Holy Moses
Interview mit Sängerin Sabina Classen

Interview

Holy Moses

HOLY MOSES ist eine Band, die zwar schon seit den frühen Achtzigern in der Thrash-Metal-Szene mitgemischt, aber dennoch nie den Sprung nach ganz oben zu Kollegen wie SODOM oder DESTRUCTION geschafft hat. Warum das so war, wie das jetzt geändert werden soll und was sonst so los ist im Hause HOLY MOSES, erklärt uns Sängerin Sabina Classen im ebenso informativen wie lockeren Interview zum neuen Album „Agony Of Death“.

 

Holy Moses

 

Hi Sabina! Wie geht’s dir?

Ach, ich bin eigentlich immer im Stress, haha, immer am Werken und am Tun. Gerade bin ich dabei, meine CD-Sammlung zu sortieren, die mittlerweile auf 6000 bis 7000 Stück angewachsen ist. Die letzten Wochen, immer wenn ich etwas Neues bekommen habe, habe ich das immer einfach auf Stapel gelegt, das kennst du wahrscheinlich, oder?

Oh ja.

Meine alphabetische Sortierung ist jetzt auf jeden Fall völlig durcheinander, ich finde gar nichts mehr, und die Regale verstauben ja auch immer, wenn man keine Lust hat. Und jetzt bin ich gerade dabei, mich durch meine CDs zu wühlen.

Ich sortiere meine CDs mittlerweile nach Genres, nicht mehr alphabetisch, das geht dann besser. Da kann man neue Sachen einfach immer bei Death Metal oder Black Metal dazwischen schieben.

Ha ha, genau das habe ich mir jetzt nämlich auch überlegt, dann könnte ich nämlich mal alles runterreißen und die CDs, die ich überhaupt nicht höre, aussortieren. Aber dabei habe ich dann das Problem, dass ich eine CD habe, bei der ich nicht weiß, ob die jetzt zu Death Metal zählt, oder ist das Thrash, oder ist da nicht auch Black Metal mit bei … aber natürlich hat das auch seine Vorteile, wenn man weiß, man will jetzt das und das hören, haha.
Aber bei dir funktioniert das mit den Genres?

Joa, ich hab nur auch manchmal das Problem, dass ich mir nicht sicher bin, wo ich das einordnen soll, aber im Großen und Ganzen … zur Not halt immer Progressive, haha.

Gut, auch ’ne Möglichkeit, haha.

Hahaha.
Öhm … wollen wir anfangen?

Ja, gerne.

In der Pressinfo zum neuen Album steht, dass ihr im September eine Tour mit BENEDICTION spielen soll, die in genau 14 Tagen anfängt, außerdem kommt Anfang 09 ja eure erste US-Tour und des weiteren stehen noch Shows in u.a. Australien und Japan an. Was hast du denn da für Erwartungen?

Puh, das ist schwer zu sagen. Wir bekommen natürlich über das wundervolle Myspace viele Freundesanfragen von dort, gerade aus solchen Länder wie zum Beispiel Japan, die uns dann fragen: „Wolltet ihr nie kommen oder was war los? Wir warten jetzt seit 20 Jahren auf euch.“ Ähnlich ist das in Nordamerika. Von daher hoffe ich, dass es super läuft, ich meine, die Erwartung ist natürl … (ein lautes Geräusch, das entfernt an ein Niesen erinnert, unterbricht Sabinas Ausführungen) … boah, scheiße!

Gesundheit!

Nee, das war kein Nieser, mir ist hier gerade eine Pinnwand entgegengekommen. So ein Riesenteil, so ein Bord zum Beschriften, direkt auf meinen Glastisch.

Ach du scheiße …

Warte, ich muss dich mal kurz beiseite legen … (Stille) … fast wäre gerade mein Todeskampf zu Ende gewesen, haha. Ich wäre beinahe von einer riesen Metallscheibe erschlagen worden.

Hahaha.

Scheiße, voll abgeleckt, haha.

Das klang gerade echt wie ein Nieser.

Sag mal, du traust mir aber heftige Nieser zu.

Ja, das war hier nur so gedämpft zu hören, und dann kam einfach nur „Boah, Scheiße“.

