Thy Catafalque - Meta

Review

Während der viel zu heiße September 2016 auf unsere Köpfe brennt, verhängen THY CATAFALQUE mit „Meta“ Kopfhörerpflicht und versorgen uns mit einem Werk, das ähnlich sperrig und ungewöhnlich ist, wie das Wetter, zu dem es in die Regale geräumt wird. Eigentlich ist der Plural unangebracht, denn THY CATAFALQUE-Mastermind Tamás Kátai ist seit dem Ausstieg von Mitbegründer János Juhász im Jahr 2011 das einzige feste Mitglied der Formation. Der ungarische Wahlschotte schart jedoch erfolgreich eine ganze Batterie begabter Unterstützer um sich, darunter Attila Bakos und Ágnes Tóth (THE MOON AND THE NIGHT SPIRIT), die sich bereits auf früheren Alben für Teile des Gesangs zuständig zeichneten. So scheint es verfehlt, von einem Soloprojekt zu sprechen, denn ihren Zauber entfaltet die Musik von THY CATAFALQUE vor Allem durch das Zusammenspiel unterschiedlichster Klänge und Stile, die sich auf „Meta“ nahtlos ineinander fügen und zu denen ganze neun Gastmusiker beitragen.

Avant-Garde steht nicht nur drauf, sondern ist auch drin

Den ungewöhnlichen Stil bezeichnen THY CATAFALQUE als Avant-Garde Metal und turnen damit auf einer Weide, auf der so manches Plingplingtralala-Projekt herum springt, das zu schweren Black Metal-Gitarren ein bisschen Geige spielt oder mit Samples herum fummelt und am Ende pure Belanglosigkeit abliefert. Hiervon könnte „Meta“ nicht weiter entfernt sein. Während Kollege Klaas dem Vorgänger „Sgurr“ vor einem knappen Jahr noch attestierte, dass sich die gelungenen Songs nicht zu einer Entität finden, ist „Meta“ ein Block, der sich mit Urgewalt als Ganzes in die CD-Sammlung bohrt. Die Mischung aus Black, Death und Doom-Elementen mit schmerzlich-schönen Folkpassagen und raumgreifendem Elektro-Einschlag wirkt bei der ersten Rotation noch ein wenig verstörend. Im zweiten Durchlauf schafft es „Meta“ jedoch, aus dem anfänglichen Eklektizismus eine ganz eigene Form zu gießen, die sich atmosphärisch und kohärent über die mehr als einstündige Spielzeit unzählige Male wandelt, aber niemals auseinander fällt. Viel mehr Avant-Garde geht nicht.

Keifen, Rauschen, Cello: „Meta“ fasst Dinge neu zusammen

„Uránia“ eröffnet das Album langsam und leise mit Klangeffekten, die sich abrupt in stampfender Rhythmik und fernem Keifen entladen. Der eher schwarzmetallische Höllenritt mit Passagen aus todtraurigem Klargesang wird kontrastiert vom zweiten Titel „Sirály“, der mit Meeresrauschen und zarter Gitarre beginnt. Fast wähnt man sich in einer Lounge am Strand im Süden, ehe melancholisches Cellospiel und der Folkgesang von Ágnes Tóth dem Song eine neue Richtung geben und sich „Sirály“ in aggressive Gitarren hinein steigert, bevor der Geist des Hörers schließlich an die Strandbar zurück kehren kann. „10^(-20) Ångström“ kombiniert kreisend-treibenden Black Metal-Sound mit Theremin und ausgiebigen Elektropassagen und „Vonatút az éjszakában“ erinnert zunächst an eine typische Rocknummer mit getragenem Klargesang, ohne dabei einen Stilbruch zu verursachen. „Meta“ bietet hinter jedem Wandel eine neue Überraschung, wirkt dabei niemals zerissen und bleibt nahe genug am Hörer, dass der emotionale Faden, den THY CATAFALQUE hier spannen, zu keiner Zeit verloren geht. Diese Kunst treibt das fast 22-minütige „Malmok járnak“ auf die Spitze, das etwa zur Mitte des Albums alle Register aus Black, Death, Doom- und vor Allem Elektroelementen und großartigem, synkopiertem Folkgesang zieht. Ein Song, der seine Einzelteile immer wieder zerpflückt und neu zusammen setzt, hier etwas herausstreicht, dort eine Reprise auf eine vorangegangene Passage spielt, oder auch einfach mal völlig still wird – ein Meisterwerk. Durch all dies zieht sich das ganze Album über eine kaum greifbare Atmosphäre – das meta zu „Meta“, das die sehr verschiedenen Titel miteinander verschmilzt.
Neben gelungener Komposition und Arrangement, sowie dem überraschend runden Zusammenspiel der Horde aus Gastmusikern, ist dies auch der stimmigen Produktion geschuldet, die den Nerv der Musik trifft.

„Meta“ ist härter und runder, als „Sgurr“

„Meta“ ist härter, direkter und rauer, als der Vorgänger „Sgurr“ – und dabei wesentlich runder und stimmiger. Einziges Manko sind in meinen Ohren die Synth-Trompeten in „Ixión Düün“, die den sonst beeindruckend szenischen Titel, der mit Richard Wagner-Atmosphäre und Kanonfeuerschlagzeug aufwartet, zeitweise nervig ins Kitschige ziehen. Die ausgedehnten Elektropassagen, die seit Längerem die Musik von THY CATAFALQUE auszeichnen, sind einer anderen musikalischen Welt entliehen, als der Rest der Musik und das ist sicher nicht jedermanns Sache.

Wer aber den Kopf frei hat, für eine ungewöhnliche Mischung und eine Stunde Zeit und ein gutes Paar Kopfhörer mitbringt, den schickt „Meta“ auf eine Reise in eine eigene Welt, die man so schnell nicht vergessen wird.

„Meta“ von THY CATAFALQUE ist ein großartiges, schrulliges, verzauberndes Kleinod, das mit Ruhe und am Besten immer wieder genossen werden sollte.

15.09.2016

"forty-two"

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