Imperium Dekadenz
Imperium Dekadenz

Interview

Zwei Herren aus dem Schwarzwald haben sich unter dem Banner IMPERIUM DEKADENZ mit ihrem zweiten Album "Dämmerung der Szenarien" diesen Sommer zu den Überraschungskaisern des Jahres aufgeschwungen. In einer über weite Strecken von Plagiarismus, Verwirrung und Geschmacklosigkeit geprägten deutschen Black-Metal-Landschaft ist dieses Album so angenehm wie Mittelmeerluft, Toga und eine Karaffe Rotwein zusammen: erfrischend, bequem und kräftig benebelnd. Hier das Protokoll meiner Kaiseraudienz:

Imperium DekadenzPerverted Taste haben die Angewohnheit, ihre Labelaktivitäten eher „nebenher“ zu ihrem Mailorder laufen zu lassen. Das führt dazu, dass Veröffentlichungen oft sehr plötzlich auftauchen und vorher nicht beworben werden. Das war bei Eurem zweiten Album genauso, deshalb war’s für mich eine besonders große Überraschung – allerdings auch eine unerwartet positive. Wie reagieren andere auf den Sprung vom ersten zum zweiten Album, wie sehr Ihr ihn?

Horaz: Ich denke, wir haben mit dem neuen Werk einen recht großen Sprung gemacht. Angefangen vom Sound, über das Spielerische, Lyrik, bis hin zum Artwork. Wir saßen jetzt fast eineinhalb Jahre an „Dämmerung der Szenarien“ und haben uns besonders im Aufnahmezeitraum extrem den Arsch aufgerissen. Jede Minute darauf war hart erarbeitet, da wir absolut alles (außer dem Video und Outro) selbst gemacht haben. Wenn jemand sagt, das alte Album sei besser, kann ich mir das nur so erklären, dass diese Person auf schlechteren Sound steht und/oder alles etwas oldschooliger mag. Es gibt kein Kunstwerk, das jedem gefallen kann. Wir haben den Weg gewählt, der uns in dieser Zeit als am besten vorkam.

Vespasian: Bislang sind die Reaktionen fantastisch! Ich glaube, dass einige Leute angenehm überrascht sind von unserer Entwicklung. Schon die erste CD brachte hervorragende Resonanzen! Aber die bisherigen Reaktion erscheinen mir weitaus euphorischer! So mancher scheint die Band nicht mehr wieder zu erkennen, ha ha.
Ich denke das Album bringt uns deutlich vorwärts. Die harte Arbeit scheint Früchte zu tragen.

Ich habe seinerzeit Euer erstes Album ziemlich auseinander genommen und kritisiert, insbesondere den schwachen Sound, die spielerischen Schwächen und die eher klischeehafte Herangehensweise. Wie seht Ihr das Album rückblickend? Glaubt Ihr, es sei vielleicht noch zu früh für ein Album gewesen?

Horaz: Wir denken, es ist immer noch ein gutes Album. Du musst auch sehen, wir haben das alte Album mit einem 8-Spur-Harddiscrecorder aufgenommen. Das Schlagzeug war komplett am Stück aufgenommen und die Gitarren in langen Stücken, da das Editieren an dieser Maschine extrem scheiße bis unmöglich war. Das war extrem stressig, und man musste irgendwann mit einem Ergebnis zufrieden sein. Du hast damals einige negative Punkte beschrieben, die ich rein objektiv gesehen auch bestätigen kann. Subjektiv gesehen ist insbesondere der Sound beim BM im Allgemeinen nur zweit-, wenn nicht gar drittrangig und sollte meiner Meinung nach nicht zu sehr in die Waagschale geworfen werden. Bei anderen Punkten hattest du recht, und wir haben es uns auch zu Herzen genommen.

