Ritual
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Interview

Vor mehreren Wochen erschien das neue Album der Progressiv-Folk-Rocker von RITUAL. Zeit also, sich mit Patrick Lundström, Sänger und Gitarrist, über Volksmusik, die Mumins und CD-Rezensionen zu unterhalten. Dann mal auf zur heiteren Fragerunde!

RitualWie geht’s dir? Bist du zufrieden mit den Reaktionen auf euer neues Album?

Oh ja, definitiv. Es gab wirklich großartige Reaktionen, manche sogar fantastisch, würde ich sagen.

Ihr habt einen Gig in Göteborg gespielt. Wie hat das Publikum denn da reagiert?

Ja, das war wirklich großartig. Es war ein Treffen von einer Menge neuen, schwedischen Fans, denn die Male, die wir in Schweden gespielt haben, waren fast ausschließlich in Stockholm. Daher haben wir diesmal die Fans aus dem südlichen Teil Schwedens getroffen.

Werdet ihr durch Europa touren?

Ja. In März werden wir auf Europatournee gehen, und jetzt werden wir ein paar Konzerte in Schweden, ein paar in Norwegen geben, eigentlich noch vor Weihnachten. Aber dann kommt die Europatour Anfang März. Und dann werden wir nach Amerika auf das Rosfest im Mai gehen.

Werdet ihr auch nach Deutschland kommen?

Ja, auf jeden Fall. Das ist wahrscheinlich die sicherste Sache überhaupt, dass wir in Deutschland spielen. Ich nehme an, dass wir die meisten Konzerte der Tour in Deutschland spielen.

Sehr schön. Ich schaue, dass ich kommen kann. Ihr benutzt eine Menge Instrumente auf euren Alben. Benutzt ihr die auch auf der Bühne?

Ja, tun wir. Unsere Grundaufstellung ist ja Schlagzeug, Bass, Keyboard, Gitarre. Ich bin der erste Sänger und Gitarrist, und jeder ist auch für den Hintergrundgesang zuständig. Das ist in etwa das Lineup. Und dann haben wir im Gig ein akustisches Set, in dem wir eben akustisch spielen. Das sind dann Busuki, Nyckelharpa, das heißt Schlüsselgeige, Harmonium, diese Instrumente eben, du weißt schon.

Und wo kommen all diese Folkinstrumente und -einflüsse her?

Nun, zuerst einmal ist es unser Bassspieler, Fredrik, der das in die Band reingebracht hat, weil er derjenige ist, der wirklich eine Menge von diesen ethnischen und volkstümlichen Instrumenten spielt. Jetzt hat auch der Schlagzeuger, Johan, angefangen, Nyckelharpa zu spielen, ein traditionelles schwedisches Instrument, also Schlüsselgeige. Er kämpft damit schon einige Jahre, weil es wirklich ein schwer zu beherrschendes Instrument ist. Aber seit ein paar Jahren kann er es spielen, und das gibt der Musik wirklich eine nette volkstümliche Atmosphäre.

Ja, ich mag es. Hörst du privat auch Folkmusik?

Ja, ich denke, das tun wir alle. Und das ist dann sowohl skandinavische Folkmusik als auch britische, irische, keltische, manchmal auch indische oder vom Balkan und arabische Folkmusik. Eigentlich alle Sorten.

Euer neues Album ist sehr stark von Tove Janssons Mumingeschichten inspiriert.

Ja, das ist wohl wahr.

Und ich denke, die meisten unserer Leser kennen sie aus der Fernsehserie aus ihrer Kindheit.

Oh, meinst du? Es ist in Deutschland nicht so verbreitet, denke ich.

Also ich bin relativ jung und kenne sie nur ziemlich vage…

Okay, vielleicht sind es die neueren Comicversionen der Mumins, die im Moment um die Welt gehen. Es ist schon ein ziemlicher Unterschied zwischen beiden, weil die ursprünglichen eine andere Atmosphäre haben. Aber die neueren sind farbiger, eher Comics für Kinder, wie üblich. Aber sie sind in Ordnung, eben mehr was nur für Kinder.
Ihre ursprünglichen Bücher sind eher Romane, nur wenige Bebilderungen, meistens Text. Die sind natürlich auch für Kinder, aber auch genauso sehr für Erwachsene geeignet. Es sind vielschichtige Bücher, die mit ihren Fabelwesen in dieser Fantasiewelt wundervolle Charakterzüge beschreiben. Sie stellen definitiv menschliche Charakterzüge dar, wenn man zwischen den Zeilen liest. Sie beschreibt wundervoll, benutzt die Sprache in einer schönen Art und Weise und kann in den Büchern verschiedene Stimmungen ausmalen. Die ursprünglichen Bücher sind ziemlich unbekannt, die neueren Comicversionen sind über die ganze Welt verbreitet. Die alten Versionen unterscheiden sich sehr stark von den neuen.

