Gnostic
Interview zu "Engineering The Rule"

Interview

Mit seiner neuen Band GNOSTIC hat ATHEIST-Drummer Steve Flynn gerade das Debut-Album „Engineering The Rule“ über Season Of Mist veröffentlicht. Die erste internationale Veröffentlichung war Grund genug, mit Steve über das Streben nach Wissen und über die Verbindung zwischen ATHEIST und GNOSTIC zu sprechen:

Gnostic

Hallo Steve! Ich habe vor Kurzem die Gelegenheit bekommen, „Engineering The Rule“ zu hören und ein Review für metal.de geschrieben. Eigentlich bin ich nicht so der Death Metal-Fan, dennoch konnte mich das Album ziemlich begeistern. Habt ihr auch andere Reaktionen von weniger Death Metal-orientieren Leuten bekommen, die mit meiner Begeisterung vergleichbar sind?

Hallo und vielen Dank für dein Kompliment! Du wirst sicherlich wissen, dass es EXTREM selten ist, dass diese Art von aggressiver, technischer Musik auch Non-Death Metal-Fans begeistern kann. Während diese für gewöhnlich die Musik sehr respektieren, werden sie von den Vocals meist abgeschreckt. Wir haben tatsächlich viele dieser Reaktionen von Non-Death Metal-Fans bekommen – sie mögen die Musik wirklich, aber die Screams sind ihnen ziemlich egal. Wir sind aber erfreut, dass dir „Engineering The Rule“ gefällt, es ist ein großes Kompliment für uns, dass ein Nicht-Death Metaller das Album mag.

Was sagt denn die Death Metal-Fachpresse bisher zu eurem Album?

Bis jetzt waren die Rezensionen in erster Linie positiv. Es gibt, wie immer, auch manch negatives Feedback und wir rechnen natürlich damit. Künstlerische Anstrengungen werden niemals von allen Seiten geschätzt. Durch die ATHEIST-Assoziation vergleichen viele Leute die Musik irrigerweise direkt mit ATHEIST, aber das haben wir nicht anders erwartet.

Während meiner Recherche für das Review zu „Engineering The Rule“ bin ich oft über den Namen ATHEIST gestolpert – zum Teil sicherlich, weil drei Mitglieder GNOSTICs ATHEIST in ihrem Lebenslauf stehen haben. Kannst du in diesem Licht ein bisschen was zum Entstehungsprozess von GNOSTIC erzählen?

ATHEIST wird vielerorts als eine der Gründungsbands des technischen/progressiven Death Metals angesehen. Wir haben 1986 zusammengefunden, 1992 aber eine Weile pausiert. Als ich ATHEIST 1992 verließ, waren das nicht die besten Umstände: Unser Bassist, ein zentraler Pfeiler des ATHEIST-Sounds, wurde auf tragische Weise bei einem Auto-Unfall getötet, unsere Alben verkauften sich nicht, unser Ersatz-Bassist hat dann wegen anderer Verpflichtungen wieder aufgehört, wir haben keine Unterstützung vom Label bekommen, unser Stil war (noch) nicht wirklich akzeptiert, und so weiter und so fort. Aus diesen und anderen Gründen wurde es für mich Zeit, nach einem guten halben Jahrzehnt mit ATHEIST andere Wege zu ergründen – abseits der Musik. Das war Ende 1991/Anfang 1992. Ich bin nach unserer „Unquestionable Presence“-Tour aus dem Tourbus gestiegen, bin zum College gegangen, habe danach noch eine Graduiertenschule besucht und eine berufliche Karriere gestartet, ohne zurückzublicken.

Eigentlich habe ich meine Drumsticks für fast 14 Jahre nicht in die Hand genommen. Ich wusste jedoch, dass ich irgendwann noch einmal spielen würde, die Zeit war einfach noch nicht reif dafür. Kelly Shaefer (ATHEIST-Sänger und Co-Produzent des GNOSTIC-Debuts) und ich blieben während all der Jahre gut befreundet, und er war echt unnachgiebig in seinem Beharren, ich solle weiter Musik machen. Er versteht sich sehr gut auf Vergleiche und pflegte immer zu sagen, es sei „als ob ich einen Lamborghini in der Garage stehen hätte und mich weigern würde, ihn überhaupt anzulassen.“ Er sagte auch immer wieder, es sei fast kriminell, dass ich mein Talent so „verschwenden“ würde. Ich konnte ihn beruhigen, indem ich immer betonte, dass ich – auch wenn ich nicht aktiv spielte – immer Musiker bleibe.

