
Kanonenfieber
Soldatenschicksale 2026
Konzertbericht
Mit der Compilation „Soldatenschicksale” im Gepäck und ausverkauften Hallen im Rücken zementieren KANONENFIEBER ihren Status als eine der aktuell erfolgreichsten Extreme-Metal-Bands Deutschlands. In Köln ist das Konzert zur „Soldatenschicksale 2026“-Tour so früh ausverkauft, dass das Carlswerk Victoria diesen Status bereits im Vorfeld plakatiert. Rund 1.600 Besucher:innen strömen am 20. März in die Halle – viele auffallend früh und manche davon als langjährige Begleiter:innen erkennbar. Wer mit einem Shirt der „Kampagne 2022” herumläuft, erntet durchaus bewundernde Blicke dafür, Noise schon in einer frühen Phase entdeckt zu haben. Das Publikum ist seitdem massiv gewachsen – und augenscheinlich auch sehr erwachsen geworden. Zumindest in Köln sind Fans mit grauen Haaren und Bärten deutlich stärker vertreten als die „Um-die-20-Generation“.
MENTAL CRUELTY eröffnen mit Wucht
Bevor Noise und seine Mitstreiter auf der Bühne ihren großen Auftritt haben, bekommen MENTAL CRUELTY ihren Raum. Die Tourmaschinerie ist offensichtlich gut geölt, denn um 19:30 Uhr geht es in der zu etwa drei Vierteln gefüllten Halle pünktlich los.
Die Lichtshow fällt für einen Opener überraschend opulent aus – und wirkt wie ein klares Versprechen für das, was später folgt. Das Publikum reagiert auf den Opener schnell mit kräftigem Applaus. Stilistisch bleibt es schwer zu greifen. Death Metal? Deathcore? Metalcore? Die Band spielt bewusst mit den Grenzen, streut Clean-Gesang ein und präsentiert in hoher Abfolge neue Ideen. Einem Teil des Publikums geht das zu schnell, grundsätzlich kommt der leicht hyperaktive Stil aber gut an.
Zwischen den Songs wird das Publikum aktiv eingebunden, inklusive der unmissverständlichen Aufforderung: „Jump the fuck up!“ Spätestens nach rund einer halben Stunde zeigt sich, wie gut das funktioniert. Auf die Frage „Wie gefällt euch MENTAL CRUELTY?” schnellen bis in die letzten Reihen der inzwischen zu über 90 Prozent gefüllten Halle Arme in die Höhe.
Beim Song „Zwielicht” sorgen Taschenlampen für ein kollektives Mitmachspiel, bevor mit „Symphony Of The Dying Star” der Endspurt eingeläutet wird. Nach rund 45 Minuten ist das Spektakel vorbei. Sänger Lukas Nicolai verabschiedet sich mit einem knappen „Vielen Dank, der Wahnsinn!“ und legt direkt nach: „Wer hat Bock auf KANONENFIEBER? Ihr könnt euch auf was freuen.“
Galerie mit 17 Bildern: Mental Cruelty - Soldatenschicksale Tour 2026 in Stuttgart

KANONENFIEBER starten mit Knalleffekt und klarer Dramaturgie
Um 20:45 Uhr ist es so weit: Das Intro läuft vom Band und die Spannung baut sich kontrolliert auf. Dann steigen KANONENFIEBER mit einem Knalleffekt – sprich Pyros – ein.
Der Auftakt mit „Die Feuertaufe“ vom Debütalbum setzt sofort die Marschrichtung, das orangefarbene Licht sorgt ebenfalls für einen Wiedererkennungswert. „Dicke Bertha“ lässt es anschließend mehrfach krachen – und heizt die Stimmung weiter an. „Schon geil, ich komme aus dem Grinsen nicht mehr raus“, brüllt ein Fan im vorderen Drittel bereits in dieser frühen Phase seinem Nebenmann ins Ohr. Mit „The Yankee Division March“ folgt ein deutsch-englisches Stück, bevor „Die Fastnacht Der Hölle“ das Geschehen weiter verdichtet.
„Der Füsilier I“ und „Der Füsilier II“ führen die Erzählung fort, ehe ein Einspieler („U-Boot-Sperre“) die nächste Phase einleitet. Mit „Kampf Und Sturm“ und „Z-Vor“ verschiebt sich die Szenerie auch visuell: Grünes Licht dominiert, dazu ein Kostümwechsel in Richtung Marine. Auch die flexible Bühnendeko wandelt sich Richtung Schiffsbug beziehungsweise U-Boot-Turm.
Neu auf dieser Tour ist die kontextuelle Einordnung vom Band in einer Tonalität, die an Formate wie „ZDF-History” erinnert. So wird vor „Heizer Tenner“ die Geschichte der SMS Wiesbaden skizziert, im Song folgt das Schicksal der Mannschaft unter Deck. Ansonsten bleibt Frontmann Noise seiner Linie treu: Er ist kein Ansager und spricht das Publikum nicht an, stattdessen dirigiert er die Halle mit präzisen Gesten. Er hebt den Arm – und die Halle folgt geschlossen auch bei Mitsingparts: „A-hu!“ Einen Circle Pit organisiert er später ebenfalls auf diese Weise.
Mit „Die Havarie“ taucht die Inszenierung tief ab. Bildsprache und Textzeilen („Wir schließen die Luke des eisernen Sargs“) greifen ineinander. Blau-rote Lichtstimmungen verstärken die klaustrophobische Wirkung.
Galerie mit 18 Bildern: Kanonenfieber - Soldatenschicksale Tour 2026 in Stuttgart

