Fillin_The_Blank: die H-BLOCKX DNA

Special

Die H-BLOCKX: Mehr als drei Jahrzehnte Bandgeschichte. Ein Soundtrack für verschwitzte Clubs, Skateparks und durchgetretene Sneakers. Wenn Songs der H-BLOCKX laufen, setzt dieser kollektive Reflex ein: Köpfe nicken, Texte sitzen, Erinnerungen flackern auf. Die Band war nie wirklich verschwunden. Sie verlagerte sich. Auf Bühnen präsent, im Studio lange still. Und nun erscheint mit „Fillin_The_Blank“ ein neues Album.

Diese Platte ist keine nostalgische Fingerübung. Sie wirkt wie eine Rückmeldung aus dem Innersten der Band. Eine Selbstvergewisserung, gespeist aus Erfahrung, Reibung und neu gewonnenen Klarheiten. Im Gespräch zeichnen Henning Wehland und Steffen „Steddy“ Wilmking das Bild einer Band, die nach Jahren der Studio-Stille nicht mit Kalkül zurückkehrt, sondern mit Haltung.

Fillin_The_Blank: Die produktive Leerstelle

Der Ausgangspunkt von „Fillin_The_Blank“ hat eine fast literarische Qualität. Zuerst existierte der Titel. Kein Song, kein fertiges Konzept. Eine Hülle ohne Inhalt. Entstanden aus einem spontanen Gedankenspiel unterwegs, verdichtete sich diese Leerstelle zur Methode.

Was zunächst nach Risiko klang, entfaltete eine unerwartete Dynamik. Der Titel fungierte nicht als Verpflichtung, sondern als Möglichkeitsraum. Er erzeugte keine Erwartungshaltung, sondern förderte gedankliche Beweglichkeit. Kreativität begann hier nicht mit Material, sondern mit einer Idee, die Orientierung gab, ohne einzuengen.

H-BLOCKX: Neue Musik mit vierzehn Jahren Abstand

Seit dem letzten Studioalbum 2012 verging eine lange Phase ohne neue Musik. Kein dramatischer Bruch, sondern ein schleichender Perspektivwechsel. Festivals, Liveshows, parallele Projekte. Die Band blieb existent, doch das verbindende Momentum fehlte.

Erst im Rückblick wird deutlich, wie entscheidend diese Distanz war. Individuelle Entwicklungen, neue Prioritäten, veränderte Selbstbilder. Die Wiederannäherung geschah nicht strategisch, sondern menschlich. Der zentrale Impuls lautete nicht „Wir brauchen ein Album“, sondern „Wir wollen wieder gemeinsam etwas erschaffen“.

Aus dieser Haltung erwuchs die Erkenntnis, dass ein Album mehr sein kann als nur ein Vehikel. Es wurde zum adäquaten Format für das, was sich nicht fragmentarisch ausdrücken ließ.

Der Sound: Reduktion als ästhetische Entscheidung

Klanglich setzt „Fillin_The_Blank“ auf bewusste Begrenzung. Bass, Schlagzeug, Gitarre, Gesang. Keine Überfrachtung, keine dekorative Verdichtung. Die Band entschied sich gegen den zeittypischen Produktionsüberfluss und für strukturelle Klarheit.

Diese Reduktion erzeugt eine bemerkenswerte Wirkung. Die Songs atmen. Druck entsteht nicht durch Schichtung, sondern durch Präsenz. Der Sound evoziert das rohe Gefühl früherer Jahre, ohne in Retro-Ästhetik zu kippen. Moderne Produktionsmittel verleihen Tiefe und Transparenz, während die Energie unmittelbar bleibt. Das Resultat bewegt sich zwischen Vertrautheit und Gegenwärtigkeit. Es klingt nach Herkunft und Jetzt.

Der Weg: Relevanz jenseits von Marktlogik

Ein wiederkehrendes Motiv während der Albumproduktion ist die Frage nach Relevanz. Nicht im Sinne von Trends oder Algorithmen, sondern als innere Kategorie. Warum neue Musik? Warum jetzt? Die Antwort liegt in einem veränderten Selbstverständnis. Relevanz entsteht, wenn künstlerisches Handeln aus innerer Notwendigkeit erwächst. Wenn der Ausdruck wieder Bedeutung erhält, weil er mit dem eigenen Empfinden korrespondiert. Die H-BLOCKX definieren Relevanz nicht anhand von Sichtbarkeit, sondern anhand von Wahrhaftigkeit.

