At The Gates
Ein Death Metal-Requiem
Special
AT THE GATES – Ein Death Metal-Requiem – Das meint die Redaktion zu „The Ghost Of A Future Dead”.
Einleitung
Review: Patrick Olbrich
Review: Marcel Schlensog
Review: Jannik Kleemann
Review: Johannes Werner
Review: Oliver Schreyer
Fazit
Einleitung:
Der Tod von Tomas „Tompa“ Lindberg, dem Sänger von AT THE GATES, steckt uns allen in den Knochen. Dass die Band es geschafft hat, das Album posthum zu veröffentlichen, schmerzt, aber es ist auch ein Abschied. Manchmal ist es gut, Abschied zu nehmen. Manchmal nicht. Und manchmal haben wir keine Wahl. Viele der Redakteur:innen von metal.de haben eine echte Bindung zu AT THE GATES. Diese gestaltet sich sehr unterschiedlich, denn so divers die Diskografie der Band ist, so divers sind auch die Berührungspunkte der einzelnen Personen. Die Alben werden völlig unterschiedlich abgefeiert und die Highlights sind für jeden durchaus andere. Wie auch immer sich das gestaltet, AT THE GATES haben immer einen Platz in unserem Leben gehabt und das wird auch so bleiben.
Wir haben nun versucht, das Album trotz seiner schwierigen Konnotation auch musikalisch zu betrachten, und fünf Redakteure haben hierzu ihre Gedanken zusammengetragen. In diesem Fall ist es gewollt, dass jeder auch etwas persönlicher über den Einfluss der Band spricht. Zudem ist es ein Prozess, durch den das neue Album wächst, sodass man, wie Marcel, statt der 8 Punkte im Soundcheck noch einen drauflegen kann.
Wir wünschen euch dieses Mal keinen Spaß beim Lesen – dafür ist das einfach zu traurig. Wir hoffen aber, dass wir euch das neue Album aus verschiedenen Perspektiven näherbringen können.
(OS)
Review Patrick:
Es waren schon ein paar Songs zum Nachfolger von „The Nightmare Of Being“ im Kasten, als die Nachricht um Tompa Lindbergs schwere Krankheit alles veränderte. Der Gedanken eines gerichteten Songwritings unter der Drohkulisse, der Schwede könne diesen Kampf seines Lebens vielleicht nicht überstehen, wirkt schier unerträglich. Im September 2025 holt die harte Realität AT THE GATES schließlich ein: Lindberg ist verstorben und „The Ghost Of A Future Dead“ mit schaurig bezeichnendem Titel wird zumindest im Sinne des Sängers posthum veröffentlicht.
Dieser real gewordene Alptraum schwingt wie ein Damoklesschwert über dem Album, aber das, ohne despektierlich wirken zu wollen, auch aus einem positiven, oder man nenne es wirkungsvollen Blickwinkel. Schließlich ist Anders Björler (Gitarren und Songwriting) wieder mit von der Partie und es soll wieder deutlich stärker in Richtung des ikonischen „Slaughter Of The Soul“-Albums gehen. Schon 1995 brachte diese unwahrscheinliche Intensität die Luft zum Brennen und über dem Göteborg-Flitzeborgen prangte diese tiefgreifende Melancholie.
In „The Ghost Of A Future Dead“ darf man drastischer formulieren, denn manchmal ist es nicht mehr nur aufwühlender Weltschmerz. Es ist eine tiefe Traurigkeit, die AT THE GATES insbesondere bei Songs wie „Of Interstellar Death“, „Tomb Of Heaven“ oder „Black Hole Emission“ auslösen. Das natürlich einerseits, weil Lindberg diese Stücke nur Stunden vor einem operativen Eingriff einsang, der seine einzigartige Stimme für immer verstummen lassen sollte. Auf der anderen Seite ist das achte Album der Göteborger auch musikalisch ein wahnsinniges Statement.
