
Lantlos
"Agape" und "Melting Sun" – Licht und Schatten?
Interview
Fast zwei Dekaden sind seit dem ersten LANTLÔS-Album vergangen. Kopf des Projekts ist und bleibt Markus Siegenhort, Vordenker und Multiinstrumentalist, der gemeinsam mit ALCESTs Neige tiefe Spuren im 2010er-Subgenre des Post-Black-Metal hinterlassen hat. Mit „Nowhere In Between Forever“ ist für April 2026 das sechste Album von LANTLOS (die Schreibweise des Bandnamens wurde mittlerweile moderat angepasst) angekündigt. Bereits im November 2025 traf sich Alex Klug mit Markus, um den anhaltenden Einfluss von Alben wie „.neon“, „Agape“ und „Melting Sun“ zu analysieren.

Hey Markus! Lass uns direkt reingehen: Wenige stilistische Umbrüche finde ich so faszinierend, wie den zwischen „Agape“ und „Melting Sun“. Und das meine ich nicht einmal primär besetzungsmäßig oder musikalisch, sondern rein von Feeling und Stimmung her. Deshalb würde ich gerne in diese Zeit zwischen 2011 und 2014 reinbohren. Wann hast du die beiden Alben zuletzt gehört?
„Agape“ ganz zufällig mal, weil mich Stéphane (Neige) von ALCEST angeschrieben hat, als ich vor zwei oder drei Jahren im Urlaub in Südfrankreich war. Da haben wir kurz getextet und da habe ich nochmal reingehört in die „Agape“. In die „Melting Sun“ schon ewig nicht mehr.
Also echt lange her. Dann musst du aus der Erinnerung antworten: Welches der fünf LANTLÔS-Alben findest du heute am authentischsten?
Alle. Ohne Abstriche. Rückblickend hätte ich an manchen Stellen vielleicht mehr Kritik zulassen sollen, dann wären die Sachen runder geworden. Aber alle sind zu 100 Prozent authentisch.
Ich erinnere mich, dass nach einem Gig in Oberhausen 2012, als „Agape“ gerade ein Jahr alt war, Leute auf Facebook kontrovers über die Setlist diskutiert haben und mehr von den ersten beiden Alben gewünscht hätten. Du hast da sehr respektvoll kommentiert, dass du mit manchen Sachen, auch mit „.neon“, nicht mehr so die Verbindung spürst.
Genau.
Dann war „authentisch“ vielleicht das falsche Wort. Womit hast du heute am wenigsten Connection?
Mit „Agape“. Das Album war total wichtig für mich, aber die Produktion hat mir nie gefallen. Ich habe es in einem anderen Studio aufgenommen und danach fehlte die Zeit, es richtig fertigzumachen. Das war ein persönlicher Makel für mich. Ich wollte viel opulenter orchestrieren, hab damals viel KAYO DOT gehört – „Choirs Of The Eye“ und so. Das hat nicht geklappt. Ich habe sogar mal überlegt, es zu einem Jubiläum neu zu mischen, weil es nicht fertig produziert war.
Wie ordnest du das für deine persönliche Entwicklung ein?
„Agape“ war ein Abkapselungsalbum. Eine Abkapselung von der Darkness, die ich nicht aufbrechen konnte.