Vespasian: Aufgrund des schlechten Equipments ist vor allem das Mastering nicht optimal gelaufen. Hier wurde der Schlagzeugsound mehr oder weniger zerstört. Viele Feinheiten kann man einfach nicht mehr heraushören. Ich bin dennoch der Meinung, dass die erste Scheibe gute Lieder enthält und eine interessante Atmosphäre entstehen lässt.
Ich denke auch nicht, dass es zu früh für ein Album war. Um ehrlich zu sein warst du ja einer der Wenigen, die kaum ein gutes Haar an der Scheibe gelassen haben. Die Resonanzen zu dieser CD waren und sind überwiegend positiv.

Ihr habt innerhalb eines Jahres enorme Fortschritte in kompositorischer, spielerischer und produktionstechnischer Hinsicht gemacht und seid damit innerhalb kürzester Zeit „erwachsen“ geworden. Ist das die gängige Entwicklung, oder habt Ihr gezielt an bestimmten Punkten gearbeitet, die Euch selbst nicht gefallen haben? Habt Ihr Euch die Kritiken an Eurem Debut zu Herzen genommen? Wie geht Ihr generell mit Kritik seitens Eurer Hörer um?

Horaz: Ich habe das jetzt wohl schon in der vorherigen Frage vorweg genommen. Die wichtigsten Punkte waren sicherlich auch, dass wir uns viel mehr Zeit gelassen haben. Man wächst ja auch mit jeder Veröffentlichung ein wenig. Den größten Sprung haben wir aber sicher durch unsere neuen Aufnahmemöglichkeiten gemacht. …und ja, wir haben uns alle Kritiken zu Herzen genommen, die positiven wie auch die negativen. Wenn jemand allerdings ganz subjektiv unsere Atmosphäre zu langweilig ist, oder jemand meint wir seien nicht true genug usw. – das geht uns wirklich am Arsch vorbei!

Vespasian: Wir wussten ganz genau, was bei zukünftigen Produktionen besser laufen muss.
Neben der bereits erwähnten, besseren Aufnahmesituation haben wir einfach auch intensiver geprobt… jeder für sich, und natürlich zusammen.
Während der Aufnahmen waren wir diesmal deutlich penibler. Jeder Take wurde diskutiert,
jeder Ton kritisch analysiert.
Für ehrliche Kritik habe ich stets ein offenes Ohr, aber oftmals ist geäußerte Kritik, besonders in so manchem obertruen Kindergartenforum nichts anderes als pure Neiderei.

„Dämmerung der Szenarien“ hebt sich glücklicherweise von gähnend langweiligen pseudo-truen Black-Metal-Combos, politisch Verwirrten, gnadenlos und offensichtlich von alten Norwegern beeinflussten Bands und anderen Klischeereitern mehr als deutlich ab. Wie sieht die Identität aus, die Ihr in puncto Aufreten, Thema oder musikalischem Ausdruck ausgebildet habt oder ausbilden möchtet? Wie seht Ihr Euch als Band und Individuen innerhalb dessen, was die deutsche Black-Metal-Szene sein soll? Wodurch hebt Ihr Euch ab?

Horaz: Natürlich sind auch wir von den „alten Norwegern“ beeinflusst, allerdings kommt bei uns hinzu, dass wir auch andere Musik als Black Metal hören. Das fängt bei anderen Metal-Arten wie Death und Doom Metal an, über Rock wie MOTÖRHEAD bis hin zu Klassik und Folk/Neofolk. Wir lieben Musik, weil sie uns so viel gibt, beschränken wollen wir uns hierbei nicht! Vielleicht macht das eine Art Andersartigkeit aus. Wir sehen uns nicht als eine Band, die Religionsvoreingenommenheit und Politik propagiert. Wir wollen, dass die Leute unsere Scheiben hören und damit für eine Weile den Alltag vergessen, in andere Länder und Welten reisen, ihren Hass und ihre Sehnsucht ausleben können. Genau das ist es, was für uns Musik ausmacht, insbesondere Black Metal. Dazu brauchen wir weder Gott, Satan, Hitler oder Stalin.
Ich möchte noch hinzufügen: wir sind auch keine Misanthropen. Wären alle Menschen fort, was sollten wir dann noch hassen hahaha… Ich bin der Meinung, man muss sich dem Leben und den darin befindlichen Menschen stellen, wenn es auch schwerfällt. Es gibt keinen Ausweg, nur den Selbstmord, und das ist feige.

