Christian & Florian Sußner - Somorra. Stadt der Lüge

Review

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„Somorra. Stadt der Lüge“ ist ein Abenteuerspielbuch, das in der titelgebenden fiktiven Stadt spielt. Man übernimmt dabei die Rolle einer jungen Polizistin, die in dem verkommenen Moloch gegen Gangster und korrupte Bullen kämpft. Dies verspricht nicht nur spannende wie actionreiche Momente, sondern stellt auch ein unverbrauchtes Szenario für dieses Buchgenre dar.

Im Gegensatz zu anderen Spielbüchern aus dem Mantikore Verlag, ist „Somorra“ von Christia und Florian Sußner sehr regelarm. Es muss nicht einmal gewürfelt werden und entsprechend fehlen auch die charakteristischen Würfelsymbole an den Seitenrändern. Stattdessen liegt der Fokus auf der packenden Story, die gleich mehrere knifflige Entscheidungen verlangt. Damit ist eigentlich auch die grundlegende Spielmechanik für jene erklärt, die noch nie so ein Buch in der Hand hatten: Willst du deinen Kollegen Micha um Beziehungstipps bitten, lies weiter bei 69, wenn du dir lieber in der Diskographie von NIGHT DEMON holen willst, lies weiter bei 666.

Somorra – die tödliche Stadt

Dabei ist der Weg durch die „Stadt der Lüge“ voller Gefahren. 83 der 400 Abschnitte, so verspricht es die Einleitung, bringen das Abenteuer zu einem vorzeitigen Ende. Eine gewisse Frusttoleranz sollte man beim Streifzug durch „Somorra“ also mitbringen. Allerdings gibt es auch Speicherpunkte und eine so genannte Schummelleiste, die einem bis zu 15 Mal den richtigen Weg aus brenzligen Situationen verrät.

Und in diese gerät die Protagonistin am laufenden Band. Gleich zu Beginn wird sie mit schamloser Korruption konfrontiert, bekommt dabei selbst Schmiergeld untergeschoben und muss sich entscheiden, ob sie nun den erpresserischen Anweisungen ihres Vorgesetzten folgt oder auf eigene Faust ermitteln möchte.

Zwischen Drogen und Korruption

So viel sei an dieser Stelle verraten: Leicht gemacht wird es einem auf keinem der Wege. Auch wenn der Schreibstil eher zweckmäßig und nüchtern daherkommt, ist die grundlegende Handlung von „Somorra“ trotz vieler abgedroschener Neo-Noir-Klischees bis zum letzten Moment spannend.

Dass man neben der persönlichen Geschichte der Polizistin, der man übrigens selber einen Namen geben darf, dabei auch einem weird secret der drogenverseuchten Stadt auf den Grund geht, verleiht dem Plot noch ein bisschen mehr Pfiff. Eine weitere Erzählmechanik ergibt sich daraus, dass die Protagonistin früher oder später – zumindest war dies bei jedem der drei Testdurchläufe so – von Drogen abhängig gemacht wird und auch noch gegen die Folgen der Sucht kämpfen muss.

Fragwürdige Klischees

Ganz kurz aber noch zu den Klischees: Warum in dieser völlig fiktiven Stadt eine große Gruppe Chinesen lebt, von denen der Großteil offenbar alten Fu-Manchu-Klischees (packt die Joints wieder ein, ich meine nicht die Band) nachempfunden ist, erscheint äußerst, nett gesagt, seltsam. Natürlich ist die Stadt Somorra von zahlreichen realen und popkulturellen Vorbildern inspiriert, aber warum die Chinesen dort auch genau so heißen und altbekannte Stereotypen bedienen müssen, lässt einen doch irritiert die Stirn runzeln.

Auch sonst trieft „Somorra“ vor äußeren Klischees. Fast möchte man meinen, dass die Annahme von Schmiergeld auch gleich die Haare schmierig werden, die Pickel sprießen, die Wampe wachsen und auch die Geilheit steigen lässt. Zumindest gibt es mehrere Situationen, in denen die Protagonistin sexualisierter Gewalt ausgesetzt ist und in einem Testdurchlauf auch mindestens eine Stelle, an der sie sich für den Handlungsfortschritt prostituieren muss, was durch die direkte Anrede in Abenteuerspielbüchern noch unangenehmer wirkt.

Eine dichte Neo-Noir-Atmosphäre

Trotz solcher platten Charakterisierungen und vereinzelten Geschmacklosigkeiten zeigen die beiden Autoren in der Beschreibung der „Denkwürdigen“, die durch Mutationen gekennzeichnet sind, allerdings auch ein Händchen für differenziertere Darstellungen. Außerdem gelingt es ihnen, von der ersten Minute an eine bedrückende, auf den Magen schlagende Atmosphäre zu kreieren.

Wenn man sich also von den Klischees, den sexuellen Übergriffen und der teilweise sehr düsteren Stimmung des Buchs nicht die Laune am Spielen verderben lässt, ist „Somorra“ ein gutes Abenteuerspielbuch, das zwar nicht durch frische Mechaniken, aber durch eine spannende Story glänzt. Wer sich schon immer als Polizei-Renegatin durch einen verregneten Moloch kämpfen wollte, wird hier vollauf bedient und für eine Spielstunden gut unterhalten.

Der Soundtrack für die Stadt der Lügen: SHORES OF NULL – The Loss of Beauty / DISTURBED – Divisive / SPITFIRE – Nightmares

Würfeln und blättern, statt lauschen und headbangen – In der Rubrik „Dice ‚em All“ stellen wir euch ausnahmsweise keine Musik vor, sondern Rollen- und Brettspiele.

28.03.2023

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