Tiamat - The Scarred People

Review

Galerie mit 10 Bildern: Tiamat - Dark Easter Metal Meeting 2019

Mit einem neuen TIAMAT-Album ist es ja so eine Sache: Angesichts ihrer wechselvollen Diskographie können es die Schweden um den charismatischen Fronter Johan Edlund niemandem so ganz recht machen. Wollen sie ja auch nicht, aber trotzdem geht jeder mit gewissen Erwartungen an den neuen Longplayer. Wenn es nicht gleich die unwahrscheinliche Hoffnung auf ein lupenreines Death Metal-Album ist oder dass TIAMAT ein neues „Wildhoney“, „A Deeper Kind Of Slumber“ oder „Skeleton Skeletron“ abliefern, so doch wenigstens, dass sie neue Wege beschreiten oder überraschen.

Doch wo das letzte Album „Amanethes“ beispielsweise durch das kontrastreiche Zusammenspiel aus wütenden und sehr relaxten Songs überraschte, bleibt „The Scarred People“ zunächst recht blass. Das liegt gewiss nicht am „hypnotischen Midtempo“ an sich, in dem sich die Songs laut Vorankündigung bewegen, sondern an seiner Vorhersehbarkeit. Jedenfalls macht sich nach dem ersten Durchlauf leichte Ernüchterung breit, als sich „The Scarred People“ als alter Bekannter entpuppt – quasi eine Mischung aus „Skeleton Skeletron“ meets „Judas Christ“ meets „Amanethes“. Ohne die wütenden Parts, aber mit der Nähe zu den SISTERS. Neue Ansätze sucht man ebenso vergebens wie neue Sounds: Synthies, Saiteninstrumente, Sprachsamples, eine Sitar – alle sind sie wieder mit an Bord, aber doch eher als schmückendes Beiwerk.

Nun ist es ja mit einem ersten Durchlauf auch so eine Sache: Ein Album benötigt meistens Zeit, um seine Wirkung zu entfalten, und diese Zeit sollte man „The Scarred People“ gewähren. Und wenn das Album wie ein alter Bekannter wirkt, dann heißt das auch nicht, dass es unbedingt schlecht wäre. Bei einigen Songs merkt man bereits beim ersten Hören, dass sie einen gewissen Kniff besitzen: Der treibende Opener „The Scarred People“ zu Beispiel oder „Winter Dawn“. Und das melancholische „The Sun Also Rises“ entwickelt nach einiger Zeit tatsächlich eine gewisse hypnotische Wirkung – nicht wegen des Midtempos, sondern vielmehr wegen des Zusammenspiels der Saiteninstrumente. Nochmal zurück zu den Ähnlichkeiten zu vorangegangenen Alben: „Messinian Letter“ hätte natürlich gut auf „Amanethes“ gepasst, während die Uptempo-Stücke „Love Terrorists“ und „Thunder & Lightning“ sich gut auf „Judas Christ“ gemacht hätten. Alle drei Stücke gehen gut ins Ohr, wirken aber eine Spur zu glatt. Dann lieber das dramatische und bedrohlich schleichende „384 – Kteis“, das mit verstörenden Samples versehen wurde: Hier wird hysterisch geschrien, hier werden unentwegt die Klingen gekreuzt. Zum Schluss ist „The Scarred People“ hingegen wieder einen Ticken zu unspektakulär: Da gibt es das wunderschöne Instrumental „Tiznit“, aber mit „The Red Of The Morning Sun“ haben TIAMAT sicherlich keinen neuen Klassiker ans Ende des Werkes gesetzt.

Was bleibt, ist ein Album, das zu gleichen Teilen enttäuscht und zufriedenstellt. Enttäuscht, weil „The Scarred People“ keine neuen Ansätze in sich birgt, sondern lediglich aus Vorhandenem zusammenträgt – dabei allerdings in sich geschlossen wirkt. Zufriedenstellt, weil es trotzdem gute Songs beinhaltet und das Versprechen der hypnotischen Wirkung zumindest teilweise einlöst. Damit wird man gut leben können, bis die Schweden in ein paar Jahren wieder wie aus dem Nichts mit einem neuen Album aufwarten, das – so die Erwartung – wieder ein Stück anders als sein Vorgänger klingt.

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06.11.2012

- Dreaming in Red -

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