
Kaltenberger Ritterturnier 2026
Special
Heavy Metal und Mittelalter. Mittelalter und Heavy Metal. Diese beiden Dinge gehören irgendwie zusammen und gleichzeitig haben sie nichts miteinander gemeinsam… Fast nichts.
Heavy Metal ist ein Kulturphänomen und nicht weniger als ein Generationen übergreifender Musikstil, der für die meisten Menschen mehr bedeutet, als auf die Playtaste zu drücken und sich berieseln zu lassen. Die Leidenschaft zum Metal bringen viele mit Bandshirts, langen Haaren und Kutten zum Ausdruck und sprechen praktisch in jeder freien Minute über das neue IRON-MAIDEN-Album oder die jüngsten Trennungsgerüchte bei ARCH ENEMEY.
Keine Zentralheizung im Winter
Das Mittelalter hingegen ist eine Epoche in der jüngeren Geschichte der Welt und wird auch als das dunkle Zeitalter bezeichnet. Die Menschen haben damals entweder in finsteren, kalten Gemäuern oder in Lehmhütten vor der Stadtmauer gehaust und waren den Jahreszeiten genauso ausgeliefert wie Kreuzzügen, räuberischen Überfällen oder Belagerungen.
Nebenbei hielten tödliche Krankheiten wie die Pest, eine Grippewelle oder der hölzerne Splitter im Fuß Einzug und das Geschick des Landes wurde meist im Zusammenspiel eines Autokraten und der Kirche geleitet, was – wie immer – auf Kosten der Bevölkerung ging.
Ausgerechnet dieses Zeitalter übt eine nicht schwindende Faszination auf die Menschen aus und praktisch über das ganze Jahr verteilt finden Burgfeste, Ritterturniere und mittelalterliche (Weihnachts-) Märkte statt, auf denen Gruppen und Schausteller zu sehen sind, die in traditionelle Gewandungen gehüllt, das Leben dieser düsteren Epoche nachstellen.
Ein Prinz wird zum König
Eine Mischung aus Turnier, Mittelaltermarkt und Festival bietet seit 1980 das KALTENBERGER RITTERTURNIER, das jedes Jahr im Juli auf dem Gelände des Schloss Kaltenberg stattfindet. Verantwortlich hierfür zeigt sich Prinz Luitpold von Bayern, dem während eines Aufenthaltes im Tower Of London die Idee kam, eine ritterliche Stunt-Show nach Deutschland zu holen.
Mittlerweile ist das Turnier zu einem Großevent angeschwollen, das neben einer professionellen Stuntshow eine jeweils speziell verfasste Story auf „die Bühne“ bringt und sich auch vor Spezialeffekten aus Licht, Feuer und Sound nicht scheut. Obendrein verbindet Kaltenberg aber die Gegenwart und die Vergangenheit auf beinah schon rührende Art und Weise. In jedem Jahr treffen wir Dauergäste und Künstlergruppen, die praktisch zum Inventar auf Schloss Kaltenberg gehören.
Man nehme zum Beispiel den Narr Wandelbar, der lasziven Augenkontakt zu den Besucherinnen aufbaut und schließlich gestenreich seine Schultern entblößt. Oder die Hexe Walpurga, die mürrisch über das Gelände streift und immer wieder zu einem kurzen – nicht ganz ernst gemeinten – Pöbeln verharrt.
Bands (!), Gaukler und Gaumenfreuden
Kaltenberg ist aber auch Heimat für Musikgruppen, die in aller Regel an einer traditionellen Präsentation der Liedkunst festhalten. Das gilt für das Instrumentarium aus Laute, Drehleier, Harfe und Schellenkranz genauso wie für die Optik. Wir schmelzen zum Beispiel geradezu dahin, wenn WEIBSVOLK in die Saiten hauen, die Flöten und Pfeifen blasen und rhythmisch vielseitige Arrangements liefern. Gekrönt wird der Auftritt mit mehrstimmigem Gesang, in aller Regel auf Mittelhochdeutsch.
Entzückend ist auch das Duo CONFILIUS. Ein Gauklerpaar aus Mutter und Sohn, die neben Jonglage auch mit eigenen Songs aufwarten, die wir getrost als ritterlichen Prog-Folk bezeichnen können. Weltmusik gibt es von ORO, deren Musiker:innen seit vielen Jahren in der Szene bekannt sind und die sich auch an exotische Töne heranwagen und durchaus in der Lage sind, eine musikalische Brücke zwischen dem Orient und dem Okzident zu bauen.
Wenn es um Band-Setups für größere Bühnen geht, sind CORVUS CORAX die wohl bekanntesten Mitstreiter, die das Ritterturnier hervorgebracht hat. Der Gruppe wurde einst sogar eine eigene Bühne (die „Raben-Bühne“) gewidmet und auch wenn all der Dudelsack-Klamauk nicht die Geschmackszentren aller Besucher:innen trifft, machen die Gaukler durchaus Stimmung. In eine ähnliche Kerbe schlagen auch TANZWUT, wobei wir der Dudelsack-Eruptionen bald überdrüssig sind und uns dem Speisenangebot widmen.
Tradition trifft auf Bedarf
In den – zum Schloss Kaltenberg dazugehörigen – Restaurants herrscht seit Jahren das gleiche Bild: Leider wird Abwechslung auf der Speisenkarte hier anders verstanden, als wir es uns wünschen würden. Immerhin finden sich ganze drei warme Gerichte für Vegetarier:innen, die aber eher im Standardbereich liegen und vom anfänglichen Enthusiasmus zum Dauerbrenner geworden sind.
