Evanescence
Interview mit Amy Lee zu Evanescence

Interview

Evanescence

Fünf Jahre nach ihrem Megaseller „The Open Door“ melden sich EVANESCENCE mit ihrem neuen selbstbetitelten Album „Evanescence“ zurück. Die Zeichen stehen auf Sturm, denn „Evanescence“ ist deutlich besser als „The Open Door“ ausgefallen und zeigt dabei zusätzlich eine reifere und ausgelassenere Band Das Album hat die Qualität, selbst an das Meisterwerk „Fallen“ aufzuschließen oder zumindest mit der Scheibe mithalten zu können. Wir trafen Sängerin und Bandchefin Amy Lee, die, trotz eines Interviewmarathons an dem Tag, mit ihrer ehrlichen und freundlichen Art geduldig unsere Fragen u.a. zum neuen, sehr starken Album, dem Ausstieg des Gründungsmitglieds Ben Moody und dem Hang, Songs mit catchy Melodien zu schreiben, beantwortete, in Köln. Und selbst bei Interviews kommt die junge Dame nicht darum herum, äußerst lebhaft und nahezu schon überschwänglich von den Plänen von EVANESCENCE zu berichten.

Amy, am 07. Oktober kommt euer neues, selbstbetiteltes Album „Evanescence“ auf den Markt. Warum habt ihr euch für den Bandnamen als Titel entschieden?

Nun, vor allen Dingen ist das neue Album ein Gemeinschaftsprodukt von der ganzen Band. Ich denke, dass war einer der Gründe. Wir haben uns im Proberaum getroffen und angefangen, Ideen auszutauschen und Songs zu schreiben. Diese Gemeinschaftsarbeit haben wir dieses Mal im Fokus gehabt. Die Instrumente, der Gesang, alles sollte einfach harmonieren und zu 100% zueinander passen. Diese Arbeitsweise zeigte uns als eine gute Liveband, die wir, würde ich mal behaupten, auch sind. Natürlich gibt es auch noch programmierte Elemente, genauso wie Streichinstrumente, aber in der Band lag einfach unser Hauptaugenmerk.

Nachdem ihr von „Fallen“ und „The Open Door“ Millionen Einheiten verkaufen konntet, kann ich mir vorstellen, dass ihr einen gewissen Druck hattet, wieder ein Hitalbum zu kreieren.

Du kannst dir sicher vorstellen, dass mir diese Frage sehr oft gestellt wurde. Aber es ist schon komisch, wir hatten eigentlich überhaupt keinen Druck bei diesem Album. Lediglich den Druck, den ich mir selber mache, in Hinsicht darauf, alles immer besser zu machen. Ich würde niemals ein Album veröffentlichen von dem ich nicht sagen würde, dass es das Beste ist, was wir (an diesem Punkt) jemals gemacht haben. Wir wollen immer einen Schritt weitergehen und ich denke, dass wir es dieses Mal wieder geschafft haben. Wie gesagt, ich stehe hinter diesem Album und ich würde nie eine halbgare Veröffentlichung zulassen.

Ihr habt es auf jeden Fall geschafft, denn das Album ist wirklich eine Wucht. Und mit „What You Want“ habt ihr ja auch schon die erste Single veröffentlicht. Ich muss sagen, dass die Nummer durchaus das Zeug dazu hat, ein Hit zu werden wie z.B. „My Immortal“ oder „Bring Me To Life“. Es gibt aber auch eine Vielzahl von Stücken auf dem Album, die ebenfalls das Potential mit sich bringen. Warum habt ihr diesen Song gewählt?

Puh, das kann ich dir nicht so genau sagen. Ich mochte den Song sofort, hielt die Entscheidung allerdings bis zur Fertigstellung aller Stücke zurück. Es gibt, wie du sagtest, auch noch einige Nummern, die eine gute Single gewesen wären. „What You Want“ zeigt meiner Meinung nach aber gut, wie die neuen EVANESCENCE klingen, und welche Intention wir rüberbringen möchten. Ich schätze, das Stück wird auch den Fans gefallen. EVANESCENCE 2011 – eine neue Attitüde.

Natürlich hat das Album auch wieder deine wundervollen Pianopassagen. Ist das etwas, was auf einem Album von euch enthalten sein muss?

