Sol
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Interview

Mit "I Am Infinity" hat das doomig-dänische Einmann-Projekt SOL sich selbst auf eine neue Ebene hieven können, ohne seinen eigenen Stil komplett über den Haufen zu werfen. In Anbetracht des äußerst gelungenen Nachfolgers also Grund genug, bei Mastermind Emil Sol Brahe persönlich nachzuhaken…

SolGrüss dich, Emil. Zunächst einmal möchte ich dir zur Veröffentlichung von “I Am Infinity”, dem Nachfolger des letztjährigen Debüts “Let There Be A Massacre”, gratulieren. Viel Zeit ist zwischen beiden Releases ja nicht verstrichen, gerade in Anbetracht derer hohen Qualität. Ebbt die Kreativität in dir einfach nicht ab oder hast du einfach das permanente Bedürfnis Musik zu schreiben?

Danke. Bevor “Let There Be A Massacre” veröffentlicht wurde hatte ich bereits zwei ganze Alben, “Oblivion” und “Die Bittere Lüge Des Seins”, geschrieben. Da beide Alben nicht die richtige “Durchschlagskraft” hatten, die nach “Let There Be A Massacre” kommen sollte begann ich an “I Am Infinity” zu arbeiten. Und während ich dann darauf wartete, dass “I Am Infinity” veröffentlicht wird, schrieb ich weitere zwei Alben: Da wäre erstens “The Great Plague Imperium”, welches eine Split mit dem dänischen Funeral-Doom-Projekt GRIVF darstellt und zweitens ein Projekt mit dem Arbeitstitel “Europa Death Drones”, eine Split mit TRÚA. Tja, um also deine Frage zu beantworten: Ich muss immer an einem Album arbeiten. Stagnation ist die Wurzel allen Übels.

Das Debüt war von apokalyptischen Visionen geprägt, der Vorstellung, dass alles menschliches Dasein verrotten und für seine Fehler und Schwächen bestraft werden muss. “Let There Be A Massacre”, eine Art neuer Pestwelle sozusagen. Wie kam es dazu, dass du den Doom Metal für deine ideale Ausdrucksweise gewählt hast? Die Themen deiner Musik sind ja quasi eher auf den Black Metal zugeschnitten. Was bedeutet dir der “mächtige Doom”?

Im Jahr 2004 hatte ich ein Projekt namens PEST (ja, sehr origineller Bandname, hehe), welches sich vornehmlich Noise, Dark Ambient und Doom verschrieben hatte. Ich bekam viele gute Resonanzen auf die Doomtracks, also versuchte ich mich zusätzlich an einem reinen Doom Projekt. So wurde eben SOL 2005 geboren. Der Grund warum ich Doom mag und gewählt habe ist, dass es sich nicht um echten Metal, wie wir ihn kennen, handelt. Doom ist wesentlich düsterer, dunkler und atmosphärischer, hat eine eigene Sprache sozusagen. So wie Noise Music und Dark Ambient eben auch. Ich mag die Genre, die fernab der Grenzen von dem was von dir “erwartet wird” oder innerhalb derer du “was machen kannst” funktionieren. Doom ist in seiner Ausdrucksweise sehr jungfräulich…es gibt immer noch Dinge zu entdecken, und genau das mag ich. “Mächtiger Doom”? Hm, früher oder später wird man ihn hoffentlich so nennen, haha. Aber nochmals: Das Universum bewegt sich in eine Richtung, und das lässt sich nicht stoppen. Der Homo Sapiens ist eine Krankheit, die sich gegen sich selbst richtet…und wie die Dinosaurier haben auch wir unsere Ära, die sich augenscheinlich dem Ende neigt. Du kannst für Erlösung beten, du kannst für Verdammnis beten. Das macht einfach keinen Unterschied. Wir werden uns so oder so selbst zerstören, wenn das nicht schon das Universum für uns erledigt.
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Um ehrlich zu sein vermisse ich die gepitchten Vocals auf “I Am Infinity” etwas. Einfach weil mich diese Art der Verzweiflung, die mit dem dämonischen Sound der Stimme mitzuschwingen schien, daran erinnerte einem Fremdling in einer Welt, in der er nicht sein möchte zuzuhören. Was war die Intention dahinter, für ein spiritueller erscheinendes Album wie “I Am Infinity” erdigere Gesangslinien zu benutzen?