Das klassische Gitarrenduo aus Björler und Martin Larsson lässt schon bei „The Fever Mask“ keinen Zweifel daran, dass die latent nachdenklichen Harmonien, mit denen AT THE GATES stets arbeiten und die schon mit „Cold“ viele Hörer:innen im wahrsten Sinne des Wortes eiskalt erwischten, wieder vorhanden sind. Einfach nichts verlernt. Legt sich dann zum letzten Mal das heisere Organ Lindbergs über die kaltherzige Soundlandschaft, dann ists ganz vorbei.
Häufig ist Promomaterial der obligatorische Staubsaugerverkauf an der Haustür, doch dass die einzelnen Bandmitglieder hier von ganzem Herzen etwas Großartiges für ihren inzwischen verstorbenen Sänger abliefern wollten, ist mit jeder Note spürbar.
9/10
Review Marcel:
Als ich mich immer mehr für Extreme Metal interessierte und die härteren Spielarten Zugang zu meinen Ohren erlangten, waren die Melo-Death-Legenden AT THE GATES maßgeblich daran schuld, dass dies so gut funktionierte. „At War With Reality“ war etwa zu dem Zeitpunkt erschienen, als ich mich diesem Genre immer intensiver hingab und die Band ihr großartiges Comeback feierte.
Und als wäre dieses Album nicht schon stark genug gewesen, begab ich mich auf eine Zeitreise in die Vergangenheit, um – leider viel zu spät – Meilensteine wie das fantastische „With Fear I Kiss The Burning Darkness“ oder das legendäre „Slaughter Of The Soul“ zu verschlingen. Es folgten etliche Konzertbesuche mit diesem einzigartigen Sound. Selbst das etwas sperrige „The Nightmare Of Being“ konnte nur ansatzweise daran rütteln, wie sehr ich diese Band respektiere und mag.
Doch dann wurde es still, und vereinzelt drangen unschöne Nachrichten über den Gesundheitszustand von Tompa nach außen. Leider erlag er schließlich seiner langen Krankheit. Ein ungutes Gefühl von Vergänglichkeit machte sich breit, da das Jahr 2025 ohnehin schon viel zu viele Legenden verabschiedet hatte. Als bekannt wurde, dass die Band kurz vor seinem Tod noch ein Album aufgenommen hatte, war klar: Dieses Werk würde aufgrund seines emotionalen Hintergrunds niemals neutral betrachtet werden können.
Am 20. Februar war es dann so weit: Mit „The Fever Mask“ erschien der erste Vorbote auf YouTube. Der dicke Kloß, der sich dabei in meinem Hals bildete, dürfte ungefähr die Größe eines Golfballs gehabt haben. Es mag abgedroschen klingen, da jegliche Promo oft damit wirbt, dass eine Band „all ihre Stärken vereint“ – aber bei „The Ghost Of A Future Death“ (was für ein Titel!) ist dies schlichtweg der Fall.
Die in dunkelgetränkter Flüssigkeit fließenden Melodien erkämpfen sich jede nur mögliche Erhabenheit und werden von Tompas einzigartigen Vocals getragen. Vom Artwork und den Visualizern über die musikalische Qualität bis hin zum zutiefst respektvollen Umgang der Band mit Tompas Erbe – hier wurde ein Gesamtkunstwerk erschaffen, das uns die Band als finale Hinterlassenschaft übergibt.
Vergangenheit, Gegenwart, Vergänglichkeit und ein beeindruckendes Lebenswerk sind die Begriffe, die dieses Album in den Raum stellt. Es lässt uns im Hier und Jetzt zurück – mit einer großen, offenen Frage für die Zukunft, aber getragen von einem zeitlosen Klang.
9/10
Review Jannik:
Die Einleitung zu einer Plattenkritik der neuen AT THE GATES liest sich vermutlich meistens ähnlich: Es ist das letzte Album mit Sänger Tomas „Tompa“ Lindberg, der vergangenes Jahr viel zu früh starb. Die Gesangsspuren nahm er kurz vor einem längeren Krankenhausaufenthalt auf, sodass die Scheibe auf jeden Fall im Kasten ist – hatte er eine düstere Vorahnung?
Dennoch müssen wir unabhängig der besonderen Umstände in das Album reinhören. Der Vorgänger „The Nightmare Of Being“ war sehr verkopft und schwer zugänglich und rotiert bei diesem Schreiberling deutlich seltener als die beiden Vorgänger „At War With Reality“ und vor allem „To Drink From The Night Itself“ mit seinem grandiosen Titeltrack.