Ein wenig befremdlich bzw. prätentiös finde ich Eure Künstlernamen Horaz und Vespasian. Zum einen entstammten beide Namensträger der römischen Antike und waren Dichter bzw. Kaiser, zum anderen ist z. B. Vespasian als weltoffener, positiver Kaiser das krasse Gegenteil zu einem Tyrannen wie Caligula oder Nero gewesen. Ich nehme stark an, diese Namenswahl ist nicht zufällig. Was soll uns dieses Statement sagen?

Horaz: Wir sind beide Freunde der Antike, insbesondere der römischen. Damit war also im Vornherein klar, dass es Namen aus der römischen Antike sein sollten. Ich wählte das Pseudonym „Horaz“ vor allem wegen seines weltberühmten Spruches „Staub und Schatten sind wir“. Es unterstreicht einen Teil meines Charakters. Insbesondere in der heutigen Zeit sind Versprechen und Loyalität nicht mehr als eine Flüchtigkeit, Liebesbeschwörungen nicht mehr als Schall und Rauch. Was nutzt es auch, sich irgendetwas aufzubürden, wenn wir nicht mehr sind als ein Schatten in der Geschichte!? Es ist der Wille, dieser Erkenntnis mit Wahrhaftigkeit entgegen zu treten! Es sind also nicht materielle Dinge, Erfolg, religiöse Erleuchtung oder Reichtum, nach denen es zu streben gilt, sondern nach Wahrhaftigkeit. Ich denke, das ist der Schlüssel zum Glück.
Die Pseudonymfindung war etwas Individuelles und hat nicht unbedingt direkt etwas mit der Gesamtdarstellung von IMPERIUM DEKADENZ zu tun.

Vespasian: Ich wählte mein Pseudonym, weil ich großen Respekt vor dem politischen Wirken des Vespasian habe. Interessierte dürfen diesbezüglich gerne mal ein Geschichtsbuch zur Hand nehmen, denn näher erläutern möchte ich sein Handeln an dieser Stelle nicht. Zusammenfassend kann die Namenswahl als Respektsbekundung betrachtet werden.

Lateinische Texte und sprachlich gewandte Metaphern (am Ende noch mit literarischen Zitaten!) sind in der oft von eher bildungsfernen und engstirnigen Schichten dominierten Black-Metal-Szene nicht besonders oft anzutreffen – und vermutlich auch nicht gerne gesehen. Ich muss mich auch offiziell beschweren, dass ich nicht einmal das Wort „Satan“ in den Texten finden konnte. Zudem stößt mich die abnorme Absenz christenhetzender und Odinismus glorifzierender Propaganda ab. Wo kommen wir da hin, wenn auf einmal das Niveau regiert? Und überhaupt, was wollt Ihr uns denn mitteilen, und ist das überhaupt für den gemeinen ENDSTILLE-Hörer zu erfassen?

Horaz: Ich möchte zunächst hinzufügen, dass es immer auch solche Bands mit plakativen Texten über z. B. Satan und die Götter geben sollte. Ich hab oft auch einfach nur Lust, brutalen, dreckigen und plakativen Black Metal zu hören! Ich persönlich finde unsere Texte eigentlich gar nicht so hochtrabend. Alle Lyriken sind mehr mit dem Herz als mit dem Kopf geschrieben. Wenn beim Hörer durch die Texte Bilder im Kopf entstehen, haben wir unser Ziel schon erreicht. Es kann auch zukünftig passieren, dass mal so ein richtig fies-plakativer Text dabei ist. Dann wird es mit Sicherheit daran liegen, dass wir festgestellt haben, zu diesem Lied muss solch ein Text her, hehehe…
Kurz: Wenn jemand aus meinen Texten etwas gewinnen kann, ob das nun meiner Absicht entspricht oder nicht, dann reicht mir das.

