Nasum - Helvete

Review

Unter "Blast From The Past" erscheinen jeden Mittwoch Reviews zu Alben, die wir bislang nicht ausreichend gewürdigt haben. Hier gibt es alle bisher erschienenen Blast-From-The-Past-Reviews.

Galerie mit 14 Bildern: Nasum - FortaRock 2012

Es folgt der bescheidene Versuch, einer der einflussreichsten Genre-Größen des Grindcore mit Worten gerecht zu werden: Sicher einer der größeren und tragischeren Verluste, welche die Szene in den letzten 20 Jahren hinnehmen musste, war der Tod von NASUM-Fronter Mieszko Talarczyk während des durch das Seebeben in Südostasien ausgelösten Tsunamis 2004, der sich zu dem Zeitpunkt mit seiner Freundin in Thailand auf Ko Phi Phi aufhielt. Nachdem die Band noch im selben Jahr ihr viertes Album „Shift“ veröffentlicht hatte, lösten die übrigen Mitglieder, nachdem Talarczyk zunächst als vermisst galt und zwei Monate später – im Februar 2005 – anhand der Identifikation seiner Leiche für tot erklärt worden ist, die Band auf.

Eine Grind-Legende, die viel zu früh endete…

Hiernach erschien nur noch die Compilation mit dem passenden Titel „Grind Finale“ und das Live-Album „Doombringer“. 2012 erfolgte lediglich noch einmal eine Abschiedstour anlässlich des 20-jährigen Jubiläums mit ROTTEN SOUND-Sänger Keijo Niinimaa, ehe die Band seitdem aufgelöst wurde. Damit war eine der einflussreichsten Grindcore-Bands der Neuzeit Geschichte, die ihre schwedische Marke jedoch unmissverständlich auf der Landkarte platzierte und bis heute als eine der großen Referenzen für das Genre gilt. Bandgründer Anders Jakobson machte unter dem Banner COLDWORKER weiter, aber nicht annähernd so bahnbrechend. Inzwischen ist auch diese Band dem Rotstift zum Opfer gefallen.

Was bleibt ist das Erbe von NASUM: eine Band, die straffe Grooves, rohe Aggression und fiese Melodien stilsicher zusammengebracht und in Grindcore-typisch kleine, wütende Häppchen portioniert hat. Leicht verdaulich war die Sache natürlich nicht, besonders wenn man als Hörer wie hier im Falle „Helvete“ von 22 solcher Brocken unter Beschuss genommen wird. Aber wenn es so hart und bestimmt auf die Kauleiste gibt, bleibt nicht viel Zeit, um über den Nährwert oder die Tiefe des Dargebotenen nachzudenken. Da lässt man sich die wohl verdiente Tracht Prügel lieber über sich ergehen. Insofern ist die Tatsache, dass hier eben mit derartigen Gespür für Songs zugeschlagen wurde, bis heute bemerkenswert und macht den Ausflug in die Diskografie der Band jedes Mal aufs neue wert.

Die dritte Grind-Attacke von NASUM in voller Länge

Die Magie der Schweden lag darin, dass sie ihren Sound zwar wie einen unkontrollierten, vollkommen enthemmten Wutanfall hat klingen lassen, diesem aber eben durch den gezielten Einsatz von Melodien und straffen, abwechslungsreichen Rhythmen eine vergleichsweise komplexe Struktur verliehen haben – sieht man mal vom wie wild um sich fuchtelnden, noch ziemlich rohen und herrlich dreckig klingenden Full-Length-Debüt „Inhale/Exhale“ ab. Mit dem Sound, den sie in ihren folgenden Alben „Human 2.0“, „Helvete“ und schließlich „Shift“ säuberten und verfeinerten, rückten NASUM in eine metallischere Richtung und grenzten sich damit etwas von der Konkurrenz zum Beispiel aus England ab.