Piano? Ja, mein Spiel kommt vom Herzen und außerdem ist es mein Hauptinstrument. Ich beschäftige mich sehr häufig mit dem Piano und schreibe auch die Songs damit. Ich liebe es einfach, Pianopassagen zu schreiben, wobei ich mich immer wieder dazu antreibe, mir selbst Herausforderungen zu stellen. So musste ich für die Passagen auf dem Album viel üben, denn diese haben eine hohe Herausforderung an mich. Und bevor wir auf Tour gehen, muss ich noch mehr üben, sonst wird das sehr, sehr schwer. (lacht)

Aber du bist doch ein Naturtalent, oder?

Ich muss mich trotzdem sehr konzentrieren und anstrengen, z.B. bei „My Heart Is Broken“. Spielen und singen zur gleichen Zeit ist nicht sehr einfach. Ich muss üben, üben, üben.

„Fallen“ enthielt jede Menge Hits und die bekanntesten Stücke von euch, „The Open Door“ hatte Songs, die etwas schwieriger waren. Auf „Evanescence“ stürmten die Stücke sofort in meinen Kopf und vollbrachten wahre Begeisterung. Arbeitet ihr eigentlich gezielt an Stücken, die sofort zünden oder kommt dies aus eurer Zusammenarbeit als Band?

Ich mache was ich liebe. Und ich liebe Hooks. Ich bin ein Mädchen und liebe heavy Musik, aber auf der anderen Seite liebe ich eben auch Hooks. Meine erste musikalische Liebe war Michael Jackson – King Of Hooks (lacht)! Wir sprachen ja eben über „What You Want“. Bei diesem Stück ist jeder einzelne Part ein Hook. (Singt) „What You What You Want…“ Ich liebe es eben. Aber damit stehe ich nicht allein da, die Jungs sehen das genauso. We are all suckers for a good hook (lacht).

Viele hatten ja die Meinung, dass EVANESCENCE nur ein Hype ist, der nach einiger Zeit wieder vergangen sein wird. Mit eurer neuen Platte attestiert ihr aber, dass EVANESCENCE auf jeden Fall kein Hype sind. Kann man das Album auch als eine Art Statement in diese Richtung sehen?

Auf jeden Fall. Ich denke, alleine die Tatsache, dass wir das Album „Evanescence“ nannten, ist ein Statement. Jedes Album spiegelt eigentlich das wider, was wir zu demjenigen Zeitpunkt waren. „Fallen“ – wir waren Kids. Wir wollten sehen, was wir als Band EVANESCENCE erreichen können. Mit dem zweiten Album gingen wir in eine andere Richtung und probierten andere Dinge aus. Für das neue Album haben wir uns eine Menge Zeit gelassen und konnten in Ruhe betrachten, was wir bisher erreicht und musikalisch umgesetzt haben. Diese Eindrücke konnten bei uns wirken. Aber auch als Band sind wir zusammengewachsen und ich denke, dass wir in dieser Konstellation die bisher Stärkste in der Geschichte von EVANESCENCE sind. Es fühlt sich insgesamt aber auch wie ein ganz neuer Anfang an.

EVANESCENCE haben natürlich typische Trademarks, die auf jedem Album enhalten sind. Dennoch klingen die neuen Songs anders, als die von euren beiden vorherigen Alben. Die Stücke klingen erwachsen und verlieren im Verlauf zu keiner ihre Richtung, ihr Ziel.

Vielen Dank.

Schreibst du als Bandleader denn den größten Anteil noch alleine?

Nein, nein. Dieses Mal waren wirklich alle Bandmitglieder involviert, was für uns das erste Mal für diesem Prozess war. Das macht es schon mal zu etwas Besonderem, denn die Stücke stammen nicht nur von zwei Leuten. Ich hatte zwar ein wenig Angst davor, vor allen Bandmitgliedern zu stehen und meine Ideen zu teilen, aber manchmal muss man eben auch zusammen experimentieren. Doch ich wollte es unbedingt auf diese Art versuchen, da ich sehr an diese Konstellation glaube. Wir haben ja auch schon sehr oft live zusammen gespielt und jeder in der Band ist ein guter Musiker. Und jeder von uns hat seine eigene Vorstellung, wie EVANESCENCE zu klingen haben. Dennoch verloren wir uns nicht in verschiedene Richtungen, im Gegenteil, die Zusammenarbeit funktionierte hervorragend. Klar, ich als Bandleader komme natürlich sehr oft mit fertigen Ideen auf die Jungs zu, aber es gibt sehr viele Elemente, die z.B. von unserem Gitarristen oder Schlagzeuger gekommen sind. Alle waren involviert.

