Oath To Vanquish
Interview mit Sänger Elias zu "Applied Schizophrenic Science"

Interview

Im Libanon bewegt sich was in sachen Metal. Unglaublich? Nein! OATH TO VANQUISH sind der lebende, oder besser gesagt lärmende Beweis dafür, dass in einem Land, welches eher mit negativen News-Meldungen auf sich aufmerksam macht als mit politischen Qualitäten, noch mehr passiert als Unruhen und Gewalttaten. Keine Frage, dass da einmal nachgehakt werden musste. Gitarrist und Sänger Elias stand mir Rede und Antwort und hat neben einem verdammt erfrischenden Selbstbewusstsein auch einige ernsthafte Dinge zu sagen.

Oath To Vanquish

Hi Elias, vorab sei erstmal gesagt, dass ihr mit eurem Album „Applied Schizophrenic Science“ eine gute Keule vorgelegt habt, die eindeutig dazu anregt, die Rübe zu schwingen und mal wieder ordentlich Dampf abzulassen. Zumindest aber sollte sich jeder den Namen OATH TO VANQUISH vormerken, denn es scheint mir, wir werden in Zukunft noch viel Gutes und sogar Besseres von euch hören, oder?!

Da hast du absolut recht! Mit unserer derzeitigen Einstellung, unserem Verständnis und unserer Bestimmung kann alles einfach nur besser werden. Wir haben bereits neues Material für das zweite Album geschrieben, und ich kann es kaum erwarten, ins Studio zu gehen. Drückt uns die Daumen, oder besser gesagt, kreuzt die Finger…

Mich interessiert brennend die Frage, wie schwer es für eine Metal-Band ist, in einem Land wie dem Libanon Bestand zu haben, bzw. überhaupt erst zusammen zu kommen.
Erzählt doch mal, wie ihr euch gefunden habt? Ein Hard Rock Cafe um die Ecke wird es sicher nicht gewesen sein, oder?!

Das auf keinen Fall! Mein Bruder Carlos und ich waren das Rückgrat diverser Metalprojekte seit 1992, wir haben viel für die Szene gemacht und viel zu ihrer Entwicklung beigetragen. Mit unserer vorherigen Black-Metal-Band THE CIMMERIAN PATH haben wir 2001 das erste, wirklich extreme Album im Libanon veröffentlicht.
OATH TO VANQUISH fingen aus dem Verlangen an, Musik von bisher unergründeter Brutalität zu produzieren, und der Ausbruch aus einem kleinen Land wie dem Libanon war unser Hauptziel. Die Band wurde Anfang 2001 gegründet, und nach einem Jahr des Songschreibens und Tourens im Libanon kehrte unser Bassist nach Frankreich zurück. Es galt, einen fähigen Ersatz zu finden. Ich traf unseren derzeitigen Bassisten Cyril, als ich irgendwann 2002 in einer verschlagenen Gegend um Beirut für seine Band ARMORY vorspielte und erkannte sofort sein Potential. Ich war erst kurz davor in ein brandneues, zu der Zeit noch leerstehendes Gebäude in einem dicht bewohnten Teil unserer tumultreichen Hauptstadt eingezogen. Weißt Du, normalerweise gebe ich mich den Leuten nicht als Durchschnitts-Death-Metaller, und sie hatten keine Ahnung davon, dass ich später eine Riesenwand Gitarrenverstärker, ein Schlagzeug und eine Grundaustattung zum Aufnehmen anschleppen würde. Wir verbrachten das gesamte zweite Jahr von OATH TO VANQUISH damit, in dieser Wohnung Songs zu schreiben und zu proben, und als ich merkte, dass die Situation mit den Nachbarn allmählich eskalierte, zogen wir ins Haus meiner Eltern in Bikfaya in den Bergen, und unser Vermächtnis des Köpfeschüttelns, des Schmerz zufügenden, ohrenbetäubenden Treibens ging weiter.

Heavy Metal ist im Libanon sicher nicht an der Tagesordnung und ihr werdet sicher verstehen, wenn ich Frage, was Heavy Metal überhaupt für einen Stand, für eine Bedeutung hat in einem Land, welches bereits seit längerer Zeit einen nicht unwichtigen Teil der täglichen Nachrichten einnimmt?
Werdet ihr überhaupt akzeptiert, zumal ihr euch auch noch „der Musik des Teufels“ verschrieben habt?!