Obwohl ich mich halbwegs bewandert fühle im Heraushören von Fremdeinflüssen innerhalb neuer Veröffentlichungen, bin ich an der verblüffenden Eigenständigkeit von „Dämmerung der Szenarien“ gescheitert. Oberflächlich betrachtet klingt zwar das ein oder andere hier und da nach BURZUM, nach SHINING, auch mal nach WINDIR oder nach der ersten SATYRICON, bleibt aber doch eher atmosphärischer Einfluss als Plagiat. Was inspiriert Euch auf tiefer liegender Ebene zu Eurer Musik? Welcher Epoche des Black Metal führt Ihr Euch emotional verbunden?

Horaz: Ich fühle mich mit keiner Epoche wirklich verbunden, auch wenn ich immer noch viele der alten Klassiker höre. Ich persönlich greife immer dann zur Gitarre oder zum Stift, wenn ich stark emotional bewegt bin. Musik war und ist mein einziger Anker im Leben, selbst wenn alles um mich herum zu versinken scheint. Die Kunst, die ich aufnehme, und alles was im Leben um mich herum passiert, sauge ich auf wie ein Schwamm. Irgendwann ist er voll und man muss ihn auswringen. Vielleicht ist es die individuelle Prägung von uns beiden, sowie Geschmack und Vorstellung, die alles so klingen lässt, wie es klingt. Besonders beim Gesang sammle ich alle Emotionen, dann kotze ich sie aus und versuche von allem los zu lassen. Klingt nach Eigentherapie!? … ist es auch, wie alles bei IMPERIUM DEKADENZ.

Beispielsweise im Titelsong oder in „Harmatia“ stechen Akustikgitarren hervor, die mich sehr an Renaissancemusik und spanische Klassik erinnern. Ihr werdet doch nicht etwa andere Musik als ausschließlich Black Metal hören??? Wenn doch, hätte ich gerne eine zünftige und stichhaltige Rechtfertigung!

Horaz: Wie vorhin schon erwähnt, hören wir auch Musik weitab vom Black Metal … oder auch nicht!? Ich finde auch wenn es ganz andere Stile sind, tragen sie doch meist den Black-Metal-Geist in sich. Was bleibt, ist ja immer der Kern oder die Seele des Stücks und das umfasst meist immer gleiche das Muster … welches zu gefallen weiß.

Vespasian: Mein Musikgeschmack ist sehr vielfältig. Die Basis bildet natürlich der Metal in all seinen Variationen. Bevorzugt lausche ich schwarzmetallischen und doomigen Klängen. Des weiteren bin ich ein großer Fan von dreckigen Rock’n’Roll à la MOTÖRHEAD oder ZEKE.
Ich liebe zudem Filmsoundtracks und klassische Musik.
Was ich ums Verrecken nicht leiden kann ist Metalcore und dieser PseudoMelodicDeath wie in IN FLAMES ihn momentan fabrizieren.

IMPERIUM DEKADENZ sind, für mich, mehr oder minder aus dem Nichts heraus aufgetaucht und scheinen keine große Vergangenheit zu haben. Was habt Ihr vor dieser Band getrieben und warum gibt es IMPERIUM DEKADENZ?

Horaz: Ich spielte zuerst in einer anderen Zwei-Mann Formation namens KÄLTE (Black Metal). KÄLTE war und ist aus meiner heutigen Sicht einfach nur schlecht. Einige Leute fanden KÄLTE sogar toll. Immerhin sind wir voller Euphorie und Überzeugung an die Songs gegangen, vielleicht ist es das, was den Leuten gefiel. Dann hatte ich ein Soloprojekt namens AXT (Black Metal). Heute für mich der Weg zu IMPERIUM DEKADENZ. Im tiefsten Untergrund fanden die AXT-Sachen zwar einige Anhänger, aber ich denke es war wohl einfach zu „speziell“, um es einer breiteren Masse zugänglich zu machen, hehehe.
ID entstand aus einer Bierlaune auf einem Festival im Jahre 2004. Damals nur als Bekannte, schweißten uns die Musik und andere Ansichten immer weiter zusammen und wir wurden beste Freunde. Es folgte ein Demo im Frühjahr 2005. Hier schlossen wir uns drei Wintertage und -Nächte lang im Proberaum ein, betranken uns maßlos und nahmen das Demo auf. Die Qualität des Demos war gegensätzlich des Promillegehalts in unserem Blut sehr gering. Weitere Aufnahmen 2005 brachten uns dann einen Vertrag mit Perverted Taste.

