Fucked Up - The Chemistry Of Common Life

Review

Who says a Post-Punk-Hardcore-Rock-Scheiße can’t play Psychedelic? FUCKED UP sind eine Band, die, wenn man die Musik hört, alles richtig zu machen scheint, ohne dass man denkt: „Meine Fresse, das muss aber schwer sein, nichts falsch zu machen.“ Müheloses Stil- und Geschmacksbewusstsein, das sich in einem befreiten, unverkrampften Umgang mit Punk, in struktureller und inhaltlicher Freigeistigkeit mit antistatischer Killeraufladung äußert, Aufstieg of a Punk-Worldplayer? Die Band ist noch mit ihrem Vorgänger „Hidden World“ durch Unsicherheit und Opportunismus aufgefallen; was ja auch nichts heißen mag, ein gewisser Opportunismus, der nichts verrät, sondern zu dem man auch Lernfähigkeit unter erschwerten Voraussetzungen sagen darf (Was ist meine Musik? Wie kann ich das heute herausfinden?), kann solche Entwicklungen vielleicht auch begünstigen. Wie ausgewechselt klingt sie auf „The Chemistry Of Common Life“.

FUCKED UP heideggern ein wenig durch historische Klänge und wiederholen sie behutsam, dehnende Bindestriche zwischen die musikalischen Impulse flechtend. Frühen, fremd in ihren zeitgenössischen Kontexten herumstehenden, gleichwohl populären Psychedelic-Sounds soll eine Erdenschwere gegeben, ein neuer Eigensinn soll konstruiert werden: Referenzen, die man hier an die Band herantragen könnte, ohne dass diese ihr notwendigerweise inhärent wären, sind Syd Barretts PINK FLOYD und die kräutergesättigten CAN; die Konvergenz von perkussivem Krautrock und Hardcore, Psychedelic und Abstract’n’Punk à la POISON IDEA oder BUZZCOCKS, oder einfach radikale Abstraktion und shoegazed Effektgeduld: die Idee, die in der Luft liegt und hier zum Glück nicht als Idee erzwungen wird, sondern sich am Material experimentell entwickelt. Was hier auffällt, wie solche klangliche Gegensätze aus dem Dichotomienhandbuch eines Schubladendenkers als verlöschende, verglimmende Essenzen in Mikrosubstanzen Zeugen der Geburt von etwas Neuem werden, was man so noch nie gehört hat.

Auf „The Chemistry Of Common Life“ hat man durchgehend das Gefühl, dass schamvoll-ironische intellektuelle Distanz und punkige Identifikation unter dem Eindruck von Weltschmerz-Paranoia verschmelzen. Sie klingt wie ein frischer, unbelasteter Aufbruch zu einer, auf ihrer letzten Platte nur angedeuteten Welt musikalischer Diversion und Genussfähigkeit, die eher an schottische Hedonisten als politisch nicht immer korrekte Kanadier denken lässt. Hier erstehen wahnsinnig smarte und ausschweifend-üppige Songs – auch nicht Punk, nach knackigen Zweiminütern kann man vergebens suchen – auf eine Weise auf, wie ich es mir vor einigen Monaten noch nicht hätte träumen lassen: eingebettet in einen reichen, vor kaum einem Instrument ängstlichen Ensemble-Sound (diese Band macht nicht vor Querflöten und Bongos halt), und von Texten, man muss schon sagen: begleitet, in denen Wörter wie „Myth“ oder „Born Again“ tragende Rollen spielen. Wer nach diesen Worten an eine esoterische Musik denkt, an Spinner und ihr Versponnenes, dem muss noch von Tempo, Tightness und Straffheit dieses, ja, Werkes berichtet werden, das mich ein bisschen an „Damaged“ oder auch gerne an „My War“ erinnert.

Hier kriegt man nämlich beides: Das Sich-Verlieren an den Rausch des Sounds, der sphärischen Töne und geile Riffs, die von überallher in den Song zischen; und damit die Vorstellung von Kontrolle und Überschaubarkeit. „No Epiphany“, das Kernstück der Platte, und „Magic Word“ seien hier exemplarisch genannt: da wird zunächst schlingpflanzenartig gejangelt und geschrammelt, bevor ein konturiertes, minimalistisches Riff grob zu packt; schief grinsende, paranoide, verletzte Songmonster; ein musikalischer Kompost mit einander durchdringenden Schichten, und obendrüber Pink Eyes‘ rituelles, sich nach und nach in sein Maß findendes Bellen.

FUCKED UP steigern über alle Maße ihre bisherigen, bei aller sharpen togetherness doch immer zum Amorphen tendierenden Psychedelic-Leistungen zur supersharpen definitiven Miniatur-Hardcore-Platte des Universums, der man sich einfach meditativ ergeben muss. Es bleibt abzuwarten, was mit dieser – konsequenterweise auf Matador – veröffentlichten Platte passieren wird. Hierzulande wahrscheinlich wieder mal leider wenig.

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22.03.2009

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