Cthulhu - Zwischen den Zeiten

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„Zwischen den Zeiten“ ist eine Sammlung von Szenarien für das Horror-Rollenspiel CTHULHU, dessen Geschichten meistens in den 1920ern spielen. In jener Zeit erschien der gleichnamige Aufsatz von Friedrich Gogarten, der sich durch neue theologische Ansätze Orientierung in einer ungewissen Zeit erhoffte. Im Gegensatz dazu spielt der Titel dieses Buchs jedoch darauf an, dass es in den Szenarien um Zeitreisen geht.

Entsprechend umfassend widmet sich die Einleitung der Anthologie diesem Thema. Sie beinhaltet eine anschaulich und informativ geschriebene Philosophiegeschichte der Zeit, die sich auf Archimedes, Augustinus, Wittgenstein und McTaggart konzentriert. Dabei würzt sie deren Biografien mit Ideen, wie diese in den Cthulhu-Mythos eingebunden werden können. Ein Kapitel zur Darstellung von Zeitreisen in der Popkultur ergänzt die Hintergrundinformationen, um die in den Szenarien auftretenden Paradoxien und Dilemmata besser am Spieltisch umsetzen zu können.

Verschwörungen „Zwischen den Zeiten“

Die in „Zwischen den Zeiten“ enthaltenen Szenarien sind alle neu und für den deutschen Markt geschrieben worden. Den Anfang macht „Fesselhain“, das bereits ohne Zeitreise-Thematik über ein spannendes Konzept verfügt. So soll die Spielrunde aufgeteilt werden und sich an den ersten zwei bis drei Spielabenden gar getrennt treffen. Bis zu drei Personen übernehmen jeweils die Rollen von Insassen und Angestellten einer Nervenheilanstalt.

Erst zum Finale finden die beiden Gruppen zusammen und können schließlich die Hintergründe einer Verschwörung aufdecken, die nicht nur die Jahrtausende umspannt, sondern auch an die Grenzen des Verstandes geht. Entsprechend komplex ist der Aufbau des Szenarios, dem aufgrund seines Umfangs und wechselvollen Verlaufs eine bessere Zusammenfassung gut getan hätte. Die dichte Geschichte ist jedoch unterhaltsam und da der Spielleitung empfohlen wird, der Spielrunde zunächst nichts über die Zeitreise-Thematik zu sagen, sei an dieser Stelle auch nicht mehr verraten.

Hexenwind weht durch Zeit und Raum

„Hexenflüche“ ist ein deutlich kompakteres Szenario, widmet sich aber einem ähnlichen Thema. Auch in dieser Geschichte geht es um eine Verschwörung, deren Ursprung in der Vergangenheit liegt und schließlich auch dort untersucht wird, doch die Charaktere geraten weniger plötzlich, sondern im Rahmen von Ermittlungen dorthin.

Dieses Detektivabenteuer ist angenehm offen gestaltet und bietet die charmante Beschreibung eines Dorfs in Mitteldeutschland in den 1920ern und im 18. Jahrhundert. So lebendig der kleine Ort jedoch dargestellt wird, so blass bleiben die Antagonisten. Die stimmungsvolle Handlung, die eine typische ländliche Hexenlegende mit dem Cthulhu-Mythos verknüpft, kann aber insgesamt sehr überzeugen.

Lovecraft meets Blyton

Ebenfalls in eine kleine Stadt geht es in „Der Schatten aus Kamborn“. Dieser Ort ist bereits in mehreren deutschen CTHULHU-Veröffentlichungen aufgetaucht und stellt eine typische ostwestfälische Kleinstadt in den 1920ern dar, die ähnlich wie die Lovecraft-Kreation Arkham als Schauplatz für cthuloide Geschichten dienen soll.

Dieses Szenario beginnt in unserer heutigen Zeit, führt die Charaktere aber bald etwa 100 Jahre zurück in die Vergangenheit und in die Körper von Kindern aus Kamborn. In einer eigentümlichen aber auch unterhaltsamen Mischung aus Lovecrafts Geschichte „Der Schatten aus der Zeit“ und Kinderdetektivgeschichten wie „Fünf Freunde“ sucht die Spielrunde nach den Hintergründen für ihre unfreiwillige Zeitreise und einem Weg nach Hause.

„Einstein was wrong!“

„Jenseits der Relativität“ bietet einen anderen Ansatz zur Thematik und einen prominenten Gaststar. Albert Einstein höchstpersönlich sorgt dafür, dass die Charaktere dem kosmischen Schrecken ausgesetzt werden. Ein außer Kontrolle geratenes Experiment versetzt die Spielrunde in einen turbulenten Überlebenskampf jenseits der Zeit, der teilweise an Stephen Kings „Langoliers“ erinnert, aber auch an die ältere Geschichte „Die Hunde von Tindalos“ von Frank Belknap Long.

Dieses Szenario ist eine spannungsreiche und eng getaktete Abwechslung zu den eher detektivisch angelegten anderen Szenarien in „Zwischen den Zeiten“. Dennoch ist Hirnschmalz beim Lösen der rettenden Formeln gefragt und vor allem an Physik interessierte Personen sollten ihre Freude an diesem im positiven Sinne absurden Szenario haben.

Eine mehr als spannende Sammlung

„Zwischen den Zeiten“ kann mit vier guten bis sehr guten Szenarien überzeugen. Diese sind unterschiedlich detailliert ausgearbeitet. Am umfangreichsten ist „Fesselhain“, das vermutlich auch alleine einen Band hätte füllen und noch etwas mehr Ausarbeitung hätte vertragen können. „Hexenflüche“ und „Der Schatten aus Kamborn“ sind kürzere, aber ebenso offene Detektivszenarien, in denen die Ermittlungen auf jeweils unterschiedliche aber ansprechende Weise mit der Zeitreisethematik verknüpft werden. „Jenseits der Relativität“ rundet den Band schließlich ab, indem es die Science-Fiction-Elemente aus Lovecrafts Spätwerk einfließen lässt.

Handouts und Karten sind wie immer umfangreich vorhanden, wobei letztere anders als gewohnt gestaltet sind. Immer noch anschaulich, aber weniger stimmungsvoll designt, bieten sie gute Übersichten zu den Schauplätzen. „Fesselhain“ und „Der Schatten aus Kamborn“ enthalten außerdem vorgefertigte Charaktere mit überzeugenden Hintergrundgeschichten, wobei es sich im zweiten Fall um die vergangenen Kinder aus Kamborn handelt.

„Zwischen den Zeiten“ warten spannende Spielrunden

Insgesamt haben die Autor*innen es gut verstanden, die typischen Elemente von CTHULHU mit spannenden Zeitreise-Themen zu verbinden. In diesem Zusammenhang hätten Verweise aus den Szenarien auf die allgemeinen Hinweise zu Paradoxien und Dilemmata den Nutzen der einleitenden Kapitel noch verstärken können. Die Kombination aus philosophischen Ansätzen zum Thema und den gut strukturierten Szenarien macht diese Anthologie trotzdem zu einer wertvollen Ergänzung für jede Spielrunde, die sich auf kosmisch schreckliche Zeitreiseabenteuer begeben möchte.

Der Soundtrack für die Zeitreise in die 1920er und darüber hinaus: INSECT ARK – Raw Blood Singing / ALCEST – Les Chants De L’Aurore / SIBIIR – Undergang

Würfeln und blättern, statt lauschen und headbangen – In der Rubrik „Dice ‚em All“ stellen wir euch ausnahmsweise keine Musik vor, sondern Rollen- und Brettspiele.

02.07.2024

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