Ich habe viel an der Produktion von “Let There Be A Massacre” herumgebastelt, gerade was die Gesangspassagen angeht, und wenn ich es mir heute anhöre gefällt es mir nicht. Also blieb ich beim Produzieren von “I Am Infinity” nahe an der originalen Fassung. Die einzig genutzten Effekte sind ein paar Kompressoren und ein Quäntchen Verzerrung über der Stimme. Der Rest ist die Rohfassung, und das mag ich. Und ja, “I Am Infinity” ist atmosphärischer als der Vorgänger. Es ist ein Konzeptalbum aus der Sichtweise des Größenwahns und der Unendlichkeit heraus, und das wollte ich so roh wie möglich erhalten.

Wenn ich nicht falsch liege ( mir liegen leider keine Texte vor) gibt es auf dem Debüt eine Textzeile, die “It is sickening me…this mud…this decay” lautet. Da scheint trotz mitschwingender Antipathie gegenüber allen Lebensformen auch eine Art Müdigkeit und Überdruss vom permanenten Schmerz den wir in der Gesellschaft erfahren, mitzuschwingen. Schizophren anmutende Gefühlswelt betreffend unserer modernen Welt und derer Ideale?

Die Zeile Lautet “It´s sickening me, this rot, this decay; this filth you call am man!”. “Let There Be A Massacre” handelt von Misantrophie in vielen Hinsichten. Und ja, ich bin ein Misanthrop und ja, ich missachte auch das “Konzept” Mensch. Aber klar, nicht alles lässt sich in Schwarz oder Weiß einteilen. Nur weil du ein Misanthrop bist heißt das nicht, dass du ein suizidgefährdeter, sich selbst verabscheuender Irrer bist, der nicht zu menschlichen Emotionen fähig ist (und Manche haben mich fälschlicherweise genau dafür gehalten). Aber das ist der Plot, richtig. Alles dreht sich darum, den Pfad der Illusionen weiter zu beschreiten, die Welt ist schließlich das was du daraus machst. Wie eine Textzeile aus “I Am Infinity” ausdrückt: What is reality – but a mad mans vision?”

Lass uns zum aktuellen Album kommen. Als ich das erste Mal das Cover, der Mond (?) als Zentrum sozusagen, betrachtete, schossen mir sofort Anti-kosmische Anschauungen in die Gehirnwindungen. Das Album soll wesentlich höher angesiedelte, weit zerstörerische Ideen widerspiegeln, was?

Eigentlich handelt es sich mehr um Sonne denn Mond, hehe. Es ist das Symbol der befleckten Sonne, ein Symbol dafür, dass alles Reine irgendwann besudelt sein wird. Nimm den Wahnsinn als Beispiel: Es gibt wohl kaum etwas reineres als Verrückheit…die Welt ohne Filter betrachten zu können. Die Welt mit Gottes Augen zu erleben sozusagen. Normalität ist ein diktierendes Konzept. Irgendetwas das Irgendjemand einmal hervorgebracht hat um uns zu kontrollieren und zu unterdrücken. Die haben sogar Regeln dafür, was normal und was abnormal ist. Wer entscheidet darüber? Ich jedenfalls habe mich von ihren Konzepten gelöst und sah die Welt wie sie ist. Und diese Vision ist “I Am Infinity”.

Musikalisch hat sich SOL jedenfalls in meinen Augen, weiterentwickelt. Klar, du bist immer noch im Doom zu Hause, andererseits stellt sich das Album wesentlich grooviger und heavier als der Vorgänger heraus. Erinnert mich manchmal an RUNEMAGICK, als Beispiel (was du als Kompliment nehmen kannst, hehe). Natürliche Weiterentwicklung oder bewusst hergerührte Stilentwicklung?

Ich wollte das Album zusammen mit ein paar Freunden von mir, die in mehreren Bands tätig sind, schreiben. Einfach weil ich dachte, ich bräuchte neue musikalische Inputs. Also schrieb ich alle Texte und dachte im Verlauf dessen es wäre gut wenn sie mit etwas brutalerer Musik einhergingen. Also ja, diese Musik hat eine Art Heaviness, die “Let There Be A Massacre” nicht innehatte. Ich mag es nicht ein- und dasselbe zweimal zu tun.

Mir sind ferner auch Black-Metal-Einflüsse auf “I Am Infinity” aufgefallen. Was verbindest du mit dieser Musik?