Klar, das Debüt hat seinen eigenen Platz im Grind-Olymp als der rohe wie wilde Bastard, der es nun mal ist. Mit der Zeit kamen Erfahrung und Technik hinzu und so schärften die Schweden Album für Album ihre Waffen und kamen dabei schließlich beim verflixten dritten Album „Helvete“ an, bei dem sie sich bereits eine beachtliche Stellung innerhalb der Szene erspielt hatten. Kein Wunder: Mieszko Talarczyk schrie sich die Seele aus dem Leib wie vom Teufel besessen, während die gesamte Band ihre Instrumente mit chirurgischer Präzision verprügelte, dass die Fetzen flogen. Und irgendwie kam am Ende doch ein geradezu schockierend gut strukturierter und doch intensiver Sound dabei heraus – bei genrebezeichnend kurzer Durchschnittsdauer pro Track, versteht sich.

„Helvete“ = Hölle = Geil!

Die Gastbeiträge des unvermeidbaren Grind-Frisurenmanns Shane Embury (NAPALM DEATH) gehören ja mittlerweile gefühlt zum guten Ton des Grindcore und der verwandten Genres. Daher wundert es auch nicht, dass sich auf „Helvete“ ein früheres Beispiel dieses Phänomens zeigt. Aber die Schweden knüppeln hier sowieso – mit oder ohne seiner Mithilfe – souverän alles zu Klump. Das Album wird seinem Namen definitiv gerecht, denn hier geht höllisch die Post ab. Eines der späteren Markenzeichen, die subtile BPM-Regulierung, lässt die wilderen Backbeat-Attacken und die schwer groovenden Blastbeat-Passagen nahtlos ineinander übergehen und verleiht den Hassbatzen umso mehr Gewicht, das man als Hörer auch richtig zu spüren bekommt.

Schön lässt sich das bei „Drop Dead“ in Aktion beobachten, das so richtig hart in die Nackengegend fährt. Die Groove-Maschinerie zeigt zu Beginn des vorangehenden „Just Another Hog“ eindrucksvoll ihre Muskeln – zugleich rockig und doch ziemlich arschtight, bevor der Song wiederum in das hocheffiziente Zwei-Gang-Getriebe schaltet. Dass die Sache nie eintönig gerät, verdanken NASUM ihrem umsichtigen Songwriting, das der rohen Aggression nie im Weg steht, sie aber in Form gießt – teilweise auch mit überraschender Musikalität ausschmückt. So endet „Scoop“ etwa mit einer stimmungsvollen Basslinie, die aus dem Modern-Prog-Baukasten á la KARNIVOOL et al. stammen könnte, während „The Final Sleep“ beinahe etwas Sludge mitschwingen lässt.

22 Mal „Hart aufs Maul“, bitte

Und nach 22 solcher abwechslungsreicher Variationen von „Hart aufs Maul“ bleibt nur der Griff zur Repeat-Taste, um sich dem Handgemenge erneut und immer wieder auszusetzen. Auf „Helvete“ trieben NASUM ihren Sound wieder ein Stück in Richtung Perfektion, die sie möglicherweise mit dem folgenden „Shift“ erreicht haben. Genau wissen werden wir das wohl nie, weshalb das unvorhergesehene, tragische und viel zu frühe Ende der Band umso trauriger ist. Was bleibt ist die Erinnerung an die Leistungen der Schweden und an ihren viel zu früh verstorbenen Frontmann. Aber vielleicht ist hier auch ein Beispiel von einer Band, die es richtig macht und sich nicht mit aller Gewalt und fern jeglicher Pietät an der eigenen Vergangenheit festkrallt.

18.03.2020

Sitzt, passt, wackelt, hat Luft.

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3 Kommentare zu Nasum - Helvete

  1. ClutchNixon sagt:

    Human 2.0 bleibt meine Nasum Göttergabe, aber das hier gegenständliche Album ist nah dran.

    8/10
  2. royale sagt:

    wunderbare hassbombe, besonders im strassenverkehr immer wieder geil, wenn an der ampel ein vogel mit langweiligem chartgedudel sitzt und blöde rüber schaut.

    8/10
    1. daniel sagt:

      da kann ich mich auch sehr für begeistern !! mit den cc gibts auch immer geile blicke !!!