Shadowrun - Flüsternetze

Review

New York City ist auch in der Welt von SHADOWRUN immer eine Reise wert. Der Kampagnen-Band „Flüsternetze“ führt die Runner in jeden Winkel des Manhattan der 2080er und vor allem in die Matrixknotenpunkte der sagenhaften Metropole. Wenn die Gruppe alles richtig macht, findet sie am Ende aller Abenteuer selbst Eingang in die Legenden der Stadt, auch wenn sich dies zunächst auf Geflüster in den Netzwerken des Big Apple beschränken mag.

Digitale Abenteuer auf der Datenautobahn

Die Zukunft ist, wie SHADOWRUN-Fans wissen, nicht nur düster, sondern auch voller Magie und digitaler Abenteuer auf den Datenautobahnen der Matrix. In diesen virtuellen Räumen ist nichts unmöglich. Neben zahlreichen Chancen für tollkühne Data-Freaks lauern in den endlosen Ecken der Matrix jedoch ebenso viele gefährliche Phänomene.

In „Flüsternetze“ schlittern die Runner mit zunehmender Geschwindigkeit einer solchen Gefahr entgegen, können zunächst aber die Sonnenseiten des Lebens genießen, während sie sich mit einigen relativ einfachen Aufträgen einen Namen in Manhattan machen. Den Anfang macht ein Spionage-Run, der ihnen wichtige Türen bei einflussreichen Leuten öffnet. Am Ende stehen existenzbedrohende Gefechte gegen die finstersten Schrecken der Matrix, bei denen die Runner nicht nur ihr Leben, sondern ihre Identität aufs Spiel setzen.

Insgesamt geht es in 33 übersichtlichen Runs immer tiefer in ein Netz aus Intrigen, wobei die Handlung äußerst linear voranschreitet. Zwar mögen sich manche Situationen je nach einzelnen Entscheidungen unterschiedlich gestalten, aber im wesentlichen ziehen sich dicke rote Fäden durch die Kampagne, in der vor allem Charaktere mit Bezug zur Matrix auf ihre Kosten kommen dürften. Die Spielhilfe „Lücken im Code“ ist deshalb eine optionale aber enorm hilfreiche und sinnvolle Begleiterin zu „Flüsternetze“.

Textwüsten in der Matrix

So interessant die Geschichte der Kampagne auch ist, so dröge wird sie angeboten. Die 33 Abenteuer-Kapitel bestehen zu einem großen Teil aus Blöcken von Textwüsten, in denen wichtige Informationen zur Story oft untergehen. Zwar gibt es einleitend jeweils kurze Absätze zur Übersicht, die aber viel zu vage formuliert sind um wirklich hilfreich zu sein. Eine knackige Info, was eigentlich der jeweilige Auftrag des Szenarios ist, wäre sinnvoller für das Leseverständnis gewesen. So muss sich die Spielleitung oft in Geduld üben und erst einmal viele Andeutungen zum Hintergrund des Kapitels lesen, bis der grundlegende Plot irgendwann klar wird.

Gut dargestellt sind jedoch die verschiedenen Werte, die zum Leiten der Abenteuer benötigt werden. Muss man sich sonst oft in Regel- oder Ausrüstungsbänden die entsprechenden Daten heraussuchen, gibt es in „Flüsternetze“ Extrakästen, die die Infos handlich darreichen, angefangen von relevanten Werten für Matrixkämpfe bis hin zu kleinen Zufallstabelle, um die Handlung aufzulockern.

Genau so wie in der Kampagne „Parallele Wirklichkeit“ gibt es die Zusammenfassung der Handlung erst am Ende des Bandes. Dies ist natürlich eine nachvollziehbare Idee und beim Trip durch Manhattan deutlich besser gelungen als beim Ausflug nach Denver. Doch auch wenn dieses Mal wesentlich mehr brauchbare Informationen zum Hintergrund der Kampagne enthalten sind, wird man auch an dieser Stelle von absatzlosen Textblöcken begrüßt, in denen nicht einmal wichtige Begriffe hervorgehoben werden. Dies erschwert unnötig den Zugang zum Kontext der Handlung.

„Flüsternetze“ im Big Apple

Generell bietet „Flüsternetze“ wertvolle Informationen zum Spiel in Manhattan. Am Beginn des Bandes steht ein umfangreicher Rundgang durch den Big Apple der 2080er. Darin werden alle wichtigen Akteure dargestellt, vor allem die großen Konzerne und das organisierte Verbrechen, die beide in der turbokapitalistischen Umgebung gedeihen. Passend dazu werden die Citypässe vorgestellt, die je nach Jahreseinkommen und Stand in verschiedenen Farben ausgegeben werden. Eine charmante Idee, um den Neo-Feudalismus der Cyberpunk-Gesellschaft darzustellen.

Ebenso lesenswert sind die Informationen zu den verschiedenen Stadtteilen vom beschaulichen Washington Heights über das geschäftige Midtown bis hin zum vielfältigen Lower Manhattan. Die Einblicke sind zwar knapp, aber eben auch übersichtlich und lassen viel Raum für eigene Ideen. Charmant beschriebene Orte, wie einige beispielhafte Kneipen oder der sich jeden Abend neu bildende Nachtmarkt, auf dem bis zum Morgengrauen vom Trödel bis zur Hochtechnologie alles zu finden ist, runden das Bild ab.

Ein wendungsreiches Katz-und-Maus-Spiel

„Flüsternetze“ bietet mit Manhattan einen tollen Schauplatz und beinhaltet eine spannende Handlung. Auch wenn die grundlegenden Informationen nur dürftig aufbereitet werden, kann es der Spielleitung mit viel Vorarbeit gelingen, einen packenden Cyberpunk-Thriller zu gestalten. Was mit konventionellen Runs beginnt, wird im Laufe der Kampagne zu einem wendungsreichen Katz-und-Maus-Spiel mit inoffiziellen Geheimdiensten, Konzerntruppen und undurchsichtigen Gegenspielern aus den Tiefen der Matrix, wo die Grenzen zur Magie verschwimmen.

Darüber hinaus bietet der Band mit seiner Beschreibung Manhattans Stoff für weitere Runs im Big Apple. Ein Regelteil, der Monaden als Spielercharaktere ermöglicht. Dabei handelt es sich um Metamenschen, deren Verstand neu fragmentiert wurde und die sich nun den Geist mit einer KI teilen sowie mit Naniten ihre Umwelt beeinflussen können. Diese wenigen Seiten sind sehr hilfreich bei der Darstellung von einigen NSCs, die in „Flüsternetze“ auftreten und runden den trotz aller Mängel gelungenen Kampagnenband sinnvoll ab.

Der ultimative NYC-Soundtrack: ANTHRAX – Persistence of Time / SANHEDRIN – Lights On / CREEPER – Sanguivore

Würfeln und blättern, statt lauschen und headbangen – In der Rubrik „Dice ‚em All“ stellen wir euch ausnahmsweise keine Musik vor, sondern Rollen- und Brettspiele.

14.11.2023
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