Dinner auf Uranos
Dinner auf Uranos

Interview

DINNER AUF URANOS haben die offizielle Nachfolge von NOCTE OBDUCTA angetreten und veröffentlichen dieser Tage ihr Debütalbum "50 Sommer – 50 Winter", ein beseeltes Werk, welches stilistisch irgendwo im Post-Rock/Progressive Rock beheimatet ist, und dabei sehr viele Facetten aufweist. Dynamisch, organisch, komplex, und doch das Ohr umschmeichelnd. Was es mit dem Album auf sich hat, klärten wir im Interview mit Marcel.

Dinner auf UranosWann und wie kamst du auf den Namen DINNER AUF URANOS, welche Bedeutung steckt dahinter?

Auf den Namen kam ich September 2006, nachdem wir mit NOCTE OBDUCTA seit Mai 2006 circa zwölftausend Bandnamen durch genudelt hatten, die aber immer irgendwem nicht passten. Letztlich kam es dann via Abstimmung, sehr zu meiner Freude, zu diesem Namen. Der Ursprung liegt allerdings im Frühling 1995 und ich weiß nicht, ob ich die exakten Umstände wirklich aufdecken will. Letztlich sind sie nämlich unglaublich uninteressant, und die einzige Tiefe und Bedeutung besteht darin, dass sie mich an eine unglaublich intensive Zeit erinnern, in der wirklich sehr viel passierte, was schließlich in NOCTE OBDUCTA / DINNER AUF URANOS / DIVERSE WEITERE PROJEKTE mündete.

Im Zusammenhang damit entstand übrigens auch der Grundstein für „Des schwarzen Flieders Wiegenlied“, „In einem Mittsommernachtsschatten“ (auch wenn da dann letztlich noch älteres Material einfloss) sowie der schwarzmetallische Block von „Und Pan spielt die Flöte“.

Das Ganze hat also letztlich weniger eine inhaltliche Bedeutung als vielmehr eine diffuse und sentimentale. Natürlich ist es aber kein Zufall, dass es ausgerechnet einer der äußeren Planeten schaffte und nicht irgendein anderer Eindruck, der sich damals eingefressen hat. Die unglaubliche Abgeschiedenheit eines solchen Gasriesen hat natürlich eine beeindruckende, trostlose, aber auch faszinierende Dimension, und das faktisch blödsinnige, weil nicht durchführbare Dinner, gibt dem Ganzen einerseits wieder das Leben zurück und führt andererseits die ganze Sache ad absurdum. Als symbolisch könnte man die Tatsache interpretieren, dass die Achse von Uranos gekippt ist, weshalb er praktisch nicht um die Sonne kreist, sondern rollt, aber das hat letztlich nicht den Ausschlag gegeben, wir wollen keinen per se programmatischen Namen, wir mögen nur die zufälliger Weise verborgene Programmatik im Keller.

Du siehst, es geht am Ende um keinerlei Bedeutung, sondern bloß um einen Namen. Wenn ich mein Kind Philip nenne, dann nicht, weil ich glaube, dass der Junge mal ein großer Pferdefreund wird (oder so aussieht), sondern weil ich den Namen mag. Aber weder habe ich ein Kind, noch würde ich es Philip nennen, da gibt es echt sehr viele Namen, die ich WIRKLICH mag … also … nun ja … ich mag es, wenn Namen keinen Sinn ergeben, sondern nur ein sehr vages Bild vermitteln. Man sollte nicht alles in Bedeutung ersäufen.

Mit „50 Sommer – 50 Winter“ habt ihr jetzt das erste Album unter dem Banner DINNER AUF URANOS, der Nachfolgeband von NOCTE OBDUCTA, veröffentlicht. Wie fühlst du dich dabei?

Ha, gute Frage. Erleichtert vermutlich. Weißt Du, wir haben dem Album zwar vor einem Jahr den letzten Schliff verpasst, aber letztlich wurde das Material ja vor fast drei bzw. zweieinhalb Jahren aufgenommen. Und es ist als Album absolut nicht das, was ich mir als mein nächstes Album nach den „Sequenzen einer Wanderung“ vorgestellt habe. Ich spreche hier ausdrücklich für mich, nicht für die Band.

Ich hätte mir ein Album gewünscht, das kälter, beklemmender, skurriler ist. Material wäre durchaus vorhanden, aber die jetzt vorliegende Auswahl hat sich schlicht durch die äußeren Umstände ergeben.

