Orakle
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Interview

Schon ein wenig her ist die Veröffentlichung des ORAKLE-Zweitlings "Tourments et Perdition". Über Sinn und Zweck der Liedtexte, des Lebens und über Produktionsdetails schwadroniert Achernar im Folgenden.

OrakleDas Titelbild ist richtig atmosphärisch und eindrucksvoll geworden. Von wem stammt das Bild?

Es ist ein Gemälde von William Turner und heißt „Snowstorm: Steamboat off a Harbour’s Mouth“… wir haben mit meiner Freundin eine Menge an den Grundfarben gearbeitet, um schließlich das zu erhalten. Du hast recht, es ist ein wirklich besonderes Cover, genau das, was wir wollten. Es ist eine interessante Mischung aus Abstraktion und irgendwas Realistischerem. Die Illustrationen basieren sogar alle auf Turners Werk. Manches davon kann man im Beiheft sehen, ziemlich abstraktes und faszinierendes Zeug.

Da ist ein flehender Mensch und ein brennendes Schiff in einer tobenden See, der Titel ist „Tourments et Perdition“. Sind es die Seelenqualen auf einer persönlichen Ebene, von denen das Album spricht?

Ja, wir haben diesen Mann hinzugefügt, er kommt von einem Gemälde von Jean-Baptiste Carpeaux. Wir haben ihn ja auch in die Mitte des Sturms gesetzt, den Turner gemalt hat. Er symbolisiert das Überleben, ein Mensch, der sich inmitten all der Dinge abmüht, die sich um ihn herum entwickeln…
Natürlich ist das tief mit dem textlichen Gehalt von „Tourments et Perdition“ verbunden, weil das Hauptthema im gesamten Album die Begegnung des Menschen mit seinem Bewusstsein ist, die unausweichliche Wahrnehmung des Todes und seiner eigenen Tragödie. Im Grunde genommen sagt es „der einzige Weg hier heraus ist Verderben“. „Tourments“, also Qualen, sind hier und im ganzen Album die plötzliche Erkenntnis des tragischen Schicksals jedes Einzelnen. Es ist ein Verlust von allen Illusionen, was den Sinn des Lebens angeht, oder sollte ich besser von der dramatischen Abwesenheit eines Sinns sprechen?

Die Texte abstrahieren also eher von unmittelbarer Persönlichkeit?

Überhaupt nicht, im Gegenteil, ich würde sogar sagen, dass es ein ziemlich bodenständiges Album ist: Die Texte handeln von sehr persönlichen Dingen, sie kamen ganz natürlich aus unseren Erfahrungen, von einer gewissen Sicht der Dinge. m Gegensatz zu unseren früheren Alben, wo wir den Menschen als immer sich selbst überwindend dargestellt haben, begierig, gefährliche Höhen in einem sehr „kosmischen“ Sinne zu erreichen, kommt „Tourments et Perdition“ zurück zum Fleischlichen, zu unserer Ahnung davon, was das Leben wirklich ausmacht. Da gibt es viel mehr klare Sprache, es ist auch ein wenig pessimistischer.

