Massen - ContrAesthetic

Review

Der baltische Staat Weißrussland (Belarus) ist vielen spätestens seit den zahlreichen friedlichen Demonstrationen gegen Machthaber Lukaschenko bekannt, welche dort schon seit Frühjahr 2020 andauern. In diesem Zusammenhang geriet das Land medial auch 2021 in die Boulevard-Schlagzeilen, da die pro-belarussische Pop-Gruppe GALASY ZMESTA vom Eurovision Songcontest ausgeschlossen wurde, weil ihr Beitrag die friedlichen Demonstrationen verhöhnen würde.

Die Voraussetzungen dafür, dass es in diesem seit über 30 Jahren diktatorisch regierten Land auch feinen Metal geben könnte, scheinen daher offensichtlich gering zu sein. Doch das Gegenteil ist der Fall. Anders als in so manchen anderen Diktaturen, haben nichtstaatliche Künstler per se kein generelles Auftrittsverbot. Daher formierte sich seit dem Beginn der Demonstrationen eine neue musikalische Bewegung in Belarus, die offen Stimmung gegen Lukaschenko macht. Dabei spielen die Künstler bewusst alte Heimatlieder aus der Zeit vor Lukaschenko.

MASSEN üben Protest

Auch die 2004 in der Hauptstadt Minsk gegründete Band MASSEN hat sich der Protestbewegung angeschlossen. So schrieben sie im August 2020 über Facebook: „We would like to express our support to all our belarussian brothers! Let the last bird of hope keep you strong! STOP THE VIOLENCE.“ Und verlinkten dabei ihren 2018 erschienenen Song „The Last Bird of Hope“.

Der ursprüngliche Name der Band kann ebenfalls als Form des Protestes gegen staatliche Unterdrückung gehandelt werden. So hieß die Band ursprünglich MASSENHINRICHTUNG und hat unter diesem Namen zwei Alben veröffentlicht.

Frischer Wind aus Belarus

Im Zuge der Veröffentlichung ihres neuen Albums „ContrAesthetic“ unter der Aufsicht von Apostasy Records erfolgte die Umbenennung in MASSEN. Aus welchen Gründen genau dies geschah, bleibt unklar. Aber vermarktungsrechtliche Gründe für den deutschsprachigen Raum könnten hier schon durchaus eine Rolle gespielt haben (vermutlich dachte sich jemand, dass das Wort Massenhinrichtung hier nicht besonders gut ankommt). Mit neuem Namen und neuem Label möchten MASSEN nun auch jenseits der weißrussischen Grenzen Bekanntheit erlangen.

Zur Unterstützung wurde der Cover-Artwork-Künstler Costin Chioreanu engagiert, der auch schon Albumcover für ARCH ENEMY und AT THE GATES designet hat. Auch das an sozialistische Propagandabilder erinnernde Artwork von „ContrAesthetic“ macht zum einen ihre Bereitschaft zum Aufbruch, aber auch ihren Wilen zum Protest gegen die eigene Regierung deutlich. Ein nach Osten (Belarus?) schauender Mensch hält eine zum Kampf bereite Faust vor der Brust und richtet seinen Blick dabei auf einen weißen Vogel. Mehr Raum für Interpretationen braucht es da nicht.

Gegen die Masse

Auch die Musik von MASSEN kann als frischer Wind für unsere westliche Metal-Szene angesehen werden. Denn MASSEN spielen eine sehr bunte Mischung aus Blackened Death, Avantgarde und Folk Metal. Die Texte sind dabei ausschließlich auf Weißrussisch verfasst. Über den Inhalt der einzelnen Songs kann daher aufgrund fehlender Übersetzungen nichts gesagt werden. Neben den typischen Instrumenten kommt bei MASSEN auch die Violine zum Einsatz.

Dadurch wird schon im Intro „The Depth“ eine gewisse Stimmung erzeugt, die anderswo so nur von NE OBLIVISCARIS bekannt ist. Doch der Vergleich hinkt schnell. Denn bei „Cold Clouds“ wird nicht gekleckert, sondern geklotzt wie ein sowjetischer Stahlarbeiter. Hier paaren sich reiner Black Metal mit sowjetischen Volksmelodien und erzeugen dadurch eine wirklich einnehmende Mischung. Ein bisschen wie (die russischen) ARKONA auf Speed.

Rauer männlicher Gesang wird hier mit klarem Frauengesang im perfekten Einklang gemischt. Die Texte müssen gar nicht verstanden werden, um die Wut der neuen Generation an jungen belarussischen Menschen angesichts lebenslanger Unterdrückung nachvollziehen zu können.

Auf „A Step To Silence“ legen sie noch eine Schippe an Härte und Schroffheit zu. Die Folk-Elemente werden hier anfangs runtergeschraubt, um mehr Raum für Aggression zu lassen. Erst in der zweiten Hälfte lockern progressive Elemente die Stimmung etwas auf, ohne dass der Song an Intensität verliert.

Das folgende „By Water To The Sun“ ist im Kontrast dazu größtenteils akustisch gehalten und vor allem von Violinistin Karalina Nasko eingesungen. Als wäre der Name Programm fahren MASSEN auf „Flock Of Whores“ wieder ihr volles Register auf und lassen mitunter Hardcore-Klänge ertönen. Diese gehen schnell in melodischen Folk Black Metal über, der einfach nur großartig klingt. Hier können sich selbst die GenreköngInnen von ARKONA zehn Scheiben von abschneiden.

Der Sonne zugewandt

Herzstück des Albums ist das zweiteilige „Contraesthetic“, mit dem MASSEN eindrucksvoll beweisen, dass sie es durchaus mit all den westlichen Bands aufnehmen können. Hier kombinieren sie all die guten Elemente der vorangegangenen Songs zu einem wahren Meisterwerk aus Blackened Folk Death Metal. Es klingt fast so, als hätten sich NE OBLIVISCARIS aufgemacht, russisch inspirierten Metal zu spielen. Immer wieder schwebt Naskos Violine über hartem Riffing und Gesang wie eine Möwe über stürmischer See. Im zweiten Abschnitt schlagen sie noch einmal die Brücke zu „Cold Clouds“ und kombinieren weiblichen und männlichen Gesang gepaart mit Hardcore-Riffs. Großes Ohrenkino.

Mit „ContrAesthetic“ haben sich MASSEN selbst übertroffen. Angefeuert durch die politische Aufbruchsstimmung in ihrem Heimatland, haben sie ein Album geschaffen, das vor Wut und Intensität nur so strotzt. Auch ohne Textverständnis ist klar, dass hier Protest gegen die sture, immer weiter fortlaufende Unterdrückung einer jungen, wütenden Generation geübt wird. Die Verschmelzung von Elementen des Blackened Death Metal und sowjetisch angehauchter Volksmusik gelingt ihnen so feingradig, dass die Frage aufkommt, warum man erst jetzt von dieser Band in unseren Breitengeraden hört. Eine klare Kaufempfehlung für jeden, dem reiner Death zu stumpfsinnig ist und dem ARKONA zu viel Lagerfeuerromantik versprühen.

Text: Tim Otterbeck

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03.04.2021

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