Jack Frost
Jack Frost

Interview

Es gibt ja viel, was über Österreicher verbreitet wird, Gutes wie Schlechtes. Ob es sich die Waage hält, sei einmal dahingestellt. Sicher ist allerdings, dass aus Österreich nicht nur Witze und ein seltsamer Dialekt kommen, sondern auch eine Band, die einen Musikstil definiert hat. Die Rede ist von JACK FROST, welche vor kurzem zu ihrem 15-jährigen Bestehen direkt ihr siebtes Album unter die Leute geworfen haben. Wie und was und wieso, weshalb, warum, und was sonst noch so kommen mag, lest ihr hier am besten selbst.

Jack FrostZunächst mal Gratulation zum neuen Album, wie ist denn Dein eigener Eindruck zur neuen Scheibe?

Ich habe immer sehr gemischte Gefühle bei einem neuen Album. Ich bin sehr selbstkritisch. Irgendwas stört mich immer und ich finde dann viele Dinge, die mir dann nicht gefallen. Grundsätzlich sage ich, das was wir vorhatten ist gelungen, aber als Band sieht man doch immer sehr kritisch auf das Album, findet Sachen, die man eventuell hätte besser machen können, oder man hätte mehr Zeit gebraucht. Im Großen und Ganzen reflektiert das Album ziemlich genau den Zeitpunkt unseres Bandbestehens, wie wir im Moment so drauf sind.

Wenn Du sagst, dass Du es Dir kritisch ansiehst, entwickelt sich das Album im Schreibprozess weiter? Oder ist das Ergebnis das, was Ihr von Anfang an wolltet?

Unser Problem ist, dass wir sehr kurzfristig Songs schreiben. Unsere Kreativität ist so eigenartig beschaffen, dass wir, wenn wir einen Deal haben und einen Studiotermin, anfangen Songs zu schreiben. Dann sind wir auch kreativ und produktiv. Meist fehlt uns jedoch die Zeit dafür, uns lange dem Songwriting zu widmen. Das ist auch nicht unser Arbeitsstil, wir würden niemals monatelang an Songs herumtüfteln. Und so kommt es dazu, dass wir auf Platte bannen, was da ist, was wir durcharrangiert haben. Nach dem Endergebnis sieht man natürlich immer, was man hätte besser machen können, aber das ist, denke ich, immer so, es ist auch meine eigenes Lebensgefühl, muss ich sagen. Ich bin nie wirklich mit etwas zufrieden, sondern suche immer die Veränderung, die Entwicklung, auch mit dem neuen Album.

Mittlerweile seid Ihr ja bei SILVERDUST RECODS, wie kommt Ihr denn mit denen zurecht? Wie ist die Unterstützung und wie geht es denn jetzt weiter?

Also, wie es weiter geht, das wissen wir noch nicht, so sind wir eigentlich ganz zufrieden. Es sind ja Leute, die wir schon lange kennen, sowohl den Achim Ostertag, als auch den Michael Trengert und so ist es auch zu der Situation gekommen. Wir haben nach dem Winterbreeze in Abtsgmünd damals mit ihnen gesprochen und gesagt, dass wir ein neues Album machen wollen und sie meinten: „Ok, dann bringen wir es raus.“ Und soweit hat alles gut geklappt, sprich mit der finanziellen Unterstützung, mit der Promotion, wir können nicht klagen. Wir müssen zwar damit leben, dass wir immer hinter END OF GREEN sind, aber das ist nur natürlich. Und wir profitieren auch davon. Wir haben jetzt ein paar Shows mit END OF GREEN gespielt und da hat man natürlich jede Menge Leute und in dem Sinn ist es auch wieder gut für uns. Jetzt werden wir mal sehen, wie es weitergeht. Also Silverdust ist mit der Platte sehr zufrieden, mit dem Produkt an sich. Mit den Verkäufen, das wird sich noch zeigen und dann wird man drüber reden, wie wir weitermachen.

Was ist deiner Meinung nach der größte Unterscheid zwischen dem letzten JACK FROST-Album „Wannadie Songs“ und dem aktuellen Output „My Own Private Hell“?