Es ist in unserem Land auf jeden Fall viel schwieriger für eine Metal Band, vor allem für eine extreme, da die Gesellschaft in beiden Facetten, sowohl christlich als auch muslimisch, sehr voreingenommen gegenüber Heavy Metal ist und ihn sofort mit Teufelsanbetung und Drogenmissbrauch gleichsetzt. Eine CD von EXHUMED oder HATE ETERNAL irgendwo in einem Plattenladen zu kaufen ist undenkbar, und der Import dieser CDs ist illegal. Libanesische Metaller mußten gewaltsame Wellen der Verfolgung und Verhaftungen über sich ergehen lassen, weshalb die Szene zu schrumpfen begann. Ein Freund von mir wurde vor zehn Jahren von der Polizei angehalten, weil er das „S“ von SEPULTURA auf seiner Schulter tätowiert hatte. Die Polizei hatte bereits einige Andere mit dem gleichen Tattoo aufgegriffen und da seins das Größte von allen war, wurde er beschuldigt, Anführer eines satanischen Kultes zu sein. Was für eine idiotische Logik ist das denn!?
Getoppt wird das Ganze durch das kürzlich gestürzte syrische Regime, infolge dessen der Satanismus von der libanesischen Regierung als Grund angeführt wurde, junge Oppositionelle in den Knast zu stecken. Erinnert ein bißchen an die Inquisition, wenn Du mich fragst.
Wenn es einen Ort gibt, der den Namen „Underground“ wirklich verdient hat, dann dieser hier!

Das ist demnach verdammt nochmal wahr!
Kannst du denn weitere gute Bands aus der Region nennen, die man unbedingt mal anchecken sollte?

Ich würde CEREBRAL MUTILATION (Gore Metal) und KAOTEON (Black Metal) empfehlen.

Kommen wir nun direkt zu eurem Album „Applied Schizophrenic Science“.
Anstatt nun mit orientalischen Klängen aufgewerteten Metal zu hören, knallt ihr dem Hörer ein brutales Death Metal-Album vor, dass amtlich Schädel spaltet. Besonders der Gesang, den ihr drei euch laut Info teilt, zeichnet sich als wirklich extrem aus. Die Growls sind dermaßen tief, als wenn sie in einem Abwasserkanal eingesungen worden sind und trotzdem klingen sie nicht wirklich unnatürlich. Auch das hohe Gekreische, das sehr nach Black Metal klingt, wirkt richtig angepisst und keineswegs harmlos. Mal ehrlich, arbeitet ihr da mit Effekten, oder habt ihr genug Frust auf der Seele um so zu klingen?

Glaub mir, wir haben keine Effekte oder sonstiges für den Gesang benutzt. Das ist das pure, natürliche Produkt unserer Stimmbänder, und es gibt Aufnahmen und Videos von Live-Auftritten, die das belegen können. Wir sind wirklich sehr stolz darauf, dass wir dieses vielfältige Massaker vokaler Klänge abliefern können, und wir werden auch auf unseren zukünftigen Alben hart zur Sache gehen. Zur allgemeinen Info: Elias übernimmt den hohen Kreischgesang, Carlos die hohen und tiefen Growls (da musst Du sehr genau hinhören) und Cyril die gutturalen und tiefen Laute.

Auch musikalisch spielt ihr mitunter richtig coole Sachen und bewegt euch keineswegs in langweiligen Gefilden. Was hattet ihr vor Augen, bevor ihr das Album aufgenommen habt?

Als sich das Thema unseres Albums heraus kristallisierte, wollten wir ein musikalisches Erlebnis kreieren, welches dieses Thema verkörpert und auch dem Albumtitel gerecht wird, deshalb war die Variation im Stil, über Death, Grind, Gore zu Black Metal, die perfekte Methode. Wir haben allesamt eine klassische Musikausbildung und über die Jahre hinweg eine Menge Einflüsse angesammelt, die diese subtile Verschmelzung der Stile sehr natürlich klingen lassen – und das ist etwas, was wir gerne erhalten und verfeinern wollen.

Erzähl mal ein wenig über den Aufnahmeprozess. Wo habt ihr aufgenommen; lief alles exakt so wie ihr euch das vorgestellt habt oder gab es Probleme; musstet ihr Kompromisse eingehen?