Um etwas präziser zu sein: Das Lied, das das Album direkt nach dem Intro eröffnet, nennt sich „Les Mots de la Perte“. Es wurde deutlich vom irischen Schriftsteller Samuel Beckett inspiriert; seine Absicht war es in einer gewissen Weise, die Vergänglichkeit des Lebens zu verdeutlichen, indem er erbärmliche notleidende Menschen porträtierte. Meistens wollte er beweisen, dass eine friedfertige Gesinnung nur dann möglich ist, wenn man sich darauf konzentriert, in der äußeren Welt zu handeln, beschützt von Geselligkeit, Logik, Moral… Diese Zeilen handeln von dem Moment, in dem alle Verbindungen mit der lebendigen Welt zusammenbrechen und den Menschen leer zurücklassen und im Klaren über seine wirkliche Position in der Welt.
Das folgende Stück, „Celui Qui Erre“, „Er, der wandert“ ist sehr persönlich und mit meiner eigenen Laufbahn verbunden. Es ist im Grunde ein Lied über den Drang, dunkle Gegenden zu erforschen, fern und abgesondert von allem trotz etwas, das durchschnittliche Menschen vielleicht als „Fröhlichkeit“ bezeichnen würden. Es handelt von all den Opfern, die man bringen muss, um tiefer unter die Oberfläche der Dinge zu gelangen.
Dann ist da „Dépossédés“, das ich geschrieben habe, als ich surrealistische Autoren wie Breton oder Artaud gelesen habe. Es geht um Konzepte von „Wahrheit“ oder „Realismus“, die mehr und mehr auf einfachen Utilitarismus beschränkt werden. Die Idee dahinter war, unseren Horizont zu erweitern, für die Wiederherstellung unserer Vorstellungskraft zu kämpfen… vergeblich?
„Vengeance Esthétique“ heißt sowas wie „Ästhetische Vergeltung“, es geht um eine vertraute Rebellion gegen die wirklichen Grundpfeiler des Lebens. Zu Beginn des Stücks ist da ein trauriges Verstehen, dass die Regeln des Lebens nur auf wiederholten Gewohnheiten und Aberglauben gegründet sind, nicht auf etwas Leidenschaftlichem, wie wir es gerne hätten. Aus diesem Verstehen kommt Feindseligkeit, nicht logisch, aber irgendwie schön, wenn wir akzeptieren, vollkommen unsere eigene Tragödie zu leben… oder Komödie.
„La Splendeur des Nos Pas“, „Das Leuchen unserer Schritte“, ist ein Lied über Macht und die Erfahrungen, die man aus dem Kampf ziehen kann… aber irgendwie ist es immer noch mit dem Pessimismus des Albums verbunden, weil der Mensch in verschiedenen Momenten des Liedes über seine Zukunft nachdenkt, die hauptsächlich aus Unsicherheiten und Zweifeln besteht.
Schließlich noch das letzte, „L’Imminence Du Terrible“. Das ist ein schöner Text, den Clevdh, unser Schlagzeuger, über eine Ahnung vom Tod geschrieben hat. Nicht unbedingt unserer, aber der von Leuten, denen wir uns verbunden fühlen. Es geht um die Unmöglichkeit, vollkommen ohne einen Gedanken an den unausweichlichen und blinden Tod zu leben. Er endet mit einer sehr starken Schlussfolgerung: „Die Kluft liegt in der Geburt – die wahre Qual ist die Existenz.“ Naja, oder wenigstens so ähnlich wird es übersetzt.

Ist ORAKLE eher so eine Art persönliches Projekt von dir, oder ist es eher eine Band, in der alle Mitglieder gleichermaßen an der Komposition teilnehmen?

Also die Texte betreffend sind ganz sicher Clevdh und ich am meisten beteiligt, obwohl auch Amar Ru den Text für eins der Lieder geschrieben hat, „La Splendeur des Nos Pas“. Clevdh hat mehrere Jahre lang Philosophie studiert und wir beide wollten den Texten immer schon eine wichtige Rolle geben, nicht nur irgendwas Beiläufiges. Deswegen verfassen wir sie auch auf französisch.
Die Musik betreffend sind wir eine richtige Band. Ich schreibe die meisten Teile für die Gitarre und die Melodien weil ich dafür eine große Leidenschaft habe. Ich spüre diesen Drang, Dinge musikalisch auszudrücken. Außerdem habe ich mein eigenes Studio, deshalb kann ich sehr viel Zeit damit verbringen, zu spielen und zu komponieren. Ich fühle mich damit auch wohler, weil ich denke, dass ich mich selbst besser allein ausdrücken kann als bei einer Jamsession im Proberaum. Und ich mag es auch, mit verschiedenen Arrangements herumzuspielen. Insgesamt schreibe ich die meisten Gitarrenteile zusammen mit Amar Ru und in der Probe diskutieren wir dann Form und Aussehen und so weiter. Clevdh gibt den anfänglichen Strukturen der Riffs auch eine ganz neue Dimension, weil er sehr kreativ ist, wenn es daran geht, seine Parts zu schreiben.

Ich würde sagen, dass „Tourments et Perdition“ euer erstes Album ist, auf dem der Klang den Kompositionen wirklich gerecht wird. Waren da diesmal größere Ambitionen am Werk, war das Budget größer oder was war los?