Das bedeutet absolut nicht, dass ich die Lieder als solche schwach finde. Ich finde sie eigentlich nicht einmal schlecht zusammengestellt. Ich hätte mir lediglich etwas anderes gewünscht, nachdem die letzte Aufnahme, die wirklich einen vorher gefassten Plan umsetzte, mittlerweile sechs Jahre zurückliegt.

Nachdem wir NOCTE OBDUCTA auf Eis gelegt hatten, haben wir uns ja ganz bewusst in den Proberaum oder die Heimstudios zurückgezogen, um einfach zu spielen und wieder Spaß an der Musik zu finden. Mit den Jahren entstand da natürlich ein enormer Fundus. Welche Lieder dann in verschiedenen Sessions letztlich als vollständige Songs auf Band landeten, entschied quasi der Zufall, es mussten alle Bandmitglieder Zeit haben, und dann nahm man eben das Material, das gerade sowieso aktuell im Proberaum gespielt wurde. Aus diesem Grund fehlt zum Beispiel auf dem Debüt der Band DINNER AUF URANOS das Lied „Dinner auf Uranos“, dabei existieren fragmentarische Testaufnahmen bereits seit September 2006.

Ich bin also nicht wirklich unzufrieden mit dem Album, ich fürchte nur, dass es nicht den richtigen Eindruck von uns vermitteln könnte, und das ist bei einer Art Debüt immer ungeschickt. Das Ganze ist aber sehr subjektiv, und da wir ja wohl noch mehr Alben aufnehmen werden, ist es letztlich sogar sehr gut, wenn die Scheiben unterschiedliche Richtungen einschlagen. Und es kann ja nun keiner behaupten, das Album sei einseitig, langweilig oder typische Rockmusik.

Könnte man DINNER AUF URANOS als eine Art „Befreiungsschlag“ für euch bezeichnen?

Gewissermaßen. Aber mit Einschränkungen, denn nach dem ewigen Hin und Her mit DESÎHRA, das letztlich zu nichts führte, war auch das plötzliche Funktionieren der Band unter dem neuen Namen NOCTE OBDUCTA ein Befreiungsschlag. Die Befreiung liegt wohl schlussendlich darin, dass ein neuer Name ein Teil der Erwartungen, die an einen gestellt werden, wegfallen lässt.

Wie lange habt ihr an den Songs für dieses Album gearbeitet bzw. in welchem Zeitraum entstanden die Stücke? Was kannst du uns über die Aufnahmen erzählen?

Die Stücke stammen aus den Jahren 2002, 2006 und 2009.

„6786“ und „Töte das Jahr für mich“ stammen aus dem Jahr 2006 und sind somit wirklich kurz nach ihrer Entstehung auch im Proberaum gelandet, auch wenn man anmerken muss, dass „Töte das Jahr für mich“ einen Part des nie umgesetzten NOCTE OBDUCTA-Konzeptalbums „Glückliche Kinder / Operation: Traumreise“ enthält. Das sind also zwei wirklich zeitnah umgesetzte Stücke aus einer Zeit, in der wir Unmengen an Material sehr schnell erarbeiteten. Wäre damals Geld am Start gewesen, dann käme wohl dieser Tage nicht das Debüt, sondern das dritte Album raus.

„Zwischen dem Salz und Montpellier“ stammt zumindest musikalisch aus dem Jahr 2002, es ist eines der ruhigeren Lieder von EXEKUTIONSROMANZE und existierte bislang lediglich als Demo ohne Vox und den Schlusspart.

„Texas della Morte“ entstand im Frühling 2006. Mit dem ehemaligen NOCTE OBDUCTA-Basser Kesa („Nektar 1 + 2“) hatte ich als eine Art Nachfolge für EXEKUTIONSROMANZE das Projekt VARIETÉ No. 12 ins Leben gerufen. „Texas della Morte“ ist eines von drei Stücken, die ein Demo bildeten, das wir – obwohl komplett aufgenommen und mit Artwork versehen – nie veröffentlichten. Die 2006er-Version ist ein wenig düsterer, waviger und mit ein paar mehr Spielereien versehen, allerdings weniger dynamisch, obwohl mehr Gewicht auf dem Bass lag.