Dann – genau wie zu der Zeit, als ich 15 Jahre alt war und anfing zu spielen – bin ich im Januar 2005 eines Morgens aufgewacht, habe mich im Bett aufgesetzt und gesagt: „Es ist Zeit, wieder Schlagzeug zu spielen.“ In den ersten Wochen traf ich glücklicherweise auf Sonny Carson und Stephen Morley – letztgenannter ist ein Riesen-ATHEIST-Fan der ersten Stunde – und rief GNOSTIC ins Leben. Ich persönlich hatte keine großen Pläne mit dieser neuen Band, dieser einzigen Band neben ATHEIST, der ich je angehörte. Ich wollte einfach nur Musik machen. Nein, ich wollte UM JEDEN PREIS Schlagzeug spielen und es war mir erst völlig egal, wohin die Aktivitäten führen sollten. Ich wollte einfach nur Felle verprügeln.

Es verging einige Zeit und wir haben in aller Ruhe angefangen, Songs zu schreiben. Wir dachten uns, wir spielen nur einige lokale Konzerte hier und da, zum Spaß, nichts zu ernstes. In dieser Zeit fand ich heraus, dass die Metal-Welt ATHEIST und mich vergessen hatte. Als schließlich die Zeit reif war, das erste Demo aufzunehmen, kam Kelly Shaefer nach Atlanta um uns zu beraten und zu sehen, was ich so gemacht hatte. Sobald er uns hörte, sagte er: „Heilige Scheiße, das bist ja DU!“ Er meinte natürlich meinen Drum-Stil, es war schließlich das erste Mal, dass er seit dem „Unquestionable Presence“-Album von 1991 etwas Neues von mir hörte.

Er war so begeistert davon, dass ich wieder Musik machte und war sich sicher, dass GNOSTIC in den nächsten paar Jahren einen Deal bekommen würden – und wollte verdammt sein, wenn er falsch läge. Vom ersten Tag im Studio nach 14 Jahren bis jetzt war es für mich eine verrückte Reise und GNOSTICs „Engineering The Rule“ markiert den ersten Meilenstein meiner Rückkehr als Musiker. Es wird sicherlich noch einiges an GNOSTIC- und ATHEIST-Material geben.

ATHEIST sind seit 2006 auch wieder zusammen und wir werden noch in diesem Jahr für Season Of Mist ein Album aufnehmen. Haltet die Augen offen für Konzerte von beiden Bands zusammen!

Der Hintergrund der Mitglieder ist wahrscheinlich nicht der einzige Grund, warum ATHEIST normalerweise im Zusammenhang mit GNOSTIC erwähnt wird. Wo siehst du die musikalischen Unterschiede zwischen den beiden Kapellen? Wo siehst du Unterschiede in Bezug auf euren Ansatz in mehrerlei Hinsicht (Texte/Arrangements/Produktion etc.)?

Richtig, wenn ATHEIST genannt werden, ist das nicht nur weil drei von uns in beiden Bands spielen, es ist natürlich auch aus dem Grund, dass wir in demselben musikalischen Genre/Universum unterwegs sind. Beides sind technische Death Metal-Bands. Für Liebhaber des Genres sind die stilistischen Unterschiede ganz schön ausgeprägt – speziell wenn es um die Texte geht. Abgesehen davon ist es für jemanden, der kein Death Metal-Fan ist, vermutlich schwierig, deutliche Unterschiede auszumachen. GNOSTIC hat einen etwas aggressiveren Stil, während ATHEIST einen eher melodischen Klang und Ansatz hat(te). Natürlich sind beide Bands technisch und aggressiv. Ich spiele letztendlich auch in beiden Bands Schlagzeug, es gibt also eine hervorstechende Ader, die beide Bands durchfließt.

Der Name GNOSTIC kommt vom Altgriechischen ?????? (gnosis), was für gewöhnlich mit „Wissen“ im spirituellen oder gar mystischen Sinn übersetzt wird. Wo siehst du die Verbindung zwischen eurem Bandnamen „wissend“ und eurer Musik?

Ausgezeichnet!! Du bist der erste, der GNOSTIC mit dem griechischen Ursprung verbindet anstatt der christlichen Sekte, die damals aus der Mutterpartei herausgeschmissen wurde. Die Verbindung besteht in der Bedeutung des Wortes und der Art und Weise, wie wir unser Leben und unsere Bands führen. Ich denke, dass Wissen, das Streben danach, Rückblicke, Bemühungen um Verbesserungen und allgemeine intellektuelle Neugier die zentralen Pfeiler unserer Lebensphilosophie sind – und natürlich unserer Musik, man kann das nicht trennen.

Der Albumtitel „Engineering The Rule“ impliziert ja, dass es tatsächlich eine Regel gibt, die angewendet werden kann – worauf denn?