Hahaha. Okay … die meisten Unfälle passieren im Haushalt.
Aber zurück zu meinen Erwartungen … also, ich erwarte eigentlich recht viel, weil HOLY MOSES noch nie eine so ausgedehnte Tour gespielt haben. Ich denke, dass das der Grund ist, warum wir auch immer noch diesen Underdog-whatever-Namen haben, weil wir im Gegensatz zu unseren anderen Thrash-Kollgen aus Deutschland in den ganzen Jahren ziemlich wenig getourt sind. Klar, viele Einzelshows, und dann mal was am Wochenende, aber so am Stück nicht. So haben wir solche Reisen in die Staaten oder nach Japan eben nie gemacht und da ist die Erwartung von mir natürlich ziemlich groß, weil ich auch einfach hoffe, dass viele Leute dahin kommen.

Anfang 08 habt ihr ja zusammen mit OBITUARY und AVATAR eine Tour zusammengespielt.

Genau.

Ich würde sagen, dass das drei Bands mit recht unterschiedlicher Ausrichtung waren. Ihr und OBITUARY vielleicht nicht, aber AVATAR doch schon. Wie kam es denn zu der Zusammenstellung dieser drei Bands?

Das mit AVATAR war eine Sache der Bookingagentur. Wie die da reingekommen sind, keine Ahnung, da hast du natürlich Recht, die haben ja eher so eine Art moderneren Schweden-Death-Metal gemacht, aber eben keinen wirklichen Death Metal, sondern … also, ich habe mich bei den ersten Shows sehr gewundert, was das denn jetzt sei, und ich hab auch echt einige Konzerte gebraucht, um zu merken, was die eigentlich machen. Das ist allerdings auch einigen Fans so gegangen, das hat man schon gemerkt, die hatten es auf der Tour nicht so leicht. Aber das waren unheimlich nette Jungs und sind echt gute Kollegen geworden.
Und mit OBI, das war halt so, die haben einfach eine Band gesucht, die altersmäßig und musikalisch zu ihnen passt und sind dann auf uns gestoßen. Das hat mich sehr gefreut, da ich OBITUARY supergeil finde. Und es war dann eine wirklich fette Tour. Dadurch sind ja auch diese Sachen auf dem Album entstanden, dass wir unsere Laptops mit den neuen, noch nicht fertig produzierten Songs mit hatten und die spontan gesagt haben: „Ey, auf der Platte wollen wir spielen.“ Dann haben wir backstage gesessen und die haben nochmal Soli auf die Platte draufgeballert. Da ist eine richtige Freundschaft entstanden.
Gut, und genremäßig, ich denke, dass zwischen Death- und Thrash-Fans schon eine Übereinstimmung da ist, die Stimmung auf den Konzerten ist sich sehr, sehr ähnlich. Das hat einfach gut gepasst.

Eine Sache am Rande: Ich hab euch auf der Tour in Osnabrück gesehen, wo du ja einen recht jungen Fan, der „Ausziehen“ gebrüllt hat, auf die Bühne gebeten und zum Striptease aufgefordert hast.

Ja, haha.

Reagierst du öfter so spontan auf das Publikum, oder war das eher ein Ausnahmefall?

Das war schon ein Ausnahmefall, aber nur, weil nicht so oft Leute „Ausziehen“ schreien, haha. Wahrscheinlich trauen sie sich nicht, aber gerade weil er so jung war, denke ich, dass er das einfach ausprobieren wollte. Und, klar, ich meine, wenn er „Ausziehen“ ruft, dann darf er das gerne machen.

Hat ja aber nicht geklappt.

Ja, er war eher verwirrt. Im Endeffekt hat er halt nicht geschafft, dass ich mich ausziehe, und ich nicht, dass er sich auszieht. Also eins zu eins, hahaha.

Gut, dann würde ich gerne zum neuen Album kommen.
Was gibt es da denn allgemein zum Songwriting und zum Aufnahmeprozess etc. zu erzählen? Wie ist das alles gelaufen?

