Vogelfrey - Wiegenfest

Review

Galerie mit 8 Bildern: VOGELFREY - Rockharz Open Air 2014

Ihr “Wiegenfest“ feiert die Hamburger Mittelalter Metal-Band VOGELFREY. Aber bei dem was auf diesem Album geboten wird kann man eigentlich kaum glauben, dass es sich tatsächlich um ein Debüt handelt.

Zunächst einmal ist festzustellen, dass das Sextett einen Trend aufgreift, der sich in der Szene mehr und mehr durchsetzt: Die traditionellen Elemente werden zurück gefahren und die Musik basiert hauptsächlich auf der Rock-Instrumentierung. Und so sucht man auch bei dieser Combo vergeblich nach exotischen Instrumenten. Das musikalische Gerüst wird von Gitarre, Bass und Schlagzeug bereit gestellt. Dies hat zur Folge, dass das gesamte Material wesentlich heftiger rüber kommt als das bei Genrekollegen der Fall ist. Hier kann man guten Gewissens auch einmal bangen, ohne das es unpassend erscheint. Im Gegenteil: Aggressive Up-Tempo-Nummern wie das schon fast thrashige “Feenfleisch“ lassen fast keinen anderen Tanzstil als das kollektive Haareschütteln zu. Diese Mode im der modernen Mittelalter-Musik nahm bei Bands wie INGRIMM ihren Anfang. VOGELFREY indes steigern sie nun auf einen neuen Höhepunkt, indem sie als Kontrapunkt theatralisch-orchestrale Elemente einsetzen.

Denn ganz ohne spezielle Instrumente kommen auch die Hamburger nicht aus. Wobei Cello und Geige im Gegensatz zu speziellen Nachbauten folkloristischer Instrumente erfrischend bodenständig daher kommen. Diese Instrumente sind es, die den Charme des Werkes ausmachen. Denn die Streicherfraktion aus Johanna und Alex schafft es, Atmosphären zu zaubern, wie man sie fast nur aus der klassischen Orchestermusik kennt. Diese klanglichen Welten werden dann von Sänger Jannik mit seiner fantastischen Stimme zum Leben erweckt. Mit seiner charismatischen Art zu singen gleicht er einem singenden Märchenerzähler. Man kann gar nicht anders, als ihm förmlich an den Lippen zu hängen. Und als wäre das noch nicht genug, setzt er sein Instrument auch noch künstlerisch-wertvoll ein, so dass man sich beispielsweise bei “Heldentod“ fragt, warum er einen Stil anschlägt, der gar nicht zu den Lyrics passt, bis die Geschichte ihre Wendung nimmt. In den cleanen Parts erinnert er in dieser gesanglichen Art phasenweise an Rico Ihling (ex-MORGENSTERN). Jedoch wirkt Janniks Stimme deutlich reifer und besser ausgebildet. So meistert er auch die hin und wieder auftauchenden Shouts mir Bravour und in “Belsazar“ beweist er, dass er sogar den Sprechgesang beherrscht.

Auch was die Auswahl des Materials angeht, setzen VOGELFREY auf eine gelungene Mischung von Historie und Moderne, von hart und zart, von ernsten Themen und Spaß-Texten. Einzelne Titel dabei hervorzuheben, fällt hingegen schwer. Eigentlich hätte es jeder einzelne Track auf “Wiegenfest“ verdient. Exemplarisch seien hier vielleicht trotzdem drei genannt. “Heldentod“ ist eine eingängige Rock-Nummer, die eine tolle Geschichte mit wenigen Mitteln gelungen rüber bringt, während “Feenfleisch“ eine aggressive Up-Tempo-Nummer ist, die zudem textlich die Mittelalter- und Fantasy-Szene gelungen auf die Schippe nimmt. Es werden aber auch ernstere, historische Themen verarbeitet, wie im genialen “Blutgericht“, das die Thematik und einzelne Textpassagen von Heinrich Heines Gedicht “Die schlesischen Weber“ aufnimmt. Was die Songwriter noch dazu gedichtet haben, passt sich so harmonisch in das Konzept des Lyrikers ein, dass man meint, der Text würde komplett von ihm stammen. Das gelingt ihnen übrigens auch auf musikalischer Ebene. Denn wenn sie, wie etwa in “Puella Rufa“ traditionelle Melodien, die ob ihrer limitierten Anzahl doch schon arg strapaziert sind, einbauen, dann umgeben sie diese so gelungen mit eigenem Material, dass der Hörer nicht für eine Sekunde an die Vertonungen bekannterer Bands denkt.

VOGELFREY schaffen es einfach, eine gelungene Melange aus Traditionellem und Modernem zu kreieren. Kombiniert man dies dann noch mit der erfrischend einfachen und eingängigen Instrumentierung auf “Wiegenlied“ und den sehr atmosphärisch-dichten Tracks mit ihren erzählenden Texten, dann erhält man eines der besten Debüts der Mittelalter-Szene. Dabei gibt es nur wenig Luft nach oben. Die sechs Musiker müssen mit ihren Live-Darbietungen und ihren nächsten Veröffentlichungen nur beweisen, dass sie dieses Niveau halten können und dann sollte einer großen Karriere nichts mehr im Wege stehen.

31.10.2010

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1 Kommentar zu Vogelfrey - Wiegenfest

  1. Anonymous sagt:

    "Große Karriere", wie nett:-D Bei solchen Bands bin ich immer misstrauisch, egal, ob sie nun "exotische" Instrumente spielen oder simpel die elektrischen Klampfen bedienen. SALTATIO, FEUERSCHWANZ, SCHELMISH und andere trunkene Barden haben das Niveau einfach soooo niedrig angesetzt, dass ich immer froh bin, wenn die nackten Wilden überhaupt in der Lage sind, sich auf der Bühne zurechtzufinden.