Eden weint im Grab
Interview mit Alexander Paul Blake

Interview

Eden weint im Grab

Wenn sich die Berliner Band EDEN WEINT IM GRAB um Sänger und Komponist Alexander Paul Blake in ein neues Konzept reinfuchst und darin Dark-, Black-, Death-, und Doomanleihen zu einer düsteren Jahrmarktmusik verbinden, dann kann das eigentlich nur gut werden. Doch so sehr das auch auf den ersten Teil der „Geysterstunde“ zutraf, gab es doch auch einige Punkte, die ich als Rückschritt empfand. Grund genug, die direkte Aussprache mit Alexander Blake zu suchen und ihn auf Akkordfolgen, Doppelalben und die regelmäßigen Vergleiche mit EISREGEN anzusprechen!

Hey Alexander!

Ich hab dir ja im Review Monotonie vorgeworfen, und dabei auch auf die Morität des Leierkastenmanns hingewiesen, was zwar ein fantastisches Hauptthema hat, aber dasselbe vier Minuten am Stück wiederholt. Nun ist das ja songwriterisch ein mutiger Schritt, weil es die Konvention verletzt, und ich attestiere dir, dass du es mit Absicht gemacht hast, und jetzt eine Gegenrede halten willst. 😉

Erstmal danke für die Möglichkeit, dazu Stellung nehmen zu dürfen. Vorweg betonen möchte ich, dass Musik immer Geschmackssache ist und dass man es wohl nie allen recht machen kann. Jedem Menschen sind im Zusammenhang mit Musik andere Aspekte wichtig, und über Geschmack lässt sich nicht streiten. Was ich versichern kann, ist, dass ich es mit „Geysterstunde I“ aber zumindest mir selbst in jeglicher Hinsicht recht gemacht habe, denn jeder Song klingt genau so, wie er intendiert war. Es gibt wohl keinen Menschen auf diesem Planeten, der die Tracks öfter gehört hat als ich und mich langweilen sie nach wie vor nicht. Es ist richtig, „Moritat des Leierkastenmanns“ oder auch die Stücke „Geysterstunde“ und „Tango Mortis“ bestehen jeweils nur aus einer bzw. zwei Akkordfolgen, aber das nimmt nur wahr, wer die Stücke analytisch hört. Ich für meinen Teil höre Musik immer als Ganzes und nicht auf Teilbereiche fokussiert – und aus dieser Sicht passiert in allen Songs des Albums eine ganze Menge. Beim Leierkastenmann war es jedoch genau das Ziel, lautmalerisch einen leiernden Charakter zu erzeugen, denn es wäre doch unpassend, einem Leierkastenmann, der seit hunderten Jahren einsam und ungehört auf seinem Jahrmarkt verfallen vor sich hin orgelt, einen progressiven Song mit Dutzenden verschiedenen Parts, Variationen und Breaks unter den Allerwertesten zu zaubern, oder? Für mich sind die Songs eher wie Geschichten, die den Hörer in eine düstere Parallelwelt führen und Filme im eigenen Kopfkino ablaufen lassen. Die Musik unterstreicht die Handlung.

Ein für mich fundamentaler Nachteil dieser Kompositionsweise ist ja, dass man streng genommen schon nach der ersten Minute alles gehört hat und danach nichts neues mehr kommt. Das war ja schon bei der „St. Anger“ von METALLICA ein großes Thema, und viele Fans haben sich aufgeregt, warum sie die über fünfminütigen Songs eigentlich zu Ende hören sollen. Wie hast du die roten Fäden in deinen Songs konzipiert, um diesen Effekt zu vermeiden?

