Tiamat - Clouds

Review

TIAMAT waren ja schon seit dem ersten Album eine Band, die sich stetig weiterentwickelte. Auf dieser Reise nimmt das dritte Album „Clouds“ sicherlich einen besonderen Platz ein, ist es doch das letzte, das von den Schweden als Bandgefüge erschaffen wurde. Einige Zeit nach Veröffentlichung kam es bekanntermaßen zum Bruch der Band, und Gitarrist und Sänger Johan Edlund machte danach (abgesehen von Bassist Johnny Hagel) mit anderer Besetzung weiter, um zwei Jahre später mit „Wildhoney“ seine radikalere Vision von TIAMAT umzusetzen.

TIAMAT und der Bruch

Für „Clouds“ bedeutet das einen gewissen Zwiespalt, ja, eine Zerreißprobe, was man dem Album unbedingt anhört. Allerdings muss das für den Hörer keinen Makel bedeuten, selbst wenn Johan Edlund seine Ideen letztlich nicht so radikal verwirklichen konnte, wie der Rest der Band mitzugehen bereit war. Für Musiker ist ein Album ja immer ein fließender Erschaffungsprozess, der letztlich mit der Albumproduktion beendet wird – worauf die Musiker eigentlich immer unzufrieden sind, weil sie immer noch hier und da etwas verändern wollen. „Clouds“ klingt dadurch allerdings äußerst kompakt und nicht so experimentell zerstückelt wie „Wildhoney“.

„Clouds“ überzeugt neben dieser Kompaktheit zunächst durch seine Atmosphäre: Der einstmals ruppige Death/Black Metal vergangener Tage wurde durch das Schlagzeugspiel die einfachen Gitarrenriffs und die vielen Keyboards gezähmt. Das ist im weitesten Sinn Doom Metal, bei dem nur der Gesang an die Death-Metal-Vergangenheit erinnert. Nur manchmal brechen die Kompositionen mit angezogenem Tempo aus, wie im Opener “In A Dream” und in “The Sleeping Beauty”. Bei letzterem Song verzichten TIAMAT heute bei Liveauftritten übrigens auf diesen Kniff, der tatsächlich als störend empfunden werden kann.

Der ruppige Death/Black Metal vergangener Tage wurde gezähmt

Hört man sich das Album als eines von vielen in der TIAMAT-Diskografie heute zum ersten Mal, stechen sicherlich der Opener „In A Dream“, der Titeltrack, „The Sleeping Beauty“ und vielleicht noch der Schlusstrack “Undressed” als rundeste Songs hervor. Aber das Album hat auch in den langsameren Stücken Atmosphäre, nicht zuletzt durch die Texte und den inbrünstig vorgetragenen Gesang (der immer wieder durch Gangshouts (darf man das bei solcher Musik so ausdrücken?) unterstützt wird). Der damals 21-jährige Johan Edlund singt für damalige Death-Metal-Verhältnisse ziemlich offen über zerbrochene Beziehungen, Schönheit, Todessehnsucht, Luzifer und Drogenkonsum (der Hinweis in den drei Refrains von „The Scapegoat“ ist zwar etwas versteckt, aber dann doch deutlich).

Das berührt und rückt dann vielleicht den oben genannten Zwiespalt ins zweite Glied. „Clouds“ beschert dem Hörer in knapp vierzig Minuten eine Reise ins Unbekannte, hin zu verborgener Schönheit und Träumen, aber auch zu Wut, Zweifeln, Einsamkeit, Unverständnis, düsteren Gedanken und den schmalen Grat zwischen Leben und Tod: So endet „Undressed“ mit den Tönen vom Herzschlag und dem rhythmischen Piepen der Maschinen, das in einen Dauerton ausläuft – um dann in mysteriöse und schöne Keyboardklänge umzuschlagen. Fröhlich ist das definitiv nicht, aber danach fühlt man sich wie bei einem guten Doom-Metal-Album geläutert.

„Clouds“ berührt

Auch wenn die meisten Hörer zunächst „Wildhoney“ oder „A Deeper Kind Of Slumber“, vielleicht sogar „The Astral Sleep“ auf dem Zettel haben werden, wenn es um das beste TIAMAT-Album geht … für den Rezensenten bedeutet „Clouds“ einfach zu viel, um es in dieser Reihe zu übergehen. Aber klar: Der große Durchbruch kam erst 1994 mit „Wildhoney“, und TIAMAT tourten im Anschluss mit einer weiteren Band, die kurz darauf den Durchbruch schaffen sollte – aber die Geschichte von SENTENCED darf gern an anderer Stelle aufgeschrieben werden.

26.05.2021

- Dreaming in Red -

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