Was ist der größte Unterschied… Was man natürlich sofort merkt, „Wannadie Songs“ ist natürlich eine viel langsamere Platte, vielleicht mehr ins Detail arrangiert, viel depressiver und damals haben wir auch noch mit Cello gearbeitet, mit akustischen Gitarren, mit Piano teilweise, das haben wir jetzt alles weggelassen. Wir haben probiert die Songs „Right-In-The-Face“ so drauf zu bekommen, wie wir sie auch live spielen und einen direkteren Sound zu schaffen. Wir haben dieses Mal auch mehr experimentiert, weil wir uns mehr getraut haben. Mit Songs wie „Red Roses Day“. Sowas hätten wir früher nie gemacht, da hätten wir uns nicht drüber getraut. Dieses Mal war es uns relativ egal, ob die Songs jetzt kompakt sind, oder ob sie sich in einem Genre zusammenfassen lassen. Wir haben einfach das aufgenommen, was uns gefiel und was wir hatten. Das ist sicherlich auch ein Unterscheid, denn möglicherweise ist „Wannadie Songs“ ein kompakteres und in sich geschlosseneres Album, als das neue, aber das sollen andere Leute entscheiden (lacht).

Ja aber ist doch auch mal nett, das von demjenigen zu hören, der das Ganze fabriziert hat.
Du hast eben gesagt, dass das neue Album euch aktuell reflektiert und widerspiegelt. Wo siehst Du Euch im aktuellen Musikgeschehen?

Wir befinden uns schon seit einem halben Jahr in einer Art Zäsur, einem Innehalten nach 15 Jahren und der Reflektion als Band. Was haben wir gemacht, wie weit sind wir gekommen? Dabei haben wir festgestellt, ok, wir werden immer eine Band der Größe bleiben, wie wir sind. Wir haben nun das siebte Album draußen und im Grunde genommen ist es uns scheißegal, wie es weiter geht. Wir machen jetzt nur noch das was uns gefällt. Natürlich haben wir das früher auch gemacht, aber früher haben wir auch wesentlich mehr nachgedacht über Sachen wie, können wir diesen oder jenen Song auf die Platte packen? Oder kann es sein, dass es Fans abstößt, oder dass wir neue Fans gewinnen? Über solche Sachen denken wir heute nicht mehr nach. Wir sind JACK FROST, es gibt uns seit 15 Jahren, wir sind, wie wir sind und wir machen was wir wollen.

JACK FROST ist schon über die Jahre hinweg eine Art Institution geworden für meine Begriffe.

Ja ich denke auch. Mir fehlt zwar etwas der Überblick, aber es weiß jeder woran er bei uns ist und es wird nicht viele Überraschungen geben. Was ich auch dazu sagen muss, wir sind jetzt an dem Punkt, an dem wir sagen, dass wir dieses Album noch machen und es dann Zeit wird etwas Neues auszuprobieren. Jetzt nicht unbedingt als JACK FROST, als alle Bandmitglieder miteinander, aber Teile der Band miteinander. Und da sind wir gerade am Überlegen, ob wir nicht mal in eine völlig andere Richtung gehen.

Ja und…

Ehm, Du möchtest wissen in welche Richtung?

Ja genau! Haha.

Ok, (lacht) ich will nicht über ungelegte Eier sprechen, aber uns zwei Gitarristen würde es sehr reizen mal Filmmusik zu machen, also wir sind da auch im Gespräch mit Linzer Künstlern, Filmkünstlern. Also mal in eine ganz andere Richtung zu gehen. Ich denke nicht, dass es so schnell ein neues, herkömmliches JACK FROST-Album geben wird. Die Luft ist erst einmal raus, würde ich sagen.

Du sagst, dass Ihr nur noch das macht was Ihr wollt. Macht ihr das tatsächlich genau so, ohne Rücksicht auf irgendwelche musikalische Hintergründe, oder Einflüsse? Oder gibt es da doch Vorlieben, etc.?

Klar gibt es Vorlieben. Vorlieben hat man immer, denn man hat ja auch nicht die Wahl. Man macht ja das, was einen geprägt hat. Und da würde ich unterscheiden zwischen Dingen, die einen langfristig geprägt haben, über die man den Zugang zur Musik an sich gefunden hat. Ich würde sogar noch weiter zurückgehen zur Musik unserer Eltern. Das ist ja, was man als Kind als erstes mitbekommt und das prägt einen sicher. Und da sind wir als Österreicher auch von morbiden österreichischen Liedermachern geprägt, also LUDWIG HIRSCH und GEORG DANZER und solche Sachen, die hat man als Kind mitbekommen, die findet man bei uns schon auch. Und die andere Phase ist die, dass ich zum Beispiel recht schnell in die Dark Wave-Schiene reingerutscht bin. Von JOY DIVISION über BAUHAUS, SISTERS OF MERCY, auch NICK CAVE, solche Dinge, die wird man nicht mehr los. Also diese Vorliebe für Stimmung in der Musik, die ist allgegenwärtig. Bei anderen Bandmitgliedern sind das MOTÖRHEAD und AC/DC zum Beispiel. Der andere Gitarrist ist ganz anders sozialisiert worden als ich. (lacht) Der ist mit Rock ’n Roll in Reinform aufgewachsen. Und dann merkt man schon, dass auch aktuelle Vorlieben mit einfließen. Was man halt so hört. Meistens sagen das dann andere, man hört das raus, oder das raus. Ich hab schon die absurdesten Dinge gelesen, von SOCIAL DISTORTION über JOHNNY CASH, THE CULT: Natürlich sind das Dinge, welche in den letzten zehn Jahren auch geprägt haben. So etwas kann man sich als Musiker auch nicht aussuchen. Was man hört, das fließt auch wieder in die Musik ein. So auch bei uns.