Vespasian: Ich spielte in diversen unbedeutenden Bands, welche aufgrund mangelnder Motivation seitens der anderen Bandmitglieder schnell den Bach runtergingen. Danach (im Jahre 2001) startete ich ein Soloprojekt namens MICTIAN. Ich produzierte ein Demo, und konnte seinerzeit auch einen Titel auf einer ABLAZE-Compilation platzieren. Neben IMPERIUM DEKADENZ trommle ich noch bei einer klassischen Metalcombo, welche einen MAIDEN-ähnlichen Stil spielt.

Wie lässt sich der recht plakative Bandname verstehen – leben wir in einem Reich der Dekadenz, oder ist dieses Reich erstrebenswert? Ist Dekadenz das, was die Welt zerfallen lässt, oder etwas, das sie am Laufen hält? Kann ich bitte einen kurzen philosophischen Exkurs zum Thema bekommen?

Horaz: Inspiriert ist der Bandname vom Film „Caligula“ aus den 70ern. Das und das vorhin erwähnte Faible für die römische Antike standen somit inspirativ Pate für die Namensfindung. Die Frage, was im tieferen Sinne hinter dem Namen steckt, ist weder kurz noch einfach zu beschreiben. Das Wort „Dekadenz“ bedeutet allgemein den Verfall von Werten. Welche Werte das sind, hat uns die Kirche in den letzten fast 1600 Jahren eingetrichtert. Hier kommt nun eigentlich untypisch für uns die Kirche ins Spiel, doch sie war ausschlaggebend für das Gesicht der heutigen Welt. So kann man genauso argumentieren, dass durch die Kirche damals andere Werte verloren gingen, also in diesem Sinne auch ein Verfall der Werte. Ich möchte mich jetzt hier nicht über die Kirche auslassen, sie ist lediglich der Auslöser. Schnelllebigkeit, Haltlosigkeit, Ehrlosigkeit und Ziellosigkeit sind die faulen Früchte, die wir heute ernten. Sollte ich ein Bild malen, das den Charakter der heutigen westlichen Welt abbildet, würde ich es komplett grau malen. Alles verschwimmt in Eintönigkeit.
So ist doch die Musik, wenn auch beim Black Metal ein pechschwarzer, endlich ein Farbklecks, etwas, das einen aus der Monotonie reißt. Etwas mit einer Richtung, für manche in dieser „Szene“ bildet diese Musik ein Ziel. Sie lehrt uns, was wir vergessen haben. Die Art und Weise, wie Black Metal gespielt und zelebriert wird, ist ein Anhaltspunkt dafür, wie die Hörerschaft über die Gesellschaft denkt, wie sie sie erfährt und was ihr darin fehlt.
Das IMPERIUM DEKADENZ ist unser Reich, indem Werte-Heuchelei außen vor bleibt. Wir zelebrieren den Zerfall heutiger Werte, tränken das Grau in Schwarz.
Auch wir leben in dieser Welt und passen uns sklavisch an die Gesellschaft an. Will man seine Träume verwirklichen, muss man dafür leiden können. Um am Ende seiner Tage sagen zu können, man hat wahrhaftig gelebt, müssen wir uns nicht mehr auf Schlachtfeldern schlagen. Die Schlachten werden tagtäglich in unseren Köpfen ausgetragen. IMPERIUM DEKADENZ ist unsere Burg, auf die wir uns zurückziehen können.

Bands, die aus zwei Menschen bestehen, sind meistens eine sehr persönliche Geschichte zweier Musiker, die nicht gut auf Kompromisse oder profane Bandarbeit zu sprechen sind. Wie ist das bei Euch, was hat Euch zusammengeführt, was für Charaktere seid Ihr, wie läuft Eure Zusammenarbeit ab?