Der Libanon ist kaum der Ort, um extremen Metal aufzunehmen, da die Studios meistens für die arabische Musikindustrie arbeiten, da liegen Welten dazwischen. Durch unsere Erfahrung mit Demoaufnahmen in verschiedenen Studios des Landes wußten wir, dass das Resultat nicht sonderlich zufriedenstellend ausfallen würde. Deshalb haben wir einige Zeit damit verbracht, unser eigenes Studio einzurichten, welches wir speziell für dieses Album auf den Namen „Mad House Studios“ getauft haben, und wofür wir einen ganzen Haufen Geld ausgegeben haben. Wenn man unter solchen Umständen arbeiten muss, ohne wirklich unterstützt zu werden, muss man Kompromisse eingehen, aber keine davon waren zu unserem Nachteil.

Auch wenn ich am Sound noch das eine oder andere zu kritisieren habe, wie zum Beispiel etwas zu wenig Druck hinter den Gitarren und einen etwas zu leisen Bass, habt ihr für ein Debut ordentliche Arbeit abgeliefert.
Wer hat euch denn produziert und ist das Endresultat zu eurer Zufriedenheit ausgefallen?
Was hätte man besser machen können? Stimmst du meinen Kritikpunkten zu?

Um an der vorangegangenen Frage anzuknüpfen: Die Aufnahmen haben wir komplett in unserem Studio in Libanon gemacht. Die fertigen Songs wurden dann an Colin Davis (VILE) weiter gereicht, der sich bei „Imperial Mastering“ in Kalifornien um den Mix und das Mastern gekümmert hat. Colin hat wirkliche gute Arbeit geleistet, obwohl wir die ganze Zeit nur per e-Mail kommunizierten.
Ich würde Dir widersprechen, was die Lautstärke vom Bass betrifft, weil dies eins der positiven Aspekte unseres Sounds ist. Es war die generelle Ansicht, dass der Bass in unserer Musik erheblich lauter ist, als für Death und Grind gewöhnlich, und das die Bassmelodien eine wichtige Rolle dabei spielen, dem Sound eine gewisse Dimension zu verleihen, tief beeinflusst von klassischer Musik. Es gibt einige Aspekte, vielleicht nicht offensichtlich, die wir gern verbessern würden. Die Gitarren betreffend, würden wir an einem höheren Maß an Integrität im Gesamtsound arbeiten.
Ich stimme Dir zu, dass es ein wirklich respektables Album geworden ist, obwohl die Produktion weit davon entfernt ist, perfekt zu sein, in Anbetracht der Umstände und der verfügbaren Ressourcen.
Dreh‘ die Anlage für das ultimative Gemetzel auf!

Wie kam eigentlich der Kontakt mit Grindethic Records zustande? Ihr dürftet dort aufgrund eurer Herkunft als relative Exoten gelten.

Wir haben fast ein Jahr lang Labels aus aller Welt kontaktiert, um den richtigen Partner für das Album zu finden, und Grindethic Records zeigten wirkliches Interesse an unserer Musik und den festen Glauben an unser Potential. Ich hatte John von GOREROTTED vor ein paar Jahren in London getroffen, und er hat einen ziemlichen Eindruck hinterlassen. Carlos und ich wohnten während unserer Studienzeit in England und wir haben dort echt tolle Freundschaften geschlossen und nützliche Kontakte geknüpft. Aus dem Libanon zu stammen macht uns, wie Du schon sagtest, ziemlich exotisch und hat sich bis jetzt für uns ausgezahlt.

Seid ihr bisher zufrieden mit der Arbeit des Labels?

Grindethic besteht nur aus einer Handvoll Leuten, die wirklich noch wegen des Metals dabei sind, und wir sind uns sicher, dass es dieses Label sehr weit bringen wird. Unsere CD kam im September raus und wurde bereits über die ganze Welt verbreitet. Wir sind auch in der Musikpresse sehr gut vertreten, mit täglich neuen Reviews.
Mit unserem Label stehen wir in täglichem Kontakt und sind sehr zufrieden mit ihrer Arbeit und Hingabe.

Wie sind überhaupt die allgemeinen Resonanzen auf „Applied Schizophrenic Science“? Wie empfängt euch die internationale Musikpresse?

Unser Album hat großen Zuspruch in der internationalen Musikpresse erhalten, die unsere Vielseitigkeit loben, und das unsere Musik, obwohl technisch orientiert, nicht durch technische Einzelheiten überschattet wird. Unsere Musik wurde als „rhythmisches Erdbeben“ und „Wand der Brutalität“ beschrieben. Viele reagierten sehr positiv auf die Tatsache, dass wir aus einer für Death Metal eher unüblichen Gegend stammen, mit Statements wie „ein gutes Beispiel dafür, dass brilliante Musiker nicht nur aus den USA oder Europa kommen müssen“.

Was bedeutet der Albumtitel?