Eine zeitlang fuhr ich sehr auf Black Metal ab, allerdings bemerkte ich irgendwann, dass mich dieses Genre Zunehmens weniger interessierte. Natürlich höre ich mir immer noch Sachen von BURZUM, MAYHEM, DARKTHRONE und SATYRICON (der alte Kram) an, aber das war’s dann auch schon. Ich bin allgemein gar nicht mehr so im Metal beheimatet, momentan höre ich mir mehr Death Industrial, Noise, Dark Ambient und Avantgardistischere Musik an. Aber weißt du, vielleicht fange ich irgendwann wieder an Metal zu hören. Ich habe mir erst letztens wieder einmal PANTERAs “The Great Southern Trendkill” angehört, und es hat mich total umgeblasen. Der Punkt ist: Ich glaube nicht, dass Metal brutal genug ist für mich. Wenn du dir, was weiß ich, zum Beispiel CANNIBAL CORPSE oder sowas anhörst, ist das großartige Musik. Trotzdem ist es im eigentlichen Sinne nicht brutal genug. Deshalb habe ich angefangen raue, japanische Musik wie MERZBOW oder Industrial Noise der deutschen INSTITUTION D.O.L. anzuhören. Das ist verdammt brutal, rohe Kraft, Mann! Im Metal geht’s doch heute nur noch darum schnell zu spielen oder technisch versierter zu werden. Und das ist auch gut so, aber auf irgendeine Weise bin ich davon trotzdem gelangweilt. Das ist auch der Punkt wieso ich die neuen DARKTHRONE-Sachen so mag, es ist einfach Punk Metal der alten Schule und versucht auch gar nicht etwas anderes zu sein. Aber gut, das ist ja alles nur eine Schilderung meiner Meinung. Für mich geht’s im Metal eben um Brutalität. Und wenn es nicht derbe ist, hat es sein Ziel verfehlt, denke ich. Aber wer sagt dir schon was wahr ist und was nicht. Für SOL gilt jedenfalls nach wie vor die Suche nach der Brutalität und irgendwann finde ich diese auch für mich hoffentlich. Ich würde gerne ein Album machen, das so brutal wie “The Great Southern Trendkill”, MERZBOWs “Venereology” und INSTITUTION D.O.Ls “Diskotheka Dekadenza” zusammen ist. Dann wäre ich ziemlich glücklich…

Gerade der Titelsong trägt den Eindruck, dass du eine Art höheren Level deiner Ausdrucksweise erreicht hast (“I am the moon…I am the sun”). Wollte du die apokalyptische Aura SOLs bewusst in die Richtung “Zerstöre den Kosmos und baue ihn neu auf” lenken? Inwieweit gilt derlei Gedankengut für SOL als musikalische Institution?

Hm, das ist mehr eine Metapher. Fragmente von Gedanken und Visionen, ein abstraktes Journal das in den Geist geschrieben worden ist sozusagen. Und so funktioniert auch SOL, mehr gibt’s darüber gar nicht zu berichten eigentlich.

Mit dem eröffnenden “Cosmos Reshaping” und dem ausklingenden “Cosmos Reborn” hast du zwei lange Tracks auf das Album gepackt, die am ehesten dem Dark Ambient zuzuschreiben sind. Beide Titel passen übrigens in meine Interpretation der Platte: Während der Opener verzerrt, widerlich und verstörend wirkt erscheint “Cosmos Reborn” nahezu ausgeglichen. Welche Rolle spielen beide Tracks in Hinblick aufs Albumkonzept? Hast du beide Klangcollagen selbst entwickelt?

Der Opener ist ein Mix dreier Songs eines sehr alten SOL Albums namens “Vanvid” (was dem dänischen Wort für Wahnsinn entspricht). Das waren meine ersten Gehversuche im Dark Ambient / Noise Bereich sozusagen. Ich hörte viel MZ 412s “Infernal Affairs” zu dieser Zeit und ließ mich sehr davon inspirieren. Aber wie es bei mir eben häufiger vorkommt mochte ich das Album als Ganzes nicht. Nichtsdestotrotz wollte ich diese guten Tracks auf jeden Fall veröffentlichen und so packte ich einige Parts von ihnen in “Cosmos Reshaping” und fügte neues Material ans Ende hinzu, um mehr Brutalität erzeugen zu können. Für “Cosmos Reborn” gilt jedoch, dass ich selbst keinerlei Hand daran gelegt habe. Ich habe TRÚA um ein paar Chöre erleichtert und bat Per Poulsen mir ein paar Ambient Noise Sachen aufzunehmen. Beide Ergebnisse habe ich dann im Prinzip nur noch zusammengemixt. “Cosmos Reshaping” ist das Symbol für das erschütterte Universum, die Trümmer der menschlichen Zivilisation. Aus diesen Trümmern entwächst allerdings eine neue Sonne, und auch neues Leben beginnt zu wachsen. Tja, und “Cosmos Reborn” stellt den Punkt dar, an dem sich die Kreation wieder zersetzt und zum Ende kommt, kollabiert und somit wieder Raum für eine neue Sonne schafft. Das ist der Kreis des Lebens, jemand darf leben und jemand anderes muss dafür sterben. Aber es geht nicht nur darum, es ist hier irgendwo auch eine Metapher für die psychische Entwicklung. Unterschätze niemals die Kräfte des Verstandes!