AT THE GATES und Tompas Requiem
Mit Anders Björler übernahm ein alter Bekannter die Gitarre von Jonas Stålhammar. Ist „The Ghost Of A Future Dead“ also eine Rückbesinnung auf alte Tugenden?
Das kann man so nicht sagen, aber es ist eine kurzweilige Angelegenheit. Der komplizierte Ansatz des Vorgängers ist verschwunden und es gibt reichlich Prügel. Trotzdem halten AT THE GATES es organisch und liefern nicht zwölf Double-Bass-Gewitter, sondern experimentieren auf gelungene Art und Weise mit ihrem Sound. Man höre sich „In Dark Distortion“ an, das Eingängigkeit und Progressivität miteinander zu einem stimmigen Ganzen verwebt.
Auch im weiteren Verlauf des Albums finden sich immer wieder Momente zum Aufhorchen und Innehalten: „Tomb Of Heaven“ hat wahnsinnig gute Leadgitarren, ein tolles Solo und transportiert eine melancholische Atmosphäre zum Genießen und das abschließende „Black Hole Emission“ bekommt mit „Forgangligheten“ eine standesgemäße, akustische Einleitung.
Nichts auf der Platte klingt nach Abschied und das ist auch gut so: Tompa hätte nicht gewollt, dass seine letzte Performance mit seiner Krankheit verbunden wird. Seine Vocals sind rau, kratzig und präsent wie eh und je.
„The Ghost Of A Future Dead“ soll nicht die letzte AT THE GATES sein
Letzten Endes entscheiden AT THE GATES selber, wie es mit der Band weitergeht, doch da „The Ghost Of A Future Dead“ wieder deutlich besser als sein Vorgänger ist, wäre es schade, wenn die Band sich auflösen würde. Tompa kann und muss man nicht ersetzen – doch es gibt viele Sänger:innen auf der Welt, die dem Schweden-Sound ihre eigene Duftmarke aufdrücken können, ohne das Erbe zu verraten. Dass das funktionieren kann, zeigten jüngst NEVERMORE.
8/10
Review Johannes
Es schmerzt.
Zu wissen, dass die Charakterstimme, die einen in spätpubertären Verzweiflungsphasen zwischen Weltschmerz, Misanthropie und ein klein wenig romantisierender Sehnsucht mit ihren genialen Texten so abgeholt hat, nie wieder neues Material veröffentlichen oder auf einer Bühne stehen wird, ist verdammt traurig. Und das ist nur die Trauer eines Fans. Nicht auszudenken, was alle, die Tompa persönlich nahestanden in den letzten Monaten durchmachen mussten.
Der überwältigende Schatten, den der viel zu frühe Tod von Tomas Lindberg im vergangenen September über das sarkastisch betitelte “The Ghost Of A Future Dead” legt, macht deutlich, dass es zumindest dem Schreiber dieser Zeilen nahezu unmöglich ist, die nun erscheinende Platte wie ein normales Album zu betrachten. Denn das kann sie gar nicht sein.
Kein gewöhnliches Album
Dass Tompa seine Gesangsaufnahmen einen Tag vor seiner OP erledigte, ohne zu wissen, ob er die Veröffentlichung des Albums überhaupt erleben wird, hört man ihm nicht an. Künstler und Profi durch und durch, klingt einer der großartigsten Frontmänner unserer Zeit so gut wie zuletzt auf “At War With Reality”. Genau wie auf jenem Nackenbrecher vor zwölf Jahren haben sich AT THE GATES für ihre Wiedervereinigung mit Ur-Gitarrist Anders Björler ein Dutzend absolut treffsicherer Uffta-Death-Metal-Geschosse in bester “Slaughter Of The Soul”-Manier ausgedacht, die nach den zunehmend progressiven Alben der jüngeren Vergangenheit bei aller Tragik eine Wohltat sind. Zwar kommen die Schweden nicht ganz an das monströse Riffgewitter aus 1995 an, aber ein letztes Mal die Kombination aus den messerscharfen Riffs der Björler-Zwillinge und dem galligen Keifen Lindbergs zu hören, treibt einem doch so manche Träne durch die Augen.