Eure Musik geht ja seit eurer Gründung einher mit dramatischen, epischen und emotionalen Elementen. „Lost In Paradise“ oder „My Heart Is Broken“ z.B. spiegeln dies auch wider. Wo kommen denn deine Einflüsse her, wenn du Songs schreibst?

Hm, du meinst meine Inspiration? „My Heart Is Broken“ entstand z.B. aufgrund einer interessanten Geschichte. Ein Freund von mir aus New York hat eine Organisation gegründet, die Opfern von sexuellen Übergriffen und Menschenhandel hilft. Dieser Menschenhandel ist ein sehr großes Problem und in New York gibt diese Organisation den Opfern eine Hilfestellung. Es ist auf der einen Seite interessant zu sehen, wie diese Menschen ihr Leben nach solchen Erlebnissen meistern, nach allem, was sie durchmachen mussten. Auf der anderen Seite ist es auch sehr deprimierend, dass es so etwas gibt. Ich interessiere mich sehr für die Arbeit dieser Organisation und bringe mich dort auch ein. Zu dieser Zeit schrieb ich jedoch auch diesen Song, ich weiß nicht genau warum, aber ich schrieb einfach über das Thema. Ich habe versucht, mich in die Situation der Opfer hineinzuversetzen und die Gefühle von ihnen widerzuspiegeln.

Habt ihr bei dem neuen Album denn eigentlich eine bestimmte Geschichte verarbeitet? Gibt es einen roten Faden, der sich durch das Album zieht?

Nein, jeder einzelne Track steht für sich selbst. Weißt du, ich bin keine Person, die mit einem bestimmten Plan ein Album aufnimmt. Obwohl ich die Idee eines Konzeptalbums mag, mit all seinen verschiedenen Verläufen. So kann ich aber nicht arbeiten. Ich bekomme irgendwoher eine Inspiration und schreibe darauf einen Song, ganz ohne einen bestimmten Plan. Ich mag auch keine Grenzen. Die ganze Platte hat also etwas natürliches, etwas organisches.

„Evanescence“ wurde von Nick Raskulinecz produziert, der schon mit Gruppen wie FOO FIGHTERS, STONE SOUR oder auch RUSH gearbeitet hat. Warum habt ihr gerade ihn für die Produktion ausgesucht und wie seid ihr mit ihm in Kontakt gekommen?

In diesem Fall habe ich mich einfach im Internet umgeschaut, wer meine Lieblingsalben produziert hat bzw. wer meinen Lieblingssongs den Sound verpasst hat.

Wirklich? So einfach?

Ja! Wer hat’s produziert? Welcher Sound gefällt mir? So habe ich eben eine Liste erstellt mit ungefähr fünf Personen, die mir zusagten. Und Nick war einer davon. Ihn haben wir auch zuerst getroffen. Ich wollte sehen, wo er so arbeitet und fuhr nach Nashville, wo er sein Studio hat. Dann habe ich mich erst mal in sein Studio verliebt (lacht). Na ja, was ich sagen kann, ist, dass er es einfach drauf hat. Er hat sich natürlich unsere Demos angehört und hätte auch so einen guten Sound für uns rausgeholt. Aber er hat einfach verstanden, was wir möchten, welche Vorstellung wir haben. Ich wusste natürlich, dass er mich musikalisch herausfordern würde. Er ist auch jemand, der gerne mit der gesamten Band arbeitet und außerdem ein großer Rockfan. Er forderte von uns, den Rock in den Vordergrund zu stellen. Es war für mich eine ganz wundervolle Erfahrung und ich würde sofort wieder mit ihm zusammenarbeiten. Die Jungs haben sich auch super mit ihm verstanden.