Die beiden Teile von „Frost“ stammen von Anfang 2009 und wurden als Rahmen für „Töte das Jahr für mich“ als letzte Stücke aufgenommen. Ursprünglich hätten sie noch weitaus dünner instrumentiert den Rahmen für ein Album rund um das Thema Leere, Kälte, Vereinsamung bilden sollen … aber da dieses Album ohnehin wieder nur in der Schublade gelandet wäre und wir für die Winter-Seite noch nach einem Intro / Outro suchten, fiel die Wahl auf diese Stücke.

Was die Aufnahmen angeht, so fanden sie in verschiedenen Studios zu verschiedenen Zeitpunkten statt, das Ganze ist ja auch eine Art Doppel-Ep. Eine gewisse Besonderheit stellt allerdings „Töte das Jahr für mich“ dar. Gitarren, Bass und Drums wurden live eingespielt, daher rühren auch die diversen unsauberen oder leicht schrägen Stellen. Alle Wechsel von Effekten etc. sind in Echtzeit gespielt und nicht auf tausend Spuren verteilt, überblendet oder sonst wie automatisiert. Bedenkt man, dass Matze und ich zu diesem Zeitpunkt schon gut einen sitzen hatten, dann sind wir schon ein wenig stolz auf das Resultat.

Es gab übrigens auch eine „sauberere“ Version, die zu einem früheren Zeitpunkt in der gleichen Session aufgenommen wurde, doch sie entwickelte nicht die gleiche Dynamik. That’s Rock ’n Roll, Baby. Vox und Keys wurden dann erst nachträglich hinzugefügt. Die Sache wäre zu fehlergefährlich geworden, unsere Fertigkeiten an den Mikros sind denen an den Instrumenten nicht ebenbürtig und Keyboarder Flange war ein halbes Jahr zuvor ausgestiegen. Das ist dann nicht mehr Rock ’n Roll, aber immerhin noch Baby.

Musik und Texte von NOCTE OBDUCTA waren ja bisher immer in erster Linie dein Werk. Hatten die anderen Bandmitglieder diesmal etwas beim Songwriting, bzw. bei der stilistischen Ausrichtung und Ausgestaltung etwas mitzureden?

Nun, es war ja schon bei den „Sequenzen einer Wanderung“ nicht mehr so, dass ich jeder Spur beinahe jede Note vorgab. Ich schreibe zwar weiterhin die Lieder und gebe damit logischer Weise auch einen Gutteil des Arrangements vor, aber es ist schon seit Ende 2004 deutlich mehr Bewegung im Proberaum.

Wie sind denn die bisherigen Reaktionen auf das Album? Gibt es schon Resonanzen von alten NOCTE OBDUCTA Fans?}

Nun, das Album ist ja noch nicht veröffentlicht. Sicherlich, genug Arschlöcher werden sich das Album schon aus dem Netz gezogen haben, wo es ein paar noch größere Arschlöcher hochgeladen haben, aber ich krieche nicht durch irgendwelche albernen Foren und lese mir durch, was da irgendwelche Leute schon jetzt von sich geben. Ich habe ein offizielles Review gelesen, das war durchaus positiv.

Nimmt man das, vorerst, letzte NOCTE OBDUCTA-Album „Sequenzen einer Wanderung“ zum Vergleich, so finden sich doch einige stilistische Ähnlichkeiten, eine gewisse Kontinuität, verglichen mit den ganzen vorherigen Werken ist „50 Sommer – 50 Winter“ aber auf jeden Fall deutlich dynamischer, offener, psychedelischer und auch organischer. Worin siehst du die Unterschiede, worin Gemeinsamkeiten?

Natürlich gibt es Gemeinsamkeiten, immerhin hat all diese Alben eine Person geschrieben, und viele der Musiker waren über mehrere Veröffentlichungen an den Aufnahmen und Proben beteiligt, Matze ist sogar auf jeder Veröffentlichung zu hören. Es wird also immer Anknüpfungspunkte geben.

Dass diese zum gegenwärtigen Zeitpunkt zu den „Sequenzen einer Wanderung“ am nahe liegendsten sind, ist logisch. Die relative Nähe im Hinblick auf den Aufnahmezeitpunkt und die Entstehung eines Teils des Materials trägt dazu ebenso bei, wie der Umstand, dass beide Alben im Gegensatz zu früher nicht mehr im Metal verankert sind. Manch einer wird also vielleicht sagen, dass die „Sequenzen einer Wanderung“ das erste Album von DINNER AUF URANOS ist, und da ich das Ganze ohnehin nicht als zwei wirklich getrennte Bands betrachte, ist das auch meinetwegen eine berechtigte Ansicht, auch wenn sie „historisch“ falsch ist.