SOL stand schon immer für eine Ein-Mann-Band. Du spielst alle Instrumente selber ein und verzichtest auch auf grottige Drumcomputerspuren. Idealistische Vorgehensweise wenn ich das so sagen darf. Könntest du dir vorstellen eine oder mehrere Personen in Zukunft dennoch in SOL zu integrieren, oder ist dir das Ganze einfach zu persönlich ?

Ich habe ja bereits gesagt, dass ich für das Songwriting von “I Am Infinity” Hilfe verschiedener Menschen angefordert habe. Vorstellen, aus SOL eine richtige Band zu machen könnte ich mir allerdings nicht. Vielleicht vorübergehend, wenn ich mich entschließen würde auf Tour zu gehen, aber warten wir erstmal ab was so passiert…
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Du bist ja auch dafür bekannt genrefremde Instrumente wie Klarinetten, Akkordeon usw. in deiner Musik zu verwenden. Besonders der letzte Song auf “Let There Be A Massacre”, ein Instrumentalstück welches von einem Akkordeon und bizarr wirkenden Pauken begleitet wird, zaubert eine kranke Atmosphäre in meine vier Wände. Wie kamst du gerade auf diese Instrumentation? Welche Rolle spielt sie für SOL?

Wie ich vorher erwähnte halte ich das Doom-Genre für weiter erschließbar, also versuche ich einfach meine Auffassung von dem was Doom ist auf ein neues Level zu hieven. Ich weiß allerdings nicht, inwieweit mit das gelingt, das müssen andere beurteilen. Solange SOL existiert werde ich allerdings versuchen die Grenzen weiter zu pushen. Was die Instrumente angeht: Ich verwende das, was ich finde, spielen kann, sich gut für den Song anhört und arbeite daran. Das passiert einfach intuitiv, weißt du.

Dein Label, Ván Records, ist dafür bekannt eins der idealistischsten seiner Zunft zu sein. Bist du Zufrieden mit der Arbeit von Sveinn und wieso hast du dich damals dazu entschlossen, dort zu unterschreiben?

Ich habe einen sehr guten Kontakt zu Sveinn und dem Ván. Wir schreiben uns nahezu jede Woche, und das genieße ich. Ich glaube es ist wichtig einen guten Kontakt zum Label zu haben, und deshalb bin ich was Ván angeht auch sehr glücklich. Ich habe ursprünglich bei einem dänischen Label namens “Serpents Of Salvation” unterschrieben, wo ich 2006 das Album “Europa” veröffentlichen wollte. Nachdem sie allerdings bereits ein GRIVF-Album herausgebracht hatten, konnte man sich nicht mehr leisten, SOL zu veröffentlichen. Also gaben sie mein Material weiter an den Ván und tja, seitdem bin ich dort.

So, dann wären wir soweit durch. Gibt es irgendwelche erwähnenswerte Zukunftspläne betreffend SOL? Letzte Worte?

Du kannst die Split mit GRIVF, “The Great Plague Imperium”, erwarten, welche, glaube ich, über Det Germanske Folket veröffentlicht werden wird, wo GRIVF auch beheimatet ist. Ferner steht “Europa Death Drones” (Arbeitstitel) irgendwann, wenn es fertig ist, an. Ich rede momentan mit Sveinn über eine Veröffentlichung und denke schon, dass sich das realisieren lässt. Es steht eigentlich nur der Zeitpunkt im Raum. Zu guter letzt könnt ihr eine Art “Musikvideo” SOLs erwarten, an dem ich zusammen mit Johan Oettinger arbeite, wenn Zeit dafür ist. Und tja, natürlich arbeite ich an meinem nächsten Solo-Album aber darüber kann ich dir noch nicht viel berichten. Für mehr Neuigkeiten kann man meine Webseite www.solarmassacre.dk besuchen. Danke für das Interesse an SOL!

09.11.2008

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