Disbelief
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Interview

Disbelief sind zurück – und wie: Mit neuer Platte, neuem Label, neuem Produzenten. Sie sind bereit anzugreifen. Sänger Karsten „Jagger“ Jäger sprach noch vor der Veröffentlichung über Unterschiede, Fortschritte und den Anspruch, eine internationale Band zu sein.

DisbeliefDavid: Es gibt diesen Satz: Never change a winning team. Den habt ihr einfach mal ignoriert und einen anderen Produzenten, Tue Madsen, eure neue Platte „66Sick“ produzieren lassen. Warum?

Weil es unseren Horizont wieder erweitert hat, neue Erfahrungen zu sammeln, das erste mal im Ausland zu produzieren und einen sehr guten Eindruck, den wir von Tue’s Arbeiten hatten, bevor wir uns entschieden, 66 SICK, bei ihm in Dänemark aufzunehmen.

David: Welchen Einfluss hatte er auf die Platte und wo liegen die durch ihn bewirkten Unterschiede zu „Spreading The Rage“?

Grossen Einfluss hatte er nicht mehr, denn die Songs waren alle zu 95% fertig, vom Soundbild hat er eine neue Dimension für uns erschaffen, mit der wir sehr zufrieden sind.
Der Sound ist sehr mächtig, direkt und modern geworden, was Disbelief sehr gut zu Gesicht steht. Jeder Song hat seinen persönlichen Stempel bekommen, was den Sound angeht.

David: Erzähl den Lesern doch mal wie so eine Listening Session aus deiner Sicht abläuft, wenn ihr zum ersten Mal der „Öffentlichkeit“ euer Album vorstellt. Was läuft dir alles durch den Kopf, wenn du vor den blutlechzenden Journalisten sitzt?

Natürlich hofft man auf Begeisterung, das ist doch klar. Es erfüllt einen mit Stolz, das Erarbeitete präsentieren zu können. Während des Hörprozesses kann man das reine Hörvergnügen eigentlich gar nicht so recht genießen, da man doch sehr aufgeregt und umherschauend da sitzt, um vielleicht schon die eine oder andere Reaktion erhaschen zu können.

David: Wo siehst du eure musikalische Weiterentwicklung auf dem Album? Spiegelt dies auch deine Entwicklung als Mensch sowohl im Freundes-/Familienkreis als auch in der Musikindustrie wider?

Wir präsentieren uns auf “66 SICK“ vielseitiger denn je. Wir haben wieder einige neue Farben in den Disbelief-Sound einfließen lassen, haben Spaß daran gefunden auch mal schneller zu Werke zu gehen und Songs kreiert, die dafür geboren wurden, um live mächtig zu rocken. Bevor wir an das Songwriting für “66 SICK“ heran gegangen sind, haben wir beschlossen, die Gitarren für die neue Platte tiefer zu stimmen, was dem Gesamtsound, wie auch den einzelnen Instrumenten, vor allem bei meinem Gesang, sehr zu Gute gekommen ist.

David: Wieso hat erst jetzt ein Deal mit einem größeren Metallabel (NB) funktioniert?

Wir waren vertraglich für die letzten 3 Alben mit Massacre Rec. gebunden, der Vertrag endete nun und so war der Weg frei für Nuclear Blast. Warum erst jetzt? Ich finde den Prozess, den Disbelief für eine Band durchgemacht haben, sehr gesund und nun war es an der Zeit, mit den richtigen Leuten zu arbeiten, um unsere Vorstellungen und Pläne für die Zukunft verwirklichen zu können. Wir sind da doch sehr zuversichtlich und sehr angetan von der Arbeit, die Nuclear Blast für uns leisten. Wir haben den Anspruch, eine internationale Band zu sein und von der Musik leben zu können und das war mit Massacre Rec. nicht möglich, weil sie sich zu sehr auf Deutschland, Österreich und die Schweiz konzentrieren und das in der heutigen, globalen Welt ein Riesenfehler ist, denn es lässt sich als Band überall auf der Welt Geld verdienen, wenn man seinen Job richtig ausnutzt und professionell macht.

David: Was hat es mit dem Wortspiel 66Sick auf sich? Was wolltet ihr damit aussagen? Wer oder was kann bzw. muss sich als „Sick“ bezeichnen lassen?