Ich habe aber aus dem Bekanntenkreis auch schon die Bemerkung „klingt streckenweise nach der „Lethe“ als Rock statt Metal“ gehört. Und wenn man sich das gesamte Material von DINNER AUF URANOS ansieht und nicht nur auf das Album schaut, dann sind doch die Bezüge zu den „alten“ NOCTE OBDUCTA durchaus intensiver als es derzeit bei oberflächlicher Betrachtung den Anschein hat.

Inwiefern haben sich deine musikalischen Einflüsse in den letzten 10 Jahren verändert?

Das ist tatsächlich ein interessanter Zeitraum, denn auch wenn ich immer schon die unterschiedlichste Musik gehört habe, so war der Schwerpunkt doch zwischen Ende der 80er und 2000 immer der Metal. Ab sagen wir Ende 2000 ging der metallische Anteil dann spürbar zurück, aus welchen Gründen auch immer. Ich habe aber schon im Zusammenhang mit den „Sequenzen einer Wanderung“ gesagt, dass ein quantitativer Rückgang nicht gleichbedeutend ist mit einer geringeren Wertschätzung oder gar Geringschätzung der Musikrichtung, schon gar nicht im Bezug auf einzelne Bands oder Alben. Man muss ja nicht jeden Tag und auch nicht jede Woche oder jeden Monat Metal in der Anlage haben. Alte „Lieblingsalben“ dieser Sparte laufen weiterhin, sie laufen halt seltener.

Der wirkliche Unterschied ist, dass man sich weniger und weniger für neue Veröffentlichungen interessiert, aber so ist das halt, bis auf Ausnahmen interessiert es mich einfach nicht, was sich da derzeit tut. Und dann kann es mal passieren, dass man über Monate praktisch nichts nach gängiger Definition metallisches hört oder aber wie z. B. die letzten Wochen schwerpunktmäßig diverse ältere Metal- und Punkplatten … ach ja, und sogar jüngere DARKTHRONE …

Stichwort DARKTHRONE: Wie beurteilst du die musikalische Entwicklung von DARKTHRONE?

Ich kann da nicht wirklich behaupten, die komplette Entwicklung zu kennen, mir fehlen einige Alben. Nach der „Panzerfaust“ folgte ja nach gängiger Meinung eine gewisse Dürre, und dem würde ich mich möglicher Weise anschließen, „Total Death“ ist über weite Strecken zum Einschlafen und letztlich überflüssig, zumindest in meiner Sammlung. „Ravishing Grimness“ ist sicher kein Überflieger, gefällt mir aber eigentlich recht gut. Für die Zeit auf jeden Fall weit über dem Durchschnitt. „Plague Wielder“ fand ich dann so derart langweilig, dass ich mich danach nicht mehr für die Band interessiert habe, bis mir ein Freund erzählt hat, die „Dark Thrones And Black Flags“ sei einigermaßen großartig. Sie haben da zwar sicherlich nicht das Rad neu erfunden, aber ich muss sagen, mit gefällt das Album auch ziemlich gut, wenngleich es mit mit einem „Transilvanian Hunger“ ganz sicher nicht viel zu tun hat.

Was kannst du uns über die Texte erläutern?

„6786“ ist eigentlich nur ein Lied über Sommernächte, mehr nicht. Es ist insofern ein wenig sentimental, als dass es mir in der Entstehungszeit 2006 nicht besonders gut ging. Nach einem viel zu langen Winter bzw. einem emotional und klimatisch viel zu kalten „Frühling“ kam ein Zeitraum, in dem man irgendwie wieder nach vorne blickte. Leider stürzte auch das sehr bald in sich zusammen und ohnehin hatte man ständig dieses negative Hämmern im Schädel. Aber letztlich wurde mir dann bewusst, dass in den raren, wirklich guten bis großartigen Momenten eine unglaubliche Energie und gleichzeitig auch Ruhe lag.

„Zwischen dem Salz und Montpellier“ beschäftigt sich mit der Suche nach dem Meer mit all seiner Symbolik von Weite und Freiheit. Die Suche bleibt in diesem Lied erfolglos, man schließt aber seinen Frieden mit der Situation, wird sich der positiven Aspekte der Suche an sich bewusst und der Tatsache, dass man eines Tages einfach wird weitersuchen können. Hört sich auf unglaublich vernünftige Art und Weise unglaublich kitschig an, dem liegt aber ein tatsächlicher Urlaub in Südfrankreich mit meiner Freundin zu Grunde, der in keinerlei Hinsicht so lief wie geplant und dennoch gute Erinnerungen hervorruft. Die ursprüngliche Textidee von 2002 hatte ein ähnliches Thema mit vergleichbarer Symbolik, aber irgendwie liefen die konkreten Ideen immer ins Leere.

