
Nach einem Exkurs in die Alchemie entführen uns IATT ins Reich der Träume. Auf „Etheric Realms Of The Night“ erforschen die amerikanischen Progressive Black Metaller die menschliche Wahrnehmung und die Windungen des Unterbewusstseins im Schlafzustand. Doch keine Angst, zum wegnicken ist der vierte Langspieler der Truppe aus Philadelphia deswegen noch lange nicht.
IATT fahren ihren ganz eigenen Film
Nicht nur folgen IATT auf dem vorliegenden Konzeptalbum einer durchgängigen Geschichte, die sie zusätzlich visuell mit einer Reihe von Videos als zusammenhängenden Film inszeniert haben, auch musikalisch bleibt es spannend. Im direkten Vergleich zum Vorgänger bleibt sich die Band zwar treu, im Falle von IATT bedeutet das aber vor allem ein Bekenntnis zu stilistischer Offenheit und Experimentierfreude, die hier auf Anschlag gedreht wird. Der Black-Metal-Begriff will also erneut weit und mit Attributen wie „Post“, „Progressive“ und „Avantgarde“ versehen ausgelegt werden.
„Drift Away“ steigt mit Flöten, Akustikgitarre und Vogelgezwitscher vielleicht sogar etwas zu idyllisch ein, dieses Intro soll aber nur die Ruhe vor dem Sturm darstellen. Selbiger schwillt nämlich nach einem kurzen Spoken-Word-Part in einem Crescendo aus Tremolo, Blastbeats und den giftigen Screams von Jay Briscoe an, der diese mit sehnsüchtigem, tiefem Klargesang variiert. Unterbrochen wird das Ganze von einem lässig groovenden und erneut von Flöten begleiteten Zwischenspiel, bevor zum Finale wieder schwarzmetallische Wucht das Szepter übernimmt.
Nicht nur die Flöte ist allgegenwärtig, auch die wunderschön gespielte Violine hat hier wie auch im weiteren Verlauf des Albums wieder eine prominente Rolle inne und weckt erneut Assoziationen zu den australischen Wunderknaben von NE OBLIVISCARIS und gelegentlich auch zu PANOPTICON. Allerdings sind IATT noch etwas progressiv verspielter und zudem auf ihrem ganz eigenen Trip unterwegs, wie sich beim folgenden „To Lie Beneath“ zeigt. Hier überschlägt sich die Kreativität der Amis in einem schwarzbunten Potpourri aus dramatischem Broadway-Soundtrack, Jazz-Trompeten, irrer Polyrhythmik und schwarzmetallischen Aggressions-Ausbrüchen. Das filmische Konzept des Albums wird hier überdeutlich.
Der Stilmix ist bisweilen wild, funktioniert aber
„Somniphobia“ geht es da im Vergleich etwas gradliniger an, wenngleich auch hier zwischen schweren Riffs und bedrohlicher Streicheruntermalung ordentlich gefrickelt wird und Spoken-Word-Parts für dichte Atmosphäre sorgen. Dass IATT Jazzer im Herzen sind, beweist auch „Pavor Nocturnus“, denn zwischen stockfinsterem Post-Black Metal und düsteren Chorälen packen die Herren plötzlich einen feschen Klavierpart aus, der mal wieder kurzzeitig von einem dunklen Kathedralen-Gemäuer in ein Speakeasy der 1930er entführt. Und auch sonst tanzen bei dem Stück gerne mal die Rhythmen aus der Reihe und sorgen dafür, dass es nicht langweilig wird.
„Quietus“ wiederum kann neben den vielen bereits zur Schau gestellten Stilmitteln auch mit einer leichten Thrash-Kante aufwarten, während bei „Walk Amongst“ das symphonisch-schwarzmetallische Fundament durch prominente Saxofon-Begleitung mit verrauchter Film-Noir-Stimmung unterfüttert wird. Zum instrumental gehaltenen „Hypnos“ laufen dann schließlich die Credits zu einem Album, das sich tatsächlich wie die Begleitung zu einem ziemlich abgefahrenen Film anfühlt.
„Etheric Realms Of The Night“ ist ein dramatisches Soundtrack-Erlebnis
IATT schaffen es auf beeindruckende Weise, modernen Black Metal und schwindelerregende Prog-Abfahrten mit Elementen aus Folk, Klassik und Jazz in einen Topf zu werfen, ohne dass das Ergebnis dabei zu überladen oder zerfahren wirkt. Stattdessen verschmelzen die Herren die verschiedenen Stilmittel zu einem wendungsreichen Soundtrack-Erlebnis, bei dem nichtsdestotrotz der Song im Mittelpunkt steht und welches tatsächlich gespannt auf die visuelle Umsetzung macht.
Diese konnte leider zur Rezension noch nicht gesichtet werden, auch so ist „Etheric Realms Of The Night“ aber ein absolutes Fest fürs aufgeschlossene Extreme-Metal-Publikum und abenteuerlustige Soundtrack-Fans gleichermaßen. Den starken Vorgänger können IATT dabei in Sachen Ambitionen, Vielseitigkeit und kompositorischer Klasse problemlos toppen, jedoch benötigt „Etheric Realms Of The Night“ ob der Vielzahl an Einflüssen ein wenig mehr Einarbeitungszeit, damit sich alle Details erschließen.

Iatt - Etheric Realms of the Night
Hans Völkel





























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