Horaz: Wir schreiben die Grundstruktur der Songs jeweils zunächst alleine. Im Proberaum wird das Material auseinander genommen, daran herumgefeilt und ausprobiert. Nach und nach entsteht der fertige Song… oder auch nicht. Wir lassen es uns auch nicht nehmen, noch während der Aufnahmen zu experimentieren. Das ist sicherlich einer der wichtigsten Punkte, warum wir selbst aufnehmen wollen.
In der Anschauung der Dinge sind wir sicherlich sehr gleich. Im Grundcharakter eher unterschiedlich. Ich bringe meist die rauen, nordischen und kalten Elemente in die Musik, Vespasian eher die erhabenen, epischen aber auch die doomlastigen und traurigen Elemente. Zusammengeführt hat uns ganz sicher die Tatsache, dass wir im jeweils Anderen endlich jemand gefunden haben, mit dem man sich austauschen kann, der die Welt so sieht wie man selbst und nicht zuletzt den gleichen Musikgeschmack hat. Wenn man Schwarzwald hört, denkt man unweigerlich daran: hier muss es viele Leute geben, die Black Metal hören. Weit gefehlt. Es ist gut so wie es ist.

Zwar halte ich „Dämmerung der Szenarien“ für durchaus anspruchsvoll, insichgekehrt und weltfremd. Das muss, denke ich, aber nicht zwangsläufig heißen, dass Ihr den ganzen Tag lustwandelnd, in eine Toga gehüllt und mit Papyrusrollen unter dem Arm durch die Haine wandert, Euch von Weintrauben ernährt und Euch mit Knaben vergnügt. Wie sind IMPERIUM DEKADENZ, wenn sie nicht IMPERIUM DEKADENZ sind? Biertrinker, Kinogänger, Konzertfreaks, Fußballgucker, „normale Menschen“, mit denen man eine Menge Spaß haben kann?

Horaz: Ich würde mich als sehr umgänglich beschreiben, trinke auch gerne mal einen zuviel. Ich habe zwölf Jahre lang American Football gespielt, bis eine schwere Verletzung diesen Weg beendete. Ich möchte mich auch nur sehr ungern als Philosophen darstellen, wie es in deiner Fragestellung herüber kommt (wenn natürlich auch nur ironisch). Hier, für dieses Interview, setzte ich mich gerne hin und mache mir Gedanken über den Bestand der Dinge, im Alltag behalte ich meine Gedanken für mich. Hier, im Kreise der Anonymität, gebe ich auch gerne mehr von mir preis, unter Leuten die ich kenne nicht (außer Vespasian). Es ist mir bei den meisten Leuten einfach zu anstrengend.
Kurz: Ich mach gerne Sport, liebe gute Filme, kann auch ne richtige Festsau sein, bin gerne in der Natur und beschäftige mich mit Geschichte.

Obwohl Ihr sehr persönliche Musik produziert, halte ich sie trotzdem für eingängig und sehr livetauglich. Habt Ihr darüber nachgedacht, die Band, zumindest für Konzerte, aufzustocken? Wie könnte eine mögliche Umsetzung des Materials auf der Bühne aussehen?

Horaz: Das ist die Frage, die auch uns im Moment beschäftigt. Wir wollen live spielen, keine Frage. Momentan wurde diese Unternehmung allerdings aus beruflichen Gründen zunächst auf Eis gelegt. Irgendwann wird es uns aber zu sehen geben. Wie das auf der Bühne aussehen soll, dazu haben wir uns viele Gedanken gemacht. Konkretes gibt es aber nicht. Es wird wohl so sein, dass ich den Gesang übernehme und Vespasian entweder ein Saiteninstrument oder die Drums.

Für „Reich der fahlen Seelen“ habt Ihr ein Video produziert, das ich relativ gelungen, aber nicht sehr außergewöhnlich finde. Warum habt Ihr diesen Song gewählt, warum gibt es überhaupt ein Video? Wie steht Ihr zu „Neuen“ Medien und Black Metal? Ist alles erlaubt, was der Umsetzung der eigenen Vision förderlich ist?