Wichtig war diesmal, dass wir uns Zeit genommen und nicht vom Business überrollen lassen haben, wie in den vergangenen Jahren oft, so nach dem Motto: „Hier ist ein Budget, das reicht, um zwei bis drei Wochen ins Studio zu gehen und in Hektik einzuspielen und einzusingen.“ Da du ja jetzt mit mir sprichst: Für mich war vor allem wichtig, den Gesang richtig hinzukriegen. Man hat ja über mehrere Wochen immer verschiedene Stimmungslagen und mir wurde früher oft gesagt: „Das ist komisch, du hast so viele unterschiedliche Stimmlagen, aber auf jeder Platte klingst du immer entweder nur so oder nur so oder nur so. Aber wir hören doch, dass du verschiedene Varianten drin hast.“ Da hab ich überlegt, woran das liegt – klar, wenn du nur drei Tage hast, bei einer Stimme kann ich keine neuen Saiten aufziehen und ich kann sie auch nicht neu tunen oder so, sondern das hängt einfach nur mit Emotion und Feeling zusammen. Live ist das natürlich eine andere Geschichte, du gehst auf die Bühne, die Fans schreien und du weißt, dafür bist du jetzt hier. Aber im Studio – da stehst du in so ’nem komischen Raum, da blinkt ein kleines Licht, du kannst dich nicht so bewegen, wie sonst, weil die meisten Produzenten zum Beispiel immer ausrasten, wenn du das Mikro in die Hand nimmst, was ich halt gewohnt bin.
Aber diesmal habe ich mir einfach Zeit genommen und wenn ich morgens aufgestanden bin und gemerkt habe, mit mir stimmt was nicht, hey, dann habe ich auch nicht gesungen. Wir haben bei diesem Album gesagt, okay, wir lassen uns ein Budget für die Platte geben, aber wir nehmen die Produktion auf unsere Kappe, wir arbeiten daran, so lange wir wollen. Und genau das haben wir gemacht. Das hat uns zwar enorm viel Zeit und Geld gekostet, aber wir sind mit dem Resultat zufrieden, weil wir davon schon immer geträumt haben: uns Zeit zu lassen, alles in Ruhe zu machen, nicht dieses, okay, du hetzt ins Studio, nimmst zwanzig Songs auf und guckst, welche auf die Platte kommen, sondern wir haben den Schrott direkt aussortiert. Du schreibst ja nicht jeden Tag das Megariff und du merkst oft erst, wenn du das mit der ganzen Band zusammenstellst, dass das nicht so funktioniert – da kriegt man keinen Gesang drauf, das Riff spricht mich nicht an und so weiter. Diesmal haben wir halt gesagt, okay, schmeißen wir das Riff sofort weg. Und wir haben auf den Punkt zwölf Songs produziert. Ich meine, dass das zwölf geworden sind, das ist Zufall, es hätten auch elf oder 14 werden können. Wir haben einfach so gearbeitet, wie es uns gefiel und nur daran, was uns gefiel. Scheiß ist sofort von vornherein im Keim erstickt worden. Das hat halt ein Jahr gedauert. Auch wegen der Tour während der Produktion. Viele sagen ja, man soll während einer Produktion bloß nicht auf Tour gehen, weil man da abgelenkt wird, aber bei uns war genau das Gegenteil der Fall. Wir sind super angekommen, gerade auch im Ausland, und gerade das Gefühl, einfach das Gefühl auf Tour zu sein, die Enge im Nightliner etc., wo viele sagen, das sei ätzend, weil sie sich nicht duschen können und so, gerade das war für mich wie ein Urlaub. Einfach, weil ich halt nicht alle anderen Sachen machen musste, um die ich mich sonst tagsüber kümmern muss, ich konnte mich komplett auf die Band konzentrieren und mit frischer Energie und Power zurück zu den Aufnahmen gehen. Ich glaube, das ist das allerwichtigste an dem Prozess gewesen.

Du hast ja gerade erzählt, dass ihr das Geld von eurer Plattenfirma gern genommen, aber gesagt habt, wir nehmen uns einfach die Zeit, die wir brauchen. Was haben die denn davon gehalten?

