
Wenn Talent nicht reicht: strukturelle Ungleichheit in der Musikindustrie
Special
Frauen und FLINTA sind in den letzten Jahren in der öffentlichen Wahrnehmung der Musikszene präsenter geworden. Doch trotz dieser Entwicklung haben sich die strukturellen Machtverhältnisse in der Branche deutlich langsamer verändert. Wer Entscheidungen trifft, wer Ressourcen kontrolliert und wer langfristig von kreativer Arbeit profitiert, folgt weiterhin Mustern, die historisch gewachsen sind. Warum das so ist und welche Mechanismen diese Ungleichheit stabilisieren, zeigt ein genauerer Blick auf die Branche.
Die Musikbranche versteht sich gern als progressiv und offen, vor allem aber als meritokratisch: Wer Talent hat und hart arbeitet, setzt sich durch. Zumindest in der Theorie.
In der Praxis zeigt sich jedoch ein komplexeres Bild. Frauen und FLINTA, also Frauen, Lesben, inter, trans und nichtbinäre Menschen, sind zwar zunehmend sichtbarer auf Bühnen, bleiben aber in vielen Schlüsselrollen der Musikindustrie deutlich unterrepräsentiert: in Produktion, Technik, Labelstrukturen, Booking und Festivalprogrammierung.
Im Podcast „Metal Minds – The Pit Unplugged“ ist Anika Jankowski, Vorstandsmitglied von Music Women* Germany, zu Gast und spricht über strukturelle Mechanismen, die diese Ungleichheit stabilisieren, und darüber, warum Veränderung mehr braucht als gute Absichten.
Eine Branche als Spiegel der Gesellschaft
Für Ankia Jankowski beginnt das Problem nicht erst in der Musikindustrie selbst. Vielmehr reproduziert die Branche gesellschaftliche Strukturen. „Wir leben nach wie vor in einer Gesellschaft, die von patriarchalen Machtstrukturen geprägt ist“, sagt sie. Diese spiegeln sich auch im Musikbetrieb wider, etwa in Rollenbildern oder Instrumentenzuschreibungen.
Schon in der musikalischen Ausbildung zeigen sich erste Unterschiede. Mädchen greifen zwar genauso häufig zu Instrumenten wie Jungen, wählen jedoch häufiger Gesang oder Tasteninstrumente. Gitarren, Bass oder Schlagzeug gelten dagegen noch immer als „brachiale“ und damit männlich konnotierte Instrumente. Mit Beginn der Pubertät treten viele Mädchen aus solchen Instrumentenkarrieren aus.
Die Forschung beschreibt dieses Phänomen als „gendered role construction“: Kulturelle Erwartungen definieren bestimmte musikalische Rollen, etwa Komposition, Produktion oder Technik, implizit als männlich (Heilman & Caleo, 2018; Cannizzo & Strong, 2020). Die Folge ist eine strukturelle Arbeitsteilung: Frauen sind häufiger in performativen oder kommunikativen Rollen tätig, während Männer in technischen oder entscheidungsrelevanten Positionen dominieren (Sergeant & Himonides, 2022; Berkers et al., 2019).
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Diana Heinbucher
































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