Der Titel „My Own Private Hell“, ist das eine autobiographische Sache, mehr oder weniger? Oder ist das frei erfunden? Und wer ist der „Dirty Old Man“?

(lacht) Das sind wir wahrscheinlich alle. Nein, also ich muss sagen, bei einigen Titeln, wenn die Lyrics und die Songtitel an sich fertig sind, bin ich meist die Person, die dafür genommen wird. Nun, ich schreibe auch den Großteil der Lyrics, entsprechend fließt sehr viel von mir autobiographisch ein, aber schon auch von den anderen, da wir ja umeinander wissen und klar ist, wie wir so drauf sind. „My Own Private Hell“ ist ein Titel, der mir schon lange im Kopf herumgeschwirrt ist und zu diesem Album hat er nun gepasst. Dieses Album und diese Lyrics bringen wirklich auf den Punkt, um was es in unserem Leben geht. Das ist eine Art der Zerrissenheit und eine Art der Getriebenheit, ein Leben zwischen zwei Extremen. Wir leben und sterben ja für die Musik. Wir sind hier in der Stahlstadt Linz. Wir sind hier geboren und werden hier sterben. Es gibt eine sehr fruchtbare Rockszene, der wir angehören. Also es gibt eine hohe Dichte von anderen Bands, von anderen Leuten, von anderen Menschen, die für die Musik alles andere hinter sich gelassen haben und da gehören wir dazu. Und es gibt einen Teil, der auf der Strecke bleibt. Wir leben für die Musik, auch wenn wir eine mäßig erfolgreiche Band sind, sag ich mal. Es bleiben Partnerschaften auf der Strecke, es bleiben Freundschaften auf der Strecke, Jobs sowieso. Und es ist ein Wunsch in mir, oder auch in uns allen nach 15 Jahren, oder nach 40 Lebensjahren, dann doch darüber nachzudenken, hat man die richtige Wahl getroffen? Oder wäre man glücklicher mit Frau und Kind und Hund und einem Mittelklassewagen? Und das ist natürlich das Thema, das uns immer wieder beschäftigt. Dann kommt natürlich immer wieder allerhand Substanzmissbrauch dazu und das fließt alles in die Texte ein. Das betrifft eigentlich alle von uns, doch ich bin scheinbar der einzige, der das dann in Worte fassen kann und dann alle damit identifiziert. Das ist also nicht alleine meine Geschichte, sondern da sagen alle: „Ok, das ist cool, und so machen wir das!“ „Dirty Old Man“ ist einer der weniger Texte von denen das Grundgerüst unser Sänger geschrieben hat und ich das Ganze dann in eine Form gebracht habe. Dieser Song, dieser Text ist eine gute Beschreibung unseres Sängers. Es ist eine Autobiographie par excellence, in fünf Sätzen gesagt.

Was mich interessieren würde, ihr habt zwei Coversongs auf Eurem Album, einmal diese JOHN-DENVER-Geschichte und einmal „Red Roses Day“ von THE PRIESTS. Warum genau diese beiden?