Das fühlt man. „Melting Sun“ hätte emotional niemals direkt nach „.neon“ erscheinen können, oder? Du hast mit „Agape“ ja dann auch einen sehr nihilistisch-doomigen Weg beschritten, obwohl der Vorgänger ja ein früher Post-Black-Metal-Meilenstein war.
Ja, auch das war für mich ein Abkapselungsprozess. Mich hat genervt, dass viele Bands denselben Sound hatten. Deshalb wollte ich mit „Agape“ bewusst was Neues machen.
Bist du damals der Post-XYZ-Welle hinterhergeschwommen oder sie dir?
Mich hat damals eigentlich mehr Indie und Screamo beeinflusst. Das kam einfach aus mir raus. Das war noch richtig jugendlich, viel im Proberaum oder Studio, kaum in der Schule, dafür Songs schreiben.
Ich bin das noch mal chronologisch durchgegangen, die ganze Phase seit dem frühen Alcest-Hype – die deutsche Wikipedia nennt das jetzt Blackgaze. „.neon“ war bestimmt nicht das erste Album des Genres, aber es hat 2010 perfekt den Sound der Stunde eingefangen, sehr gut konserviert.
„Weniger Gehauche, mehr Pop-Vocals“
Ein Jahr später hieß es dann in der Fachpresse, „Agape“ sei ein Nullpunkt – kein künstlerischer, sondern ein dunkler Tiefpunkt, der nötig war, bevor etwas Neues beginnen konnte. Auch aus damaligen Interviews liest man raus, dass es dir körperlich und mental nicht gut ging. Hatte das Album für dich schon in der Entstehung so ein „So kann es nicht weitergehen“-Gefühl oder kam das erst retrospektiv?
Nein, „Agape“ war einfach, wie ich mich gefühlt habe. Ich habe das nicht als Wendepunkt gesehen, sondern eher als Anspruch, mal musikalisch auszubrechen. Die Sachen sind genau so, wie ich mich persönlich gefühlt habe.
Kurz darauf kam die Trennung von Neige. Ich erinnere mich, dass du damals deine ganze E-Mail an ihn zum Thema auf Facebook gepostet hast.
Haha ja, das kam ziemlich blöd an, aber ich fand es ehrlich. Man hätte auch so ein Bullshit-Statement machen können wie „Trennung aus Freundschaft, künstlerische Differenzen“ und so. Aber ich fand das so rum cool.
War der Hauptgrund für dich, dass ihr damals mit der Live-Besetzung (ohne Neige) zu fünft wart und als Einheit zusammengewachsen seid?
Nein, das hatte weniger damit zu tun. Ich dachte damals, ich könnte da was Bandmäßiges aufbauen, aber die Songs habe ich immer noch zu 95 Prozent allein geschrieben. Vielleicht hat mal jemand eine Lead-Gitarre beigesteuert. Ich bin immer mehr vom Gitarrespielen zum Produzieren gegangen. Meine Magic ist im Studio. Irgendwann konnte ich mir nicht mehr vorstellen, dass Stéphane (Neige) das so liefern kann, wie ich mir das vorgestellt habe.
Die Zusammenarbeit war eher persönlich, wir haben uns früh kennengelernt und über die Musik Kontakt aufgebaut. Das hat sich dann kompositorisch auseinanderentwickelt, und es hätte für mich nicht mehr gepasst, ihm die Songs zu geben und zu sagen: „Mach mal Clean-Vocals.“ Ich wollte mehr Lead-Style-Vocals, weniger dieses Ethereal-Gehauchte, mehr in Richtung Pop-Vocals.
Black-Metal-Screams bedienen ja auch oft nur eine einzige Frequenz, und du wolltest es mehr …
… ambient-mäßig. „Melting Sun“ ist am Ende doch sehr ambient geworden, aber das war eigentlich nicht der Plan. Das war einer der ersten Versuche, Lead-Vocals zu machen.
„Agape“ würdest du gerne neuproduzieren – mit deinen Vocals?
Nein, das passt so. Stéphane und ich, wir haben uns unter diesen ganzen Depressive-Black-Metal-Einfluss kennengelernt, der Vibe ist abgeschlossen. Die Vocals würde ich nicht verändern.
Also nicht, weil es ein sehr intensives Gefühlsalbum ist, sondern weil die Gefühle durch die Vocals von jemand anderem für dich passen?
Genau, das ist alles richtig so.

