
Unter "Blast From The Past" erscheinen jeden Mittwoch Reviews zu Alben, die wir bislang nicht ausreichend gewürdigt haben. Hier gibt es alle bisher erschienenen Blast-From-The-Past-Reviews.



Den zentralen Fakt vorweg: „Operation: Mindcrime“ landet in jedem Ranking auf dem ersten Platz der Alben der mächtigen QUEENSRŸCHE – und damit logischerweise auch in den Top-10 aller seriösen Genre-Listen insgesamt. Auf dem Höhepunkt ihres Schaffens bringt die Band um den außergewöhnlichen Sänger Geoff Tate das Opus Magnum 1991 in Gänze auf die Bühne. Und aus drei Konzerten verschiedener Städte in Wisconsin wird als Zeitzeugnis die epochale Livescheibe „Operation: LIVECrime“ zusammengebastelt. Parallel erscheint sie als Video.
QUEENSRŸCHE polieren ihren größten Diamanten
Weitere Tatsache hinterher: „Operation: LIVECrime“ ist wie die Studioversion eine Platte, die, wenngleich über eine Stunde lang, subjektiv 20 Minuten dauert. Und die man auch gegen innere Widerstände (Sextanerblase/Hungerast/mickrige Aufmerksamkeitsspanne) und äußere (Hochzeitstermin/irgendwie riecht es verbrannt aus der Küche/die Katze scheint etwas sehr Großes erbeutet zu haben) komplett und im Normalfall mehrfach hören muss. Eine Platte, die es fertigbringt, dass ein makelloses Stück Musik durch die Energie des Publikums und die Kraft der Darbietung noch heißer lodert. Denn QUEENSRŸCHE improvisieren einerseits nicht großartig, spielen ihre Stücke aber andererseits praktisch perfekt. Und vor allem schießt die Euphorie von Band und Fans durch jeden Ton. Pamela Moore ist als „Sister Mary“ auch dabei.
Die „Operation: Mindcrime“ ist gefährlich
Die Story des Albums wird an anderer Stelle kompetent erläutert. Festgehalten sei hier: QUEENSRŸCHE erzählen sie insgesamt durchaus konsistent, wobei sie die Deutung mehrfach bewusst offen halten. Und, so viel Ehrlichkeit muss sein: Was genau uns die Band mit der Geschichte nun letztlich mitteilen will, bleibt mindestens teilweise genauso offen. Andererseits geht es immerhin wie gewohnt nicht um Bier und Drachen. Und: Sie thematisieren die Macht der Wenigen über die Vielen, das dann schon konkret. Aber anders als heute vielfach praktiziert, raunen Tate und seine Herren nicht von Embryopulver oder Robotertauben, sondern nehmen über den Protagonisten Nikki Ausbeutung und Korruption, religiöse Heuchelei und Unterdrückung ins Visier: „Eradicate the fascists!“ Er packt das nur irgendwie gefährlich falsch an. Außerdem ist der Grund für den Klassiker-Status von „Operation: Mindcrime“ nicht die erzählte Story. Es ist die Musik.
Die Größten kommen 1991 aus Seattle
Und die ist fesselnder nordamerikanischer (!)Power Metal, dessen Vorsilbe „progressive“ nicht technischer Angeberei oder Mangel an Songwriting-Talent geschuldet ist. Sie gründet eher in der Vielschichtigkeit der Songs, deren eleganter Komposition und souveräner Ausführung. Anders ausgedrückt: In den Stücken passiert viel, sie sind wendungsreich, bringen aber das Kunststück fertig, alle vor Spannung zu bersten und alle aufputschende, aber nie unangenehme Ohrwurmrefrains eingewebt zu haben – und im Grunde auch aus Ohrwurmriffs zu bestehen. Welche Adrenalinspritze zum Beispiel „Revolution Calling“ ist, die durch die Interaktion mit dem Publikum noch direkter ins Blut geht! Und wie dasselbe tatsächlich auf alle anderen Stücke zutrifft!
Chris DeGarmo und Michael „The Whip“ Wilton sind als Songwriting-Team auf dem Höhepunkt ihres Schaffens. Und an ihrem Instrument sind nicht nur die beiden über jeden Zweifel erhaben. Eddie Jackson am Bass und Scott Rockenfield am Schlagzeug verleihen der eigentlich sauber durchgeplanten Musik ihrer Band den unverzichtbaren Groove.
Es hilft daher alles nichts: „Operation: LIVECrime“ begegnet „Live After Death“ oder „Unleashed In The East“ locker auf Augenhöhe. Und es ist nicht sicher, ob die anderen beiden nicht zuerst zucken würden …
Anmerkung: Damit keine Missverständnisse aufkommen: Bier und Drachen sind tendenziell schwer verzichtbare Säulen ernstzunehmenden Kunstverständnisses und ihre individuelle Wertschätzung Ausdruck von Kultiviertheit. Aber: Seltenheit fördert auch hier den Wert.

Queensrÿche - Operation: Livecrime
Marek Protzak































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