
„The Tarot Of The Bohemians – Part II” ist Kontinuität und Bruch zugleich. Fangen wir mit dem Bruch an: 2022 erlitt Gitarrist Ricardo Dias dos Santos einen fast tödlichen Unfall, in dessen Folge er auch für HEAVENWOOD einige Entscheidungen traf. Unter anderem, die Geschicke fortan alleine in die Hand zu nehmen. Sprich: Sänger Ernesto Guerra wurde wie auch alle anderen Musiker vor die Tür gesetzt, während der Maestro bis auf das Schlagzeugspiel einfach alle Parts selbst übernimmt – Songwriting, Arrangements, Gitarre, Bass, Gesang. Das hört man. Dazu aber gleich noch mehr.
Zweiter Teil von „The Tarot Of The Bohemians“
Womit wir bei der Kontinuität angelangt sind. Zunächst das Offensichtliche: Der Zusatz zum Titel („Part II“) bedeutet nichts anderes, als dass die Geschichte des vor ziemlich genau zehn Jahren veröffentlichten ersten Teils fortgeführt wird. Inspiriert wurden die Texte wieder von den Schriften von Gérard Encausse (Papus), wobei dieser zweite Teil den Abschluss markiert.
Aber auch musikalisch gehen HEAVENWOOD diesmal grundsätzlich keine neuen Wege: Die zehn Tracks lassen sich alle im weiten Feld des Gothic Metals verorten, wobei der Sound sehr viel harmonischer wirkt als noch beim ersten Teil: Die Songs haben durch den schrammeligen Gitarrenanschlag häufig einen natürlichen Flow und wirken in den Arrangements dichter und natürlicher. Die Gitarren sind nicht bis zum Übermaß verzerrt, kosten Harmonien aus und setzen immer wieder feine Melodien. Da bleibt es nicht aus, dass man als Hörer irgendwann anerkennend (oder durch die Wirkung der Musik) zu nicken beginnt, selbst wenn man zunächst noch etwas skeptisch war.
Bruch und Kontinuität
Schließlich hat „The Tarot Of The Bohemians – Part II” auch einen kleinen Negativpunkt: Ricardo Dias dos Santos ist nicht der geborene Sänger, und sein heiserer Grunzgesang wirkt etwas angestrengt. Wenn er aber, wie in „The Stars“, auf Klargesang umsattelt, klingt alles gleich viel lichter, auch weil sein Part teilweise durch schönen weiblichen Gesang gedoppelt wurde – ein kleiner, feiner Produktionskniff mit großer Wirkung. Abgesehen davon, dass der Track absolutes Hitpotential für die Gothic-Disco hat. Aber auch andere Stücke wie „The Sun“ überzeugen – selbst wenn Parallelen zu PARADISE LOST gezogen werden können und ein paar Harmonien von „Stairway To Heaven“ entlehnt sind. Allerdings: HEAVENWOOD haben daraus nicht nur etwas Eigenes gemacht, sondern auch einen kleinen Hit erschaffen. Weitere Höhepunkte sind der Opener „Death“ und „The Judgement“ mit dem Kinderchor im eingängigen Refrain.
Parallelen und Hitpotential
Ihr merkt schon: „The Tarot Of The Bohemians – Part II” ist richtig gut. Jedenfalls macht das Album über die gesamte Spielzeit von über 51 Minuten Spaß. Das liegt auch daran, dass es musikalisch einen recht breiten Bereich abdeckt, der mit Gothic Metal überschrieben werden kann, aber mal harsch, mal flowig daherkommt, manchmal sogar, wie in „The Fool“, grungiges Flair verbreitet. Schicker Song übrigens. Und dennoch klingt das Album nicht zerrissen, sondern wie aus einem Guss. Somit hat Ricardo Dias dos Santos offenbar die richtigen Entscheidungen getroffen – das Ergebnis in Form dieses Albums gibt ihm jedenfalls recht.

Heavenwood - The Tarot of the Bohemians - Part II
Eckart Maronde






























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