Interessanter sind da schon die unzähligen Stände, die sich über das gesamte Gelände verteilen. Wir können uns kaum zwischen Knödelsalat, Rahmbroten, (veganer) Ochsensemmel, Süßkartoffel-Pommes und Baklava entscheiden. Die Preise sind zwar nicht gerade im niedrigen Segment zu verorten, könnten für eine Veranstaltung dieser Größenordnung aber auch deutlich höher ausfallen. Dazu gönnen wir uns die ein oder andere Radler-Maß aus der königlichen Schloßbrauerei und schlendern über den Marktplatz, bis hin zum Schlosshof und bleiben immer wieder an einigen Ständen hängen.
Von traditioneller Handwerkskunst (Kerzenziehen, Seifenherstellung und Töpfern) bis hin zum Instrumentenbauer und einer Schmiede werden alle fündig, die ihren eigenen, mittelalterlichen Haushalt führen. Auch für das ritterliche und burgfräuliche Cosplay ist gesorgt. Wer sich schon lange mit dem Gedanken trägt, die eigene Garderobe um ein Kettenhemd oder ein samtenes Kleid mit Trompetenärmeln zu erweitern, wird auf dem KALTENBERGER RITTERTURNIER in jedem Fall fündig.
Heavy Metal im Mittelalter?
Wir eilen inzwischen weiter zur Waldbühne, auf der gleich DIE STREUNER spielen werden. Die Gruppe tritt bereits seit 1994 auf und bringt eine Mischung aus alten, vertonten Texten, eigenen Songs und einer guten Prise Heavy Metal auf die Bühne. Warum? Weil die Spielleute eine wirklich mitreißende Show liefern, die auch schon auf dem Hörnerfest funktioniert hat. Nebenbei versammelt sich standesgemäß eine treue Fangemeinde bei den Konzerten der STREUNER, in deren Reihen wir viele Bandshirts erblicken. Wer denkt, dass es sich dabei nur um Oberbekleidung von Acts wie SCHANDMAUL und FEUERSCHWANZ handelt, ist aber schief gewickelt. Wir machen ebenso liebevoll gestaltete Metal-Kutten und Shirts aus dem tiefen, unheiligen Black-Metal-Untergrund aus.
Nach der Show erzählt uns Langzeitmitglied, Sänger und Lautenspieler Pinto von der Geschichte der Band. Angefangen hat für ihn alles eher durch Zufall und das die Stimmung immer dann den Höhepunkt erreicht, wenn Pinto ein Sauflied ankündigt (Reaktion aus dem Publikum: „Hurra – nach endlich!“), findet er kein bisschen doof. Warum die Grenzen zwischen Heavy Metal und Mittelalter so fließend sind, wollen wir von ihm wissen. Eine Antwort hat er zwar nicht, vermutet aber, dass es etwas damit zu tun haben kann, dass beide Szenen offenherzig und tolerant sind.
Wir denken in diesem Zusammenhang an die oft zitierte Realitätsflucht beim Hören eines (Metal-) Albums in all seiner Pracht. Angefangen beim Artwork, einem ikonischen Bandlogo und/oder -maskottchen, bis hin zu liebevoll ausarrangierten Songs und Texten, kann man sich in der Tat in diesen Gesamtkunstwerken verlieren. Ähnlich ist es eben auch, wenn man für einen Tag die Gegenwart zurücklässt und ganz tief in die Geschichte eintaucht. Vielleicht kennen einige dieses Gefühl auch, wenn sie mehrere Nächte auf einem Festival campen und sich der Tagesrhythmus schnell an Stagetimes, Gaskocher und Dosenravioli anpasst. Ist das alleine schon Metal? Wir wissen es nicht!
Jubel!
Ein weiterer Höhepunkt ist der Umzug aller Gaukler- und Musikgruppen, Schausteller:innen und teilnehmenden Vereine über das Gelände. Die Gassen auf dem historischen Schloss Kaltenberg (ursprünglich erbaut im Jahre 1292) sind dicht bevölkert mit dem „Volk zu Kaltenberg“, weil alle einen Blick aus nächster Nähe auf den Kristallmagier, Maxx den Narren, die Wildschweinreiterinnen und wie sie alle heißen, erhaschen wollen.
Später findet dann das Turnier in der 1985 eigens errichteten Arena, die ca. 9.000 Menschen Platz bietet, statt. Die Geschichte wird moderiert und während einige Verflechtungen zwischen den Adelsgeschlechtern nicht immer unblutig in einem Ritterturnier ausgefochten werden, ist der eigentliche Star für viele der Schwarze Ritter. Immer wenn der Mann in Aktion tritt, grölt und jubelt seine Anhängerschar und schwenkt schwarze Fähnchen, während die andere Hälfte des Publikums pfeift und buht.
Wir schlendern währenddessen über das beinah ausgestorben wirkende Gelände, nehmen uns Zeit für einen Kaffee und tauchen in die zauberhafte Atmosphäre rund um die Waldbühne ein, wo es nach frisch entzündetem Lagerfeuer duftet.
Das KALTENBERGER RITTERTURNIER ist nicht nur eines der weltweit größten seiner Art. Es ist in seiner Gesamtheit ein Erlebnis mit einem vielfältigen Programm und Angebot, bei dem der Geldbeutel allerdings gut gefüllt sein muss. Öffnet man sich der Thematik in all seiner Pracht, bleiben ein paar vergnügliche Stunden im Mittelalter, an die wir uns gerne erinnern und auf die wir uns im nächsten Jahr wieder freuen!
Text: Marion Di Iorio, Oliver Di Iorio
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Oliver Di Iorio
































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