Verantwortung zwischen Chartplatzierung und biergetränkte Bühnen

Special

Diesmal in Metal Minds: The Pit Unplugged: David Frings und Chris Hell von FJØRT. Die beiden zeichnen ein vielschichtiges Bild: Die aktuelle Platte „belle époque“ steht für eine düstere, aber reflektierte Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Entwicklungen, während die unerwartete Chartplatzierung vor allem als Ausdruck von Vertrauen und Unterstützung aus der Szene verstanden wird. Gleichzeitig blickt die Band auf die intensive be fjørt-Tour zurück, die zwischen aufwendiger Produktion und roher Ekstase oszillierte. Immer wieder kehrt das Gespräch zu einem zentralen Punkt zurück: dem Spannungsverhältnis zwischen wachsender Größe und dem Bedürfnis nach Nähe, Gemeinschaft und Authentizität, weshalb FJØRT bewusst den Schritt zurück in kleine Clubs wählt. Diese kleinen selbstverwalteten Clubs, die das Herz der Szene sind und Musik als Gemeinschaft erfahrbar machen, statt sie nur konsumierbar zu halten.

Im Gespräch wird neben der inhaltlichen Tiefe von „belle époque“ auch die instrumentale Ausgestaltung unter die Lupe genommen, denn die entzieht sich der gängigen Hook-Logik und arbeitet bewusst mit Gegensätzen. Ab in den Pit mit euch!

Platz zwei der deutschen Albumcharts, ausverkaufte Hallen, die bislang größte Tour der eigenen Bandgeschichte. Objektiv betrachtet befindet sich FJØRT auf einem Höhepunkt. Subjektiv wirkt es jedoch so, als würden sie genau in diesem Moment bewusst gegensteuern. Statt den eingeschlagenen Weg konsequent in Richtung größer, weiter, lauter auszubauen, wie man das in einem Business so tut, zieht es die Aachener zurück in kleine, selbstverwaltete Clubs, dorthin, wo Schweiß von der Decke tropft und Distanz zwischen Bühne und Publikum praktisch nicht existiert.

Der Impuls dafür entsteht nicht aus Kalkül, sondern aus einem Gefühl. Nach der intensiven Phase rund um „belle époque“: Schreiben, Produzieren, Veröffentlichen und schließlich die umfangreiche be fjørt-Tour, beschreibt die Band rückblickend eine Art Meilenstein-Run, dessen Dichte sich erst im Nachgang zeigt. „Zum ersten Mal so: Huch, was ist eigentlich alles passiert?“, formulieren sie diesen Moment des Innehaltens selbst.

Die Antwort darauf ist kein weiterer Eskalationsschritt, sondern eine bewusste Reduktion. Drei Clubshows, unter 200 Personen, Tickets möglichst günstig. Eine Rückkehr zu den Bedingungen, unter denen FJØRT einmal begonnen hat. Im Podcast erinnern sich David Frings (Gesang, E-Bass) und Chris Hell (Gesang, Gitarre) zurück. Damals waren da null bis sieben Menschen bei der Show, und sie wünschten sich, dass sich die Sache des Musikmachens wenigstens selbst trägt und sie keinem selbstverwalteten Jugendzentrum zur Last fallen. Die Rückbesinnung im Rahmen der RÉANIME Tour passiert nicht aus Nostalgie, sondern aus echter Verbundenheit zur Szene, zu den Menschen und zur Sache selbst.

FJØRT: Zwischen DIY-Realität und Chartplatz zwei

Dass „belle époque“ im Februar direkt auf Platz zwei der deutschen Charts eingestiegen ist, wirkt im Kontext dieser Haltung beinahe widersprüchlich. Für die Band selbst ist es vor allem eines: schwer erklärbar. „Hat keiner gecheckt, warum?“, sagt David nüchtern. Und weil das alles so paradox für die Aachener erschien, sind sie auf Ursachensuche gegangen.

Die naheliegende Erklärung liegt weniger in der algorithmischen Reichweite als in einer Form des Vertrauens, das sich über Jahre hinweg aufgebaut hat. Ein erheblicher Teil der Verkäufe basiert auf physischen Preorders. Das heißt: Menschen kaufen eine Platte, ohne sie zuvor gehört zu haben. Ein Vorgang, der in einer durch Streaminglogiken geprägten Musikwelt beinahe anachronistisch wirkt.

„Du weißt gar nicht, was es ist. Aber die Leute sagen: Wenn FJØRT was rausbringt, will ich das haben“, beschreibt David diesen Mechanismus völlig baff. Chris wiederum verweist auf die Absurdität der Situation im Allgemeinen: Eine sperrige, unangepasste Hardcore-Band aus Aachen findet sich plötzlich im gleichen Chartumfeld wie etablierte Mainstream-Acts wieder. Dieser Kontrast erzeugt weniger Stolz als vielmehr ein amüsiertes Staunen.

„belle époque“ als oszillierende Zustandsbeschreibung

Inhaltlich und musikalisch verweigert sich „belle époque“ konsequent einfachen Zugängen. Die Platte ist kein Album im klassischen Sinne, das auf Wiedererkennung oder auf eingängige Strukturen setzt. Stattdessen entfaltet sich dieses facettenreiche Kunstwerk als dichte, oft unbequeme Zustandsbeschreibung einer Gegenwart, die von Widersprüchen geprägt ist.

Ausgangspunkt ist eine Welt, in der vieles möglich wäre, dieses Potenzial jedoch immer wieder ungenutzt bleibt. Die Band beschreibt das als Spannungsfeld zwischen Erkenntnis und Handlung oder, zugespitzt: zwischen Wissen und tatsächlicher Konsequenz.