Eine wissenschaftliche Analyse eines kranken Verstands und die resultierenden, physischen Transformationen und Reaktionen auf Aggressoren im alltäglichen Leben, gekennzeichnet durch die Effekte von angehäuftem Stress, verborgenen Narben und wiederkehrenden Dämonen.

Klingt abgefahren.
Erzähl bitte etwas über die textliche Ausrichtung des Albums.

Unsere Texte sind politisch und sozial verankert, die Botschaft liegt jedoch unter kraftvollen, bildhaften Beschreibungsebenen verborgen, um vom interessierten Leser entziffert zu werden. Themen wie Redefreiheit, Todesstrafe, unfaire Arbeit, Machtpolitik, politische Korruption, Religion, Fanatismus, Krieg und die unterschwelligen Schwachstellen im politischen System und der sozialen Struktur unseres Landes werden mit kritischem Blick beäugt.
Zum Beispiel „Funeral in F Sharp“ ist metaphorisch das Begräbnisritual einer noblen Persönlichkeit, gekennzeichnet durch die Anwesenheit großer Massen derer, die gekommen sind, um dem Ritual beizuwohnen und ihren Respekt zu erweisen. Es befürwortet unsere Idee, dass sich der Libanon lieber auf die eigenen Interessen konzentrieren sollte, anstatt der von anderen, in dem er eine Tür schließt, die schon viel zu lange offen stand.

Habt du Idole/Vorbilder? Mit wem würdest du gerne mal den einen oder anderen Song zocken, wenn es die Gelegenheit dazu gäbe?

Es wäre wirklich cool einen Song mit einer Band aufzunehmen, mit Derek Roddy am Schlagzeug, Karl Sanders an der Gitarre, Steve DiGeorgio am Bass, Tomas Lindberg am Mikro, ebenso wie Frank Mullen. Scott Burns würde sich hoffentlich um die Produktion kümmern!

Wie sieht’s mit Live-Aktivitäten aus? Hattet ihr bereits oder werdet ihr die Chance haben, als Support für einen größeren Act die europäischen und speziell die deutschen Bühnen zu beackern?

Aber natürlich! Wir sind im September/Oktober durch Europa getourt, spielten drei Shows in Dänemark, eine in Schweden und eine in Deutschland, und die Reaktionen waren einfach überwältigend, vor allem weil das Album noch nicht draußen war, und wir die unverfälschten, frischen Reaktionen einfangen konnten. Fotos und Videos unserer Auftritte findet man in der Bilder- und Mediasektion unserer Website www.oath-to-vanquish.com.
Wir planen eine Tour für 2007, also an die Agenturen und Promoter: Meldet Euch bei uns.

Was wäre denn dein Traum-Billing? Für wen würden OATH TO VANQUISH gerne eröffnen und schon mal die Bretter warmbolzen?

Mein ideales Tourbilling würde ungefähr so aussehen: NILE – PSYCROPTIC – OATH TO VANQUISH.

2007 steht vor der Tür. Eure Vorsätze als Band?

Als Band würden wir gern unsere Position in der Welt des extremen Metals festigen, indem wir weiterhin unser erstes Album promoten und ein zweites Album rausbringen, welches uns die Leiter ein Stück höher klettern lässt.

…und privat?

Persönlich würde ich gern nach Nordamerika umziehen, wegen der besseren Arbeitsaussichten und um mit OATH TO VANQUISH noch erfolgreicher durchzustarten.

Was macht ihr eigentlich, wenn ihr nicht grad im Proberaum eure Instrumente zerhackt? Geht ihr geregelter Arbeit nach und habt ihr Familien? Wie alt seid ihr überhaupt?

Von der Musik zu leben ist hier nahezu unmöglich. Ich (Elias/Git-Voc) bin 32 Jahre alt und Mechanik-Ingenieur, mein Bruder Carlos (Schlagzeug, unmenschliche Geräusche aus der mesozoischen Ära) ist verheiratet und Produktionsmanager einer Fabrik, und Cyril (Bass-Voc) hat einen Wirtschafts-Abschluß, hat als Bänker gearbeitet und sieht sich zur Zeit nach neuen Arbeitsmöglichkeiten um.

Ich danke für das bereitwillige Beantworten meiner Fragen und hoffe, dass OATH TO VANQUISH in Zukunft noch einiges gutes von sich geben werden.
Viele Grüße in den Libanon!

Wir danken dir für die Gelegenheit, uns den deutschen und europäischen Lesern etwas bekannter zu machen. Viele Grüße aus dem Land der Phönizier!

27.12.2006

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