XIV Dark Centuries
Heidnischer Metal im Bordrestaurant

Interview

XIV DARK CENTURIES, Veteranen des deutschen Pagan Metals, sind nach Jahren der Funkstille zurück mit dem neuen Album „Waldvolk“. Ein guter Grund für ein Interview. Wir konnten ausführlich mit Sänger Michel sprechen.

Zwischen „Waldvolk“ und eurem letzten Album liegen beinahe zehn Jahre. Wie fühlte es sich an, an neuen Songs zu arbeiten, wann sind diese entstanden und habt ihr jetzt wieder Blut geleckt?

Seit 2011 ist schon so einiges passiert. Unsere persönlichen Verhältnisse haben sich komplett geändert. Von den saufenden, rauchenden Partylöwen zu den braven Familienvätern hin. (lacht) Immerhin sind in dieser Zeit auch einige Kinder aus den Beziehungen unserer Bandmitglieder hervorgegangen. Dass dadurch natürlich weniger Zeit für die Musik blieb, ist ja klar. Mittlerweile sind die meisten der Kinder aus dem Gröbsten raus, und es bleibt wieder etwas mehr Zeit für die Musik übrig. Komponiert wurde in der Zwischenzeit schon auch weiter, aber es blieb wenig Zeit zum Proben und schon gar nicht für die Aufnahmen. Desweiteren hatte sich Ende 2016 noch einmal die Besetzung der Band geändert. Wir trennten uns von unseren bis dato involvierten Gitarristen, und Ende 2017 stieg auch noch unser langjähriger Schlagzeuger aus. So etwas muss man natürlich erst einmal kompensieren. Für uns verging die Zeit daher eher langsamer…

„Waldvolk“ ist unser neues Album, welches nun mit aktueller Besetzung eingespielt wurde. Wir proben ja erst seit Anfang 2017 wieder zusammen. Die ersten Aufnahmen fanden ca. im April 2018 statt, und die grobe Planung sah auch vor, dass wir das Album vielleicht schon Ende 2018 auf den Markt bringen können, zu unserem 20-jährigen Jubiläum. Durch vielerlei Probleme konnte das Album aber erst im Frühjahr/Sommer 2019 gemixt werden. Es ist eben nicht möglich, eine ganze Woche an einem Album zu arbeiten, weil es ziemlich schwierig ist, die Leute, die dafür notwendig sind, terminlich unter einen Hut zu bekommen.

Das Arbeiten an neuen Liedern macht nach wie vor riesigen Spaß, auch wenn es eben gefühlt zehnmal so lange dauert wie früher. Drei der Lieder sind ja schon älter und nur neu arrangiert und neu aufgenommen, drei Lieder sind aus der Ära von 2010-2013, aber nun komplett neu arrangiert und verfeinert, und drei Lieder sind sehr aktuell, also aus 2017 bis 2018… eine gute Mischung, wie wir finden. Natürlich haben wir auch wieder Blut geleckt, da wir gemerkt haben, dass auch so eine altgediente Band wie wir noch nicht vergessen ist…

Wie kam es, dass ihr für das neue Album alte Stück erneut aufgenommen habt? Reine Nostalgie oder doch mehr?

Die drei alten Stücke sind sozusagen ewige Favoriten von uns selbst und auch von treuen Fans. Da wir sie fast immer live spielen bzw. sie auch live immer gefordert werden, dachten wir uns, hey… lass sie uns doch auch in der aktuellen Version nochmal aufnehmen. Mittlerweile spielen wir ja auch mit etwas heruntergestimmten Gitarren, was den Liedern nochmal etwas mehr Bums verleiht. Dann kam bei einigen Liedern noch die Idee mit der Geige hinzu und so finden wir, dass die Lieder schon etwas anders klingen als früher, aber natürlich auch von der Produktion her mehr Schub entwickeln als auf den früheren Aufnahmen. Eventuell machen wir das auch noch einmal mit ein, zwei weiteren Liedern von alten Alben.

Welches sind die wesentlichen inhaltlichen Themen eures neuen Albums? Steht jedes Stück für sich oder gibt es einen übergreifenden Kontext?

„Waldvolk“ ist eine Hommage an unsere Vorfahren, die seit vielen Generationen in unserem schönen Thüringer Wald leben. Es ist auch ein Schritt weg von dem markanten heidnischen Thema der Götter, der Schlachten, der Edda, ohne es jedoch aus den Augen zu verlieren. In diesem Sinne gibt es kein zentrales Thema wie damals auf „Skithingi„.

Hauptsächlich beschäftigen wir uns natürlich mit den Germanen. Die Germanen sind nun mal unsere Vorfahren. Wir leben auf dem Gebiet, auf dem früher die Germanenstämme lebten. Daher fühlen wir uns der alten Zeit nach wie vor sehr verbunden. Die Moderne ist einfach zu chaotisch und zu oberflächlich für uns. Da wir uns auch experimental-archäologisch und im Rahmen von Reenactment engagiert haben, gehen die Erkenntnisse deutlich über das Standardgeschichtswissen hinaus. Um hier keinen Roman draus zu machen: handwerklich, gesellschaftlich, kulturell sind die Germanen bzw. die Völker, die im Sammelbegriff Germanen vereint werden, „der“ Meilenstein in unserer Vorfahrengeschichte. Leider wird dies aus religiösen und den bekannten politischen und kurzzeitgeschichtlichen Ereignissen verleugnet, was falsch ist.