Der Bruch: Reduktion, Wirkung und erneuter Aufmarsch
Mit dem elften Stück „Verscharrt Und Ungerühmt“ folgt ein bewusster Bruch. Die Bühne reduziert sich auf einen Gitarristen, der im Lichtspot steht, später ergänzt durch Sänger Noise. Bei dem sonstigen Feuerwerk des Quintetts ist das ein Moment des Innehaltens, der mit starkem Applaus quittiert wird.
Danach zieht die Intensität wieder an. Auf die Rede in „Großmachtfantasie“ mit erneutem Kostümwechsel folgt die „Menschenmühle“ und bringt Zeilen wie „Deutschland, Deutschland, Vaterland / Mordeslust im Wahnverstand“ ins Spiel, die sich gut mitsingen lassen – und gleichzeitig für einen Kloß im Hals sorgen. Das muss man als Künstler auch erst einmal schaffen. Die Lichtregie ist derweil zu roter Dominanz übergegangen.
Anschließend geht es wieder in konkrete Heeresteile. Auf „Gott Mit Der Kavallerie“ folgen (mal wieder in neuem Outfit) der „Panzerhenker“ und „Der Maulwurf“, der im Refrain kollektiv zum Mitsingen einlädt. Das Publikum nimmt solche Angebote – die sich in den Studioaufnahme so nicht immer offenbaren – dankbar an.
Die Bühne als Schlachtfeld: theatrale Logik und Ernnsthaftigkeit
Über das gesamte Set hinweg fällt die aufwendige Inszenierung auf: mehrfach wechselnde Outfits, eine wandelbare Bühnendeko – mal Schützengraben, mal U-Boot, mal Schiff – dazu die beiden Kanonen. Podeste und Riser sorgen dafür, dass die Musiker auch in der langgestreckten Halle bis in die hinteren Reihen sichtbar bleiben. Pyros sorgen sprichwörtlich für „Bums“, Feuerfontänen für Hitze. Die Lichtshow ist massiv und farblich auf die jeweiligen Soldatenschicksale angepasst.
In der Wirkung geht das deutlich über ein klassisches Konzert hinaus. Die Inszenierung folgt eher einer theatralen Logik – und ist zwar unterhaltsam und zugänglich, allerdings mit der nötigen Schwere und Ernsthaftigkeit. Hier geht es nicht um reines Entertainment, sondern auch um narrative Verdichtung, also Geschichten und Visualisierung, die konsequent die Schrecken aufdecken.
Finale ohne Erlösung: Verdun setzt den Endpunkt
Das Konzertfinale mit dem Dreiklang aus dem Einspieler „Verdun“, dem Song „Ausblutungsschlacht“ und dem Outro „Als Die Waffen Kamen“ ist daher als Ausrufzeichen zu verstehen. Die gut zehn Monate dauernde Schlacht um Verdun war eine der längsten und verlustreichsten Schlachten des Ersten Weltkriegs zwischen Deutschland und Frankreich und Noise lässt diesen Schrecken nicht nur in Textform wiederaufleben, sondern nimmt auch als „Meister Tod“ mit Skelettgesicht seinen Mitmusikern symbolisch das Leben.
Ohne Zugabe(rufe) zieht daraufhin das Publikum mit einer Stimmung irgendwo zwischen zufrieden und beklommen von dannen und akzeptiert das Ende eines in sich geschlossenen Gesamtkonzepts.
Setlist KANONENFIEBER:
01. Die Feuertaufe
02. Dicke Bertha
03. The Yankee Division March
04. Die Fastnacht Der Hölle
05. Der Füsilier I
06. Der Füsilier II
(Einspieler) U-Boot-Sperre
07. Kampf Und Sturm
08. Z Vor
09. Heizer Tenner
10. Die Havarie
11. Verscharrt Und Ungerühmt
12. Großmachtfantasie
13. Menschenmühle
14. Gott Mit Der Kavallerie
15. Panzerhenker
16. Der Maulwurf
(Einspieler) Verdun
17. Ausblutungsschlacht
(Outro vom Band) Als Die Waffen Kamen
Text: Torsten Meierhöfer (Köln)
Fotos: Lea Wittkam (Stuttgart)
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| 04.06.26 | Kanonenfieber - Soldatenschicksale Tour 2026KanonenfieberMoya, Rostock |
Torsten Meierhöfer
































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