Ich habe eine Kritik gelesen, in der der Rezensent gesagt hat, er könnte euch nicht ernst nehmen, weil ihr eben die Mumingeschichten und Folk-Einflüsse verwendet und so weiter. Würdest du selbst eure Musik als naiv bezeichnen?

Nein, überhaupt nicht, sie ist absolut ernst. Es ist sicher eine Menge Humor vorhanden, das ist eine sehr wichtige Zutat zu unserer Musik. Humor, verschiedene Stimmungen aufzuzeichnen und so weiter. Und das Drama ist ebenso eine sehr wichtige Sache. Es ist also wirklich eine Art Missverständnis, denn wenn man die originalen Bücher und die Muminwelt nicht kennt, ist es sehr leicht, das alles falsch zu interpretieren. Ich kann es definitiv verstehen, wenn die Leute sagen, dass sie das Bild sehen und nichts damit anfangen können.

Du hast „Drama“ erwähnt. Bedeutet das, dass es ein Konzeptalbum ist?

Es ist sehr nahe dran, eines zu sein. Es gibt, um genau zu sein, nur ein Lied, das nicht von den Mumins handelt, und zwar „In the Wild“. Das ist ein separates Stück. Daher ist es nicht zu 100 Prozent ein Konzeptalbum. Besonders das epische, lange Stück basiert komplett auf einem Buch, das sie [Tove Jansson – Anm. d. Red.] geschrieben hat. Das Lied ist eben dieses gesamte Abenteuer.

Ihr habt also die Sache selbst interpretiert?

Ja, das ist unsere eigene Interpretation. Und was auch sehr wichtig ist, ist, dass das Artwork des ganzen Albums von einem Künstler aus Peru namens Javier Herbozo gemacht wurde. Er verwirklichte tatsächlich seine eigene Interpretation der Figuren. Die Hemulans auf dem Titelbild sind also seine Interpretation von Hemulans und sehen nicht aus wie die eigentlichen Hemulans, wie sie Tove Jansson gezeichnet hat. Wir haben unsere eigenen Interpretationen der Geschichten und er hat seine eigene visuelle Interpretation der Figuren verwirklicht.

Tove Jansson hat sie also auch gezeichnet?

Ja, das hat sie. Sie war genauso auch als Malerin sehr bekannt. Anfangs war sie Zeichnerin in verschiedenen Büchern und Zeitungen. Aber dann begann sie, die Dinge zu zeichnen, die sie mit diesen kleinen Mumintrollen machte und plötzlich erfand sie diese ganze Fantasiewelt der Mumintrolle und begann, darüber Geschichten zu schreiben.

Ich habe gelesen, dass die Hemulans keine zentralen Figuren dieser Welt sind.

Nein, es gibt viele verschiedene Kreaturen in der Welt der Mumins, und die Hemulans sind nur eine Art von ihnen. Aber sie sind sehr verbreitet, und die Hemulans können in sehr verschiedenen Formen auftauchen. Die Sache mit der „Hemulic Voluntary Band“ ist die, dass in den Büchern eine Gruppe namens „The Hemulic Voluntary Brass Band“ erwähnt wird, die auf manchen Feiern erscheint. Davon abgesehen sagt Tove Jansson nicht viel über sie, aber wir waren der Meinung, dass wir diesen Titel für unser Album verwenden können, da ja fast alle Lieder mit dem Tove-Jansson-Motiv zu tun haben. Es war sozusagen eine witzige Geste, die „Hemulic Voluntary Band“, was offensichtlich uns meint, auf dem Titelbild zu haben, wo wir als Hemulans abgebildet sind. Es ist in gewisser Weise ein Pendant zu „Sgt. Pepper“ [gemeint ist „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ von den Beatles – Anm. d. Red.], sozusagen einer Alter-Ego-Band.