In der Vergangenheit hattet ihr ja verschiedene Line Up-Wechsel. Ganz besonders Ben Moody war für EVANESCENCE wichtig, war er doch Mitbegründer der Band. Waren diese Wechsel für euch eigentlich ein Rückschlag oder doch eher ein Antrieb, noch stärker zu werden?

Hm, das ist ja mittlerweile auch schon wieder ein paar Jahre her. Ich muss dir ganz ehrlich sagen, dass wir mittlerweile gestandene Musiker sind, die so was verkraften. Klar, es war damals hart für mich, denn Ben und ich haben die Band schließlich gegründet und wir schrieben die Stücke gemeinsam. Ben war genauso wie ich involviert, wir arbeiteten zu gleichen Teilen wenn man so will. Aber wie gesagt, ich habe neue Musiker gefunden und an dieser Stelle kann ich sagen, dass ich die Band, so wie sie ist, nicht verändern würde.

Und die nächste Scheibe wird mit diesem Line Up entstehen?

Ja, das glaube ich.

Im November beehrt ihr Europa bzw. Deutschland mit eurem Besuch, um mal wieder die Bühnen unsicher zu machen. Was können die Leute denn von den kommenden Shows erwarten?

Weißt du, dieses Album ist quasi prädestiniert um live gespielt zu werden. Als wir die Stücke schrieben, haben wir freilich darüber nachgedacht wie es wäre, sie live zu spielen. Wir waren richtig aufgeregt und konnten es kaum abwarten, sie zusammen zu spielen. Natürlich spielen wir auch unsere Hits wie „Bring Me To Life“ und die Stücke, welche die Fans hören möchten. Aber wir legen dieses Mal unser Hauptaugenmerk auf die neuen Songs, bei denen wir richtig aufgeregt sind. Die Fans können also eine coole Zeit erwarten und mit uns ordentlich abzurocken. Bei unseren Fans in Deutschland können wir immer sicher sein, dass sie abgehen und austicken, denn hier sind richtige Rockfans. Wir können es jedenfalls nicht mehr abwarten, hier wieder zu spielen.

Ist es für dich als Frau im Rockbusiness nicht manchmal hart auf Tour? Ich meine, wenn ihr mit dem Tourbus unterwegs seid oder wenn die Jungs verschwitzt von der Bühne kommen…

(Verzieht das Gesicht) Hm, ja, nur mit den Jungs abzuhängen kann schon mal deftig werden. Aber ich habe immer meine Haar- und Make Up-Assistentin bei mir. Wir hängen immer zusammen ab und sind mittlerweile fast wie Schwestern. Wir haben oft unsere Zeit unter Frauen, weg von den Jungs. Allerdings bin ich gerne mit der Band unterwegs und mache das schließlich auch schon ein paar Jahre. In der Rockszene gibt es natürlich noch immer mehr Männer als Frauen, aber das stört mich nicht. Und meine Bandmitglieder behandeln mich auch nicht anders, als wie sie es unter sich machen.

Nun gut. Meinst du, es wird wieder fünf lange Jahre brauchen, um ein neues Album zu machen?

Das haben wir eigentlich nicht vor. Ich muss aber auch sagen, dass ich inzwischen geheiratet habe und Zeit mit meinem Mann verbringen wollte. Einfach mal ein wenig leben. Gemeinsam etwas erleben, bevor ich mich wieder auf Tour begebe für die nächsten drei Jahre (lacht). Im Moment fühle ich mich aber bereit für ein neues Abenteuer. Endlich sehen wir wieder unsere Fans, die wir seit vielen Jahren nicht zu Gesicht bekommen haben. Vor allem, weil sie uns so lange die Treue gehalten haben. Weißt du, als wir damals zum ersten Mal nach Europa kamen, waren wir schon unsicher. Wir wussten nicht, wie uns die Leute hier entgegenkommen würden und was sie von uns halten würden. Und wenn man dann nach fünf Jahren wieder hier ist und auf bekannte Gesichter trifft, dann ist das schon so, als ob man nach Hause kommen würde.

Okay, Amy, vielen Dank für das Interview und für deine freundlichen und ehrlichen Antworten. Hast du noch die berühmten letzten Worte?

It´s good to be back!

Galerie mit 18 Bildern: Evanescence - Evanescence - Berlin
30.09.2011

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