Danke für das Kompliment, ich stimme dir da zu. Ich denke mal, dass das sowohl mit unseren Mitteln wie auch mit unseren Erfahrungen zu tun hat. Für unser erstes Album hatten wir keine bestimmte Idee im Kopf, wie das Album klingen sollte, wir waren also ziemlich abhängig von den Fähigkeiten und Vorstellungen des Tontechnikers.
Für die Aufnahme von „Tourments et Perdition“ haben sich ein paar entscheidende Dinge geändert. Erstens hatte ich mein eigenes Studio, sodass ich eine Stunden und Nächte damit verbringen konnte, die Stücke vorzuproduzieren, während wir alle über den „korrekten“ Klang nachdachten. WIr begannen die Aufnahmen mit einer sehr genauen Vorstellung davon, welche Rolle die jeweiligen Instrumente haben sollten. Ich würde sagen, dass das auf alle Fälle nötig war, für manche Lieder haben wir um die 100 Spuren erreicht oder sowas! (lacht)
Die Produktion konnte auch besser gehandhabt werden, wir haben Schlagzeug und Bass in einem der angesehensten und bestausgerüsteten Tonstudios von Paris namens „Studios Davout“ aufgenommen. Unser Tontechniker da hat da schon mit internationalen Künstlern wie ARCHIVE oder LENNY KRAVITZ gearbeitet, der war also auch nicht gerade Anfänger. Wir haben uns mehr Zeit für die Aufnahme der Gitarren genommen und haben das Album schließlich mit unserem Tontechniker in meinem Studio abgemischt. Wir hatten also keinen Druck, wir waren total unabhängig und konnten ganz geduldig arbeiten, bis wir die beste Variante gefunden hatten.

Würdest du so ganz allgemein sagen, dass ihr aus Perfektionismusgründen die Dinge nicht gerne überhastet? „Tourments et Perdition“ ist immerhin erst euer zweites Album in 14 Jahren Bandgeschichte.

Hm, ja und nein. Die Band scheint ziemlich alt zu sein, aber wir sind erst zwischen 26 und 28 Jahren alt. Wir gründeten die Band, als wir Jugendliche waren, 1994, aber aufgrund von Desinteresse und fehlender Motivation bei den anderen Mitgliedern waren wir eine sehr passive Band bis 2002. Wir haben uns zwischendurch sogar mal aufgelöst, 1998 oder 1999 oder so, aber haben uns schlussendlich entschieden, mit größerem Ehrgeiz weiterzumachen.
Aber ich stimme dir zu, wir überstürzen die Dinge nicht gerne, weil wir das Beste erschaffen wollen, das wir können. Wie du bemerkt hast, die Stücke sind sehr reich an Details, ich kann ganze Wochen damit verbringen, nur ein kleines Arrangement zu suchen, bis wir vollkommen zufrieden damit sind. Ich schätze, das kann wirklich „Perfektionismus“ nennen. Allgemein denke ich, dass zwei oder drei Jahre eine gute Zeit zwischen zwei Alben ist. Das ist die Zeit, die man braucht, um reife Früchte ernten zu können.

Wie viel ist den von ORAKLE anno 1994 im Jahre 2008 noch übrig geblieben? Ist das der Stil, den ihr damals im Kopf hattet, als ihr die Band gegründet habt?

Vom Personal her sind Clevdh und ich übrig geblieben. Bezüglich der Musik: Ich denke nicht, dass wir das im Kopf hatten, als wir ORAKLE gegründet haben. Wie ich sagte, wir waren 14 Jahre alt und haben die Band in erster Linie gegründet, weil wir wie METALLICA spielen wollten. (lacht)
Unsere Musik hat sich seitdem sehr verändert. Wir haben ursprünglich angefangen, durchschnittlichen Death/Thrash Metal zu spielen… wir haben Black Metal so um 1996 entdeckt und es hatte einen riesige Wirkung bei uns, aber seltsamerweise haben wir erst 1999 angefangen, atmosphärischen Black Metal zu komponieren. Ich denke, wir warteten auf mehr Reife, um echte, persönliche Dinge zu erschaffen und nicht einfach nur eine durchschnittliche Black-Metal-Band zu sein.

