
BLIND DATE: Sechs Songs, 15 Bands, zwei Labels. Wie MUNICH WAREHOUSE und UNCLE M Kollaboration neu denken
Special
Der zuhinterfragende Status quo: Die Musikindustrie als entpersonalisierte Struktur
Ein zentraler Gedanke, der sich durch das Gespräch zieht, ist die zunehmende Entpersonalisierung der Musikindustrie. Plattformen, Algorithmen und automatisierte Prozesse haben viele menschliche Schnittstellen ersetzt, die früher selbstverständlich waren. Plattenläden, deren Betreiberinnen und Betreiber aus Überzeugung Alben ins Schaufenster stellten, wurden durch Bannerflächen ersetzt, deren Sichtbarkeit von Budgets abhängt. Persönliche Anrufe wurden durch standardisierte E-Mails mit Preisschild ersetzt. Entscheidungen werden durch Zahlen legitimiert und lassen kaum Raum für zweite oder dritte Meinungen.
BLIND DATE ist auch eine Reaktion auf diese Entwicklung. Nicht als nostalgischer Rückgriff auf eine vermeintlich bessere Vergangenheit, sondern als bewusste Gegenbewegung im Hier und Jetzt. Ein Projekt, das sagt: Wir wissen, dass wir das System nicht von heute auf morgen ändern können. Aber wir können entscheiden, wie wir innerhalb dieses Systems handeln.
Zusammenarbeit als Haltung: Wie Labels wieder zu Beziehungsknoten werden
An diesem Punkt wird deutlich, dass sich der notwendige Wandel der Musikwelt nicht allein bei den Künstlerinnen und Künstlern entscheidet, sondern ganz wesentlich bei den Labels selbst. Wenn Labels auch in Zukunft relevant bleiben wollen, müssen sie ihre Rolle neu denken. Weg vom reinen Verwertungs- und Kontrollorgan, hin zu Ermöglichern, Übersetzern und aktiven Beziehungsknoten innerhalb eines kulturellen Ökosystems.
Genau das wird im Zusammenspiel von Mario Radetzky und Mirko Gläser sichtbar. Ihre Zusammenarbeit ist keine bloße Zweckpartnerschaft, sondern ein Prozess gegenseitiger Selbstbefruchtung. Der aktive Musikerblick trifft auf eine reflektierte, strukturierende Labelperspektive. In diesem Spannungsfeld entstehen nicht nur bessere Entscheidungen, sondern auch Lernbereitschaft, Demut und ein gemeinsames Hinterfragen eigener Routinen. Labels, die so arbeiten, verstehen sich nicht mehr als Gatekeeper, sondern als Schutzräume für künstlerisches Risiko. Als Instanzen, die Verantwortung übernehmen, statt sie an Algorithmen, Plattformen oder kurzfristige Marktlogiken auszulagern. Im Jahr 2026 brauchen wir genau diese Haltung dringender denn je. Weil die Musikindustrie weiter entpersonalisiert wird. Weil datengetriebene Entscheidungen die menschliche Urteilskraft verdrängen. Und weil Vereinzelung und Kannibalisierung reale Existenzen gefährden. Kooperation auf Label-Ebene ist damit kein Idealismus, sondern eine kulturelle und strukturelle Überlebensstrategie.
Eine Skizze einer möglichen Zukunft (These)
Was wäre, wenn man diese Logik weiterdenkt. Wenn Zusammenarbeit nicht die Ausnahme, sondern das Organisationsprinzip wäre. Diese Gedanken führen zwangsläufig in einen utopischen Raum und genau dort sollen sie bleiben. Als These, als Skizze, nicht als fertiges Modell.
In einer solchen Musikwelt könnten Labels, Bands, Venues und andere Akteure stärker gemeinschaftlich organisiert sein. Infrastruktur würde gemeinsam getragen, Risiken geteilt, Erlöse transparenter verteilt. Mindeststandards für Gagen und Produktionsbedingungen wären keine Idealvorstellungen, sondern Selbstverständlichkeiten. Erfolg würde nicht allein in Reichweite gemessen, sondern in Tragfähigkeit, Würde und langfristigen Beziehungen.
Niemand würde behaupten, dass alle davon reich werden. Aber vielleicht könnten mehr Menschen gut leben von dem, was sie tun. Nicht gegen den Markt, sondern gegen seine destruktiven Ausprägungen. Mario bringt es im Podcast auf den Punkt, wenn er davon spricht, einen eigenen Wertekompass zu entwickeln und Wege zu gehen, die zur eigenen Kunst passen, auch wenn sie nicht dem schnellsten, algorithmisch belohnten Pfad entsprechen.
Zeitdokumente der Zusammenarbeit: Warum solche Projekte bleiben
Mit dem Abstand von mittlerweile zwanzig Jahren lässt sich erkennen, warum Projekte wie „Roadrunner United: The All Star Sessions“ bis heute nachwirken und warum der BLIND DATE Sampler in eine ähnliche, wenn auch ganz anders gelagerte Tradition gehört. Ihr eigentlicher Mehrwert liegt weniger im kurzfristigen Impact einzelner Songs als in dem, was sie sichtbar machen. Zusammenarbeit als kulturelle Praxis.
Für die beteiligten Bands bedeuten solche Projekte die seltene Gelegenheit, aus eingespielten Routinen auszubrechen, andere Arbeitsweisen kennenzulernen und das eigene künstlerische Selbstverständnis im Austausch zu schärfen. Oft nachhaltiger als jeder klassische Feature Deal. Für Labels werden diese Formate zu Lernräumen, in denen sie ihre Rolle neu verhandeln. Nicht als Verwerter, sondern als Kuratoren von Beziehungen und als Instanzen, die Vertrauen organisieren. Fans wiederum erleben ihre Lieblingsbands jenseits klarer Genre und Szeneschubladen und bekommen Einblicke in eine Musikwelt, die nicht von Konkurrenz, sondern von Neugier getragen ist. Die größte Wirkung entfalten solche Projekte jedoch dort, wo sie über das konkrete Produkt hinausgehen. Sie erzählen von einer Musikwelt, in der Austausch wichtiger ist als Abschottung. In der kultureller Wert nicht allein in Zahlen messbar ist. Und in der Zusammenarbeit als Haltung verstanden wird. Dass wir zwanzig Jahre später noch über Roadrunner United sprechen, ist kein Zufall. Es ist ein Hinweis darauf, dass es genau diese Formen des Miteinanders sind, die bleiben und an denen sich die Musikwelt immer wieder neu orientieren kann.
Für die Ewigkeit: BLIND DATE
Der BLIND DATE Sampler ist kein Manifest. Er ist kein moralischer Zeigefinger und kein lauter Gegenentwurf zur Industrie. Er ist vor allem eines. Ein Praxisbeispiel. Eines, das zeigt, dass Kooperation jenseits des Kalküls möglich ist. Dass Labels mehr sein können als bloße Schnittstellen zur Verwertung. Und dass Musik oft dann am stärksten wirkt, wenn sie aus Vertrauen entsteht.
Vielleicht wird sich nicht jede und jeder an dieses Projekt erinnern. So wie viele heute Roadrunner United nur noch vage im Kopf haben. Aber vielleicht sitzt irgendwo in zwei Jahren eine Band, ein Label oder eine Konzertgruppe zusammen und denkt: Warum machen wir das eigentlich nicht auch so?
Manchmal reicht genau das.
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Diana Heinbucher


















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