
Ist ein Metal-Hit ein trojanisches Pferd?
Special
Metal ist laut, kompromisslos und manchmal sperrig. Jahrzehntelang hat sich das Metal als Gegenkultur verstanden und dennoch Songs hervorgebracht, die weit über die Szene hinaus bekannt wurden. Aber was macht eigentlich einen Metal-Hit aus? Ist es das ikonische Riff, der Mitsing-Refrain oder die emotionale Wucht, die Menschen verbindet?
Für die neueste Folge von „Metal Minds – The Pit Unplugged“ haben wir jemanden geholt, der Musik nicht nur liebt, sondern sie auch wissenschaftlich untersucht: Dr. Pop, seines Zeichens Musikwissenschaftler, Kabarettist und Autor. Mit seinem neuen Buch „Macht Musik“ liefert er die wissenschaftliche Grundlage für eine These, die viele von uns längst spüren: Musik kann unser Leben verändern, uns klüger, glücklicher und sogar gesünder machen.
„Du fängst direkt mit den schwierigen Fragen an“, lacht Dr. Pop, als Diana Heinbucher nach der Definition eines Hits fragt. Das Wort „Hit“ bedeutet übersetzt „Schlag“. Etwas ist eingeschlagen, etwas ist erfolgreich. Doch die klassische Chart-Definition greift heute kaum noch. „Ich weiß nicht, wer heutzutage noch wirklich die Charts verfolgt“, sagt Dr. Pop. Ein Hit könne auch etwas sehr Persönliches sein, der eigene Lieblingssong oder etwas, das sich in einer Szene etabliert, fernab des Mainstreams.
Und Metal? „Es gibt kaum ein Genre, über das so viel diskutiert wird: Was ist jetzt eigentlich Metal?“, erklärt der Musikwissenschaftler. Die Ursprünge liegen in den späten 60er-Jahren mit Bands wie Black Sabbath und jedes Jahrzehnt hat neue Impulse gesetzt. „Wir können innerhalb jeder Dekade zehn neue Genres finden, die im Metal-Bereich entstanden sind“, so Dr. Pop.
Metal: Gegenkultur trifft Kommerz
Metal ist Gegenkultur, das steht außer Frage. Kritik an der Gesellschaft, an Kommerzialität, an religiösen Dogmen. Doch gleichzeitig gibt es kaum ein Genre mit so ausgeprägter Merchandise-Kultur. „Ich glaube, es gibt kaum eine Band, die so viel Merchandise herausgebracht hat wie Kiss. Man kann sich ja sogar in einem Kiss-Sarg beerdigen lassen. Der kostet 5.000 Dollar“, erzählt Dr. Pop amüsiert.
Dieser Widerspruch zieht sich durch die gesamte Metal-Geschichte: rebellisch und doch kommerziell erfolgreich. Und genau hier wird es interessant.
Das trojanische Pferd: Pop-Logik im Metal-Gewand
„Oh, das gefällt mir sehr gut, diese These“, reagiert Dr. Pop auf die Frage, ob ein Metal-Hit ein trojanisches Pferd sei, Pop-Logik im Metal-Gewand.
Ein Hit braucht immer eine gewisse Einfachheit. „Paranoid“ von BLACK SABBATH, vielleicht einer der ersten Metal-Hits überhaupt, ist nur drei Minuten lang. Das Riff ist unglaublich eingängig, der Songaufbau ist schnell zu erfassen. „Keine 37 Formteile, die man sich erst mal an einem Sonntagnachmittag mit ’nem Rotweinglas in der Hand erschließen muss“, scherzt Dr. Pop.
Die Kraft hinter diesem Song erkennen auch Nicht-Metal-Fans sofort. „Da ist ein Geheimnis in diesem Song. Die Kraft dahinter wird niemand in Frage stellen wollen.“
Die Entstehung von „Paranoid“: 15 Minuten zum Welthit
Um „Paranoid“ ranken sich legendäre Geschichten. Angeblich hatten BLACK SABBATH noch etwas Platz auf ihrer LP und schrieben innerhalb von 15 Minuten den größten Hit ihrer Bandgeschichte. Tony Iommi (Gitarrist und Gründungsmitglied von BLACK SABBATH) hatte kurz zuvor in einer Industriehalle zwei Fingerkuppen verloren, einen Tag, bevor er Profimusiker werden wollte. Er baute sich selbst Prothesen und stimmte seine Gitarre tiefer, um das Spielen zu erleichtern. Aus dieser Krise entstand ein düsterer, tiefer Sound.
„Das hat Metal auch oft“, sagt Dr. Pop nachdenklich. „Dass aus einer gewissen dunkleren Sicht auf die Welt wieder etwas Positives erwachsen kann.“
Kreativität aus der Krise
Dieses Prinzip zieht sich durch die gesamte Musikgeschichte. Brian May von QUEEN baute sich mit seinem Vater in den 60ern die „Red Special“, weil sie sich keine Fender Stratocaster leisten konnten. Teile eines alten Kamins, ein Kinderfahrradgepäckträger und eine Stricknadel seiner Mutter und daraus entstand eine der ikonischsten Gitarren der Rockgeschichte.