Die haben uns machen lassen. Wir sind eine Band, die es schon sehr lange gibt und – und das wissen die auch – am besten wissen, wie wir selbst am besten arbeiten können. Die Platte sollte ja eigentlich auch schon mal herauskommen, eigentlich schon zur Tour mit OBI, aber als wir gefragt wurden, wie es aussehe und ob wir rechtzeitig fertig würden, konnten wir nur sagen, ähm, nö. Die hatten sich zwar drauf vorbereitet, aber es nützt ja nichts, die wollen ja auch nicht, dass wir da Schrott abliefern. Und ich denke, im Endeffekt merkt man, dass es dem Album nicht geschadet hat und dass man uns die Erfahrung auch zugestehen kann.

Dann ein anderes Thema: die Texte. Du hast ja vorhin, als die Pinnwand runterkam, schon den Todeskampf angesprochen, haha. Und wenn ich mir dann dazu die Titel so angucke, muss ich unweigerlich an ein Konzeptalbum denken. Ist das so?

Jein. Das kommt drauf an, was du unter Konzeptalbum verstehst. Das Konzept oder die Story … ich sage immer, es ist wie ein Buch, das den Titel „Agony Of Death“ trägt, in dem aber jedes Kapitel eine in sich abgeschlossene Geschichte ist. Also so wie früher das Märchenbuch. „Agony Of Death“ ist eben der Todeskampf und jede Form dieses Todeskampfes hat eine eigene Story bekommen. Das fängt halt bei der Geburt an, die ja eigentlich der Beginn des Todeskampfes ist, denn du willst im Leben ja was erreichen, eine Familie gründen, wie wir mit ’ner Band Spaß haben und durch die Welt reisen, Menschen kennenlernen, sowas. Dabei kämpfst du natürlich gegen den Tod, da du das ja erleben möchtest, bis dahin musst du zusehen, dass dein Körper fit ist, dass du mental gesund bleibst und so.
Der andere Todeskampf ist halt mental, im Business. Mit ’ner Band 27 Jahre durchhalten, Höhen und Tiefen mitmachen und es nicht immer einfach haben – es war NIE einfach für HOLY MOSES – und es trotzdem zu überleben und das machen zu können, was man will, da gehört halt was dazu. Wie wir ja unsere letzte Platte „Strength Power Will Passion“ genannt haben, was du dazu brauchst, um das durchzuhalten. Für sowas musst du kämpfen. Womit wir eigentlich schon beim nächsten Thema wären, wobei es darum geht, dass es eben auch Menschen gibt, die aufgrund von Dingen, die in ihrem Leben passieren, aufhören zu kämpfen, also einen mentalen Todeskampf durchmachen. So hatten wir selber einen Bassisten, der psychisch sehr stark erkrankt und jetzt zwar auf dem Wege der Besserung ist, aber oft in Kliniken war. Vor ein paar Stunden habe ich jetzt erfahren, dass Chris Witchhunter (R.I.P.) von SODOM verstorben ist, und ja, wir alle wissen, dass er viel Alkohol getrunken hat, und manche Menschen verarbeiten nunmal auch Dinge mit Alkohol, mit Drogen. Das ist der Todeskampf, den Chris durchgemacht hat, wobei ich immer noch nicht genau weiß, was da passiert ist. Das war ein Kollege im gleichen Alter wie wir, der diesen Todeskampf schon verloren hat.
Das gibt es in vielen Bereichen, Menschen, die wegen Mobbing, Frust, Depressionen Selbstmord begehen. Außerdem noch die Welt selbst, die gerade einen Todeskampf durchmacht: Die Pole schmelzen ab, Hurricans kommen und gehen. Das sind … das sind einfach Alpträume von mir, die ich niedergeschrieben habe, deshalb habe ich viel in Metaphern geschrieben. Es gibt ja den einen Song, „Alienation“, also „Entfremdung“, womit ich die Entfremdung vom eigenen Körper meine, Menschen, die mies behandelt worden sind und verschiedene Persönlichkeiten ausbilden, bei denen sich die eine hinter der jeweils anderen versteckt und zu unterschiedlichen Gelegenheiten herauskommt.
Das ist also ein sehr vielschichtiges Thema, wie gesagt, und jedes Thema hat seine eigene Geschichte bekommen. Die Texte handeln auch viel von Menschen, die ich kenne.

Das alltägliche Leben war also die Hauptinspiration für die Texte?

Auf jeden Fall, ja.

Hast du denn sonst noch groß Research betrieben, oder …?