Als SICK muss sich alles Abnormale heißen lassen, was negative Strömungen besitzt und verbreitet, die Schmerzgrenze zu SICK! Diese wird meiner Meinung nach immer krasser und vielschichtiger, was mich sehr nachdenklich macht. “66 SICK“ ist schon seit unserer Tour, zusammen mit Bolt Thrower’99, als Slogan auf unseren Shirt’s präsent. Nach unserer letzten Tour für „Spreading the Rage“, wo wir auch wieder dieses Wortspiel für unsere Shirt’s benutzten, dachten wir, dass es für unsere 6. CD doch sehr gut passen würde, dies als Arbeitstitel zu benutzen und so ist es auch bis zum Ende geblieben, worüber ich sehr glücklich bin.

David: Der Anfang von „66Sick“ (Intro – Nackenbrecher) gleicht vom Konzept her dem Anfang von „Spreading The Rage“. Doch schon hier zeigt sich meiner Meinung nach, dass das neue Album einen Ticken schlechter (oder besser: weniger gut) ausgefallen ist als „STR“. Wo siehst du die Unterschiede besonders in den beiden Openern „Sick“ und „Ethic Instinct“ und dann im Allgemeinen der beiden Alben? Ist dort eine konsequente Entwicklung zu verzeichnen?

Sick ist im Gegensatz zu Ethic Instinct ein ganz anderer Opener, da dieser Song mehr Durchschlagskraft besitzt und mehr Reife hat, Sick bleibt einfach sehr gut im Ohr hängen. So häufig wie in Sick, haben wir einen Refrain noch nie wiederholt, deshalb nahm Sick beim Arrangieren der Songs einen sehr hohen Stellenwert ein, der sich im Endeffekt ausgezahlt hat, in diesem Stück steckt harte Arbeit.
66 SICK ist eine logische Fortsetzung von SPREADING THE RAGE, wobei einige Dinge doch wieder anders sind. Zum einen das Soundgewand, was allein durch die heruntergestimmten Gitarren anders klingt, zum anderen viele neue Farben, die unseren Sound beschmücken und neu erleuchten lassen, es ist einfach ein ernstzunehmendes Produkt geworden, was wir da erschaffen haben.

David: Die Band scheint trotz sehr guter Presseresonanzen die Hörerschaft zu polarisieren. Ich zitiere ein paar Kritiken unserer Leser zum letzten Album. Kannst du die bitte kommentieren?

– „… der Sänger ist schlichtweg eine Katastrophe! Ich halte ja einiges aus (das stumpfste Hardcore-Gebrüll, fieseste Black Metal-Gekeife und brutalste Death-Metal-Growls) aber dieser Kerl mit seinem heiseren Herumgeiere ist einfach nur schlecht“ –

Was soll ich dazu sagen, alles ist Geschmackssache, aber man muss nicht, wenn einem etwas nicht so sehr gefällt, das Ganze dann irgendwie deswegen in den Dreck ziehen, weil das der falsche Weg ist.

– „Dazu kommt, dass die Songs häufig eine dermaßen weinerliche Atmosphäre haben, dass sie jeder Emo Kapelle den Rang ablaufen können.“ –

Wir versprühen eine Atmosphäre, das ist doch schon mal nicht schlecht, denn nicht jede Band kann das von sich behaupten.

– „Ich denke mal, dass man das Geheimnis von Disbelief darin findet, dass sie stets live präsent sind und das mit großem Erfolg. Viele Leute kaufen sicher die CDs aufgrund einer kompetenten Live-Show!“ –

Das glaube ich wiederum nicht, dass unsere guten Live-Shows hauptverantwortlich dafür sind, dass unsere CDs weggehen. Natürlich sind sie ein Mitgrund dafür, dass wir Leute auf uns aufmerksam machen wollen, das ist ja auch Sinn und Zweck, wenn wir auf Tour sind. Das Geheimnis einer Band liegt am Gesamtpaket, denke ich mal. Es muss einfach alles stimmen,
um als Band attraktiv zu sein. Ehrlichkeit und Durchhaltevermögen, nicht gerade immer mit dem Strom zu schwimmen, das sind Attitüden, mit denen wir uns schmücken können und ich glaube, dass so etwas bei den Fans honoriert wird und ankommt.

– „der Sänger hat voll die kranke Stimme, müsst ihr euch mal reinziehen…“ –

Ich habe eine krasse Stimme, das weiß ich, weil ich eine Ausgeburt an Beeinflussungen, von Sängern wie, Martin van Drunnen, Karl Willets, Chuck Schuldiner, Mille Petrozza, John Tardy und mir selbst bin. Das gefällt mir ja auch so an meiner Stimme. Dass diese sich so verhält wie ein Chamäleon, das seine Farben wechselt, um sich seiner Umgebung anzupassen. So kann ich mit meiner Stimme dem jeweiligen Song den dementsprechenden, gewissen Touch geben, den er braucht.

