
HEAVEN. EXE machen auf „Erase Me“ exakt das, worauf viele Bands momentan schielen: Grenzen sprengen, Genres zerlegen und bloß nicht zu berechenbar klingen. Metalcore trifft auf digitale Abrissbirne, Modern Metal kollidiert mit hektischen Clubbeats und irgendwo dazwischen versucht das Album permanent, noch eine zusätzliche Spur Wahnsinn obendraufzupacken. Das Resultat fühlt sich an wie ein Energy-Drink-Overkill um drei Uhr morgens – kurzzeitig komplett drüber, irgendwann aber einfach zu viel.
„Erase Me“ hat zu viele Tabs offen
Schon die ersten Songs feuern Ideen im Sekundentakt ab. Blastbeat wechselt sich mit stampfenden Elektronikflächen ab, Synths flackern durch die Riffs und jede zweite Minute klingt so, als hätte jemand mitten im Song die Playlist gewechselt. HEAVEN. EXE wollen keine Ruhe entstehen lassen. Die Band drückt lieber dauerhaft aufs Gaspedal und schiebt immer neue Reize in die Tracks.
Das Problem: Irgendwann verschwimmt dieser Dauerbeschuss. „Erase Me“ klingt weniger wie ein Album und mehr wie fünf geöffnete Browser-Tabs, die gleichzeitig Musik abspielen. Ständig passiert etwas, aber nur wenig davon bleibt wirklich hängen. Viele Songs wirken komplett überladen, weil die Band jede Idee sofort unterbringen möchte. Statt Dynamik entsteht dadurch schlicht Reizüberflutung.
HEAVEN.EXE treiben es bunt im dystopischen Nachtleben
Dabei verstecken sich in dem Chaos durchaus starke Momente. Wenn die härteren Parts greifen, entwickelt die Platte ordentlich Druck. Einige Breakdowns schlagen massiv ein und die elektronische Komponente verleiht dem Ganzen stellenweise eine angenehm dreckige Clubatmosphäre. Gerade diese Mischung aus dystopischem Nachtleben und moderner Core-Kante funktioniert anfangs ziemlich gut.
Die cleanen Vocals bremsen das Album allerdings häufiger aus, als dass sie ihm helfen. Die soften Gesangslinien sind oft zu dünn, um gegen die massive Produktion anzukommen. Teilweise drücken die Beats im Hintergrund härter als die Hooks. Das nimmt vielen Refrains die Wirkung, die sie eigentlich tragen müssten.
Let’s get lost in your own noise
Dazu kommen Songstrukturen, die sich teilweise komplett verzetteln. Viele Tracks springen hektisch von Abschnitt zu Abschnitt, ohne dabei einen klaren Flow zu entwickeln. Man hangelt sich als Hörer:in mehr oder weniger von Hook zu Hook und versucht unterwegs, nicht den Überblick zu verlieren. Genau dadurch fehlt „Erase Me“ am Ende ein echtes Gesicht. Das Album ballert ununterbrochen, verliert sich dabei aber in seinem eigenen Lärm.
HEAVEN.EXE sind einzigartig und überfordernd
Trotz aller Kritik: HEAVEN.EXE klingen wenigstens nicht austauschbar. Die Band besitzt genug Mut und Eigenständigkeit, um aus der Masse generischer Core-Releases herauszustechen. „Erase Me“ will provozieren, überfordern und modern wirken – das klappt definitiv. Nur hätte der Platte etwas weniger Eskalation und dafür mehr Fokus verdammt gutgetan.
Unterm Strich bleibt ein Debüt, das mehr Eindruck hinterlässt als echte Songs. Laut, wild und permanent unter Strom.

Jeanette Grönecke































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