Ich sehe es eher als Herausforderung, mit wenigen Werkzeugen große Effekte zu erzeugen. Als Analogie: Man stelle sich einen Song bildhaft als Haus vor – als ein düsteres, einsames Spukhaus in unserem Fall. [lacht] Nun könnte man in diesem Haus unzählige Zimmer finden, die jedoch alle kärglich eingerichtet und ungemütlich sind, und irgendwann wird der Gang durch dieses Haus mühsam. Vielleicht verliert man sogar die Orientierung. Wir präferieren es, übersichtliche Häuser zu bauen, die meist nur ein bis drei sehr große Zimmer beherbergen, diese sind jedoch mit solch einer Liebe fürs Detail ausstaffiert und eingerichtet, dass man auch beim zehnten Gang durch diese Spukvilla noch neue Aspekte entdecken kann, wenn man nur genau genug zuhört. Wenn man sich beispielsweise den Titelsong „Geysterstunde“ anhört, verändern sich immer wieder kleine Details und man merkt gar nicht unbedingt, dass alle Parts auf derselben Grundharmonik basieren. Ich gebe zu, ich bin beim Songwriting eher von Popmusik als vom Progressive Rock oder der Klassik beeinflusst. Aus meiner Sicht ist es jedoch sehr viel schwieriger, einen von Grund auf simplen Song zu schreiben, der schlüssig ist und funktioniert, da hier jede Melodie und Textzeile sitzen muss. Die Komplexität kommt bei uns eher durch die Arrangements. EwiG-Stücke sind gewissermaßen Popsongs in einem düster-morbiden Metal-Gewand. Und mal ehrlich, es gibt doch noch zahlreiche andere Qualitäten, die das Album auszeichnen, z.B. dass jeder Song einen eigenen Charakter hat, die außergewöhnlichen Texte, dass sie allesamt Bilder vor dem Auge entstehen lassen und dass sie schwerlich mit anderen Bands vergleichbar sind.

Okay, kommen wir mal nach diesem Einstieg zum Gesamtkonzept des neuen Albums. Ich habe es für mich ein wenig als „Relaunch“ interpretiert, nachdem die ersten beiden Platten, stilistisch sehr ähnlich waren, und mit dem „Herbst des Einsamen“ dann ein Bruch kam. Hast du das ähnlich gesehen, oder was war die Motivation, dieses sehr ungewöhnliche Konzept umzusetzen?

Dagegen habe ich keine Einwände. „Der Herbst des Einsamen“ war einfach eine Abzweigung, die so verlockend war, dass ich ihr folgen musste – und mit „Geysterstunde I“ sind wir nun wieder auf unserem eigentlichen Pfad zurück, allerdings nicht ohne die Einflüsse aus besagtem Abstecher zu verarbeiten. Und natürlich begegnen wir auch allerlei Neuigkeiten. Wir gehen den Weg schließlich weiter. Während die Einflüsse aus Hörspiel und Filmmusik noch ein Relikt aus der Zeit von „Der Herbst des Einsamen“ sind, ist beispielsweise der Flirt mit Jahrmarktsmusik, Doom Metal oder dem Tango in „Tango Mortis“ Neuland für uns. Wir wollten alles das, was EwiG auf den ersten drei Alben auszeichnete, mit neuen Elementen verbinden.

Wie würdest du denn selbst das Konzept beschreiben? Gibt es einen textlichen roten Faden, oder wiederkehrende Motive, auf die du besonders Wert legst?

Dieses Konzept lag bei EwiG ja quasi auf der Hand, da wir uns schon immer mit Vorliebe der Welt der Toten, die eigentlich gar nicht so tot sind, gewidmet haben. Der rote Faden sind die Geister selbst. Jeder Song erzählt die Geschichte von Wesen, die sich zwischen den Welten bewegen, dabei aber grundverschiedene Erlebnisse haben. Die „Armee der Wiedergänger“ ist beispielsweise eine Armee, die den wahren Kriegsgrund längst verdrängt hat und daher in einer ewigen Schlacht gefangen ist. In „Die Knochenmühle“ spuken die Geister an einer alten Mühle, in der Menschenknochen zermahlen werden, wodurch die Menschen zu Kannibalen werden. In „Taphephobie“ geht es um die scheinbar lebendig Begrabenen, die unten an ihre Särgen kratzen und klopfen. „Friedhof der Sterne“ ist die Geschichte eines einsam trauernden Liebenden, der den Geist seiner verstorbenen Geliebten im Nebel, dem Mondschein und den Sternen zu erkennen glaubt. Und in „Gang durch ein modriges Beinhaus“ kehrt ein Kindsmörder Jahre nach seiner Tat in das nun leer stehende Haus der Tat zurück und wird vom Spuk seiner Opfer in den Wahnsinn getrieben. Ich sehe das Album als einen musikalischen Kurzgeschichtenband – in dem Moment, in dem man den Deckel aufklappt, muss man aufpassen, nicht in die finsteren Abgründe gerissen zu werden.

Gibt es den obligatorischen Lieblingssong, nach dem ich dich fragen kann?

Nein, da muss ich dich leider mit meiner Standardantwort vertrösten. Ich liebe sie alle gleichermaßen. Sie sind alle meine düsteren Babys. Das ist wie mit den Eltern, die ihre Kinder auch nicht unterschiedlich stark lieben. Man investiert in jeden Song unheimlich viel Zeit und Energie, bis man irgendwann das Gefühl hat, dass er genau so sein soll. So hat man manches Lied mitunter vielleicht mal besonders lieb, aber das variiert und hat wohl eher mit der persönlichen Stimmung als der Qualität der Musik zu tun.