Kanntet ihr alle die Geschichten von Tove Jansson aus eurer Kindheit oder seid ihr später darauf gekommen?

Wir kannten die Geschichten natürlich aus unserer Kindheit, aber wir haben uns erst als Erwachsene wirklich hineinvertieft. Das Schöne an ihren Geschichten ist eben, dass man sie ebenso als Kind wie auch als Erwachsener angehen kann. Und wenn man sie als Erwachsener angeht, sieht man eine Menge neuer Aspekte, die man als Kind noch nicht wahrgenommen hat. Wir kannten sie also aus unserer Kindheit, aber haben es erst gelesen, als wir so 19 oder 20 waren und gemerkt, wie vielschichtig und reichhaltig sie sind. Eigentlich sind sie sehr ernst, sie nehmen familiäre Themen auf, gesellschaftliche Verhaltensweisen, oder etwa die kleine Kreatur in der großen Natur. Alle Arten von Gesellschaftsproblemen werden in diesen Büchern behandelt. Es ist faszinierend, wie sie es schafft, diese Dinge in Abenteuerbücher für Kinder einzubauen. Ich kann dir nur empfehlen, die originalen Bücher zu lesen, die sind großartig.

Soweit ich weiß, ist „A Dangerous Journey“ bis jetzt euer einziges Stück mit solch einer Überlange. Wolltet ihr schon immer mal ein Lied machen, das so lang ist?

Wir denken nicht richtig darüber nach, ob wir nun ein langes und nun ein kürzeres Lied machen wollen, dann wieder ein „proggigeres“ und dann ein „rockigeres“. Wir folgen nur unserem kreativen Instinkt. Wir schauen, wo die Musik losgeht, und wenn etwas interessantes auftaucht, folgen wir dem und beginnen, damit zu arbeiten. Wir planen also in dieser Hinsicht eigentlich nicht. Aber es gibt da einen kleinen Unterschied, wenn man sich dieses Stück anschaut, weil wir sowas schon diskutiert hatten, schon vor dem Vorgängeralbum, „Think Like a Mountain“. Aber uns fiel nie ein Thema ein, daher wurde das nie verwirklicht. Aber dieses Mal, als wir das Muminthema im ganzen Album hatten und als uns dieses spezielle Buch einfiel, waren wir stark davon inspiriert und der Meinung, dass das wirklich eine epische Geschichte und ein Abenteuer ist, das wir mit Musik auszumalen versuchten. Wir dachten, dass das recht umfassend wäre. Nicht etwa, dass wir gewusst hätten, wie lange es werden würde, aber wir wussten, dass wir in der Lage sind, die gesamte Geschichte abzudecken und dass das Zeit brauchen würde. So passierte das dann. Wir hatten den Gedanken bereits vorher gehabt, dass es schön wäre ein langes Stück zu machen, aber es ist wichtig, dass man es nicht nur um seiner selbst Willen macht. Es ist wichtig, ein Motiv oder ein Thema dafür zu haben, damit man damit etwas Umfassendes machen kann. Es ging alles sehr natürlich vor sich, als wir ersteinmal diese Idee mit diesem spezifischen Buch hatten.

Nun zu etwas anderem. Du singst ja auch für die Band KAIPA, die ebenfalls Progressive-Folk-Rock spielt. Wo ziehst du selbst die Grenze zwischen diesen beiden Bands?

Zuersteinmal ist KAIPA keine richtige Band, sondern eher ein Aufnahmeprojekt. Es ist keine Band, die mal live spielen wird, da es Hans Lundins eigenes Projekt ist. Er ist derjenige, der alle Musik und alle Texte schreibt. Dann engagiert er sozusagen die verschiedenen Musiker, um die Arbeit als Sitzungsmusiker zu machen und ich bin eben nur als Sänger für sein eigenes Werk engagiert. Ich bin also überhaupt nicht in die Musik eingebunden, ich singe nur. Im Grunde bin ich professioneller Musiker, daher ist das sozusagen meine Arbeit. Aber ist wirklich großartig, in der Lage zu sein, etwas Progressives zu machen, obwohl es Arbeit ist. Es ist nicht RITUAL, es ist wirklich etwas anderes, eine andere Perspektive, und man lernt immer, wenn man verschiedene Dinge tut. Ich mag es, mit ihm zu arbeiten. Von Zeit zu Zeit schickt er mir ein Demo für ein neues Album, dann gehe ich rüber und mache den Gesang dazu. Nichts weiter. RITUAL dagegen ist mein Herzstück, sozusagen meine Band.