David: Besonders Du scheinst mit deiner Stimme zu polarisieren. Wann war dir bewusst, dass du so ein „krankes“ Stimmorgan hast? Wieso denkst du, erzeugt deine Stimme, die eindeutig Disbeliefs Markenzeichen ist, bei den Hörern so unterschiedliche Reaktionen?

Ich höre kaum Stimmen, die meinen Gesang grässlich finden, ist ja wie schon gesagt Geschmackssache. Mir wurde bewusst, eine krasse Stimme zu haben, als ich zum ersten Mal einen Proberaum betrat und das erste Mal zur Musik, meine Schreie zum Besten tat.
Über die Jahre, was jetzt auch schon 23 Jahre sind, hat sich mein Gesang immer schön entwickelt, was mir mittlerweile die Möglichkeit gibt, meinen Gesang so einzusetzen, wie es die nötige Stimmung braucht, das gibt mir immer wieder den Glauben an meine Stimme und die Kraft, immer wieder an ihr zu arbeiten und sie zu pflegen.

David: Welcher Titel gefällt dir vom neuen Album musikalisch am besten, welcher textlich?

Vom musikalischem Standpunkt her gefällt mir “For God?“ am besten, da er der kompromissloseste Song auf der CD ist und weil er eine super Dynamik besitzt.
Vom textlichen her hänge ich an vielen der Texte der neuen CD, “Rewind it all“ ist sehr persönlich, weil es realistisches Gedankengut ist und sich mit dem Selbstmord eines Musikerkollegen auseinandersetzt. Von daher berührt mich dieser Song am meisten.

David: Welches Album würdet ihr Metallern empfehlen, die euch noch nie zuvor gehört haben und welches ist (inkl. dem neuen) das Beste von Disbelief? Warum?

Alle Veröffentlichungen standen, oder stehen unter einem anderen Stern, weil sie alle unterschiedlich sind und ihre eigene Geschichte haben. Von daher würde ich mich da nicht festlegen wollen, ich sage mal „Shine“, weil das die unterbewerteste Platte war, meiner Meinung nach.

David: Für mich bedeutet Metal…

Man kann vielleicht sagen, dass es wie eine Art Religion für mich geworden ist, die mir sehr heilig geworden ist und in der ich mich sehr geborgen fühle. Wenn wir auf Tour sind, kommt mir oft der Gedanke, dass es was mit Freiheit zu tun hat, die man erlangen kann, wenn man auf Tour ist, wenn man Musik macht, hört und genießt, sich mit Fans, anderen Musikern, Gleichgesinnten eben unterhält.

David: Ihr seit bald wieder auf Tour. Alle, die Disbelief noch nie live gesehen haben, sollten hingehen, weil…

…sie von einer Band berieselt werden, die ihre Gefühle in sehr gute Songs umsetzen kann. Das Ganze wird sehr energiegeladen vorgetragen, was eine gewisse Spannung erzeugt, die wenn man will, für sich in positive Energie ummünzen kann. Abgerundet wird das Ganze von einem mächtigen Sound, der die Musik perfekt zum Zuhörer transportiert und die ideale Verbindung von Band und Zuschauer schafft.

David: In wie weit wird der 14.03.2005 euer Leben verändern und was trägt der ganze Prozess bis zur Entstehung dieser Platte bzw. die Platte selbst dazu bei?

Was da passieren wird, wissen wir nicht, die Bombe ist noch nicht eingeschlagen. Wir haben sehr, sehr gute Resonanzen bis jetzt bekommen, 66 SICK wird überall, auf der ganzen Welt sehr gut durch Nuclear Blast promoted, wir haben sogar für 66 SICK einen Japan-Deal bekommen, was auch nicht alltäglich ist in der dortigen Szene. Alle Zeichen stehen auf Sturm, wir sind bereit dafür, haben lange darauf gewartet und ernten nun vielleicht die Früchte, die wir schon jahrelang gesät haben. Wir sind immer mit jeder Veröffentlichung einen Schritt weiter gekommen, ich denke mit der Stärke der neuen CD und Nuclear Blast im Rücken ist da mit vielem zu rechnen, nie war die Zukunft für Disbelief so spannend wie jetzt, wir harren der Dinge, mit dem Ziel unsere Fans glücklich zu machen und diesmal 2-3 Schritte nach vorne zu kommen.

06.04.2005

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