Ich habe von deiner Promobeilage erfahren, dass „Geysterstunde I“ als Doppelalbum ausgelegt ist. Was haben wir auf dem zweiten Teil zu erwarten? Wird er genauso klingen wie der erste, oder wird es Veränderungen geben?

Das wird die Zeit zeigen. Momentan gehe ich davon aus, dass der zweite ein Zwilling des ersten Teils wird und dass es keine gravierenden Änderungen geben wird. Aber was heißt das schon, wenn man das im Zusammenhang mit einem solch vielschichtigen Werk wie „Geysterstunde I“ sagt? Im Grunde steht uns doch die Welt offen. „Use Your Illusion“ I und II von GUNS N‘ ROSES haben mich in meiner Jugend z.B. sehr geprägt – zwei große Alben mit sehr unterschiedlichen Songs, die aber dennoch eine Einheit bilden und zusammengehören. Meine Vorstellung ist, dass es bei „Geysterstunde“ I und II ähnlich sein wird, ohne dass wir musikalisch von GUNS N‘ ROSES beeinflusst sind. [lacht] Allerdings lässt sich Musik grundsätzlich schwer planen. Daher sind wir selbst mal gespannt, welche Inspirationen uns die Muse liefern wird, denn zum jetzigen Zeitpunkt ist der zweite Teil noch nicht angefangen. Wir wollen erstmal etwas Abstand gewinnen, live spielen und uns anderen Projekten widmen, um dann mit der nötigen Frische wieder loslegen zu können.

Warum hast du dich eigentlich genau auf zwei Alben festgelegt? Das klingt ja in meinen Ohren schon fast dekadent, dass man so ein spannendes Konzept entwickelt, welches in der Dark Metal Szene in der Qualität auch recht einzigartig ist, aber gleichzeitig dazu sagt, dass man damit nur zwei Platten füllen will.

Na, mal sehen. Zwei Alben sind der Plan, aber das schließt ja nicht aus, dass man irgendwann noch weitere Teile nachschieben kann, wenn es die Ideen wert sind. Doch man sollte auch aufpassen, denn bei den wenigsten Filmen reichen die Fortsetzungen an den ersten Teil heran – und wir wollen auch nicht zur Karikatur unserer selbst verkommen. Dann lieber etwas Neues machen und die Hörer mal wieder vor den Kopf stoßen. Ich habe bereits Visionen, wie es nach „Geysterstunde II“ weitergehen könnte. Ich glaube, uns wird dann auch der Sinn nach etwas Neuem stehen, damit es künstlerisch interessant und herausfordernd bleibt. Aber letzten Endes ist das doch alles Spekulation. Was weiß ich denn, wie sich die Welt in den nächsten ein, zwei Jahren vielleicht in ihren Grundfesten verändern wird …

Was mich schon immer mal interessiert hat: Du wirst ja immer mit denselben Bands verglichen. Also etwa, EISREGEN, EWIGHEIM, oder THE VISION BLEAK, und das hat mit dem neuen Album nicht abgenommen. Nun sind diese Vergleiche gerade in Bezug auf „Geysterstunde“ zwar hilfreich, um das Klanggefühl näherzubringen, aber auch irgendwie uncharmant, weil EISREGEN seit mehreren Jahren wahnsinnig stumpf geworden sind, und auch VISION BLEAK in Punkto Vielschichtigkeit nicht konkurrieren können. Erster Teil der Frage: Wie stehst du zu diesen Bands, und wie ungerecht findest du die Vergleiche mit ihnen?