Auf das Leben, auf das Denken, auf Interpretation – sowohl empirisch als auch theoretisch – auf Erkenntnis und künstlerischen Ausdruck. Wir folgen ihr nicht, aber wenn es sie nicht gibt, machen wir sie uns.

Euer Demo trug den Titel „Splinters Of Change“, der – in meinen Augen – weniger gnostische Züge trägt, sondern einen eher chaotischen Ansatz vermuten lässt. Wo siehst du die Verbindung zwischen Demo- und Albumtitel – oder denkst du auch, dass es gegensätzliche Titel sind?

Nicht unbedingt gegensätzlich, eher durch eine Entwicklung bedingt. Bands (oder Künstler allgemein) fangen ja nicht mit dem fertigen Produkt/Stil/der fertigen Philosophie an. Es ist ja eher so, dass sich die Identität einer Band ständig entwickelt. Wir haben mit sehr rudimentären Vorstellungen angefangen. Als wir jedoch mehr und mehr als Band zusammenwuchsen, unsere persönlichen Stile, unsere Persönlichkeiten sich immer weiter verquickten, entwickelten sich auch unsere Vision und unser Songwriting. „Splinters Of Change“ ist unserer Meinung nach genau dieser rudimentäre Anfang, als wir noch auf der Suche nach einer musikalischen und philosophischen Identität waren. Wenn du mich in fünf Jahren nochmal danach fragst, hoffe ich, dass wir uns musikalisch und philosophisch noch weiter entwickelt haben werden. Ergibt das Sinn?

In dem Informationsblatt, mit dem mich Season Of Mist versorgt haben, konnte ich von „dunklen Himmeln“ lesen, die von eurer Musik erzeugt würden. Würdest du diese Beschreibung (in einem allgemeineren Sinn) teilen?

Tatsächlich habe ich den Promozettel nicht gesehen und müsste den Satz in einem Kontext sehen, um irgendeine erkenntnisreiche Aussage treffen zu können außer „Naja, es ist halt Death Metal und das sind nun mal die Dinge, von denen wir in diesem Genre reden…“

Tatsächlich spüre ich eine leichte Dunkelheit auf „Engineering The Rule“, aber diese ist nicht so zwingend wie ich es zunächst erwartet hatte. Habt ihr je darüber nachgedacht, auch andere, dunklere Spielarten des Metals in euren technischen Death Metal einzuflechten – zum Beispiel Doom oder Black Metal?

Nun, unsere Intention ist eigentlich überhaupt nicht, dunkel zu sein. Ich würde sogar sagen, dass ich Wissen („Gnosis“) und das Streben nach intellektueller Bereicherung als das Streben nach und das Eintauchen in das Licht sehe, nicht in das Dunkel. Ich glaube nicht, dass wir dunkel sind oder sein werden, oder Dunkelheit in irgendeinem Sinn anstreben. Das ist einfach nicht unser Ding.

Ihr habt einige Live-Daten auf eurem Myspace-Profil veröffentlicht – neben einigen Konzerten in den Vereinigten Staaten werde ihr auch nach Europa/Deutschland kommen. Was könnt ihr mir schon vorher über eure Shows sagen, um deutsche Death Metal-Fans in die Clubs zu locken?

Wir werden Konzerte in Österreich, der Schweiz und in Deutschland (Essen) spielen. Jemandem, der nichts von ATHEIST oder GNOSTIC gehört hat und wissen will, was da abgeht, würde ich sagen, dass es ein einschneidendes Erlebnis wird – besonders falls dieser Jemand Musiker ist. Wir werden zusammen mit den deutschen „technical masters“ von OBSCURA spielen und das musikalische Handwerk, was dort auf der Bühne geboten werden wird, wird JEDEN Nicht-Fan zum Fan machen. Gebt uns einfach ein paar Stunden Zeit und wir werden euer Leben verändern. Falls es da draußen ein paar extreme Skeptiker gibt: Kontaktiert mich ruhig über unsere GNOSTIC/ATHEIST-Webseiten, ich würde mich freuen, euch als unsere Gäste einzuladen. Ihr werdet nicht enttäuscht sein.

Danke für das Interview – die letzten Worte gehören euch:

Vielen Dank für deine Zeit! Ich möchte alle weniger Death Metal Begeisterten ermutigen, einen Versuch zu waren. Wir sind nicht dunkel, tot, dreckig oder wütend. Tatsächlich gibt es – neben Latin, Jazz und klassischer Musik – keine Musik, die intellektuell, physisch oder emotional so stimulierend und fordernd ist – und so komplex. I hoffe, euch auf einer der ATHEIST/GNOSTIC-Shows zu sehen!!

30.05.2009

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