„Texas della Morte“ transportiert eigentlich eher eine Stimmung, keinen wirklich Inhalt. Western, Staub und Wüste gepaart mit Morbidem und Skurrilem. Die Zeile „Vom Friedhof drüben Filmmusik“ wäre übrigens je nach Liedkonstellation ein Anwärter auf den Albumtitel gewesen.

„Töte das Jahr für mich“ drückt den Wunsch aus, einen dunklen Abschnitt hinter sich lassen zu können. Erzählt wird die Geschichte einer Winternacht, in der der Protagonist aber letztlich einen Anstoß oder eine helfende Hand benötigt bzw. sucht. Lyrisch ist dieses Lied wohl NOCTE OBDUCTA am Nächsten und zwar nicht nur, weil die Worte „Taverne“ und „Dezembermond“ sowie ein dunkler Wald vorkommen. Der Text entstand größtenteils Ende Dezember 2006, nachdem ich tatsächlich einen Abend bzw. eine Nacht hinter mir hatte, die in weiten Teilen der erzählten Geschichte entspricht. Es handelt sich dabei übrigens weder im Text noch im wahren Leben um eine Liebesgeschichte, das will ich hier ausdrücklich betonen, auch wenn man wohl erahnen kann, dass hier eine Frau angesprochen wird. Ich habe den Text der Band das erste Mal Silvester 2006 präsentiert, und um Mitternacht hat ein Großteil der anwesenden Gäste nicht etwa mit Sekt „auf 2007!“ angestoßen, sondern mit Schnaps „gegen 2006!“.

Die beiden Teile von „Frost“ behandeln depressive Phasen, wie sie wohl fast jeder kennt. Im ersten Teil geht es darum, wie sie einen ohne Vorbereitung erwischen, obwohl man sich gerade auf der sicheren Seite wähnte; außerdem um die Gefahr, sich in dieser Leere zu verlieren. Der zweite Teil knüpft an eben dieser Stelle an, man verliert sich in einer solchen Phase. Da wir aber lustige Hippies sind, wird am Ende vorgeschlagen, sich vielleicht besser für das Leben zu entscheiden.

„50 Sommer – 50 Winter“ ist das erst Album unter dem neuen Banner DINNER AUF URANOS. Ihr hattet allerdings noch die Stücke „Ein Nachmittag mit Edgar“ und „Unter Glycinienfirmamenten“ aufgenommen, welche nicht enthalten sind. Sind diese für das nächste Album geplant? Und wird es vielleicht doch noch das Konzeptalbum „Glückliche Kinder / Operation: Traumreise“ geben?

Das liegt ganz einfach daran, dass eine ordentliche Aufnahme dieser Stücke zu viel Geld gekostet hätte. Es wäre praktisch zusätzliches Material gewesen, für das wir noch mehr Geld als ohnehin schon hätten hinlegen müssen. Denn die Aufnahmen, die man in winzigen Ausschnitten im Netz hören konnte, waren lediglich relativ hochwertige Rehearsals.

„Töte das Jahr für mich“ ist zwar wie schon erwähnt ebenfalls eine größtenteils Live aufgenommene Version des Liedes, aber hier hat die Sache einfach funktioniert. Wir hatten für uns erschwingliches Studioequipment am Start, einige viele Biere und ein paar Songs, die wir festhalten wollten. Nach dem Ende der Aufnahmen war uns klar, dass wir aus der eigentlich spielerisch schwächeren zweiten Version von „Töte das Jahr für mich“ durch die Vox und Keys noch einiges würden rausholen können, da trotz mannigfaltiger Unzulänglichkeiten irgendwie der Geist der Band rüberkam.

Bei der ersten Version und bei “ Ein Nachmittag mit Edgar“ und „Unter Glycinienfirmamenten“ war das nicht der Fall. Dazu wären weitere Sessions nötig gewesen, und die waren ebenso wenig bezahlbar / planbar wie ein weiterer Studioaufenthalt im klassischen Sinne. Das Zeug landete also im Archiv. Matze und mich schmerzt das besonders bei „Ein Nachmittag mit Edgar“, während Stefan und Heidig wohl vor allem „Unter Glycinienfirmamenten“ nachtrauern. Es handelt sich dabei ausgerechnet um die beiden Leider, die ich (neben einem Lied, das wir nun für THÂLSPERRE verwenden) in eben jener Übergangsphase geschrieben habe, in der noch nicht klar war, ob wir unter dem Namen NOCTE OBDUCTA oder einem anderen weitermachen würden.

