
Soundcheck September 2026# 6
Manchmal machen Pressetexte mehr kaputt durch die hohe Dichte an Superlativen, mit denen sie gefüllt sind, als sicher beabsichtigt ist. Bei dem Versuch, Infos zum dritten Teil der „A Dark Poem“-Trilogie von GREEN CARNATION aus dem Waschzettel zu beziehen, ist unsereins jedenfalls gefühlt weniger schlau nach dessen Studium an die Bearbeitung des finalen Teils „The Messiah Complex“ herangegangen als davor. Manchmal hat man eben einfach das Gefühl, dass die Autoren dieser Pressetexte in einer Paralleldimension leben und daher eine ganz andere Version des gleichen Albums gehört haben. Viel wird hier von einer Zusammenführung der beiden vorigen Teile und von der zentralen Inspiration der Shakespeare’schen Ophelia in Form des Gedichtes von Arthur Rimbaud geredet, was beides aber weniger offenkundig für durchschnittliche Ohren hervorkommen dürfte. Ferner wird die Gitarrenarbeit mit KING CRIMSON verglichen, was im Hinblick auf die extrem variantenreiche Diskographie von KING CRIMSON sehr unspezifisch ist. Aber lassen wir das …
GREEN CARNATION liefern erneut ergreifende Melancholie zum Mitleiden
„A Dark Poem, Part III: The Messiah Complex“ (im Folgenden nur als „The Messiah Complex“ bezeichnet) knüpft stilistisch zunächst einmal an die beiden vorangegangenen Teile an. Gespielt wird wieder ein tief in Melancholie gehülltes Konglomerat aus Gothic Metal mit Proto-Tupfern und FLOYDigen Klangflächen, wobei die drei (ja, nur drei) „richtigen“ Songs der Platte noch einmal gedämpfter und in sich gekehrter wirken wie auf den beiden vorangegangenen Teilen der Trilogie. Das geht so weit, dass sämtliche Hard Rock-Anklänge der beiden Vorgänger quasi nur noch als Bodensatz wahrnehmbar sind. Das wiederum erlaubt den Norwegern um Goldkehlchen Kjetil Nordhus und Stein Roger Sordal noch einmal mehr Bewegungsfreiheit in Sachen Dynamik, was speziell im Titeltrack und dessen vergleichsweise explosivem Mittelteil wunderbar zum Tragen kommt.
Im Grunde wurde in den Besprechungen zu „Shores Of Melancholia“ und „Sanguis“ bereits ausgiebig über die Stärken des Sounds der Norweger gesprochen, was sich auch im Metal-Anteil der hier vorliegenden Veröffentlichung fortsetzt. Der Sound ist sensationell transparent, wirkt zu keiner Zeit gekünstelt und schwingt sich dank Nordhus‘ klarer, souliger Stimme regelmäßig zu überlebensgroßen Höhenflügen auf, die jedoch immer den Mantel der Melancholie tragen. Besonders fällt hier „Broken Souls, Common Enemies“ auf mit einem Refrain zum Abheben, mit dem Nordhus dank effektiv eingesetzter Backing Vocals durchaus das Herz zu bewegen vermag. Die gedämpfte Natur der hier präsenten Tracks machen „The Messiah Complex“ vielleicht gleichzeitig zu einem bittersüßen Finale, aber auch zu einer trostlosen Klimax.
Doch die Ambition hat auf „The Messiah Complex“ ein wenig überhand genommen …
Damit enthält „The Messiah Complex“ gut 21 Minuten Metal. Die übrigen, nicht ganz 17 Minuten der Platte werden durch „A Dark Poem – Orchestral Suite“ eingenommen. Hierbei handelt es sich um eine orchestrale Interpretation durch Flötistin Ingrid Ose und dem Kristiansand Symphonie Orchester und Opernchor. Diverse Motive aus der gesamten Trilogie werden hier in einer Suite erforscht und cineastisch in Szene gesetzt, was für sich genommen schon ziemlich ansprechend klingt. Im Kontext des Albums wirkt es aber ohne die Beteiligung sämtlicher Bandmitglieder isoliert, ein klassischer Fall, bei dem die pure Ambition überhand genommen hat und nicht durch gesunde Reflexion ausgebremst werden konnte. Als Gesamtwerk fühlt sich „The Messia Complex“ daher unausgeglichen und asymmetrisch an. Hier wäre eine Verschmelzung von Metal und Klassik besser gewesen, um die Suite in den Albumkontext einzuarbeiten.
Es ist also diese strukturelle Schwäche, die „The Messiah Complex“ wie eine EP mit Symphonie-Nachklapp erscheinen lässt. Das ist alles natürlich höchst ansprechend in Szene gesetzt, so wie man das von GREEN CARNATION nicht anders gewohnt ist, hätte aber eleganter und homogener gelöst werden können. Man muss ja nicht gleich in Symphonic Metal-Cheese abdriften, sondern kann durchaus anspruchsvollere Symbiosen zwischen Metal und Klassik kreieren. GREEN CARNATION wollten offenkundig mit „The Messiah Complex“ das große Ausrufezeichen als Finale ihrer „A Dark Poem“-Trilogie setzen und haben dies auch mit den drei regulären Tracks der Platte gemacht. Aber trotzdem fühlt sich die Trackliste seltsam „unvollständig“ an. Nach den beiden sehr guten Vorgängern liefern die Norweger hiermit also ein bittersüßes Finale – in mehr als nur einer Hinsicht …

Michael






























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