Wenn du gerade Depressive Black Metal ansprichst: Kannst du konkrete Sachen nennen, die dich beeinflusst haben? „Agape“ klingt ja nicht unbedingt wie eine SHINING-Kopie, aber gibt es da Parallelen?
SHINING, die ersten Sachen sind voll cool. SILENCER höre ich heute noch ab und zu, XASTHUR auch. Außerdem viel Funeral Doom, so was wie ESOTERIC, SKEPTICISM, sowas in der Richtung.
„Agape“ ist für mich eindeutig mehr ein Doom- als ein Black-Metal-Album. Für mich war das besonders, weil es 2011 bis 2013 in der deutschen Post-Black Metal-Szene einfach so viele (Selbst-)Kopien gab. Viele Musiker hatten mehrere Solo-Projekte und spielten in verschiedenen Bands. Statt sich gegenseitig zu wiederholen, hätten sie zusammen was Neues machen können.
Ich wollte das nie negativ bewerten, aber ich habe mich irgendwann einfach nicht mehr zugehörig gefühlt.
Gleichzeitig musstest du zu „Agape“ das Schlagzeugspielen aufgeben.
Ja, ich musste leider aufhören, weil ich ein Überbein am Handgelenk habe.
Saßt du seitdem gar nicht mehr am Schlagzeug?
Nee, das geht gar nicht. Ich will mir das nicht kaputt machen, sonst kann ich nicht mehr Gitarre spielen.
Was war denn schwerer? Den Gesang an Stéphane abzugeben oder dass plötzlich jemand für dich Schlagzeug spielen muss?
Schwerer war das Schlagzeug. Da musste ich viel mehr erklären, weil ich sehr konkrete Vorstellungen hatte, gerade auch auf „Melting Sun“.
Würdest du „Melting Sun“ heute als zweite Seite einer Medaille zu „Agape“ beschreiben? Oder fließt da noch zu viel ineinander?
Das Doomige fing auf „Agape“ an, und deshalb ist „Melting Sun“ für mich eine Weiterführung. Aber es hat eine ganz andere Farbe. Das mit den zwei Seiten einer Medaille habe ich nie so betrachtet, aber man könnte sagen: „Agape“ war eher ein nihilistisches Album. Für mich ging es um einen Planeten, auf dem nichts ist. „Melting Sun“ ist eher saftig, lebendig und kraftvoll.
„Live habe ich mich nicht wohlgefühlt“
Als du damals das Cover gepostet hast, war das schon eine Ansage. Dazu seid ihr auch erstmals auf richtige Releasetour gegangen. Wie wohl hast du dich eigentlich live gefühlt?
Gar nicht. Ich spiele überhaupt nicht gerne live. Also mache ich auch nie wieder. Also vielleicht irgendwann mal, wenn die Sterne richtig stehen, aber gerade nicht.
Was gefällt dir nicht?
Sowohl den Bühnenstress als auch das Unterwegssein und der Kontakt mit Leuten. Also nicht falschverstehen, ich finde es cool, wenn Leute kommen und sich freuen – aber es macht mir auch Angst.
Man bringt halt introvertierte Kunst auf die Bühne, das ist nicht immer frei von Widerspruch.
Vor allem wird man anders behandelt, man ist plötzlich ein „Artist“. Daran habe ich kein Interesse. Die Leute kommen anders auf dich zu, als wenn du sie einfach so kennenlernst. Ich rede heute eigentlich kaum über meine Musik, weil das für mich privat ist. Ich bringe die Sachen raus und finde es mega, wenn Leute sie hören. Aber wenn ich jemanden nicht kenne, ist das ein privates Thema. Diese Rolle zu bedienen, der Typ zu sein, der auf der Bühne steht, sehe ich nicht. Auch wenn’s nicht an Angeboten gemangelt hat. Aber ich konnte nicht authentisch liefern, was die Leute vielleicht wollten.
Gleichzeitig hast du 70.000 Follower, die bei jedem Social-Media-Post hungrig auf Updates warten. Kannst du das ausblenden, wenn du kreativ bist?
Ich denke kaum daran, auch wenn ich dann bei Updates nach Jahren ein klein bisschen schlechtes Gewissen kriege. Aber auch nur kurz.

