Mucc - Gukosai

Review

Es ist eine ganze Weile her, dass ich eine Scheibe gehört habe, die man mit dem vergleichen könnte, was die japanischen J-Rock-Helden MUCC auf ihrem neuen Album „Gukosai“ abliefern. Scheuklappenfreier, unkonventioneller und freier hat selten eine Band geklungen, ohne es dabei zu übertreiben. Und das verwundert nicht schlecht, ist „Gukosai“ doch mittlerweile schon das schätzungsweise hundertzweiundneunzigste Album der hyperaktiven Japaner. So etwas wie Inspirationslosigkeit scheint man im Land der aufgehenden Sonne nicht zu kennen. „Sonnenschein“ ist übrigens ein ganz gutes Stichwort…

So beginnt das einführende, schon sehr coole, Instrumental genau wie „I’m Walking On Sunshine“, klingt dann aber eher wie wenn ELÄKELÄISET Ennio Morricone covern. Aberwitzig, frisch, verspielt und gut gelaunt. Nein, MUCC waren nicht immer so. Im Gegenteil. Und bums! Track Nummer zwei röhrt mit tiefen Gitarren mitten rein in die gute Laune. KORN lassen grüßen – aber nur, bis MUCC den nächsten Haken schlagen. Von Schlechtwetterfront ist auf „Gukosai“ weit und breit nichts zu sehen. Auch wenn der Aggressionsgrad teilweise thrashige Sphären erreicht, verpassen ihm die allgegenwärtigen Ohrwurm-Melodien stets einen sommerlichen Anstrich.

Vor allem birgt „Gukosai“ eine zweite Ebene. In nahezu jedem zweiten Song tauchen Stellen auf, die man aus anderen bekannten Songs zu kennen glaubt. Ständig ertappt man sich dabei, Fragmente vom Song zu lösen und herauszufinden zu versuchen, in welchem Kontext man sie schon einmal gehört hat. Doch so viele Vergleiche einem auch einfallen – MUCC sind MUCC und niemand anderes. Trotz der Mannigfaltigkeit der Einflüsse, Stilistiken und Zitate, gelingt es den Japanern, unverkennbar zu klingen.

Auf diesem Album gibt es wirklich nichts, was es nicht gibt. Und gleichzeitig es gibt nichts, das es nicht schon einmal gab. Allerdings klingen die Songs nicht wie billige Kopien, sondern wie ein augenzwinkernder Tribut an die Populärmusik. Und das vollkommen losgelöst von irgendwelchen Genres. MUCC sind keine chinesischen Raubkopierer, sondern findige Entwickler mit Rundumblick. Vom Stilmix her erinnert die Musik MUCCs ein wenig an SYSTEM OF A DOWN, geht jedoch weit über deren Horizont hinaus und wuchert in alle Richtungen. MUCC halten sich nicht an Stilbezeichnungen und sind mit ihren Latin-Einsprengseln, finnischen Vibes, Reggae-Elementen, Thrash-Riffs, Soundtrack-Arrangements und Hollywood-Balladen dem Label J-Rock längst entwachsen. Ohne dabei jedoch ihren Ursprung zu verleugnen, wohlgemerkt.

So eigenständig und unvorhersehbar das ganze auch ist – einen roten Faden sucht man vergeblich. Dafür sind die unterschiedlichen Songs einfach zu heterogen im Zusammenspiel. Vielmehr ist „Gukosai“ wie ein Sampler: stilfrei, sprunghaft und zu keiner Zeit nachvollziehbar, aber voller Hits. Ein wirklich schwerwiegender Kritikpunkt ist das aber nicht. Es geschieht nur ab und zu, dass einem die nimmermüde Sprunghaftigkeit zu penetrant wird. Dann holt man die CD aus dem Player, hört etwas anderes – oder auch mal nichts – und schiebt die Scheibe später wieder rein. Das geht problemlos. Denn die Langzeitwirkung scheinen MUCC auf „Gukosai“ gepachtet zu haben.

Wer auf scheuklappenfreie Musik steht und mit Bands wie z.B. auch den Slowenen SIDDHARTA etwas anfangen kann, ist hier bestens aufgehoben. Allen anderen sei geraten, zumindest einmal ein Ohr zu riskieren. Denn dieser Scheibe mit Worten gerecht zu werden, ist ein Ding der Unmöglichkeit.

19.04.2007

Der metal.de Serviervorschlag

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