Auf dem nächsten Album werden sie wohl nicht landen, das ist fast sicher. Und was „Glückliche Kinder / Operation: Traumreise“ angeht … nun, es juckt uns in den Fingern, aber wir habe momentan keine Ahnung, wie genau das Material verwendet wird, obwohl wir mit DINNER AUF URANOS mal an dem Lied „Glückliche Kinder“ gearbeitet haben.

„Sequenzen einer Wanderung“ stellte den Schlusspunkt einer Ära dar, wie beurteilst du mit etwas zeitlichem Abstand das Album?

„Schlusspunkt einer Ära“ klingt mir zwar zu endgültig und widerspricht meiner Auffassung von einem Namenübergreifenden Kollektiv an Musikern, aber natürlich stimmt es, dass es das Ende von NOCTE OBDUCTA als gemeinsam probende und geschlossen auftretende Band im klassischen Sinne markiert.

Wie ich es nun beurteile … nun, ich habe es seit der Promophase selber nur noch einmal wirklich gehört, meine Meinung hat sich nicht geändert. Ich finde, wir haben den Umständen entsprechend etwas wirklich Großartiges abgeliefert, das für uns aber unter weniger katastrophalen Bedingungen möglicherweise wesentlich befriedigender ausgefallen wäre. Vor allem ohne den bitteren Beigeschmack. Dennoch ist es ein gelungener Rundumschlag und ein Beweis unserer Vielseitigkeit.

Wenn du die Möglichkeit hättest, was würdest du denn gerne an „Sequenzen einer Wanderung ändern bzw. was würdest du heute vielleicht anders machen?

Hm, das sind ja quasi zwei Fragen. Ich beginne mit der zweiten Hälfte, denn dazu will ich praktisch nichts sagen. Ich hätte das ganze Ding heute schon ein wenig anders komponiert und arrangiert, ich hätte vielleicht auch bewusst zurückgehaltene Ideen und Spuren eingeplant, aber ich bin heute auch ein Stück weit ein anderer Musiker, natürlich nur ein Stück weit.

Was ich tatsächlich gerne ändern würde, bezieht sich dann auf die Umstände, mit denen wir kämpfen mussten und auf Dinge, die man auch heute noch ändern könnte. Man hätte vielleicht ein bisschen mehr an den Vox arbeiten, möglicherweise sogar mehr Vox verwenden sollen, da will ich mich aber nicht festlegen, ich mag Musik, die schwerpunktmäßig instrumental angelegt ist.

Ganz sicher hätte man aber mehr Zeit auf nun fehlende Spuren verwenden sollen. Mit unserem heutigen Equipment wäre dies bis zu einem gewissen Grad möglich gewesen, damals waren wir auf externe Studios und die angemessene Kooperation angewiesen. Es waren ein paar weitere Spuren auf den Soundscapes angedacht, die das ganze organischer gemacht hätten, außerdem fehlen für meine Begriffe an einigen Stellen schlichtweg Spuren. Das sind nur wenige Stellen, aber sie schmerzen dennoch. Es handelt sich dabei sowohl um ursprünglich eingeplante und dann im Chaos quasi untergangene Spuren, aber auch um solche, mit denen man sich einfach neu hätte befassen müssen, nachdem eine Woche vor dem letzten Studiowochenende auf einmal offenbar wurde, dass Torsten nicht mit von der Partie sein würde. Aber wenn man nur ein Wochenende hat, um eineinhalb Jahre, nachdem man (von den Soundscapes abgesehen) summa summarum gerade mal fünf Tage an dem Ding gesessen hat, ein Album fertigzustellen, an das man schon kaum mehr glaubt, dann ist das Arbeit unter Druck.

Habt ihr eigentlich schon Konzerte gegeben?

Nein. Wir wären zu bestimmten Zeitpunkten dazu in der Lage gewesen, wenn wir uns auf ein Liveset konzentriert hätten, aber wir haben stattdessen achttausend Songs oder Fragmente gespielt und dann wieder etwas Neues angefangen… und derzeit proben wir schlicht zu wenig.