Lantlos 2026, Photo by Dan Trautwein
Mir sind online „Beste Alben der 2010er“-Listen begegnet, fernab vom Metalgenre, und da kommentieren Leute teilweise wirklich mit „Melting Sun“. Ich glaube, viele Leute würden glauben, dass du mit mehr Bewusstsein für deine Klassiker wie „.neon“ und „Melting Sun“ durch die Gegend läufst.
Ich weiß, dass viele Leute das so sehen, und ich find’s mega, dass das ihnen so viel bedeutet. Ich bin stolz, aber ich will mich davon nicht beeinflussen lassen. Drum bin ich auch froh, nicht zu touren: Wenn du Abend für Abend mit Fans zu tun hast, die Autogramme wollen, spürst du diese Verantwortung viel stärker. Früher war das vielleicht noch anders, aber in den letzten zehn Jahren hat sich das bei mir stark verändert. Du hast ja auch gemerkt, wie lange es gedauert hat, bis ich mich geöffnet habe.
Gab schon schwierigere Fälle, hehe. Aber umso mehr freue ich mich, dass du mich hier empfängst. Und bin natürlich auch froh, dass ich damals schon bei Konzerten war. Es gibt genug Sachen, bei denen man denkt, hätte ich das mal früher gewusst. Noch vor zwei Jahren gab es auf Reddit Kommentare wie „Du hast Linkin Park noch live gesehen?“ Die Zeit rennt halt.
Auf jeden.
„Ich war einfach ein troubled Teenager“
Siehst du in „Melting Sun“, wenn wir Licht und Schatten als zwei Seiten einer Medaille nehmen, noch viel Düsteres?
Eigentlich gar nichts. „Melting Sun“ ist ein Album über Luft, Leichtigkeit, Drugs, Sonne, Honig, alles Filmische. Es hat nichts mit Politik, Krieg oder irgendwas zu tun, eher Fantasy-World, Ethereal-Kram.
Und umgekehrt: Wie viel Licht steckt in „Agape“?
Wenig. „Agape“ war schon dunkel. Für mich war das eine schwierige Zeit. Wenn ich daran denke, war ich einfach ein troubled Teenager, und es war gut, dass ich diese Musik gemacht habe.
Bei „troubled Teenager“ habe ich direkt im Kopf, was Ihsahn von EMPEROR oft sagt: Es fällt ihm schwer zu akzeptieren, dass er mit 17 seine beste Musik gemacht haben soll. Er sagt frech, klar könnte er ein Album im EMPEROR-Stil rausbringen, wenn er wollte, aber er würde es nicht fühlen, und dann wäre es nicht geil.
Technisch wäre das kein Problem. Ich habe sogar „.neon 2“ auf Festplatte.
Bitte was?!
Ich habe das irgendwann auf einem alten Rechner aufgenommen. Sieben oder acht Songs, aber ich habe es nie rausgebracht. Es ist alles nicht ganz fertig, ich habe das irgendwann hinter mir gelassen.
Aus derselben Zeit?
Ja.
Geschrieben oder aufgenommen?
Beides. Demos aus der Zeit, später mit Felix, dem Drummer, eine Drum-Session gemacht und Gitarren und Bass dazu aufgenommen. Aber ob ich das noch habe, weiß ich ehrlich gesagt nicht.
Und dann kam „Agape“ dazwischen?
Das war schon nach „Agape“, da haben wir das quasi re-recorded.
Irre.
Wir dachten, das wäre cool als Fanservice. Heute würde ich wahrscheinlich die Demos veröffentlichen. Vielleicht irgendwann mal zu einem Jubiläum.

Da würden sich wohl viele Leute die Finger nach lecken. Du hast vor vier Jahren das Album „Wildhund“ veröffentlicht. Da gab es immer mal wieder Kommentare wie „Mach doch lieber Black Metal“. Hast du das Gefühl, die Fans nehmen es so, wie es kommt, und wissen, dass sie bei dir authentisch das bekommen, was du gerade fühlst?
Ja, ich glaube schon. Die reinen Black-Metal-Leute sind längst auf der Strecke geblieben. Ich glaube nicht, dass sie nochmal ein Black-Metal-Album erwarten. Bei den anderen finde ich es total cool, dass sie mitgezogen sind. Es sind bestimmt auch ein paar Neue dabei, aber von vielen Namen liest man seit Jahren immer wieder. Die sind immer dabei, freuen sich und schreiben mir, fragen, was bei mir abgeht.
Für mich gibt es auch wenig Schlimmeres als Bands, die ein Back-to-the-Roots-Album ankündigen. Apropos: Wann kommt das nächste LANTLÔS-Album?
Das kommt Anfang 2026 bei Prophecy. Danach schaue ich weiter – ich will eigentlich keine Alben mehr machen. Das dauert mir zu lange.
Das hattest du online schon angeteasert.
Ja, ich könnte viel mehr Songs früher rausbringen, aber so hängt am Ende immer alles am fertigen Produkt, am Artwork, am Label.
Und dann hat man direkt wieder zu viel Distanz dazu, oder?
Genau.
Ulver haben es zuletzt genauso gemacht: Einzelsingles, am Ende daraus ein Album. Ist für mich als Fan auch fein, solange am Ende ein schönes physisches Release steht.
Genau, für die Leute, die Bock haben, das zu kaufen. Ich würde die Releases dann aber eher selbst herstellen, CD-Rs und Covers selbst machen, vielleicht 50 oder 100 Stück, je nach Aufwand. Das stelle ich mir schön vor, so ein Liebhaber-Ding.
100? Denk dran, 70.000 Follower warten. Kein Vinyl?
Ja, aber überleg mal, du kannst auch eine handgebrannte CD-R kaufen. Viel cooler als ein Produkt von der Stange.
Das Interview führte unser ehemaliger Chefredakteur Alex Klug. Das sechste LANTLÔS-Album „Nowhere In Between Forever“ erscheint am 3. April 2026 bei Prophecy Productions – in vielen bunten Varianten.
Galerie mit 20 Bildern: Lantlôs - Alcest, Lantlôs Tour 2015

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| Band | |
|---|---|
| Stile | Electronic, Post-Black Metal, Post-Metal, Shoegaze |
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metal.de Redaktion 






























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