Michel, entschuldige bitte das Einhaken an dieser Stelle, aber was genau meinst du damit?

Es geht nur darum, dass eben viele zum Teil alte Rituale, Feiern und Weiteres, die die Germanen noch zelebrierten, heute oft als Negatives, zum Teil auch Rechtes, Ewiggestriges abgetan werden. Wer beispielsweise heute bei der Sonnenwende alte Bräuche pflegt oder auch bestimmte Eigenschaften bei den Menschen schätzt und hervorhebt, wie Treue und Loyalität, wird leider oft mit den Nazis in einen Topf gesteckt.

Andererseits, wie auch schon immer bei uns, sind ein Teil der Texte der Naturmystik gewidmet, wie beispielsweise bei „Atme den Wald“. Ich finde einfach, dass wir einen Bogen schlagen, der die alte Zeit als Grundlage nimmt und die wichtigsten oder guten Dinge davon hinüberbringt in unsere jetzige Zeit. Das soll so ähnlich auch das Cover unserer CD zeigen. Das wir die Christianisierung absolut nicht gut finden, sollte längst bekannt sein. Wir finden, dass es nicht immer gut ist, sich loyal gegenüber allem und jedem zu zeigen. Den heidnischen Völkern wurde dies damals leider auch zum Verhängnis.

2017 ist euer langjähriger Schlagzeuger und Gründungsmitglied Rüd ausgestiegen. Wie kam es dazu und wie habt ihr Manu kennengelernt?

Nun ja, wir sind leider alle keine 18 mehr. (lacht) Aus den vielen schon oben genannten zeitlichen Gründen wegen Familie, Kinder, Vollzeitlob und bei Rüd auch noch ein Umzug wurde es für ihn zeitlich immer schwerer, zu den Proben zu erscheinen. Nach dem Wiedereinstieg von Tobalt und Uwe mussten wir die zwei aber wieder auf den aktuellen Stand bringen, wir wollten uns auch technisch weiter verbessern und so wären sogar mehr Proben als früher nötig geworden. Das war für ihn einfach nicht mehr machbar. Auch die anderen Bandmitglieder wohnen alle mittlerweile woanders, und wegen Jobs sind manchmal auch kurzfristige Absprachen notwendig. Ich denke, die meisten „Hobbymusiker“ wissen, wovon ich rede. Immer steht das Ernähren der Familie an erster Stelle, und wenn man nicht sein Geld mit der Musik verdient, wird der Vollzeitjob meist unumgänglich.

Rüd selbst startete damals über Facebook einen Aufruf an Interessierte, sich zu melden. Ein paar Leute meldeten sich. Denen schickten wir ein paar Songs zum Üben bzw. um überhaupt erstmal zu sehen, wohin die Reise gehen soll. Da blieben nur zwei Leute übrig. Manu zeigte sich sofort sehr engagiert, bot uns eine gemeinsame Probe an, probte drei bis vier Lieder ein, und wir spielten an einem Wochenende einfach zusammen. Es hat gepasst, auch menschlich, was uns natürlich ebenfalls sehr wichtig war. Wir trafen uns dann noch zu einer zweiten Probe, und ab da war er fest dabei und wir haben es absolut nicht bereut!

Ihr seid zweifelsohne Veteranen der deutschen Pagan-Metal-Szene. Was denkt ihr über den aktuellen Status der Szene? Habt ihr vom zwischenzeitlichen Hype rund um 2005/2006 profitiert bzw. was habt ihr als Band davon mitbekommen?

Sicher haben wir vom Hype Anfang der 2000er auch etwas profitiert, immerhin kamen damals unsere CDs „…den Ahnen zum Gruße“ und die „Jul“ heraus. Wir hatten viel Zuspruch und wunderschöne Wochenenden mit Konzerten und Partys. Da wir die Musik auch damals schon als Hobby sahen und auch schon älter waren als der Durchschnitt der Pagan und Black-Metal-Bands, war für uns auch da schon klar, dass wir keine Profikarriere einschlagen wollten. So fuhren wir wohl bildlich ne Weile auf dem Zug mit, waren aber nie Lokführer, sondern drückten uns in der zweiten Klasse und dem Bordrestaurant herum. (lacht)

Mittlerweile hat sich die Szene selbst etwas bereinigt. Stile wie Black Metal und auch Technischer Death Metal und Power Metal sind derzeit gerade die „großen“ Dinger. Aber das ist uns relativ egal. Das ist eben der Vorteil, wenn man nicht von der Musik leben muss bzw. sich nicht den derzeitig angesagten Trends unterwerfen muss, wie viele andere Bands. Wir machen uns Ding – wie früher auch schon.

Galerie mit 8 Bildern: XIV Dark Centuries - Ragnarök 2012

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Quelle: Interview mit Michel, Februar 2020
27.02.2020

Stellv. Chefredakteur

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