Abgesehen davon, dass es der Band erneut gelungen ist, auf “The Ghost Of A Future Dead” keinen einzigen schlechten Song zu packen, demonstrieren AT THE GATES ein letztes Mal, wie wegweisend und einflussreich sie waren. Es zeigt, dass Tompa nicht nur eine der wichtigsten Personen in der gesamten Death-Metal-Geschichte war, sondern auch einer der größten Intellektuellen im Metal überhaupt. Danke für unzählige wichtige Momente mit deiner Musik!
(10/10)
Review & Reflexion Oliver
Zum Review geht es hier – unten findet ihr noch ein paar persönliche Zeilen zum Einfluss der Band auf Gedankengänge, Persönlichkeit und musikalische Entwicklung.
Als AT THE GATES damals „Terminal Spirit Disease” veröffentlichten, war der Weg zum Prototypen des modernen Melodic Death Metal eigentlich bereits geebnet. Es war der Einstieg und der Beginn einer ewigen Liebe. Der Titeltrack „Terminal Spirit Disease” lief damals auf MTV und eröffnete eine neue Welt des Extreme Metal. Beim Konsum der EP ist eine Gänsehaut und ein Anflug von Nostalgie vorprogrammiert. Immer noch.
Besonders die ersten beiden Alben „The Red In The Sky Is Ours” und „With Fear I Kiss The Burning Darkness” übten damals eine extreme Faszination aus, die bis heute anhält. Der unverkennbare Stil, der wütende, kehlige Gesang, der markerschütternd fasziniert, und auch die Texte, die schwarz und nihilistisch zwischen Philosophie und bildhafter Metaphorik neue Horizonte öffneten, haben AT THE GATES zu etwas ganz Besonderem gemacht. Die unzähligen Male, die diese Alben liefen, haben ihre Spuren hinterlassen, und noch heute klingt jeder Songtext der ersten vier Veröffentlichungen im Gedächtnis nach, wenn die Scheiben laufen.
Auch wenn sich die Band im Laufe der Zeit von avantgardistischen Anfängen hin zum Melodic Death Metal entwickelt hat, war und ist ihr Einfluss auf die gesamte Szene maßgeblich. Vor allem die Veröffentlichung von „Slaughter Of The Soul” ebnete den Weg für ein komplett neues Genre. Wenn man in diese Zeit zurückblickt, findet man unzählige Bands, die von diesem Stil beeinflusst wurden.
Ich selbst konnte die Band in ihrer Anfangszeit nie live erleben und bin bis heute traurig darüber, dass ich 1993, als sie mit MY DYING BRIDE auf Tour waren, einfach zu jung war.
Das Erbe, das uns AT THE GATES hinterlassen haben, ist immens. „The Ghost Of A Future Dead” reiht sich da nahtlos ein. Die Diskografie ist musikalisch überragend, die stilistische Entwicklung ist unüberhörbar und die Alben enthalten so viele ergreifende Momente, die sie auch heute noch so relevant machen.
Auch wenn dieses Kapitel jetzt zu Ende geht, werden die großartige Musik, die Texte und die Songs mit allem, was dazugehört, für immer ein existentieller Bestandteil des Lebens bleiben.
(OS)
FAZIT:
Alle Mitglieder der Redaktion, die an diesem Spezial mitgewirkt haben, sind sich einig, dass das Album eine klare Daseinsberechtigung besitzt und mehr ist als nur Resteverwertung und Geldmacherei. Die Wertungen bewegen sich allesamt im oberen Bereich und reichen von zweimal 8 Punkten über zweimal 9 Punkten bis zu 10 Punkten von Johannes. Wir sind uns dessen bewusst, dass wir hier auch ein Lebenswerk und nicht nur die Platte an sich bewerten.
Wir sind uns einig, dass „The Ghost Of A Future Dead” in keiner gut sortierten Metal-Sammlung fehlen darf. Es ist der Abschluss einer Ära und musikalisch auf einem derart hohen Niveau, dass niemand daran vorbeikommt.
(OS)