Na ja, es sind sehr viele medizinische Sachen drin, da ich ja selbst psychologische Beraterin bin und gerade noch einen Abschluss als Heilpraktikerin in Psychotherapie mache. Davon spielt natürlich sehr viel mit, da ich einfach damit zu tun habe. Ich arbeite unheimlich viel mit Sachen, die ich träume, Sachen aus dem Unterbewusstsein und so, deshalb brauchte ich nicht allzu viel Research zu machen, da ich mich für solche Themen schon interessiere, seit ich 14 oder 15 bin, Sigmund Freud und verschiedene Formen von Therapien und so. Das ist, ähnlich wie die Musik, ein Hobby, oder besser eine Berufung, die ich zum Beruf gemacht habe.

Würdest du dich eigentlich als Pessimistin sehen?

Nee, gar nicht. Die Sachen, von denen ich selber berührt werde, verarbeite ich im Unterbewusstsein und merke dann, dass sie nachts in Träumen sehr stark rauskommen. Das ist kein Pessimismus, sondern das sind einfach Ängste, die ich in meinen Texten verarbeite. Ich versuche eigentlich immer, optimistisch zu sein. Pessimismus kommt eher dabei raus, wenn ich frustriert bin, wenn man mal wieder auf Menschen reinfällt, wo man’s anfangs gar nicht merkt.
Aber im Grunde nicht, nein. Ich sehe das eher als positiven Todeskampf, als die Erkenntnis, dass das Leben schön ist und es sich lohnt, darum zu kämpfen, gegen das Negative und darum, für sich alles positiv zu gestalten.

Gut, dann würde ich gerne wieder zu einem anderen Thema kommen. Und zwar habt ihr ja auf diesem Album einen neuen Bassisten dabei, Thomas Neitsch.

Genau.

Wie kam es denn dazu, dass er in die Band aufgenommen wurde?

Er ist ja erst im Mai dazugekommen. Das erste Mal kam der Gedanke auf der OBITUARY-Tour, als wir gemerkt haben, wie geil es klingt, zwei Gitarren zu haben. Es war immer frustrierend, einige Songs, die die Fans gerne hören wollten, nicht spielen zu können, weil bei Soli zum Beispiel einfach eine zweite Gitarre fehlte. Und wir sind absolut keine Band, die groß mit Computern arbeitet, weil wir auch gerne mal spontan einfach auf Zuruf die Setlist ändern. Wir wissen, dass einige Kollegen, die nur mit einer Gitarre spielen, oft einfach eine zweite Gitarre vom Band kommen lassen, das wollten wir auf keinen Fall, das ist nichts für uns. Zusätzlich haben wir gemerkt, dass die neuen Songs auch sehr komplex sind. Da wir die ja aber auch live spielen wollen, haben wir gesagt, dass wir einfach eine zweite Gitarre brauchen. Weil wir aber mittlerweile eine so eingeschworene Gemeinschaft waren, war das gar nicht so einfach, jemanden zu finden. Dadurch aber, dass Olli (Jaath, ehemals Bass, jetzt Gitarre – Anmk. d. Red.) bei RECKLESS TIDE, wo er herkommt, auch Gitarre spielt, hatten wir zwei Möglichkeiten: Entweder, wir suchen uns einen neuen Gitarristen oder einen Bassisten, denn wenn wir einen Bassisten finden, nimmt Olli halt die zweite Gitarre.
Und wir hatten halt den Thomas kennen gelernt, der mit dem Graphiker, der übrigens auch bei RECKLESS TIDE Schlagzeug spielt, eine Firma hat und auch unsere Website gemacht hat. Und er war halt so oft bei den Proben dabei und wir haben gemerkt, dass das ein ganz netter Typ ist und mitbekommen, dass er gut Bass spielt. Dann haben wir ihn einfach gefragt und er meinte nur: „Da warte ich schon ’ne ganze Zeit drauf, dass ihr mich das fragt!“ Er hatte halt unsere Diskussion mitbekommen, sich aber nicht getraut, uns anzuquatschen, haha.

Geil, hahaha.

