
Wer bei einem Buch des Sängers von FEINE SAHNE FISCHFILET über die politische Lage in Mecklenburg-Vorpommern eine gut 200 Seiten lange Variante von „Ganz Jarmen hasst die AfD“ erwartet, darf sich auf eine Überraschung einstellen. Zwar heißt eines der Kapitel tatsächlich so, doch JAN „MONCHI“ GORKOW interessiert sich in „Jenseits der Brandmauer“ wenig dafür, seinem Stammpublikum zu bestätigen, dass es politisch schon immer auf der richtigen Seite stand. Stattdessen schreibt er über sein „Leben in der ostdeutschen Provinz“, so der Untertitel.
Jenseits der Brandmauer redet man miteinander
Er äußert sich erwartbar zum NSU-Komplex und zu Oury Jalloh, zitiert aber ebenso wohlwollend aus einem Song der BÖHSEN ONKELZ. Den Satz „Mit Nazis spricht man nicht“ hält er in dieser Absolutheit für wenig hilfreich, da der Begriff an Bedeutung verliert, wenn man ihn zu pauschal verwendet. Auch gibt es für ihn nicht „den“ AfD-Wähler: Er beschreibt unterschiedliche Motivationen und hält bei den meisten einen Austausch für möglich. Das hat mit seiner Heimat Jarmen zu tun, in der die AfD bei der jüngsten Bundestagswahl über 50 Prozent der Stimmen erreichte. In einer Kleinstadt mit unter 3.000 Einwohnern kann man sich nicht wie im Großstadtkiez nur unter Gleichgesinnten bewegen, sondern läuft zwangsläufig auch „den anderen“ über den Weg.
MONCHI hat wenig Interesse an einer Brandmauer, hinter der man sich nur der eigenen Haltung versichert. Er will verstehen, weshalb Menschen anders denken, und akzeptiert die Möglichkeit, dass Gespräche auch ihn selbst verändern können. Nur wer im Gespräch bleibt, kann Menschen erreichen. Das klingt banal, ist es im aktuellen Diskurs aber keineswegs.
Ehrliches Engagement statt „Sektenscheiße“
Die 18 episodenhaften Kapitel zeichnen MONCHIS Entwicklung und Selbstverständnis plausibel nach. Dummheiten der Jugend kommen darin ebenso vor wie Einblicke zum Festival „Wasted in Jarmen“ oder Begegnungen mit prägenden Menschen wie dem verstorbenen Jenaer Pfarrer und Antifaschisten Lothar König. Dazu gehört auch sein veränderter Blick auf Gewalt. Nachdem er früher sowohl ausgeteilt als auch eingesteckt hatte, hält er militantes Vorgehen heute für kontraproduktiv. Stattdessen will er reden, differenzieren und vor Ort etwas verändern. Damit unterscheidet er sich deutlich von DANGER DAN (ANTILOPEN GANG), der 2021 in „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ Militanz als „das letzte Mittel“ einflocht und jüngst in „Keine Angst“ Formen der Selbstjustiz beschrieb. MONCHI sucht andere Wege, weshalb bei ihm auch die linke Szene ihr Fett wegbekommt. „Antifaschistischen Dogmatikern“, die ihre „Sektenscheiße“ in die Provinz tragen wollen, richtet er aus, der größte antifaschistische Akt bestehe darin, die Menschen dort damit zu verschonen.
Ebenso kritisiert er Projekte, die nur wegen voller Fördertöpfe entstehen, aber keine Wirkung entfalten, sondern lediglich Stellen schaffen – für ihn „verbrannte Kohle“. Solche Initiativen liefern aus seiner Sicht denen Argumente, die am liebsten gleich sämtliche Förderung abschaffen würden. Projekte sollten aus den Gemeinden selbst entstehen, den Menschen vor Ort etwas bringen und von Leuten getragen werden, deren Engagement nicht mit dem Ende der Förderung verschwindet. Zentral ist hier das Kapitel zum Skatepark in Jarmen. FEINE SAHNE FISCHFILET sammeln 20.000 Euro als Anstoßfinanzierung. Was folgt, ist pragmatische Kommunalpolitik: Reden, Organisieren, Verfahren verstehen, Durchhalten. Das Projekt zeigt: Wer etwas verändern will, muss aufhören, nur Haltung zu verkünden, und anfangen zu handeln.
Gorkow bleibt links, bezeichnet sich aber als „antifaschistischer Lokalpatriot“. Er liebt seine Heimat, ohne sie zu verklären, verteidigt Geflüchtete, ohne Islamismus wegzureden, und will Faschisten weiterhin Faschisten nennen, ohne jeden Andersdenkenden als Nazi zu bezeichnen. Ganz gelingt ihm diese begriffliche Trennschärfe allerdings selbst nicht; in der ersten Hälfte sitzt die Bezeichnung „Nazi“ an einigen Stellen noch recht locker.
Sprachlich hemdsärmelig, inhaltlich treffsicher
Sprachlich ist „Jenseits der Brandmauer“ keine hohe Literatur, der bewusst mündliche Ton passt aber gut zu MONCHI und erhöht die Lesbarkeit. Die gut 200 Seiten lassen sich vergleichsweise schnell umblättern und bieten dennoch reichlich Stoff zum Nachdenken.
Am Ende liefert MONCHI kein Patentrezept gegen die AfD, sondern einen unspektakulären Ansatz: Bleiben. Sich engagieren. Projekte unterstützen, die gebraucht werden. Und mit den Leuten reden. Wer eine weitere Anleitung zur richtigen Haltung erwartet, muss andere Autoren studieren. Hier liegt ein Buch vor über Heimat, politische Entfremdung, Engagement und die schwierige Kunst, Menschen nicht abzuschreiben, nur weil sie anders denken. Und darüber, dass eine Brandmauer wenig hilft, wenn man auf beiden Seiten derselben Dorfstraße wohnt.

Torsten Meierhöfer




























Kommentare
Sag Deine Meinung!