Cthulhu - Hexagon der Alten

Review

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„Hexagon der Alten“ ist eine Anthologie, die sechs Szenarien für das Horror-Rollenspiel CTHULHU beinhaltet. Alle diese Geschichten spielen im Frankreich der 1920er und lassen sich zu einer locker zusammenhängenden Kampagne verknüpfen. Das kosmische Grauen zeigt sich dabei auf ganz unterschiedliche Weisen und in vielfältigen Gestalten.

Das Erbe von Verdun

Die Folgen des Ersten Weltkriegs werden in CTHULHU häufig angeschnitten, aber nur selten ins Zentrum eines Szenarios gestellt. „Der Hüter der östlichen Pforte“ beschäftigt sich hingegen explizit mit Kriegstraumata und Trauerarbeit. Auf der Suche nach einem noch immer vermissten Soldaten müssen sich die Spielfiguren nicht nur übernatürlichen Schrecken, sondern auch dem Horror des Krieges auseinandersetzen.

Dabei ist es Autor Nils Gildhoff gelungen, ein Szenario zu entwerfen, in dem unter der teils brachialen Kriegsgewalt und zwischen actiongeladenen Sequenzen immer auch eine gewisse Melancholie durchschimmert. Der Weg zur Erlösung ist mit Opfern und bedrückenden Szenen verbunden, was das Szenario zu einem emotional schwerem Brocken werden lässt, dessen intim erzählte Handlung aber viele Denkanstöße liefert.

Gefälschte Funde

„Glozel ist authentisch“ von Stephen Rawling bewegt sich mit verhängnisvollen Ausgrabungen, den Geheimnissen des Templerordens und undurchsichtigen Dorfmenschen auf klassischem Mysterienterrain. Wer sich ein bisschen mit Archäologie beschäftigt, dürfte in den Punkten Raubkunst, Fälschungen und Korruption einige Probleme der Forschung wiedererkennen.

Doch hinter all den irdischen Intrigen lauert natürlich ein uralter Schrecken. Dass sich dieser nach langwierigen Ermittlungen abrupt zu Erkennen gibt und etwas lieblos abgehandelt wird, ist das einzige Manko dieses ansonsten atmosphärisch dichten Szenarios. Dies mag dem Erscheinungsdatum geschuldet sein, denn ursprünglich erschien das Abenteuer im Jahr 1984, als viele CTHULHU-Szenarien noch nach diesem Schema verliefen.

Schreckliche Provence

Französische Kultur kann man vor allem in „Die Farben der Provence“ genießen. In diesem Szenario von Nike Strobel und Phoebe Dürrbächler wird eine beschauliche Sightseeing-Tour, in der sich zunächst nur undurchsichtige Gefahren andeuten, im letzten Viertel zu einem knallharten Überlebenskampf.

Auch das geschieht etwas abrupt, allerdings ist das Szenario sehr linear gestaltet und läuft dramaturgisch eindeutig auf diesen Punkt zu. Fantastische Kreaturen und Landschaften verliehen dem Abenteuer zudem eine spektakuläre Note, die man in gediegenen CTHULHU-Abenteuern ansonsten nicht so häufig findet.

Die Rückkehr des Königs

Nils Gildhoff hat mit „Ein König ohne Reich“ ein weiteres Szenario zu „Hexagon der Alten“ beigesteuert. Eine mysteriöse Mordserie plagt die Ferieninsel Cannes. Die Ermittlungen führen in die Historie Frankreichs und offenbaren Verbindungen zum adligen Erbe des Landes.

Dadurch erhält der konventionelle Ermittlungs-Plot eine ganze Menge mehr Flair. Denn hierbei geht es um ein historisches Motiv, das bis heute Verschwörungserzählungen befeuert, an dieser Stelle aber nicht gespoilert werden soll.

Früchte des Meeres

„Nasskalte Hors d’euvres“ ist ein kulinarischer Thriller, in dem ein kosmischer Schrecken subtil wirkt und bald auch nach den Spielfiguren greift. Hinter einigen stilvoll servierten Meeresfrüchten lauert eine fremdartige Gefahr, die so schwer zu greifen ist, wie der eingeölte Inhalt einer Auster.

Neben diesem hintergründigen Plot beschäftigt Autor Dominic Hladek die Spielrunde mit einer eher konventionellen Mordermittlung, die aber bald auf die Spur des verborgenen Schreckens führt. Das Finale des Szenarios ist dabei bewusst offen gestaltet und hält die Möglichkeit parat, dass die Spielfiguren ganz oder teilweise scheitern, ohne Leben und Verstand zu verlieren.

Schatten über Paris

Ebenfalls von Dominic Hladek stammt „Türen des Teufels“, das die Grenzen zwischen genialer Kunst und vollkommenem Wahnsinn verschwimmen lässt. Das sechste Szenario in „Hexagon der Alten“ findet größtenteils in bizarrer Umgebung statt und stellt, falls der Band als Kampagne gespielt wird, ein würdiges wie tödliches Finale dar.

Inmitten undurchsichtiger Gefahren müssen Rätsel gelöst, Hinweise gesammelt und unmenschliche Gegner abgewehrt werden. Hier kann die Reise der Charaktere schnell ein abruptes, wie auch unbefriedigendes Ende finden. Die Möglichkeit des ultimativen Scheiterns mag diesem Szenario aber auch einen ganzen besonderen Reiz verleihen.

Das Hexagon der Alten

„Hexagon der Alten“ ist eine sehr gut gelungene Anthologie, in der jedes Abenteuer zumindest grundsolide ist. Sie alle sind gut gestaltet und übersichtlich aufgearbeitet, sodass sie mit wenig Vorbereitungszeit gespielt werden können.

Vor allem überzeugt der Band aber mit der Möglichkeit, die Szenarien zu einer längeren Kampagne zu verknüpfen. Dabei können zudem persönliche Motivationen der Spielfiguren für ihre Reise durch Frankreich festgelegt werden oder sich mit der Zeit entwickeln, wodurch die Geschichte umso spannender wird.

Ebenso erfreulich ist, dass darauf verzichtet wurde, unser Nachbarland durch abgenudelte Klischees darzustellen. Zwar gibt es natürlich einige Verweise auf kulturelle Eigenschaften, auf Kunst, Landschaft und Küche, aber so fremdartig die Europäer in manchen Lovecraft-Geschichten sind, werden die französischen Menschen in diesem Band zum Glück nicht dargestellt.

Sechseckiges Frankreich

Wer also ein Faible für Frankreich und kosmischen Horror hat, kommt um diesen Band nicht herum. Zwar wiederholen sich in den sechs Szenarien einige Elemente typischen Kleinstadt-Flairs, wie verschrobene Einheimische und lokale, lange verborgene Mysterien, aber vor allem dann, wenn mit dieser Idylle gebrochen wird und sich das Grauen blitzartig ausbreitet, kann Horror-Rollenspiel vom feinsten stattfinden.

Der Soundtrack für kosmischen Schrecken in Frankreich: HERZEL – Le Dernier Rempant / ALCEST – Spiritual Instinct / TENTATION – Le Berceau Des Dieux

Würfeln und blättern, statt lauschen und headbangen – In der Rubrik „Dice ‚em All“ stellen wir euch ausnahmsweise keine Musik vor, sondern Rollen- und Brettspiele.

03.01.2023

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