Du bist also Vollzeitmusiker.

Ja.

Und die anderen von RITUAL?

Keiner von den anderen arbeitet gewissermaßen ganztags in der Musik. Sie haben gewöhnliche Arbeitsplätze. Fredrik, der Bassspieler, hat mal sozusagen „halbtags“ in der Musik gearbeitet, für Folkbands gespielt und hat Musikunterricht gegeben.

So, zum Abschluss habe ich noch eine etwas seltsame Frage, die ein wenig kompliziert sein könnte. Ich würde gerne wissen: Wenn du einem Rezensenten eine Frage stellen solltest, welche wäre das? Eben anders herum, nicht der Kritiker fragt dich, sondern du fragst den Kritiker.

Okay. (überlegt) Du hast Recht, das ist wirklich kompliziert! Oh, jetzt muss ich mir was richtig Kluges ausdenken. Schreibst du denn auch Rezensionen?

Ja, ich habe die Rezension eures neuen Albums für metal.de geschrieben.

Hat dir das Album gefallen?

Ich habe ihm sieben von zehn Punkten gegeben und es war sehr nah bei acht.

Oh, vielen Dank, das ist schön! Jetzt erinnere ich mich, ja, ich habe die Rezension gelesen, bin ich blöd. Ich habe es mit einem anderen verwechselt, es gibt da sehr viele Webzines, die „metal“ in ihrem Namen haben. Ich dachte zuerst an ein anderes, aber ja, jetzt erinnere ich mich. Ich habe es bei den Rezensionen gespeichert; von Zeit zu Zeit sammle ich Rezensionen. Ich kann zwar kein Deutsch lesen, aber ich habe die Punktzahl gesehen.
So, meine Frage. Welche wäre das? Also… Was ist das Wichtigste, wenn du eine neue Veröffentlichung in die Hände bekommst, in den CD-Spieler legst, anhörst und sie dann besprichst? Was ist dann für dich das Wichtigste? Also wenn es darum geht, ob du es magst oder nicht. Und wie oft hörst du dir sie an, bevor du sie besprichst?

Ich kann jetzt natürlich nur für mich sprechen, aber für mich ist das Wichtigste, dass das Album etwas Neues enthält, damit ich nicht das Standardschema abspulen muss.

Das ist ein guter Punkt, ja! Und ich hatte ja noch die zweite Frage, wie oft du dir das Album anhörst, bevor du es besprichst.

Das hängt von der Komplexität des Albums ab. Euer Album habe ich mir so ungefähr sechs Mal angehört, bevor ich es besprochen habe.

Oh, das ist gut. Und dann ist es möglich, eine fundierte Meinung darüber zu haben. Manche Musik ist ja nicht sehr komplex und im ersten Durchlauf schon sehr umgänglich. Aber manche Musik, wie zum vielleicht ja diese hier, ist eher so nach dem Motto „Oh, dem muss man mehr als zwei oder drei Durchläufe geben, bevor man reinkommt.“ Hattest du denn eine Promo?

Ja, es war eine Promo.

Das ist manchmal ein wenig traurig, denn in diesem Fall geht es auch sehr um das Artwork. Das Artwork ist wirklich wichtig und die Texte auch, damit man die während des Hörens lesen kann. Dem langen Stück, „A Dangerous Journey“, ist es fast unmöglich zu folgen, wenn man ihm nur zuhört, vor allem beim ersten, zweiten oder dritten Mal, mit den ganzen Bewegungen und allem, was passiert. Aber wann man die Texte hat, wird die Geschichte sozusagen viel einfacher erscheinen. Das hat jetzt nicht direkt hiermit zu tun, es ist nur eine Überlegung, die ich gerade angestellt habe. Es ist manchmal eben wirklich schade, dass die Rezensenten nur eine Promo bekommen und nicht die komplette CD. Für euch natürlich. Aber großartig zu hören, und danke dir auch für die gute Kritik.

So, das war es nun, was mich betrifft. Letzte Worte?

Ich hoffe, dich dann in Deutschland zu sehen, wenn wir im März dahinkommen. Es war nett, mit dir zu reden. Tschüss!

Tschüss!

10.10.2007

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