Lindsay Schoolcraft - Harrowing

Review

Persönliche Alben sind im Metal keine Seltenheit. Die Kunst besteht vielmehr darin, biografische Erfahrungen in Musik zu übersetzen, ohne in Selbstmitleid zu versinken. Genau das gelingt LINDSAY SCHOOLCRAFT auf „Harrowing“. Die ehemalige CRADLE OF FILTH-Keyboarderin verarbeitet die Folgen einer toxischen Beziehung und entwickelt daraus kein therapeutisches Tagebuch, sondern ein atmosphärisch dichtes Album über Selbstfindung und innere Stärke.

Musikalisch öffnet sich SCHOOLCRAFT weiter modernen Alternative- und Metalcore-Einflüssen, verleugnet dabei aber ihre Wurzeln im Gothic- und Symphonic Metal nicht. Druckvolle Gitarren treffen auf elektronische Klangflächen, orchestrale Arrangements und ihre charakteristische, zugleich zerbrechlich-klare Stimme.

LINDSAY SCHOOLCRAFT – Atmosphäre statt großer Hits

Nach dem kurzen Opener „Mercy Has Come“ setzt „Crucified“ früh ein Ausrufezeichen und zählt zu den stärksten Momenten des Albums. Der Kontrast zwischen eingängiger Gesangslinie und schweren Gitarren funktioniert hervorragend, während religiöse Symbolik den Text über Manipulation und Befreiung wirkungsvoll unterstreicht. „Vague“ schlägt leisere Töne an und entwickelt seine Intensität erst allmählich – passend zum inneren Konflikt des lyrischen Ichs. Weniger zwingend wirkt dagegen „I Wait For You To Fall“, dessen kantiger Aufbau den Fluss des Albums eher unterbricht als bereichert.

Besonders im letzten Drittel entfaltet „Harrowing“ seine größte Stärke. Das zunächst fragile „Cut Your Teeth“ gewinnt mit jeder Minute an Entschlossenheit, bevor „So Alive“ den emotionalen Wendepunkt markiert. Treibende Gitarren treffen auf LINDSAY SCHOOLCRAFTs unverändert warme Stimme, während Gastsängerin Krista Shipperbottom mit ihren rauen Screams wirkungsvolle Kontraste setzt. Der Dialog der beiden Stimmen verleiht dem Song zusätzliche Dynamik und macht ihn zum emotionalen Höhepunkt des Albums. Das ruhige „Chase The Dark“ verzichtet anschließend auf ein bombastisches Finale und setzt stattdessen auf melancholische Akzeptanz – ein stimmiger Abschluss.

Zwischen Verletzlichkeit und Selbstermächtigung

„Harrowing“ erzählt keine Geschichte über Schmerz, sondern über dessen Verarbeitung. Gerade der konsequent aufgebaute Spannungsbogen macht die Platte zu einem geschlossenen Gesamtwerk. Gleichzeitig liegt darin seine größte Schwäche: Trotz gelungener Melodien und dichter Atmosphäre unterscheiden sich viele Songs strukturell und klanglich nur wenig voneinander. Zwar setzen „Crucified“ und das kraftvolle „So Alive“ deutliche Akzente, ein echter Übersong fehlt jedoch.

Dennoch überzeugt „Harrowing“ als stimmiges Gesamtwerk. Es lebt weniger von einzelnen Höhepunkten als von seiner emotionalen Entwicklung – vom ersten Zweifel über Wut und Selbstermächtigung bis hin zur Akzeptanz – und ist damit ein Album, das seine Stärken nach und nach offenbart und an Tiefe gewinnt.

(Sophie Müller)

 

28.08.2026

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