Da ich die Bands alle persönlich kenne, wird mir kein falsches Wort über die Lippen kommen. [lacht] Nein, also ich bin kein eingefleischter Fan der genannten Bands, finde sie aber auch nicht schlecht. Sie sind auf jeden Fall keine Vorbilder, denen wir nacheifern. Wir versuchen mit EwiG einfach unser eigenes Ding zu machen. Dass bei Metal mit deutschen Texten und düster-morbider Grundstimmung immer wieder Vergleiche mit Bands aufkommen, die ähnlich ausgerichtet sind, ist doch legitim. Die Leute vergleichen halt gerne, weil es eine Orientierung bietet. Wer sich jedoch im Detail mit den Bands beschäftigt, wird schnell merken, dass sie jeweils andere Aspekte auszeichnen und im Grunde doch wieder Welten dazwischen liegen – Welten, die ein Außenstehender vielleicht nicht sieht. Aber für uns haben diese Erwähnungen durchaus auch etwas Gutes, da wir noch vergleichsweise unbekannt sind und so vielleicht Menschen auf uns aufmerksam werden, die uns bislang noch nicht kannten. Denn ich denke mal, das Publikum der genannten Combos dürfte sich schon zu großen Teilen überschneiden – und diese Leute sind bei uns auch an der richtigen Adresse. Vor allem wenn sie zusätzlich ein Faible für alles Poetische haben. Von daher finde ich die Vergleiche nicht ungerecht. Ungerecht finde ich es eher, wenn ein Metal.de-Redakteur dreist unser Songwriting kritisiert, in das wir so viel Ehrgeiz investiert haben. [lacht]

Ich ignoriere das geflissentlich und komme zum zweiten Teil der Frage: Gibt es Bands, die dir in deinen Augen viel näher stehen, auf die aber noch so gut wie kein Redakteur gekommen ist?

Wir wurden neulich mit Lacrimosa verglichen, was ich aber eher amüsant fand, da unpassend. Generell vergleiche ich uns selbst nicht mit anderen, sondern nehme uns als Band mit eigenem Charakter und Stil wahr. Wir klingen eben einfach nach Eden Weint Im Grab. Diese Band ist für mich ein Kosmos in sich, in dem ich mich bewege. Da stellt sich die Frage nicht, ob es ähnliche Kosmen – oder Kosmosse? – in der Nachbarschaft gibt. Und wenn man über Vergleiche nicht nachdenkt, kann man die entsprechenden Fragen schwer beantworten.

Ich hab nochmal nachgesehen, und wir haben damals kein Interview mit dir gemacht, das sich um „Der Herbst des Einsamen“ drehte. Vielleicht kannst du da nachträglich nochmal etwas dazu sagen, zumal es ja konzeptuell ebenfalls sehr spannend ist.

Gerne. „Der Herbst des Einsamen“ ist ein Album, das ich als Experiment verstehe, weil es sämtliche Metal-Elemente ausklammert. Es erzeugt jedoch mit gänzlich anderen Mitteln eine ähnliche Stimmung. Grundlage sind elf Gedichte des österreichischen Expressionisten Georg Trakl, die ich mit tiefem Timbre rezitiere; untermalt von düsteren Soundcollagen, die Elemente aus Ambient, Filmmusik und Hörspielen verarbeiten. Für mich ist es das künstlerischste Werk von Eden Weint Im Grab bis dato, das eher ein Beitrag zur Kultur ist, weniger ein reguläres Musikalbum. Ein wenig Offenheit ist daher schon nötig. Am besten hört man es in Ruhe, denn man muss sich auf die Klänge und die Stimme einlassen. Nebenbei gehört funktioniert die Scheibe nicht. Ich war anfangs ein bisschen ängstlich, wie die Hörer reagieren werden, aber glücklicherweise waren die Reaktionen der Fans durch die Bank sehr positiv und alle fanden es sehr erfrischend. Unter den Pressereaktionen reichte das Feedback von ‚genial‘ bis hin zu Reviews, in denen deutlich wurde, dass der Rezensent einfach überfordert war. Aber auch das kann man als Kompliment verstehen.

Wird „Der Herbst des Einsamen“ auch live auf eine Art und Weise berücksichtigt?

Wir hatten probiert, ein paar Blöcke mit den Herbst-Stücken einzubauen, aber es hat aus meiner Sicht nicht so wirklich funktioniert, wobei ich da vielleicht auch überkritisch bin. Ich brauche Ruhe und einen guten Monitorsound, um die Trakl-Gedichte rezitieren zu können – Bedingungen, die während eines normalen Rockkonzerts oft nicht gegeben sind. Zudem erwarten die Leute harte Gitarrenriffs und wollen nicht plötzlich aus ihren Heavy-Metal-Träumen gerissen werden, um das jetzt mal überspitzt zu formulieren. Künftig werde ich daher versuchen, Konzerte und Lesung zu trennen und immer wenn es sich anbietet, vor den Konzerten eine Lesung machen, die Stücke von Trakl und aus meinem eigenen Repertoire enthält.

Kann man außerdem sagen, wie viel Absatz die Platte im Vergleich zu den vorherigen Alben gefunden hat?