Es ist ja ein Nachfolgealbum zu „Schwarzmetall“ mit vielen ehemaligen NOCTE OBDUCTA Mitgliedern geplant, kannst du uns hierzu schon weitere Informationen geben?

Die Aufnahmen sind seit einigen Wochen wieder im Gange, nachdem die Sache seit dem Sommer letzten Jahres aus verschiedenen Gründen ruhte. Da wir das Ganze quasi nebenher laufen lassen, dauert es halt eine Weile. Da wir ja alle Geld verdienen müssen und zudem in alle möglichen musikalischen Projekte verwickelt sind, zieht sich alles. Aber wie gesagt, derzeit geht es wieder voran. Und der fehlende Druck hat auch etwas sehr erfrischendes, die Aufnahmen verlaufen entspannter, direkter, freier. Die Liebe zur Musik wird nicht durch einen externen Zeitplan gegängelt.

Natürlich können wir nicht wie bei „Schwarzmetall“ zusammen im Studio stehen und binnen kürzester Zeit und größtenteils Live ein eruptives Album auf Tonträger bannen, doch bislang wurden die äußeren Umstände recht gut imitiert. Für mich galt daher bei den Aufnahmen: So wenige Takes wie möglich, kein Ausbügeln verzeih barer Fehler und Unsauberkeiten, kein Aufheben alternativer Versionen, niemals vollkommen nüchtern.

Letztlich ist das Material dann doch nicht so schwer, langsam und depressiv ausgefallen, wie Anfangs gedacht, auch wenn dieser Aspekt stark vertreten ist. Im Vergleich zu „Schwarzmetall“ ist das Album stärker im Mid-Tempo-Bereich angelegt, ähnlich rotzig, aber mit ein paar Versatzstücken, die man bei direkter Gegenüberstellung als „experimenteller“ bezeichnen würde, schließlich wollen wir „Schwarzmetall“ nicht einfach kopieren, sowas braucht ja kein Mensch. Aber es handelt ich dabei lediglich um Versatzstücke, das Ganze ist eindeutig ein rohes Black-Metal-Album.

Während der Aufnahmen wurde uns übrigens klar, dass es vermutlich noch weitere Alben unter altem Namen geben wird, aber weiterhin ohne Regelmäßigkeit und ohne vorgegebenen Zeitplan. Und wie immer völlig unberechenbar in Sachen stilistischer Ausrichtung, wobei durch die Existenz von DINNER AUF URANOS als direkte Weiterführung der Metal bei den Untoten NOCTE OBDUCTA wieder stärker ins Zentrum rücken wird.

Wie sieht es denn mit deinen anderen Projekten EXEKUTIONSROMANZE, THÂLSPERRE und CÜÜHN aus?}

EXEKUTIONSROMANZE gibt es ja schon seit ein paar Jahren nicht mehr, das Material ist bei den anderen Projekten gelandet bzw. meistenteils in deren Schubladen. Immerhin ist mit „Zwischen dem Salz und Montpellier“ und letztlich auch „Texas della Morte“ mal etwas auf einem Album gelandet.

Von THÂLSPERRE gibt es zwar mittlerweile einige Aufnahmen, allerdings handelt es sich hierbei lediglich um Demos ohne Vox. Das Projekt pausiert seit dem Frühsommer 2009, da Flange dringlichere Dinge zu tun hatte und ich musikalisch ebenfalls immer ausgelastet bin. Wir werden aber diesen Sommer dort weitermachen, wo wir aufgehört haben. Wir sind gerade dabei, uns sporadisch über Verbesserungen im Arrangement einzelner Songs auszutauschen.

Eigentlich war es ja so, dass wir mit einem Tanklastzug voller Mädels, Himbeerkompott, Cyanid und TNT zwischen Rotterdam und St. Tropez unterwegs waren. Mit dem fertigen Master UND der Festplatte aus dem Studio. Leider entbrannte dann ein heftiger Streit über die Bandfotos und der Tanklastzug geriet außer Kontrolle und ging in Flammen auf. Flange und ich konnten uns retten, aber Musik und Mädels waren hin, und so müssen wir den ganzen Kack noch einmal aufnehmen. Da uns das aber so keiner glaubt, erzählen wir meist die erste Version.