Auf „belle époque“ gelingt es der Band, die Zustandsbeschreibungen in eine klangreiche Struktur zu überführen, die fern ab jeglicher Chatchy-Logik liegt. Stattdessen entstehen Songs aus Klangzuständen. Dissonanzen, rhythmische Verschiebungen, gezielte Brüche, das Spiel mit Dynamik und hier und da werden Noiseflächen zu tragenden Elementen. Und das funktioniert, weil es echt ist, weil es die Band wie die Fans berührt und etwas auslöst. Und genau das soll Musik können.

Diese festgestellte Komplexität reduziert sich auf eine einfache Formel: „Es zündet oder es zündet nicht“, erklärt David. Dass dabei ein Großteil des Materials verworfen wird, ist Teil des Prozesses. Die Band spricht selbst davon, dass rund 99 Prozent der Ideen nicht auf der Platte landen. Übrig bleibt nur das, was im eigenen Empfinden eine bestimmte Intensität erreicht. Ein Selektionsprinzip, das intern mit einem gewissen Augenzwinkern als „Scheiße-Schranke“ bezeichnet wird.

Kreativer Prozess: Die „Scheiße-Schranke“

Die Entstehung der Songs folgt dabei keiner linearen Logik. Zunächst steht das Instrumentale, aus dem sich häufig bereits eine emotionale Richtung ableitet. Textliche Ideen entstehen anschließend im Wechselspiel zwischen individueller Perspektive und kollektiver Überarbeitung. Dieser Prozess kann sich über Monate hinziehen und ist geprägt von fortwährendem Hinterfragen. Bemerkenswert und sicherlich nicht ohne ist, dass sich FJØRT bewusst der Wiederholung ihrer eigenen Muster verweigert. Was in früheren Phasen noch als gelungen galt, wird heute verworfen, wenn es keine neue Reibung erzeugt. Diese kontinuierliche Selbstinfragestellung führt dazu, dass sich die Band ästhetisch immer weiter öffnet, ohne dabei ihren Kern zu verlieren.

Live: Präzision und Kontrollverlust zugleich

Die be fjørt Tour überträgt diese Haltung in den Live-Kontext. Auf der einen Seite steht eine bis ins Detail ausgearbeitete Produktion: Lichtdesign, Videoprojektionen, dramaturgisch präzise gesetzte Übergänge. Die Setlist folgt einer klaren inneren Logik, die über Wochen hinweg feinjustiert wurde. Auf der anderen Seite bleibt der zentrale Moment unangetastet: Kontrollverlust.

„Wir schalten einen Song an und klicken unsere Köpfe aus“, beschreibt David die Situation auf der Bühne. Diese Gleichzeitigkeit aus maximaler Vorbereitung und bewusstem Loslassen prägt die Wirkung der Shows. Das Publikum wird nicht dirigiert, sondern reagiert. Die Energie entsteht nicht durch Interaktion im klassischen Sinne, sondern durch eine Form kollektiver Verdichtung.

Chris beschreibt diesen Kontrast eindrücklich, wenn er die aktuellen Shows mit den Anfängen der Band vergleicht: von Auftritten ohne Bühne und mit wenigen Menschen bis hin zu Hallen, deren Dimensionen an „Fußballfelder“ erinnern. Das ist für FJØRT nicht selbstverständlich.

Gemeinschaft als Gegenentwurf

Ein zentrales Thema, das sich sowohl in der Platte als auch im Gespräch durchzieht, ist der Zustand gesellschaftlicher Fragmentierung. Die Band beobachtet eine zunehmende Abkehr von gemeinschaftlichen Strukturen hin zu stärker individualisierten Perspektiven.

Gleichzeitig erlebt FJØRT auf Tour das Gegenteil: eine funktionierende Gemeinschaft im Kleinen. Menschen, die aufeinander achten, die Räume schaffen, in denen Zusammenhalt tatsächlich praktiziert wird. Diese Erfahrung relativiert den Pessimismus der Platte, ohne ihn aufzuheben. Diese Erfahrung und das Erleben dieser Gemeinschaften machen Mut.

Die Entscheidung für die anschließenden Clubshows lässt sich auch vor diesem Hintergrund gut verstehen. Es geht nicht nur um musikalische Intimität, sondern auch um die bewusste Rückkehr in Räume, in denen diese Form von Gemeinschaft und Verbundenheit unmittelbar erfahrbar ist.

Es geht um Nähe, um Direktheit, um die Möglichkeit, Musik wieder als gemeinsamen Moment zu erleben und nicht als konsumierbares Produkt. Eine Szene aus dem Gespräch bringt diese Dynamik auf den Punkt: Nach einer kleinen Show legt ein Besucher einen Geldschein auf den Merch-Tisch, ohne dafür etwas zu verlangen. Seine Begründung ist schlicht: Er wolle, dass die Band weitermacht. Solche Momente lassen sich schwer in klassische Kategorien von Fanbindung oder Marktmechanismen einordnen. Sie verweisen vielmehr auf eine Beziehung, die über reinen Konsum hinausgeht, und unterstreichen, wofür Musik im Kern steht: Verbundenheit und Gemeinschaft.

Galerie mit 28 Bildern: FJØRT - nichts hat mehr bestand Tour 2023
Quelle: Interview David Frings und Chris Hell 15.04.26
19.04.2026

Musik ist mehr als Klang: Sie erzählt von Leben, Leidenschaft, Aufbruch und Ankommen. Sie ist Kunst: roh, echt und einzigartig. Ihre Bedeutung entfaltet sich im Resonanzraum zwischen uns und der Welt. Come as you are!

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