„Aus einem Mangel, aus einer Not heraus ist Kreativität entsprungen“, fasst Dr. Pop zusammen. Auch Billy Joel, der sich 1971 selbst in eine Psychiatrie einweisen ließ, fand dort durch Musik seinen Weg aus der Krise und startete anschließend eine Weltkarriere.
Metal macht intelligent, oder?
Der sogenannte „Mozart-Effekt“, die Idee, dass klassische Musik uns intelligenter macht, ist wissenschaftlich widerlegt. „Man kann jetzt nicht sagen: Ich schieb mir einmal pro Tag hier so ’ne Mozart-CD in ’n CD-Player, hör das im Hintergrund und gewinn dadurch zehn IQ-Punkte.“ Das ist totaler Quatsch“, stellt Dr. Pop klar.
Was jedoch erwiesen ist: Musik kann uns stimulieren, ganz egal, ob Vivaldi, Bob Dylan oder Heavy Metal. „Metal kann uns kognitiv auf jeden Fall guttun. Das ist ’n Fakt“, sagt Dr. Pop bestimmt. „Es ist ja auch erwiesen, dass es da unglaublich komplexe Harmonien, Melodien gibt und dass es eine große Kunstform ist“, so der Musikwissenschaftler.
Dr. Pop erzählt einen Schwank aus seiner Jugend: Ein Freund von ihm hörte während der Schulzeit beim Mathelernen Heavy Metal. Heute ist der Typ Fluglotse. Die Macht des Heavy Metals.
Musik als Lebensbegleiter
In seinem neuen Buch „Macht Musik“ beschreibt Dr. Pop, wie Musik uns von der Geburt bis zum Lebensende begleitet und sogar darüber hinaus. Ab dem fünften Monat im Mutterleib nehmen Föten die Vibrationen des Herzschlags der Mutter wahr. Der erste Rhythmus in unserem Leben.
Die wichtigste Phase für unseren Musikgeschmack liegt zwischen 13 und 28 Jahren. Die Musik, die wir in dieser Zeit kennenlernen, wird uns ein Leben lang begleiten. „Wenn’s uns mal nicht so gut geht, ist es oft diese Musik, die uns daran erinnert, wer wir sind“, erklärt Dr. Pop.
Bei Demenzerkrankungen kann Musik als „Gehirnschrittmacher“ wirken. Menschen mit Schluckbeschwerden können durch Singen ihre Nahrungsaufnahme verbessern. Vertraute Melodien aus der Jugend reaktivieren Erinnerungen, die verloren schienen. Hätte der Podcast keine Zeitbegrenzung gehabt, hätten die beiden hier noch endlos reden können.
Die Zukunft des Metals: Genre-Grenzen verschwimmen
Moderne Acts wie GHOST oder SLEEP TOKEN zeigen, wohin die Reise geht. GHOST klingt teilweise sehr poppig, zugleich aber klassisch mit traditionellen Riffs. SLEEP TOKEN integriert sogar Rap-Passagen. „An diesen Genre-Grenzen passiert immer das Spannende“, erklärt Gastgeberin Diana Heinbucher. „Wenn die verschwimmen, diese Grenzen.“
Bands, die sich trauen, etwas Neues zu erfinden und sich ihre eigene Nische suchen, sind oft die erfolgreichsten, ob DEPECHE MODE mit reinen Synthesizern, BILLIE EILISH mit Laptop-Produktion im Kinderzimmer oder ROSENSTOLZ mit ihrer Mischung aus Pop, Chanson und Elektronik.
Fazit von Dr. Pop: Musik ist die einzige Droge ohne Nebenwirkungen
„Musik ist die einzige Droge auf diesem Planeten, die keine Nebenwirkungen hat“, zitiert Dr. Pop aus einem musikpsychologischen Buch. Sie kann uns aus Krisen herausführen, uns das Gefühl geben, verstanden zu werden, uns stimulieren und beruhigen. Metal-Fans wirken oft entspannter als andere, „wie so ’ne Spa-Wellness-Behandlung“, schmunzelt Dr. Pop.
Was macht also einen Metal-Hit aus? Vielleicht ist es genau dieser Balanceakt: die Einfachheit eines eingängigen Riffs, gepaart mit der emotionalen Tiefe und Komplexität, die Metal ausmacht. Pop-Logik im Metal-Gewand: ein trojanisches Pferd, das die Kraft dieser Musik in die Welt trägt.
Und am Ende des Tages gilt: „Gut gemachte, handgemachte Hits führen dazu, dass mehr Menschen Musik machen und das macht die Welt ’n bisschen besser“, so Dr. Pop.
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Diana Heinbucher































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