Mit CÜÜHN ist es letztlich ähnlich, auch wenn noch viel mehr fragmentarisch bis hin zu fast fertig aufgenommenes Material existiert (wobei ich hier nur für mich spreche, denn ich kenne ja nicht alles von Flanges Material für THÂLSPERRE, wo wir uns das Songwriting brüderlich teilen, seitdem uns unsere Eltern getrennt haben). Eigentlich hatte ich mir zwischen den Jahren Ende 2009 Zeit freigehalten für einige finale CÜÜHN-Aufnahmen, die aber nach Equipment-Ausfall ins Wasser fielen. Das ist zwar ärgerlich, aber da das Ganze als Soloprojekt mit Freunden und Gästen angelegt ist, bin ich da ja sehr flexibel. Ich bastle halt an dem Konzept, auf das ich gerade Bock habe, und dann schauen wir mal, welches ich als erstes zu einem Ende bringe.

Es gibt dafür aber seit letztem Sommer (mal wieder) etwas Neues. Da noch nichts spruchreif ist, will ich keinen Bandnamen verraten, aber im Zuge der Aufnahmen zum „Schwarzmetall“-Nachfolger entstand immer mehr schwarzmetallisches Material der roheren Spielweise. Allerdings im Vergleich zu NOCTE OBDUCTA morbider, langsamer und rockiger zugleich. Da es nicht in unserem Sinn ist, mit NOCTE OBDUCTA nun ein Projekt am Laufen zu halten, das sich einer bestimmten Gangart verschreibt, wird es vermutlich auf eine neue Sache hinauslaufen. Ich hatte etwas derartiges mit Matze schon Ende der 90er als Nebenprojekt zu NOCTE OBDUCTA ins Auge gefasst und wir hoffen nun, dass wir zusammen mit Alex am Mikro, der ja von Mitte 1996 bis Frühling 1999 bei NOCTE OBDUCTA war, im Sommer zumindest ein kurzes Demo aufnehmen können.

Ich habe außerdem im Winter die Gitarren für KAMERA OBSKUR eingespielt, dem Projekt von Constantin von LUNAR AURORA. Das Album sollte dann auch eines Tages via Cold Dimensions erscheinen, doch mehr kann ich dazu nicht sagen, da es sich wie gesagt nicht um mein Projekt handelt. Weitere Details wird man dann über Cold Dimensions und Constantin erfahren, wenn es soweit ist.

Was erhoffst du dir von deinem weiteren musikalischen Werdegang mit DINNER AUF URANOS?

So einiges! Aber da ich nicht zu unrealistisch werden will, hoffe ich einfach mal, dass wir das nächste Album hinbekommen. Wir sitzen derzeit an der Songauswahl und sogar schon an Vorproduktionen … schauen wir mal weiter.

Kannst du uns zum nächsten Album schon einige Details verraten?

Nun, dir ist ja sicher bewusst, dass am Ende ohnehin wieder alles anders kommt, nicht wahr? Nach derzeitiger Planung werden wir aber auf jeden Fall „Dinner auf Uranos“ auf der Scheibe haben, ein sehr langsames und hypnotisches Stück, dass ähnlich wie ein weiteres, fest eingeplantes Lied, von 2006 stammt, und ebenfalls wesentlich mehr Kälte und Verlorenheit transportiert als das Material des Debüts. Mit „Im Dunst am ewigen Grab der Sonne“ ist außerdem ein altes Lied von Desîhra aus dem Herbst 1994 eingeplant, das auch nach all den Jahren weitgehend unverändert geblieben ist, die „Vorproduktion“ – wie man heute sagt – klingt da sehr vielversprechend und hat auch im Bekanntenkreis schon Anklang gefunden.

Zu den übrigen Liedern will ich noch nicht allzu viel sagen, die finale Auswahl ist noch nicht getroffen, da wir mehr zur Diskussion gestellt haben, als wir letztlich auf das Album zu packen gedenken. „Ein Nachmittag mit Edgar“ und „Unter Glycinienfirmamenten“ sind aber wie gesagt vorerst nicht im Gespräch.

Insgesamt wird es sehr abwechslungsreich bleiben und zumindest hinsichtlich der Atmosphäre noch stärker an (meiner Meinung nach ältere) NOCTE OBDUCTA erinnern, aber das ist mal wieder rein subjektives Empfinden.

Ich wünsche auf jeden Fall viel Glück und bedanke mich für das Interview! Die letzten Worte überlasse ich dir!

Ich bedanke mich ebenfalls und sage wie so oft nichts abschließendes.

09.05.2010

Geschäftsführender Redakteur (Konzertakkreditierungen, News, Test Audioprodukte)

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