Ich würde mal sagen, sie hat etwa halb so viel verkauft, was aber in Ordnung ist, da wir kostendeckend arbeiten konnten. Mir war von vorneherein klar, dass das ganze Projekt einen kommerziellen Selbstmord bedeuten könnte. Aber mir war dieses Album aus idealistischer Sicht sehr wichtig. Daher habe ich es auch in Kauf genommen, dass es für uns damit auf der Karriereleiter nur bedingt weiterging, da der heutige Markt nicht auf solche nonkonventionellen Projekte ausgerichtet ist. Doch ich sehe mich als Künstler und nicht als Dienstleister für Hörer oder Plattenlabels – und dann muss man das halt durchziehen, auch wenn der Weg holpriger ist. Und mit „Geysterstunde I“ geht es nun eben direkt auf der Überholspur weiter.

Zum Thema Vertrieb war ja bei EDEN WEINT IM GRAB schon immer bemerkenswert gewesen, dass die erste Platte aus der Not heraus gratis veröffentlicht wurde, und du dir so einen gewaltigen Hörerkreis erschließen konntest. Beim zweiten Album wurde ja dann auch vorab eine EP kostenlos veröffentlicht. Ich habe das Gefühl, das du damit deiner Zeit vorraus gewesen bist, weil heute immer mehr Bands ihre Songs frei online stellen und sich denken: „Kaufen tut’s eh keiner, und Geld verdienen tun wir sowieso nur durch Liveauftritte“. Kannst du im Nachhinein nochmal eine persönliche Einschätzung zu diesem Thema geben? Bedauerst du, dass Musikkonsumenten offenbar immer weniger Geld bereit sind auszugeben für Kunstprodukte, in die ja eine Menge Zeit und Arbeit geflossen sind?

Die meisten kleinen Bands verdienen ja nicht mal durch Auftritte Geld. Es ist als junge Band wirklich sehr schwierig heutzutage. Gekauft wird Musik generell immer seltener, und durch das riesige Überangebot im Netz ist schon eine wahre Promotionschlacht nötig, damit die Hörer deine Songs überhaupt noch gratis herunterladen. 2004, als ich das erste Album „Traumtrophäen Toter Trauertänzer“ ins Netz gestellt habe, war es noch etwas einfacher, da die Leute noch nicht so übersättigt waren und nicht jede zweite Undergroundband ihre Musik ins Netz gestellt hat. Unsere Downloads sind in den letzten Jahren auch gesunken. Allerdings würde ich nicht sagen, dass wir unserer Zeit voraus waren. Die Idee war schon damals nicht mehr neu. Und ich habe das ja auch nicht gemacht, weil ich es so revolutionär fand, sondern weil es für mich der einfachste Weg war, das Album zu verbreiten und weil ich nichts erwartet hatte. Natürlich bedauere ich es, dass Leute für die Kunst kleiner Bands nur noch sehr wenig Geld ausgeben, verglichen mit anderen Konsumgütern, aber andererseits habe ich Verständnis, weil der Markt so unübersichtlich geworden ist. Dann bleibt man halt lieber bei den bekannten Lieblingsbands. Und man muss natürlich auch sehen, dass heutzutage gerade im Underground unheimlich viel Schrott veröffentlicht wird, weil die Kontrollinstanzen wie A&R-Manager, kostenintensive Studioaufenthalte oder teure Plattenpressungen wegfallen, wenn jeder seiner Musik selbst produzieren und veröffentlichen kann für ein Bruchteil dessen, was es früher mal gekostet hat. Daher sind die Bands nicht mehr gezwungen, sich wirklich Mühe zu geben und bekommen oft auch nicht mehr die professionelle Hilfe, die eine Band gerade am Anfang einfach braucht, um sich zu entwickeln.

Hast du auch vor „Geysterstunde I“ Angst gehabt, dass viele Fans den Schritt von der „Gratis-Band“ zur „Bezahl-Band“ nicht mitgehen würden? Zeichnet sich schon an den Verkäufen ab, wie berechtigt diese Sorge ist?