Horaz: Peter Volk, ein Freund aus meinem Studium, der im Bereich Kurzfilm sehr engagiert und versiert ist, bot mir an ein Musikvideo für uns zu machen. Obwohl er einen sehr breitgefächerten Musikgeschmack hat, war ihm die Quintessenz des Black Metal fremd. Man muss auch sehen, dass wir ein Nullbudget hatten, was die Ideenverwirklichung sehr sehr eingrenzte. Ein anderes Problem war die Zeit. Wir waren mitten in den Musikaufnahmen und hatten auch gerade so extrem viel um die Ohren, was wiederum nicht sehr förderlich war. Wenn man all die Faktoren berücksichtigt, muss man wirklich sagen, dass Peter das Beste aus den Aufnahmen heraus geholt und ein wirklich gelungenes Ergebnis geliefert hat. Es war einfach eine gute Möglichkeit ein Video zu machen, wir haben sie genutzt, da wir so was schon immer mal machen wollten.
Ich bin davon überzeugt, dass alles erlaubt ist um sich künstlerisch auszudrücken.

Wo wir beim Thema Umsetzung sind – Ihr produziert offenbar in Heimarbeit. Werden wir in Zukunft auch Produktionen anderer Bands aus Eurer Hand hören? Kannst Du mir ein paar technische Details zu Eurem Studioequipment verraten?

Vespasian: Wir haben in der Tat schon Anfragen von anderen Bands vorliegen, welche bei uns aufnehmen möchten. Das ist aber eine Zeitfrage, da wir jetzt all unsere Energie dem dritten Album widmen wollen. Wir nehmen uns jetzt keine Auszeit.
Zum Studioequipment sei folgendes gesagt:
Wir haben in gute Mikrofone investiert, das ist ein entscheidender Faktor. Zudem haben wir uns ein 32-Spur-Audio-Interface gegönnt. Glücklicherweise hat unser Proberaum eine recht ansprechende Akustik, was vieles einfacher macht. Wir hatten keine Lust, in ein Studio zu gehen, wo man für einen dreiwöchigen Aufenthalt mehr bezahlt, als wir für unser komplettes Equipment hingelegt haben! Jetzt können wir komfortabel vorproduzieren, Proben mitschneiden, etc. …
Das Wichtigste ist jedoch, sich in Sachen Tontechnik immer weiter fortzubilden. Was nützt einem ein professionell eingerichtetes Studio, wenn man keine Ahnung von der Materie hat?

Offengestanden sehe ich das Label Perverted Taste auf Grund so einiger Aspekte sehr kritisch. Wie sind Eure Erfahrungen, kommt ein Labelwechsel für Euch in nächster Zeit in Frage?

Vespasian: PT haben uns anfangs ohne Frage dabei geholfen, unseren Namen bekannter zu machen. Es hat wohl Label wie uns gleichermaßen überrascht, dass wir überdurchschnittlich viele Einheiten unseres Debuts absetzten konnten. Es mussten ja bereits nach einem halben Jahr CDs nachgepresst werden!
In der letzten Zeit haben wir aber festgestellt, dass ihre Aktivitäten einfach nicht ausreichend für uns sind. Auch zweifle ich an, dass dieses Label wirklich Interesse an dem Schaffen ihrer Bands hat. Vor allem die Promotionaktivitäten lassen meiner Meinung nach extrem zu wünschen übrig. Unser drittes Album wollen wir daher auf einem anderen Label veröffentlichen. Unsere aktuelle Scheibe sollte eigentlich ein paar Plattenfirmen auf uns aufmerksam machen. Ich wünsche mir ein Label, welches sich wirklich für unsere Kunst interessiert, und uns nach Kräften unterstützt. Die Firma wird von uns nur bestes Material erhalten, das ist sicher. Schau dir beispielsweise HELRUNAR und SECRETS OF THE MOON an. Diese Bands bekommen fantastische Unterstützung seitens Prophecy Productions. In so einem professionellen Umfeld möchten wir uns in Zukunft ebenfalls bewegen. Das haben wir verdient, denke ich. Wir haben noch viel Kunst zu geben! Es geht letztendlich darum, dass jeder Extremmetaller Notiz von unserem aktuellen Material nimmt.

