Deathrace: eine radikale Abrechnung mit der Gegenwart

Special

Auf „Deathrace“ fahren RISING INSANE gegen die Welt und gegen sich selbst. Im Deep Dive Podcast von metal.de erzählen Sänger Aaron und Gitarrist Sven, warum ein halbes Album im Papierkorb landete, wieso für sie eine Handvoll Leute die Titanic steuert und was passiert, wenn man einen Song über Perfektionismus fünfzig Mal einsingt.

Die Vorgeschichte des fünften Albums ist zunächst eine Geschichte des Verwerfens. Nach „Wildfires“ lagen reihenweise Demos bereit, die Aaron im Podcast schonungslos „Nachgeburten von Wildfires“ nennt: Material, das den eingeschlagenen Weg konsequent weitergegangen wäre, noch eine Stufe höher, noch etwas glatter. Übernommen haben sie davon nichts. „Wir haben noch mal einen richtigen harten Cut gemacht und gesagt: Stopp, das machen wir alles nicht.“ Der Auslöser war banal, aber notwendig, denn Sven hatte angefangen, „einfach wieder klassische Riffs zu schreiben“.

Den Kipppunkt datiert Aaron auf eine Autofahrt, bei der ausgerechnet das Debüt „Nation“ lief, und Sven feststellte, dass er wieder Bock hat, sich mit der Gitarre auf den Dachboden zu setzen. Darin stecken zwei Rückwärtsbewegungen: eine musikalische, weg von Synthies und Samples, hin zu Riff und Breakdown. Und eine biografische Rückkehr in den Proberaum im Elternhaus von Drummer Robert in Schierbrok, aus dem einst der Running Gag „Metalcore from Schierbrooklyn“ erwuchs, da dort schlicht geprobt wurde, weil das da Schlagzeug stand. Das ist die Fallhöhe dieser Platte: „Weltuntergang“, geschrieben zwischen Feierabend und Urlaubstagen, von fünf Leuten mit ganz normalen Jobs.

Deathrace: Titanic 2.0

Der Titel kam von hinten. Erst existierte der Song, dann schlug Sven vor, den Titel gleich über die ganze Platte zu schreiben. Nie sei ein Albumtitel so leicht gefallen, erzählen die beiden. Dahinter steht ein Gefühl, das Aaron präzise auseinandernimmt: die Fassungslosigkeit darüber, dass eine Menschheit, die immer offener wird, sich gleichzeitig mit sichtbarer Begeisterung selbst abschafft. Länder aufzuzählen habe er aufgegeben, es seien zu viele. Sein Bild dafür ist „Titanic 2.0″, nur dass das Schiff die Menschheit ist und eine Handvoll Leute am Ruder stehen, die den Eisberg genau kennen. Aarons Kurzformel: „toxische Alte-Männer-Entscheidungen aus irgendwelchen bescheuerten Gründen“.

Doch RISING INSANE sind keine politische Band. In den Texten stehe kein „Tu das nicht, wähl das nicht“, sagt Aaron. Die Songs blieben emotional und überließen dem Hörer den Denkprozess. Dass diese Offenheit keine Weichspülung ist, beweist „Countdown“. Der Song verhandelt den Krieg in der Ukraine ohne Umweg und stellt in der zweiten Strophe zwei Fragen, die Aaron im Gespräch sinngemäß wiederholt: Kannst du dir vorstellen, deinem Kind einen Gute-Nacht-Kuss zu geben und nie wiederzukommen? Kannst du dir vorstellen, dass allen Freunden in diesem Raum in den Kopf geschossen wird? Der Anstoß, aktuelle Themen überhaupt aufzugreifen, kam übrigens von Sven – dem Mann, der keine Zeile schreibt.

Das kleine Rennen: „Do you think I think too much?“

Die stärkere Hälfte des Albums ist womöglich die leisere. „Error“ beginnt mit einem Satz, der Aaron beim Support-Gig für OF MICE & MEN in Leipzig in den Kopf kam und dann zwei Jahre auf seinen Song wartete. Die Ironie steckt in der Konstruktion: nicht „denke ich zu viel“, sondern „glaubst du, dass ich zu viel denke“. Zerdenken zweiter Ordnung, sauber in sechs Wörtern. Wo „Error“ das Zerdenken behandelt, zielt „Good Enough“ auf den darunterliegenden Selbstzweifel und liefert die schönste Volte der Episode: 30 bis 50 Takes pro Zeile, weil das „good“ saß, aber das „enough“ nicht. „Studioalben sind ja eigentlich nichts anderes als Perfektion“, sagt Aaron und beschreibt damit unfreiwillig das Dilemma des ganzen Songs.

Klanglich hat dieser Selbstzweifel eine überraschende Referenz: Kurt Cobain. Am „MTV Unplugged“-Set der Band fasziniert Aaron nicht die Wut, sondern die Bruchkante. Cobains Stimme, eine Stimme, die krächzt und trotzdem den Ton trifft. Genau dieses Zerbrechliche wollte er in die Screams holen statt in den gepressten Grit. Wer sich fragt, woher die vielfach diagnostizierten POLARIS-Anklänge kommen: weniger aus dem Djent-Gerüst als aus diesen hohen, brechenden Tönen mitten im Shout.

RISING INSANE: Gemeinsame Sache

Sein Profil bekam „Deathrace“ auch von außen. „Outrage“ wäre um ein Haar gestorben, denn der Versuch, gemeinsam in einem Raum zu schreiben, endete in einem „verlorenen Nachmittag“. Der Refrain saß irgendwann, die Strophen nicht. Erst als Steven Jones (BLEED FROM WITHIN) die Teile neu sortierte, machte es Klick. Ähnlich bei „Dark“, das von der Fast-Aussortierung zum wahrscheinlichen Favoriten mutierte: Gesangslinie des Refrains, Rhythmik und Metrum stammen von Sven, denn Aaron befand seine eigene erste Version als „voll der Müll“. Den zusätzlichen Schub in der zweiten Strophe liefert das Feature mit ACCVSED.

Den stillsten Moment hat die Episode dort, wo es um mentale Gesundheit geht. „Man muss sich überrollen lassen“, sagt Aaron und stellt damit die gängige Verarbeitungsrhetorik auf den Kopf. Der Tod seiner Schwester 2018 lasse sich nicht verdrängen. Wenn die Trauer zu groß wird, fährt er ans Grab, lädt dort ab und merkt auf dem Rückweg, wie der Kloß im Hals kleiner wird. Auf der Bühne lächle er inzwischen gerade bei den Passagen, die vom Verlust handeln. Hier berühren sich die beiden Rennen: Wer nach außen brüllt und nach innen flüstert, macht kein Konzeptalbum über die Lage der Welt, sondern eines darüber, wie es sich anfühlt, in ihr zu wohnen.

„Deathrace“ erscheint am 21. August über Long Branch Records, zum Jahresende folgt für RISING INSANE die „Death Race Tour“ quer durch Deutschland plus eine Show in Prag. Live gesetzt ist vor allem „Dirt“, von Sven liebevoll als „Dampfwalze“ angekündigt. Ein Album, das mit durchgedrücktem Pedal fährt, aber nie die Kontrolle verliert.

Galerie mit 15 Bildern: Rising Insane - Never Dies Tour 2025 in Aschaffenburg
Quelle: Interview Rising Insane 06.08.2026
16.08.2026

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