Diesen Schritt sind wir ja nicht erst mit „Geysterstunde I“ gegangen, sondern bereits 2008 mit „Trauermarsch Nach Neotopia“ – ein Album übrigens, das eineinhalb Jahre bei einem großen Metal-Label in der Schublade lag, bevor sie sich entschieden haben, es doch nicht herauszubringen, weil es sicherer schien, irgendeine x-beliebige 08/15-Band zu veröffentlichen, bei der man klarere Verkaufsprognosen wagen kann. Angst hatte ich nicht, da ich immer an die Qualität der Musik geglaubt habe. Aber natürlich waren die Verkäufe sehr viel niedriger als die Downloads, da nicht jeder Mensch, der ein Album herunter lädt, automatisch zum Fan wird oder es überhaupt auf seiner Festplatte behält. Ich denke aber die treuen Fans sind gerne bereit, Geld auszugeben für eine Band, die ihnen wichtig ist, weil sie sie gerne unterstützen. Es war sogar so, dass es immer wieder Anfragen gab, ob man „Traumtrophäen Toter Trauertänzer“ nicht auch kaufen könne, weil sie lieber eine richtige CD wollen. Und wir haben eine ganze Reihe treuer Fans, die fast alles von EwiG kaufen. Dafür bin ich sehr dankbar und erachte das nicht als selbstverständlich. Es ist sicher im Vergleich zu bekannteren Bands keine nennenswerte Masse, aber für mich ist das schon sehr viel, wenn ich z.B. sehe, was gerade täglich an Bestellungen von „Geysterstunde“ in unserem Shop ankommt. Und man muss ja auch bedenken, dass wir bei diesem Album alles selbst gemacht haben und kein Label haben, das uns pusht und hyped. Wir arbeiten lediglich mit einem Vertrieb zusammen. Das ist Danse Macabre, die das Album über Alive in die Läden stellen. Aber alles ist zu hundert Prozent selbst finanziert, realisiert und sogar promotet. Wenn man wie andere Bands für jede Kleinigkeit professionelle Hilfe hat, ist das Leben natürlich viel einfacher, aber wir gehen auch diesen steinigen Weg, weil die Musik unser Leben ist und der Drang, die eigene Leidenschaft auszuleben, größer als alle Widrigkeiten, die einem begegnen.

Da ich das Thema „Liveauftritte“ eben schon kurz angerissen hab: Seit einigen Jahren gibt es EDEN WEINT IM GRAB auch in Bandformation, und nicht mehr nur als Ein-Mann-Projekt. Wird es eine Tour zum neuen Album geben, oder zumindest Konzerte außerhalb von Berlin? [grinst]

Das mit der Tour ist auch so ein Ding. Wir würden gerne mal auf Tour gehen, da dies eine Sache ist, die uns in unserem Werdegang noch fehlt und sicher auch unserer Bekanntheit zuträglich wäre. Aber für jede Tour im Vorprogramm von bekannteren Bands muss man natürlich bezahlen – und diese Summen sind für uns ohne finanzstarkes Label im Rücken und ohne Großverdiener in der Band nur schwer zu stemmen. Wir mussten schon in der Vergangenheit Angebote ausschlagen, weil sie (für uns) einfach zu teuer waren. Mal sehen, wie sich die Situation in den nächsten Monaten entwickelt. Auf jeden Fall werden wir versuchen, möglichst viele Einzel- und Festivalgigs zu spielen, um die Leute mit unserem Spuk heimzusuchen. Wir sind für Angebote aller Art offen, zumindest solange die Rahmenbedingungen stimmen, denn wir sind aus dem Alter raus, in dem wir für einen Kasten Bier um des Rock’n’Rolls wegen in einer dreckigen Kaschemme spielen, um dann auf stinkenden Matratzen zwischen Kakerlaken und Ratten schlafen. Da bleibe ich lieber in meinem warmen Studio und feile an neuen Schandtaten. Aber wenn uns ein Veranstalter mit dem nötigen Respekt behandelt, sind wir gerne bereit, „Geysterstunde I“ auf die Bühne zu bringen und versprechen eine sehr unterhaltsame Show.

Damit enden meine Fragen auch schon. Ich wünsche dir alles Gute mit dem neuen Album und freue mich schon auf die Fortsetzung. Die letzten Worte gehören wie gewohnt dir!

Vielen Dank für das interessante Interview. Ich hoffe, ich konnte eure Leser mit meinen Antworten etwas bereichern und neugierig machen. Wie ja schon angeklungen ist, gibt es auf unserer Homepage www.edenweintimgrab.de allerlei freie Downloads, um in unsere Welt einzutauchen, und jenes besagte Leierkastenmann-Video ist durchaus auch einen Blick wert, wie ich finde. Ich hoffe, wir lesen uns zu „Geysterstunde II“ wieder an dieser Stelle. Und gebt acht, denn mit unserer CD gewährt ihr den EwiGen Geystern Einlass in euren Kopf – womöglich werdet ihr sie nie wieder los …

21.05.2011

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