Und na ja, Thomas ist ein riesen HOLY-MOSES-Fan und hat alle Platten im Schrank stehen, und so kam es dann, dass wir nur zwei Mal zusammen geprobt haben und dann gleich rüber nach Norwegen geflogen sind und in Oslo ein Festival geheadlined haben. Und die Leute da haben uns nur gesagt: „Geil, wer ist das denn, das passt ja so geil ins Bild. Ein supernetter Typ.“ Sowas ist mir immer wichtig, dass andere sowas sagen, da ich eben auch schon oft auf Leute reingefallen bin. Ich meine, jeder darf die Macke haben, die er will, aber ich muss nicht mit jedermanns Macke auskommen. Nur bei Thomas hat es einfach gepasst.
Damit war’s dann klar: Olli nimmt die zweite Gitarre und wir haben einen neuen Bassisten.

Wie viel Einfluss hatte er denn überhaupt auf das neue Material, wenn er erst im Mai zur Band gestoßen ist?

Nicht mehr viel, ehrlich gesagt. Er hat noch Bässe eingespielt, ein Teil war schon von Michael (Hankel, Gitarrist – Anmk. d. Red.) eingespielt. Er durfte aber trotzdem seinen Senf dazugeben, wobei er meinte, er hätte eigentlich gar nicht so viel zu meckern, haha. Aber klar, er hat nicht so viel mitmischen können, das wird sich dann auf der nächsten Platte verstärken. Aber natürlich hat er vorher auch schon was von den Proben mitbekommen, sodass er sozusagen schon als Freund in die Platte reinhören konnte und hier und da seine Tipps gegeben oder was zu irgendwelchen Riffs gesagt hat. Dadurch fühlte er sich schon irgendwie als in die Gemeinschaft aufgenommen, weil er noch gar kein Bandmitglied war, aber schon seinen Senf dazugegeben hatte.

Das Album wird ja in drei verschiedenen Versionen veröffentlicht: Einmal in der „normalen“ Jewelcase-Version ohne Intros und Outros mit zehn Stücken, einmal im Digipack mit zwölf Songs und mehreren Intros und Outros, und dann noch in einer Vinyl-Ausgabe. Ich höre die Leute eigentlich schon „Abzocke“ schreien. Was sagst du dazu?

Ist es nicht. Wir haben das ja bewusst gemacht, es soll sich ja nicht jeder drei Versionen kaufen, sondern wir haben das ganz bewusst gemacht, weil wir wussten, dass diese Sache mit den Intros und Outros nicht jedermanns Sache ist. Wir wussten, es gibt Thrash-Fans, die sagen, ich will’s voll auf die Fresse, dann gibt es viele Leute, bei denen ich gemerkt habe, dass sie genau verstehen, was wir damit gemeint haben, kurze Pausen zwischen den intensiven Songs und Texten einzubauen. Und dann wurden wir ja letztes Mal so gerügt, dass wir nur die Picture-Disc rausgebracht haben, die man sich eigentlich ja nur an die Wand hängen kann, und jetzt haben wir dann noch eine Doppelvinyl mit drei Songs pro Seite und jeweils einem Intro und Outro. So kann sich wirklich jeder die Version aussuchen, die er haben will. Stell dir vor, der Thrash-Fan, der einfach nur Thrash hören möchte und sich nur diese eine Version mit Intros und Outros kaufen könnte, der wäre total angenervt, dass es nach jedem Song erstmal 20 Sekunden elektronische Musik gibt. Deshalb finde ich nicht, dass das Abzocke ist, denn es soll ja nicht jeder alle drei Versionen kaufen, sondern einfach die, die ihm am besten gefällt.

Gut, ich muss übrigens gestehen, dass ich ein typischer Kandidat für die Jewelcase-Version bin.

Haha, siehst du?

Öhm, joa … ich würde sagen, dann gehören die letzten Worte dir!

Tja, was soll ich sagen? Ich muss glaube ich einfach sagen, danke an die Metalgemeinde in Deutschland, vielen Dank für 27 Jahre Support, sodass wir den Todeskampf noch nicht verloren haben. In der heutigen Zeit ist es nicht normal, so lange durchzuhalten, und ohne unsere Fans hätten wir das nicht geschafft.

Okay, das war’s dann. Tschüss!

Tschüss, mach’s gut!

26.09.2008

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