Diese Haltung entzieht sich bewusst dem Reflex der permanenten Veröffentlichungspflicht. Geduld wird nicht als Stillstand begriffen, sondern als Voraussetzung für Substanz.

Die oszillierende Heilung: Texte zwischen Offenheit und Präzision

Das Album entfaltet auf der Textebene besondere Tiefe. Nach Jahren der Unsicherheit hinsichtlich von Themen und Tonalität entstand eine neue sprachliche Klarheit. Ausgangspunkt war keine kalkulierte Positionierung, sondern eine existenzielle Erkenntnis.

Henning benennt offen seine Realität als trockener Alkoholiker. Nicht als dramatische Geste, sondern als nüchterne Selbstbeschreibung. Diese Klarheit wirkt wie ein Katalysator. Die Texte gewinnen an Direktheit, an innerer Kohärenz, an emotionaler Präzision.

Das Authentische fungiert hier nicht als Schlagwort, sondern als Arbeitsprinzip. Nähe zum eigenen Erleben ersetzt die abstrakte Pose. Verletzlichkeit wird nicht ausgestellt, sondern integriert. Die Songs erzählen kein lineares Therapienarrative, sonderen rangierieren zwischen reflektieren Zustände, Spannungen, Verschiebungen.

Kollektive Reife: Transformation ohne Pathos

„Fillin_The_Blank“ ist kein Konzeptalbum über Sucht oder Heilung. Und doch durchzieht das Thema der persönlichen Transformation die Platte auf subtile Weise. Die Musik trägt jene Schattierungen von Schwere und Aufbruch, die aus gelebter Erfahrung resultieren.

Henning beschreibt das Aussprechen verdrängter Wahrheiten als befreienden Akt. Scham, Schuld und Angst verlieren an destruktiver Macht, sobald sie artikuliert werden. Diese Perspektive verleiht dem Album eine stille, aber nachhaltige Intensität. Klarheit erscheint nicht als Endpunkt, sondern als Prozess.

Der kreative Prozess war geprägt von einem Mindset, das in langjährigen Bandkonstellationen keineswegs selbstverständlich ist. Die beste Idee gewinnt. Nicht als Formel, sondern als gelebte Praxis. Das heißt, die Egos traten zurück zugunsten des Songs. Entscheidungen orientierten sich an der Wirkung statt an der Urheberschaft. Diese Haltung verweist auf eine künstlerische Reife, die ohne die Jahre der individuellen Entwicklung kaum denkbar gewesen wäre, heben Henning und Steddy hervor.

Die Band beschreibt das Album selbst als Ergebnis einer notwendigen Zeit. Nicht als Wartezeit, sondern als Erfahrungsraum.

Fillin_The_Blank: Resonanz und Gegenwart

Die Reaktionen auf „Fillin_The_Blank“ und die begleitenden Liveshows zeichnen ein klares Bild. Das Publikum eskaliert ab der ersten Minute. Besonders die Entscheidung, Konzerte mit neuen, schweren Stücken zu eröffnen, setzt ein bewusstes Zeichen. Die Vergangenheit wird nicht reproduziert, sondern das Leben fortgeschrieben.

Die H-BLOCKX liefern mit „Fillin_The_Blank“ ein Album von bemerkenswerter Integrität. Eine Platte, die aus Reduktion Kraft gewinnt, aus Klarheit Tiefe und aus Erfahrung neue Dringlichkeit.

Die Leerstelle, die einst am Anfang stand, ist gefüllt. Mit Leben. Mit Erfahrung. Mit Wahrheit.

Galerie mit 29 Bildern: H-Blockx - Time To Move Anniversary Tour 2024 in Frankfurt
Quelle: Interview Henning und Steddy 02/2026
22.02.2026

Musik ist mehr als Klang: Sie erzählt von Leben, Leidenschaft, Aufbruch und Ankommen. Sie ist Kunst: roh, echt und einzigartig. Ihre Bedeutung entfaltet sich im Resonanzraum zwischen uns und der Welt. Come as you are!

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