir hatten viele Auseinandersetzungen, die einfach nicht hätten sein müssen.

Es gibt sie, die Band, die ein MASTODON-, NEUROSIS-, DREDG- und MOGWAI-Konzert mühelos verbinden und auf den Punkt bringen kann. Ihr zwingt Prog und Postrock zu einer wechselseitigen Synthese, fügt eine Prise Hardcore und Noise hinzu, als sei das eine Leichtigkeit. Und alles bleibt – wie du es oben bereits erklärt hast – bis ins letzte Detail stimmig. Wo liegen denn eure Einflüsse?

Die sind natürlich alle sehr unterschiedlich, darunter fallen auch Bücher, die wir während dem Entstehungsprozess dieses Albums gelesen haben. Ich lese mir häufiger Interviews meiner Bandkollegen durch, die nennen dort Bands, von denen ich noch niemals etwas gehört habe. Jonas [Rydberg, Gitarrist der Band] wird nicht müde in Interviews, skurrile Prog-Namen aus den 70er-Jahren und einen Haufen wirklich fürchterlicher AoR-Bands aufzuzählen, also das genaue Gegenteil dessen, was ich mir anhöre und von dem ich mir meine Inspiration einhole. Patrik [Hultin] steht auf Bands mit herausragenden Drummern, Rob [Reinholdz, Gitarre] und Linus [Jägerskog, Vocals] wühlen sich durch die gesamte Musik-Historie, während ich mich lieber zeitgenössischen Künstlern zuwende. Linus und ich hören sehr viel elektronische Musik, die manchmal mehr Seele transportieren kann als irgendeine Band mit konventioneller Instrumentierung. Hört euch beispielsweise nur mal BURIAL, BOARDS OF CANADA oder MURCOF an. Außerdem habe ich eine besondere Vorliebe für perkussive Musik entwickelt, Musik, die hauptsächlich aus Rhythmen und Kadenzen besteht. KROUMATA oder die Platten von Steve Reich wären hier an vorderster Stelle zu nennen.

Leider – und dabei bin ich fast tagtäglich im Internet auf der Suche nach neuen auditiven Erfahrungen und Erlebnissen – finden sich immer weniger Bands aus der Metal-Szene, die mir bedingungslos zusagen. Die letzte GORGOROTH und CELTIC FROST waren fantastisch, ebenso die neuen Alben von GENGHIS TRON und OPETH. Klasse sind auch GOJIRA und THE OCEAN; das sind wenigstens noch Bands, die versuchen dem Metal noch ein Stück neues Land abzuringen. BATTLES haben ein starkes Album veröffentlicht – das ist eine ziemlich abgedrehte Formation bestehend aus Mitgliedern von HELMET und DON CABALLERO –, DEATHSPELL OMEGA sind großartig, aber da ist nicht viel dabei, das sich lohnen würde auch nur anzuhören, und richtig umgehauen, hat mich auch schon lange nichts mehr. Mittlerweile öffne ich mich mehr und mehr dem Indie- und Alternative-Bereich und Bands wie COCTEAU TWINS, BLONDE REDHEAD und BONNIE PRINCE BILLY. Das wären dann einige wichtige Einflüsse für mich, die zu nennen wären.

Es ist schwer die Einflüsse unserer Band auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, lediglich in einem Punkt stimmen unsere sonst disparaten Geschmäcker überein: wir teilen alle ein besonderes Interesse und eine Faszination für Filmemacher wie Tarkovski und für die Stummfilme der 20er-Jahren, Filme von F.W. Murnau und Fritz Lang wie „Metropolis“, „Der Nibelungen Ring“ usw. Diese Filme sind stark geprägt von einer Kunstästhetik, die einen großen Einfluss auf die visuelle Komponente unseres Albums gehabt hat – also bevor Relapse ohne unsere Einwilligung unser vorgeschlagenes Artwork gegen ein ziemlich schäbiges eingetauscht hat. Besorgt euch daher unbedingt die LP-Version von „Lazarus Bird“, um unsere ursprünglichen konzeptuellen Vorstellungen nachvollziehen zu können.

Klingt fast so als hättest du dem Metal weitgehend abgeschworen. Kannst du dich dagegen noch erinnern, wann du das erste Mal mit härterer Musik in Kontakt getreten bist?

Härtere Musik hat immer schon einen großen Bestandteil meines so-called Lebens ausgemacht, also seit meiner frühen Kindheit. Ich glaube, mein musikalischer Lebenswandel ist ziemlich gewöhnlich verlaufen: Angefangen hat natürlich alles mit meinem großen Bruder, der mir die härtere Musik näher brachte. Aber meine Begeisterung für alles, was in irgendeiner Weise extrem und intensiv war, entpuppte sich mehr und mehr als Befreiungsprozess. Damals in meiner Jugendzeit gab es kaum jemanden, weder meine Brüder noch meine Freunde, der zu Punk und Thrash steil ging; dadurch habe ich neue Leute mit einem ähnlichen Musikgeschmack kennen gelernt, zugleich auch ein ganz neues Umfeld. Meine Beteiligung in dieser Szene war meine Art mich zu befreien und entscheidend für meine Identitätsbildung. In dieser Hinsicht werde ich mit der Metal-Szene verbunden bleiben, aber nach über zwanzig Jahren muss ich leider feststellen, dass mich die Musik immer weniger reizt. Mittlerweile finde ich mich in dem alles verschlingenden Maelstrom an Veröffentlichungen nicht mehr zurecht, kaum noch eine Band haut mich tatsächlich um, das meiste habe ich so oder schon anders hunderte Male gehört. Es langweilt mich.

