
Welche Last die Norweger von KORRUPT auch immer mit sich herumschleppen, auf ihrem dritten Album „The Weight We Carry“ haben sie diese in eine heftige musikalische Form gegossen. Der Bastard aus reichlich Black Metal und Hardcore-Punk, aufgelockert durch melodische Ausflüge ins Rock-’n‘-Roll-Universum von TURBONEGRO, ist das akustische Äquivalent einer doppelhändigen Backpfeife von Bud Spencer. Und diese blumige Beschreibung lässt sich durchaus musikalisch begründen.
KORRUPT zwischen Blastbeats und Rock ’n’ Roll
Die Verwandtschaft zu KVELERTAK ist kaum zu überhören, doch KORRUPT gehen stellenweise deutlich kompromissloser zu Werke. Gerade wenn die Blastbeats einsetzen und sich die Gitarren in eisige Riffsalven steigern, blitzen Erinnerungen an IMMORTAL auf. Dem gegenüber stehen treibende Hardcore-Rhythmen, Rock-’n‘-Roll-Hooks und Refrains, die sich erstaunlich schnell festsetzen. Wer unter Black Metal vor allem ausladende Arrangements, majestätische Melodien und symphonische Klangwelten versteht, dürfte von der ungestümen Hardcore-Schlagseite schlicht überrumpelt werden.
Schon der Opener „Narrative Warfare“ macht mit heftigen Gitarren und unerbittlicher Energie unmissverständlich klar, wohin die Reise geht. Während Stücke wie „Waiting For The Sun“ oder das rasante „Deathwish“ mit Blastbeats und aggressivem Gekeife nach vorne preschen, beweisen die Norweger auch Gespür für Dynamik. „Being, Paranoid“ und das mit rockigen Hooks ausgestattete „Devoted To The Grave“ schrauben das Tempo zurück, um eingängigen Refrains mehr Platz zu lassen. Interessante Brüche prägen zudem „Totalitarian“, wo kantige Riffs und atonale Tupfer auf marschierende Rhythmen treffen. Den ausladenden Schlusspunkt setzt die mit fast sechs Minuten Spielzeit längste Nummer „I Am The Soil“: Eingeleitet von Kirchenglocken und einer beinahe gespenstischen Atmosphäre entfaltet sich ein Stück, das die stilistische Bandbreite des Albums unterstreicht.
Auch inhaltlich verspricht bereits der Titel „Narrative Warfare“ einiges. Leider liegen dem Rezensionsexemplar keine Songtexte vor, um ihnen genauer nachzugehen. Laut Pressetext beschäftigen sich KORRUPT mit religiösen Dogmen und gesellschaftlicher Kontrolle, was angesichts der konservativ-christlichen Prägung ihrer Heimatregion Kristiansand nachvollziehbar ist. Religionskritik ist im extremen Metal eher erwartbares Genre-Ritual als Tabubruch oder gar Provokation. Ob KORRUPT daraus mehr als das tausendste „Kirche schlecht, Individuum frei“ machen, lässt sich ohne Lyrics nicht beurteilen – der Tonlage nach ist Sänger Marius Jahnsen jedenfalls sehr angefressen.
„The Weight We Carry“ verliert im Mittelteil etwas an Zugkraft
Einen kleinen Wermutstropfen gibt es allerdings: Da einige Stücke im strukturellen Aufbau ähnlich funktionieren und die extremen, sich überschlagenden Vocals auf Dauer kaum Erholungspausen zulassen, droht im Mittelteil eine gewisse Monotonie.
Dennoch überwiegen die Stärken deutlich. KORRUPT verbinden die Wucht des Hardcore mit der Aggression des Black Metal, ohne auf eingängige Riffs und Refrains zu verzichten. „The Weight We Carry“ ist ein energiegeladenes Album, das seine stilistischen Gegensätze überzeugend zusammenführt.

Torsten Meierhöfer






























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