Aus aktuellem Anlass möchte ich noch klar Stellung zu einem leidigen Thema beziehen: IMPERIUM DEKADENZ waren und sind nicht politisch motiviert. Wir verabscheuen NSBM-Combos wie jeder andere vernünftig denkende Mensch auch! Black Metal ist Kunst für freidenkende Menschen. Die Intentionen des wahren Black Metals stehen für mich im krassen Widerspruch zu pseudo-nationalistischem Gedankengut.
Ich bin auch dafür, dass rechtsextremer (aber auch linksextremer) Dreck bekämpft werden muss, und ich kann mich auch nicht mit der Labelpolitik von PT identifizieren (weshalb wir uns ja auch von ihnen trennen werden).
Dass dieses Thema momentan für nervige Überreaktionen einiger Pseudo-Saubermänner führt, kann jeder Interessierte in eurem Forum nachlesen. Hier wurde durch eine unverschämte Lüge versucht, uns in ein falsches Licht zu drängen… sehr armselig! Diese Lügner und Hetzer sind mindestens genauso schlimm und ekelhaft wie der Dreck, den sie vorgeben zu bekämpfen! Schämt euch!!!

Ihr habt für das wirklich fantastische „Dämmerung der Szenarien“ nur gut eineinhalb Jahre gebraucht. Wird’s in diesem Tempo weitergehen? Was kommt danach? Wenn Ihr Euch so exponential weiterentwickelt, werdet Ihr 90% des deutschen Black Metals mit dem nächsten Album in Grund und Boden stampfen. Und, nebenbei gefragt, welche Bands wären es aus dieser Szene wert, dass sie am Leben bleiben?

Horaz: Es sollen natürlich die Bands überleben und gefördert werden, die gerne gehört werden. Das ist jetzt zwar sehr schwammig ausgedrückt, aber ich möchte hier keinen Richtspruch fällen, da mir dies gar nicht zusteht.
Natürlich versuchen wir uns auch in Zukunft weiter zu entwickeln (was nicht heißt, dass wir unseren Stil gravierend ändern wollen). Was das genau im Einzelnen ist, vermögen wir hier nicht zu verdeutlichen. Wir werden weiterhin versuchen unsere Emotionen ehrlich in die Musik einfließen zu lassen, wie auch immer das sein wird. Natürlich werden wir versuchen dieses Album zu toppen, sonst würde es auch keinen Sinn machen, ein weiteres aufzunehmen.

Vespasian: Ich denke, dass die aktuelle Scheibe einen guten Eindruck vermittelt, wo wir gerade stehen.
Während der Produktion von „Dämmerung der Szenarien“ haben wir wieder viel lernen können. All das wird dem nächsten Album zu Gute kommen.
Wie bereits erwähnt, möchten wir das nächste Album in einem professionelleren Umfeld präsentieren. Diese Scheibe soll bereits nächstes Jahr erscheinen. Wir möchten in der nächsten Zeit die „Labelfrage“ geklärt wissen, damit wir mit freiem Kopf die Arbeiten für die dritte CD aufnehmen können. Wir sind voller Tatendrang. Ehrlich gesagt habe ich schon jetzt wieder Hummeln im Hintern! Zudem wollen und werden wir auch an der Livefront aktiv sein.

Zum Ende: Dankeschön für Eure Zeit und das tolle Album. Verabschiedet Euch bitte mit einem literarischen Zitat aus der römischen Antike, das die Intention von IMPERIUM DEKADENZ am besten ausdrückt.

„Unser Leben ist das, wozu es unser Denken macht“ (Marcus Aurelius).

Galerie mit 25 Bildern: Imperium Dekadenz - Skaldenfest Open Air 2018
15.10.2007

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