Bei aller Konzentration aufs Wesentliche: Kehren wir zurück zu „Lazarus Bird“. Hört, spürt und reflektiert die Texte, BURST sind mit ihrem verarbeiteten Themen nah an der Wahrheit, und die ist groß und finster, sie mögen in den Ohren ihrer Kritiker pathetisch klingen und sind doch so viel lebensnaher als manche Echtzeitdoku.

„Lazarus Bird“ ist vom musikalischen Tenor her sehr düster ausgefallen, das hat auch auf die Themen unserer Texte abgefärbt. Ein zum wiederholten Male auftretender gemeinsamer Nenner, ist das Faktum, dass sämtliche Texte auf etwas Spezifisches, ein Spezifikum, abzielen – sie setzen sich mit spezifischen Themen und Subjekten aus unserer realen Umwelt auseinander. Jonas und ich haben uns diesmal wirklich sehr viel Zeit genommen und Mühe gegeben, die Texte zu schreiben und auszuformulieren; wir wollten uns wirklich sicher sein, dass die von uns angesprochenen Gegenstände und Themen stimmig in Worte gehüllt werden, sodass sie auch einem hohen allegorischen Standard gerecht werden. Ebenso waren wir versucht, die Lyrics so zu arrangieren, dass sie auch zu Linus‘ und Roberts Gesangsstil – beide konnten ihre Gesangsleistungen verbessern und haben zudem gelernt, ihre Stimmen als integralen Bestandteil unserer Musik zu betrachten und zu instrumentalisieren – passen. Ohne zuviel zu verraten, unsere Texte befassen sich mit der steten Melancholie der Großstädte, den Komplexen und Neurosen der Großstädter, mit existenziell-philosophischen Fragen unserer Herkunft. Kurz: „Lazarus Bird“ ist eine anthropologische Auseinandersetzung mit unserem Menschendasein im 21. Jahrhundert.

Eines der zentralen Schlagworte dieses Albums ist Freimütigkeit. Die Lyrics sind freimütig, die Musik ist eine ehrliche Beschreibung dessen, was wir machen und erreichen wollten; ich habe mir geschworen, mit Journalisten ehrlich und freimütig über uns und unser Album zu sprechen: Kein Fassade, keine einstudierten Antworten.

BURST Vielseitigkeit wurde bereits angesprochen, hinzu kommt ein Appeal, sich der definierenden Weihe eines Stils zu entziehen. Eure Musik bedient keine konkrete Zielgruppe, spricht dagegen eine breite Masse an. Fühlt ihr euch als Band einer bestimmten Nische oder Szene zugehörig?

Zu unseren Shows kommen sehr verschiedene Gruppen von Musikfans, was doch der Wunsch einer jeder Band ist. Wir haben uns nie einer spezifischen Szene zugehörig gefühlt, und haben die ausschließenden Konsequenzen einer Abschottung zu Gunsten einer geschlossenen ‚Szene‘ immer kritisch beäugt. Metal, Hardcore, wasauchimmer – es sollte doch immer in erster Linie um die Musik gehen, nicht? Ich habe über die Jahre verstärkt feststellen müssen, dass man den Leuten – und das betrifft vor allem unsere Kritiker – nicht beibringen kann, wie sie mit unserer Musik umzugehen haben – man wird Bands immer in Schubladen stecken, kategorisieren und daran ein Urteil knüpfen, und das ist eigentlich nichts Schlechtes, das ist völlig okay. Aber warum muss man uns immer mit diesen hoffnungslos abgehalfterten Metalcore-Bands vergleichen? Liegt es vielleicht an unserem Aussehen? Wir scheren uns einen Dreck über Aussehen und Image, die Musik ist unsere Motivation. Ich kann beim besten Willen nicht nachvollziehen, warum uns jemand, der unsere Alben gehört hat, mit den ganzen AT-THE-GATES-Klonen der Metalcore-Szene gleichsetzt. Das ist furchtbar. Natürlich ist jeder herzlich dazu eingeladen, unsere Shows zu besuchen.

Tourgeflüster: Eine Frage, um die man nicht herum kommt zu fragen: Gibt es bezüglich eine Konzertreise schon handfeste Pläne?

Aber sicher doch. Den Herbst über werden wir etwas ausspannen und kleinere Abstecher innerhalb von Skandinavien machen; Anfang 2009 werden wir aber auf eine ausgedehnte Co-Headliner-Tour aufspringen, von Europa ziehen wir im Anschluss direkt über den großen Teich und werden uns dann im Sommer auf so ziemlich jedem Festival blicken lassen. Vorausgesetzt man lädt uns ein.

17.10.2008

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