Da sind sicherlich sehr starke Black-Metal-Einflüsse, obwohl ich manchmal eher an Progressive Metal denken muss, weil die Musik viel detailreicher ist. Ist ORAKLE hauptsächlich von den ganzen Norwegern, ARCTURUS, EMPEROR und so weiter beeinflusst?

Naja, wir werden nicht speziell von einer bestimmten Band beeinflusst, ich würde eher sagen, dass die gesamte Black-Metal-Szene von Mitte der Neunziger unsere künstlerische Ansicht sehr beeinflusst hat und die Grundlage für unsere Ausdrucksform wurde. Wir werden oft mit EMPEROR und ARCTURUS verglichen, weil unsere Musik einen „romantischen“ Schlag hat und sie viele Arrangements enthält. Ich verstehe diesen Vergleich. Wir tun gar nicht so, als ob wir mit einem Album wie „Tourments et Perdition“ einen neuen Stil erschaffen würden. Aber einen berühmten Satz aus dem Film „Dark City“ zu zitieren: Ich denke, wir sind mehr als nur die Summe unserer Einflüsse…
Und wie du bemerkt hast, wir haben auch mehr progressive Elemente, die ganz natürlich auftauchen. Ich höre viele verschiedene Musikstile, von RADIOHEAD bis BJÖRK, PINK FLOYD, MUSE unter anderen, ich vermute also, dass sie Teil meines musikalischen Hintergrundes sind und hier und da in den Stücken auftauchen.

Jetzt, mit ein bisschen zeitlichem Abstand zur Veröffentlichung des Albums, seid ihr immer noch zufrieden mit „Tourments et Perdition“ als Ganzem?

Ich muss sagen, wir sind wirklich zufrieden. Produktionstechnisch gibt es da ein paar kleine Details, die man besser hätte machen können. Die Snare hätte manchmal ein bisschen klarer sein dürfen, aber insgesamt ist das Album in sich stimmig und stark. Wie ich dir erzählt habe, wir haben wirklich hart daran gearbeitet, ein ganz „besonderes“ Album zu schaffen… zumindest für uns. Es war ein Kampf, physisch und mental, weil wir alles technisch perfekt, aber auch spontan haben wollten, aber heute kann ich sagen, dass es das auf alle Fälle wert war.

Arbeitet ihr schon an neuem Material?

Also ich kann eigentlich gar nicht richtig aufhören, Musik zu schreiben, deshalb habe ich nach einem Monat Inaktivität schon wieder angefangen, neue RIffs zu schreiben, Amar Ru auch, und Clevdh hat schon besondere Rhythmen im Kopf. Ich denke, dass von diesem Rohmaterial manches auf kommenden Alben verwertet wird, aber zur Zeit sind wir eher damit beschäftigt, unser aktuelles Album vorzustellen und nach Auftrittsgelegenheiten in Frankreich und Europa zu suchen, und so weiter.

Wie funktioniert ORAKLEs Musik auf einem Konzert? Ist es überhaupt möglich, diese ganzen kleinen Details und die Atmosphäre auf die Bühen zu bringen?

Das ist mehr oder weniger schwer, je nach den technischen Bedingungen. Wir haben jetzt ein fünftes Mitglied auf der Bühne, einen Session-Keyboarder namens Emmanuel, deswegen ist es einfacher, die Atmosphäre auch live rüberzubringen. Natürlich, wie ich schon sagte, manchmal haben wir um die vier oder fünf Gitarrenspuren, drei oder vier Synthesizerspuren und zehn Gesangsspuren während der „tiefgründige-Chöre“-Passagen (lacht)… das alles gibt es natürlich live nicht zu hören, die Musik ist da vielleicht direkter.

Aber die Essenz der Stücke ist für Schlagzeug, Bass, zwei Gitarren und ein Keyboard, das klingt dann also live schon in etwa gleich. Vielleicht weniger detailreich, aber dafür direkter.

Ok, dann höre ich jetzt mal auf, dich mich Fragen zu löchern. Das war’s von mir soweit.

Ok, es war mir eine Freude. Vielen Dank für dein Interesse.

23.08.2008

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