Enid - Abschiedsreigen

Review

Nachdem ich zu denen – scheinbar nicht sehr vielen – gehörte, die mochten oder zumindest vielversprechend fanden, konnt ich’s kaum erwarten den „Thronfolger“ kennenzulernen. Mittlerweile hatte ich Gelegenheit dazu und doch fällt’s mir nun (aufgrund vielspältigster Eindrücke) schwer, meinen persönlichen „Schiedsspruch“ verständlich zu machen. Beim anfänglichen Befassen mit den acht meist überlangen Stücken war ich jedenfalls noch deutlich ernüchtert – während mir dann Mal um Mal immerhin viele (der teilweise ungewöhnlichen) Strukturen interessanter erschienen. Euphorisch bin ich insgesamt dennoch nicht. Beim Debüt stieß sich scheinbar jeder an der Produktion bzw. dem unwahrscheinlich auffälligen Synthetikanteil. Nun haben Enid zwar einen fleischlichen, professionellen Schlagzeuger organisiert (der da Moritz Neuner ist), doch an der eigentlichen Ketzerei und Katastrophe, diesem blechern-quitschenden Etwas, wurde nicht das mindeste umgestellt. Der „Ersatz“ für eine tatsächliche E-Gitarre macht mich stellenweise eher an einen elektronischen Dudelsack denken, genaugenommen spult da aber irgendwelche Musiksoftware eine eingegebene Notentabulatur ab – wobei freilich ohne allzuviel technisches Trara und Zeit- bzw. Produktionsaufwand einiges an (komplexer) Leistung möglich ist. Diesen schrottigen, gesampelten Sound für ein vollwertiges Album zu verwenden, kommt mir einfach nur absurd vor und tönt sogar noch unerträglicher und stimmungsstörender wenn z.B. in „Herbststurm“ – sehr (pseudo)mäßiger Black-Metal – außer den Drums kein anderes Instrument vernehmbar wird. Ansonsten haben wenigstens die „Klassischen“, sprich Piano, Flöte, Violine(n), Pauke und Akustikgitarre inzwischen ein klangtechnisch annehmbares Niveau erreicht. Als Verschlimmbesserung empfinde ich indes das ärmliche, kehlig-kratzige Keifen, wo zuvor noch ein effektvolles Brüllen schallte. Die erhaben-erhebendsten Momente erreichen Enid sowieso erst wieder wenn dieser Martin Wiese – wie besonders in „Meer der Einsamkeit“ oder „Zug der vergessenen Reiter“ – seinen sakralen Choralgesang anstimmt (diesmal im Canon-Stil von einer gewissen Maria Dorn begleitet). Auch „Bondages corronation“ läßt mit seiner magischen (Leit-)Melodie eine ideale Sagenstimmung aufkommen und weist dabei durchaus einige Summoning-Reminiszenzen auf. Verglichen mit fallen diese jedoch allgemein viel geringer aus; bedauerlich ist nur, daß es damit auch weniger Intensität und Ambiente – stattdessen (mehr als) so manchen belanglosen Songteil gibt, der (z.B. in „Erinnerungen“ oder „Weg der Weisung“) zudem recht notdürftig in den Folgenden übergeht. Was die Plattenfirma da „abwechslungsreich“ und grundsätzlich „spannungsgeladenes Gewebe aus Metal [naja], Folk und Klassik“ (also eher in Richtung Angizia) nennt, wirkt stellenweise recht konfus. Ungute Erinnerungen verbinde ich auch noch mit dem letzten Titel, „Whispering of good-bye“, zu dem man passender Weise nur noch „Gute Nacht!“ wünschen kann. Unbestreitbar hat das Album seine Momente, die quasi zu schmerzlich-schönem Mitschwelgen „zwingen“, aber der schiere, auch lyrische Kitsch dieser Gothic-Ballade für notorische Feuerzeug-Schwenker… auweee. Zu behaupten es gäbe „viel Stoff zum Nachdenken“ ist sowieso – wie diese Info-Blätter es wohl sein müssen – arg hochgestochen. Zwar kommt das Textkonzept bzw. seine Ausführung als Ganzes betrachtet weit über die übliche, realitätslose Klischee-Klotzerei hinaus, dennoch ist eine gewisse Skepsis angebracht: egal wie fiktiv und episch-verklärt die (durchgehende) Erzählung angelegt ist, zeigt sich doch, daß der Musiker mit in seinen vielleicht 20 Jahren das Leben eines alten, im Sterben liegenden Mannes (zwangsläufig) nur naiv und zu oberflächlich wiedergeben kann… Finis.

09.09.2000

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