Da muss ich selbst nachdenken. Also „Red Roses Day“ war ein Song, den wir schon lange einmal covern wollten. Wir haben es auch schon ein paarmal versucht, aber es hat nie richtig geklappt. Dieser Song ist ja im Original keine Ballade, sondern ein Up-Tempo-Rocksong und wir haben dann irgendwann gesagt, das können wir also nur als Ballade machen. Und es ist eigentlich Zufall, dass wir diesen Song gerade dann gemacht haben, als wir auch das Album geschrieben haben. Den JOHN DENVER-Song haben vor einem Jahr mal, ich will nicht sagen geschrieben, sondern interpretiert und wie gesagt, es war uns einfach scheißegal, dann sind eben zwei Coversongs drauf, was soll’s?! Wir spielen ja keine Songs nach, es sind ja eigene Interpretationen, wir haben mindestens genau so viel Arbeit die Songs zu schreiben und somit werden die Songs zu unseren Songs. Wir haben uns da nicht viel dabei gedacht. Das Problem ist auch, was die Quantität der Songs anbelangt, nicht besonders produktiv sind. Wir haben in zwei Jahren gerade einmal sechs neue Stücke geschrieben. Das ist für uns irgendwie Obergrenze, mehr geht nicht.

Ja gut, besser als nichts, würde ich sagen.

Oder so, ja. Na, eine Coverversion ist schnell mal irgendwo drauf und wir sind jetzt keine Band, die mit 15 Songs ins Studio geht und dann neun aussucht für das Album. Die neun Songs sind das, was wir geschafft haben und das passt auch. Es ist wirklich so eine Art Maßarbeit. Wir wissen, wir brauchen eine Langspielplatte voll Musik. Das sind ca. 45 Minuten und wir machen so lange Songs, bis wir die voll haben! Und Punkt! Und wenn zwei Coverversionen dabei sind, ist uns das auch recht.

Wenn ihr wenig Zeit habt, Songs zu schreiben, habt ihr denn mal Zeit für eine größere Tour? Oder geht das gar nicht?

Das mit den Songs ist jetzt kein Zeitproblem, es geht darum, dass wir nicht in Stimmung kommen, neue Songs zu schreiben wenn wir nicht wissen wofür. Wenn ein Label sagt, dass sie die Platte zahlen, dass es einen Zeitpunkt gibt, dann sind wir auch kreativ, wir sind da vielleicht eine Ausnahmeerscheinung.

Arbeiten unter Druck!

Ja genau. Wir können nicht zwei Jahre in einen Proberaum gehen und sagen: „Jetzt machen wir neue Songs!“, wenn wir nicht wissen wofür. Das ist eine Art Energiehaushalt, würde ich sagen, der darauf abzielt, dass man nichts umsonst macht, oder ins Leere hinein. Das maximale an Tour war einmal zehn Tage. Solange haben wir immer Zeit. Wir hätten auch Zeit einen Monat auf Tour zu gehen, aber diese Frage stellt sich im Moment nicht.

Gut, das war es auch schon ziemlich. Eine abschließende Frage, wenn ich schon die Möglichkeit habe mit einem eingeborenen Österreicher zu reden, was sagst Du zum aktuellen Wahlergebnis?

Für mich ist das Ergebnis nicht so überraschend. Ich halte die Österreicher für ein ausgesprochen dummes Volk, muss ich sagen und es hat sich wieder einmal bestätigt, dass Leute wahlberechtigt sind, die das eigentlich nicht sein dürften. Ich kenne dieses Land sehr gut, ich bin mittlerweile fast 40 und es gehört leider zur Mentalität dazu, es gehört zu diesem Opferbewusstsein von Österreich dazu, dass man vor 60, 70 Jahren, oder wie lange das jetzt her ist, überfallen wurde. Und dass da, ich seh‘ grad auf den Hauptplatz in Linz, 50.000 Leute mit erhobenen Händen gestanden sind, das will heute niemand mehr wissen! Dementsprechend leichtfertig gehen die Leute mit ihrem Wahlrecht um. Ich bin schockiert und ich bin beängstigt, was mit diesem Land noch passiert, wenn so leicht zwei rechtsradikale Parteien und das sind sie zweifellos, 30 Prozent der Österreicher ansprechen. Ich schäme mich, muss ich ehrlich sagen. Es gibt ja Politologen, die sagen, dass das maximale Level an Wählern, die solche Parteien wählen, erreicht ist. Ich will nicht sagen, dass 30 Prozent der Österreicher rechtsradikal sind, aber es ist wirklich Dummheit zu glauben, man muss aus Protest jetzt Parteien wählen, die wirklich radikal sind. Da komm ich nicht mehr mit. Ich versteh das nicht mehr. Also es tut mir wirklich leid.
Ich verfolge die Weltpresse und es erfüllt mich mit Scham, wenn ich lese, was aus der ganzen Welt über dieses Land berichtet wird. Wirklich schlimm.

Mit diesen Worten endete ein sehr unterhaltsames und interessantes Interview mit Robert Hackl, alias Mournful Morals, Linz, Österreich.

04.10.2008

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